Inhaltsverzeichnis 3
INHALTSVERZEICHNIS
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 6
EINF ÜHRUNG. 9
1 ALTENHILFE UND SOZIALE ARBEIT MIT ALTEN MENSCHEN 14
2 ALTERUNG DER GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND 15
2.1. DEMOGRAFISCHE ENTWICKLUNG. 16
2.2. ÄLTERE MIGRANTINNEN UND MIGRANTEN 20
3 GESUNDHEIT UND PFLEGEBEDARF VON SENIORINNEN UND
SENIOREN 22
3.1. PFLEGEVERSICHERUNG. 23
3.2. PFLEGESTUFEN NACH SGB XI. 24
4 GRUNDLAGEN FÜR PFLEGE UND WOHNEN IM ALTER 26
4.1. HÄUSLICHE PFLEGE. 27
4.2. AMBULANTE PFLEGE(DIENSTE) 29
4.3. TEILSTATIONÄRE ALTENHILFE 31
4.4. STATIONÄRE ALTENHILFE 31
5 WOHNEN IM ALTER 32
5.1. ENTWICKLUNG ZU INSTITUTIONALISIERTEN WOHNFORMEN. 35
5.1.1. Veränderung von Familien- und Haushaltsstrukturen. 36
5.1.2. Sozioökonomische Lebensverhältnisse. 38
5.2. WOHNFORMEN IM ALTER 39
5.2.1. Normale/private Wohnung 40
5.2.2. Angepasste Wohnung 41
5.2.3. Barrierefreie Wohnung, respektive altersgerechtes Wohnen. 44
5.2.4. Alternative Wohnformen 45
5.2.4.1. Betreutes Wohnen zu Hause respektive Wohnen plus oder
betreutes Wohnen im Bestand. 46
5.2.4.2. Betreutes Wohnen respektive Service-Wohnen oder unterstütztes
Wohnen 47
Inhaltsverzeichnis 4
5.2.4.3. Integriertes Wohnen 51
5.2.4.4. Mehrgenerationenwohnen. 52
5.2.4.5. Gemeinschaftliches Wohnen respektive selbst organisierte Wohn-
oder Hausgemeinschaften 53
5.2.4.6. Pflegewohngruppen (im Quartier) respektive betreute
Wohngemeinschaft , Pflegewohngruppe oder begleitete
Wohngruppe 54
5.2.4.7. Siedlungsgemeinschaften 56
5.2.4.8. Altendorf 57
5.2.5. Institutionalisierte Wohnformen - Heime und heimähnliche
Wohnformen 57
5.2.5.1. Pflegeheim. 59
5.2.5.2. Altenheime 61
5.2.5.3. Altenwohnheime 61
5.2.5.4. Wohnstift respektive Seniorenresidenzen 62
5.2.6. Altenhilfeangebote für Migrantinnen und Migranten 64
6 UMZUGSSTRUKTUREN UND -MOTIVE VON SENIORINNEN UND
SENIOREN 65
6.1. TYPOLOGISIERUNG DER WOHNFORMEN NACH DER JEWEILIGEN
ENTSCHEIDUNGSSITUATION 76
6.1.1. „Ich möchte so lange wie möglich zu Hause bleiben“ 77
6.1.2. „Ich möchte meine Wohnsituation verändern“ 77
6.1.3. „Zwingend notwendige Änderung der Wohnsituation“ 78
6.2. UMZUG INS HEIM 79
6.3. UMZUG INS BETREUTE WOHNEN 83
7 VERGLEICH BETREUTES WOHNEN UND PFLEGEHEIM 85
8 LEBENSGESTALTUNG IN STATIONÄREN EINRICHTUNGEN. 91
8.1. INSTITUTIONALISIERUNG DES LETZTEN LEBENSABSCHNITTES. 92
8.2. KONZEPTBEISPIEL ALTENZENTRUM NEUMÜHLEN-DIETRICHSDORF 94
8.3. KONZEPTBEISPIEL KIELER SERVICEHAUS DER ARBEITERWOHLFAHRT
BOKSBERG 97
Inhaltsverzeichnis 5
9 EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG ZUR ENTSCHEIDUNGSFINDUNG
ZWISCHEN PFLEGEHEIM UND BETREUTES WOHNEN 101
9.1. QUALITATIV-HEURISTISCHE SOZIALFORSCHUNG. 102
9.2. ENTWICKLUNG DES LEITFADENS 105
9.3. DURCHFÜHRUNG DER INTERVIEWS. 105
9.4. FRAGESTELLUNG UND VORANNAHMEN. 106
9.5. AUSWERTUNG DER INTERVIEWS. 109
9.6. ERGEBNISSE 110
9.7. FAZIT DER ERHEBUNG 133
10 SCHLUSSBETRACHTUNG 137
11 AUSBLICK 142
EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG. 143
LITERATURVERZEICHNIS 144
ANHANG 155
LEITFADEN ZUR EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG ZUR ENTSCHEIDUNGSFINDUNG
ZWISCHEN PFLEGEHEIM UND BETREUTEM WOHNEN 155
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland.
Abbildung 2: Veränderung der Bevölkerungsstruktur in Deutschland.
Abbildung 3: Entwicklung des Verhältnisses junger zu alten Menschen
Abbildung 4: Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt in Jahren.
Abbildung 5: Personen die einen Heimplatz in Anspruch nehmen nach Alter.
Abbildung 6: Hilfsquellen nach Altersgruppen
Abbildung 7: Inanspruchnahme ambulanter Dienste durch Hilfe- oder
Pflegebed ürftige
Abbildung 8: Schätzung des Bedarfs bei gleich bleibendem Versorgungsgrad mit
Heim - und Wohnplätzen
Abbildung 9: Entwicklung von Kinderlosigkeit
Abbildung 10: Verteilung der SeniorInnen auf die Wohnformen.
Abbildung 11: Verteilung der Anpassungsmaßnahmen.
Abbildung 12: Bauliche Anpassungsmaßnahmen.
Abbildung 13: Wohnraumpassung durch Ausstattungsveränderungen
Abbildung 14: Wohnraumanpassung durch Hilfsmitteleinsatz
Abbildung 15: Verteilung auf alternative Wohnformen
Abbildung 16: Verteilung der Konzeptionsarten in der Praxis
Abbildung 17: Plätze in Altenhilfeeinrichtungen nach Trägerart
Abbildung 18: Übersicht der institutioneller Altenhilfeeinrichtungen im Vergleich
Abbildung 19: Umzugsgründe von SeniorInnen.
Abbildung 20: Ursachen von Wanderung im Alter
Abbildung 21: Nutzung von Informationsquellen:
Abbildung 22: Prozentualer Anteil an Heimbewohnern aller über 65jährigen
Menschen
Abbildung 23: Freiwilligkeit der Entscheidung aus Sicht der BewohnerInnen
beziehungsweise der Angehörigen.
Abbildung 24: Wartezeiten bis zum Heimeinzug
Abbildung 25: Motive für eine Heimübersiedlung nach Rangfolge
Abbildung 26: Subjektive Gründe für einen Heimeintritt.
Abbildung 27: Entscheidungsträger bei Heimeintritt
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 28: Motive für eine Umsiedlung in eine Einrichtung für betreutes Wohnen
nach Rangfolge.
Abbildung 29: Wahrscheinlichkeit eines Heimeintritts
Abbildung 30: Altersverteilung in Pflegeheimen.
Abbildung 31: Altersstrukturen in der Bevölkerung, betreutes Wohnen und
Pflegeheim im Vergleich.
Abbildung 32: Anforderungen an Einrichtungen des betreuten Wohnens
Abbildung 33: Träger von Pflegeheimen und betreutem Wohnen
Abbildung 34: Struktur der Altenzentrum Neumühlen-Dietrichsdorf
Abbildung 35: Struktur der AWO Servicehaus Boksberg
Abbildung 36: Charakteristik der Untersuchungsgruppe (Angaben in Prozent)
Abbildung 37: Gründe für einen Umzug nach Häufigkeit der Nennungen
Abbildung 38: Gründe für die Auswahl der Einrichtung nach Häufigkeit der
Nennungen
Abbildung 39: Veränderungen durch den Umzug nach Anzahl der Nennungen
Einführung 9
EINFÜHRUNG
Die vorliegende Diplomarbeit fragt nach den traditionellen und alternativen Wohn-formen im Alter. Ausgehend von der demografischen Entwicklung und dem damit einhergehenden quantitativen Anstieg alter Menschen 1 sind Wohn- und Versorgungsstrukturen für diese Bevölkerungsgruppe mit oft speziellen Anforderungen und Bedürfnissen erforderlich.
Es geht in dieser Arbeit, ausgehend von dieser Entwicklung und den rechtlichen Rahmenbedingungen, darum, eine Übersicht über die in Deutschland verbreiteten und verfügbaren Konzepte für Wohnen im Alter zu schaffen. Des Weiteren sollen die Umzugsstrukturen und -motive von Seniorinnen und Senioren herausgearbeitet werden. Insbesondere sollen dabei die Umzugsstrukturen und -motive von BewohnerInnen eines Pflegeheimes und einer Einrichtung des betreuten Wohnens im Rahmen einer empirischen Untersuchung verglichen werden. Das Wohnen ist einer der zentralen Handlungs- und Erlebensbereiche aller Menschen, speziell von SeniorInnen und Senioren. Alltag bedeutet für ältere Menschen vor allem Wohnalltag, da sich ihr Wirkungsbereich durch eingeschränkte Handlungs-und Bewegungsspielräume überwiegend in der eigenen Häuslichkeit abspielt. Das Leben im jeweiligen Wohnumfeld beeinflusst daher die Lebensqualität von SeniorInnen im besonderen Maße und verdient daher eine spezielle Aufmerksamkeit. Vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl älterer Menschen in der Bevölkerung setzt sich diese Diplomarbeit mit der Frage auseinander, welche Versorgungsstrukturen und Wohnangebote für ältere Menschen derzeit in Deutschland zur Verfügung stehen. Ausgehend von der Alterung der deutschen Gesellschaft durch die demografische Entwicklung, ist die Frage nach Betreuung, Versorgung und Wohnen alter Menschen von besonderer Wichtigkeit.
Nach wie vor wird der überwiegende Teil von Pflege, Betreuung und Versorgung im privaten beziehungsweise familiären Bereich geleistet. Doch durch Veränderungen
1 Soweit nicht anders angegeben, meint die Bezeichnung SeniorInnen oder alte Menschen Personen
über 60 Jahre.
Einführung 10
der Gesellschaft, wie Individualisierung, Emanzipation und einer Vielzahl neuer Formen von Lebensgemeinschaften wird sich das Potential familiärer Pflege dauerhaft verringern und entscheidende Änderungen in der Pflegeinfrastruktur erzwingen. Aus diesem Grund werden institutionalisierte Wohnformen für SeniorInnen immer interessanter und notwendiger.
Welche Angebote sind für alte Menschen mit oder auch ohne Hilfe- und Pflegebedarf heute verfügbar und welche gesetzlichen Grundlagen spielen im Bereich der Versorgung und des Wohnens von SeniorInnen eine Rolle? Trotz der Vielfältigkeit in der Wohnlandschaft von alten Menschen bleibt die Kernfrage, ob es den verschiedenen Bedürfnissen und Wünschen von Seniorinnen und Senioren entsprechende Angebote des Wohnens neben der eigenen Wohnung gibt und ob diese Angebote den verschiedenen individuellen Bedarfen gerecht werden können. In diesem Konnex sollen die bis dato etablierten Wohnkonzepte am Markt beschrieben werden, welche Bedarfe sie jeweils decken und welche Bereiche der Pflege, Versorgung und Betreuung möglicherweise offen bleiben. Mit dieser Darstellung ist es möglich, eine Struktur der Versorgungssysteme zu entwickeln und damit verschiedenen Anforderungen und Bedürfnissen entsprechende Wohn- und Versorgungskonzepte vorzustellen.
Besonders in Anbetracht der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden erwartbaren Entwicklung der Versorgungssysteme für Menschen im Alter spielt das Wohnen außerhalb der „normalen“ Wohnung eine immer größere Rolle. Durch den zahlenmäßigen Anstieg von SeniorInnen wird besonders die Hochaltrigkeit in den nächsten Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen. Hochaltrigkeit muss in den meisten Fällen in Verbindung mit Hilfe- und Pflegebedürftigkeit betrachtet werden. Für die betroffenen Personen sind Versorgungs- und Unterstützungssysteme essentiell. In diesen Kontexten wird es in Zukunft einige Herausforderungen geben, um entsprechende Angebote des Lebens und Wohnens für ältere Menschen einzurichten, zu festigen, weiter zu entwickeln sowie die nötige Akzeptanz bei den SeniorInnen für diese zu schaffen. Hierbei gilt es, ganz besonde- res Augenmerk auf die Wohnbedürfnisse der älteren Menschen zu legen sowie eine
Einführung 11
Informationspolitik zu entwickeln, die es den Betroffenen und deren Angehörigen ermöglicht, aus allen wählbaren Wohnmodellen das zu ihren jeweiligen Bedürfnissen passende zu finden. Bisher war es leider so, dass weder im Bereich Wohnraumanpassung noch in Bezug auf institutionelle Wohnformen im Alter ein ausreichender Informationsfluss erreicht werden konnte. In diesem Zusammenhang muss von einer weiter reichenden Beratungsnotwendigkeit sowie zugehender Altenarbeit ausgegangen werden.
Bedeutsam ist der Aspekt, wie alte und alternde Menschen wohnen und welche Wohnmodelle für sie im Bedarfsfalle zur Verfügung stehen. Im Zuge dessen taucht der Begriff „alternative Wohnformen“ auf. Diese Begrifflichkeit soll alle Wohnformen umfassen, die sich von den traditionellen Angeboten in Heimeinrichtungen oder der herkömmlichen Wohnung unterscheiden. Dies geschieht vor allem vor dem Hin-tergrund, dass diese alternativen Wohnformen in Deutschland insgesamt noch relativ jung und überwiegend unbekannt sind. Außerdem sind die bestehenden Angebote sehr vielschichtig und die Begrifflichkeiten werden in der Literatur nicht einheitlich genutzt (daher dieser Überbegriff).
Der Komplex des Alters und Alterns sowie des Wohnens wird im ersten Teil der Arbeit näher beleuchtet. Nach einer Übersicht über die gesellschaftliche Alterung und gesetzlichen Grundlagen für Versorgung und Leben im Alter wird es eine Beschreibung von Angeboten der Altenhilfe geben. Eine Abgrenzung der unterschiedlichen Wohnformen voneinander wird vorgenommen, und die jeweiligen Konzepte werden vorgestellt.
Im Rahmen der Vorstellung traditioneller und alternativer Wohnkonzepte gewinnt der Gesichtspunkt von Umzugsmotiven und -strukturen an Bedeutung. Anhand des vergleichenden Beispiels der Konzepte des betreuten Wohnens im AWO Servicehaus Boksberg und dem Pflegeheim Altenzentrum Neumühlen-Dietrichsdorf soll ein Einblick in die Praxis bestehender Dienstleistungsangebote in Kiel-Dietrichsdorf geschaffen werden.
Im zweiten Teil der Arbeit wird dann, Bezug nehmend auf das Altenzentrum Neu- mühlen-Dietrichsdorf als Anbieter von Pflegeheimplätzen und das AWO
Einführung 12
Servicehaus Boksberg als Anbieter des betreuten Wohnens, die Frage der Entscheidungsfindung zwischen Pflegeheim und betreutem Wohnen gestellt: Warum entscheidet sich ein älterer Mensch an einem bestimmten Punkt seines Lebens dazu, in eine stationäre Altenhilfeeinrichtung zu ziehen? Ist das Pflegeheim als klassische institutionalisierte Wohnform überhaupt noch zeitgemäß oder nach wie vor ein beliebter „Klassiker“ unter den Wohnmöglichkeiten im Alter? NutzerInnen des AWO Servicehaus Boksberg und Altenzentrum Neumühlen-Dietrichsdorf werden zu den genannten Punkten im Rahmen einer empirischen Untersuchung, welche sich an qualitativ-heuristischer Sozialforschung orientiert, befragt. Als Ergebnis wird herausgearbeitet, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Klientel der beiden Einrichtungen bestehen. Und in wieweit sind Unterschiede in Umzugsmotivation und -gründen bei NutzerInnen der konzeptionell verschiedenen Einrichtungen zu finden?
Des Weiteren ist es wichtig zu erkennen, dass SeniorInnen bestimmten Umzugsstrukturen und -motiven folgen. Diese sind jeweils von der gegebenen Situation abhängig, die durch die Gesundheit, sozialen Netzwerken, Verfügbarkeit familiärer Hilfesysteme etc. geprägt sind. Ein Umzug bringt außerdem eine Vielzahl an Veränderungen mit sich. Diese Veränderungen bestimmen das Leben älterer Menschen ganz besonders, seien diese nun durch Institutionalisierung und verändertes Wohnumfeld etc. beeinflusst. Auch diese Veränderungen sollen im Rahmen der Untersuchung beleuchtet werden.
Ausgehend von theoretischen Fakten der Bevölkerungsentwicklung und gesetzlichen Grundlagen der Versorgung und des Wohnens im Alter, soll der Bogen in die Praxis durch die empirische Untersuchung zur Entscheidungsfindung zwischen Pflegeheim und betreutem Wohnen und der erfahrenen Lebenswelt gespannt werden. In der Darstellung traditioneller und alternativer Wohnformen für SeniorInnen kann kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Da es inzwischen eine große Vielzahl an Wohnangeboten für ältere Menschen gibt, wird davon abgesehen einzelne Projekte vorzustellen, sondern es wird in der Darlegung bei gängigen und verbreiteten Modellen verblieben.
Einführung 13
Auf das vertiefte Eingehen auf häusliche und familiäre Pflege sowie den damit ver-bundenen Möglichkeiten, Grenzen und Schwierigkeiten wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet, da diese sich in erster Linie auf Wohnformen außerhalb der norma- len Wohnung bezieht.
Altenhilfe und soziale Arbeit mit alten Menschen 14
1 ALTENHILFE UND SOZIALE ARBEIT MIT ALTEN MENSCHEN
Die Sozialarbeit in der Altenhilfe ist ein noch relativ neues Arbeitsfeld dieser Profession. Dennoch ist durch einige Jahre Erfahrung und Ausbildung eine Arbeitsfeldbestimmung möglich. Auch der professionelle Standard von SozialarbeiterInnen in der Altenhilfe wird immer präsenter und wichtiger (vgl. Kaspar 1995, S.1ff.). Die Arbeit mit alten Menschen kann nach der Sozialarbeit in speziellen Einrichtungen der Altenhilfe sowie der Arbeit mit Älteren in nicht altenhilfespezifischen Diensten unterteilt werden. Es gibt in diesen Bereichen drei Zielgruppen:
• Das Angebot für ältere Menschen im Sinne einer sozialen Teilhabe welche nicht auf eine spezielle Notlage abzielt
• Das Angebot für ältere Menschen als ergänzende Hilfe in spezifischen Problemlagen die altersspezifisch, aber nicht dauerhafter Natur sind
• Das Angebot für ältere Menschen einer dauerhaften Unterstützungsleistung, verursacht durch Einschränkungen und Behinderung (vgl. Backes, Clemens 1998, S.286).
Bereits seit Ende der achtziger Jahre sind SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen im stationären Bereich der Altenhilfe tätig. Der Aufgabenbereich ist bewohner-, mitarbeiter-, haus- und gemeinwesenorientiert. Die Aufgaben sind psychosozialer Natur und als gruppenübergreifende Dienste gedacht. Andere Arbeitsbereiche von SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen finden sich im ambulanten Bereich der Altenhilfe sowie der offenen Altenhilfe (vgl. Backes, Clemens 1998, S.286f.). Weitere Schwerpunkte der Altenhilfe von SozialarbeiterInnen werden in Zukunft vermittelnde, koordinierende, ressourcenerschließende sowie initiierende Aufgaben sein (vgl. Backes, Clemens 1998, S. 289). Leitbilder und Ziele der Altenarbeit sind:
• Unabhängigkeitsorientierung
• Lebensweltorientierung
• Lebenslauforientierung
• Ressourcenorientierung
• Produktivitätsstrategie (vgl. Backes, Clemens 1998, S. 288).
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 15
Die Normalisierung des Alters in unserer alternden Gesellschaft sollte das wichtigste Ziel der sozialen Arbeit mit SenioreInnen sein (vgl. Backes, Clemens 1998, S.289).
2 ALTERUNG DER GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND
Die Bestimmung des Lebenslaufs mit der Lebensphase des Alters wird immer schwieriger. Das Lebensende ist mit dem Tod klar abgrenzbar. Jedoch werden die Phasen des mittleren und höheren Erwachsenenalters immer schwieriger zu bestimmen sein (vgl. Backes, Clemens 1998, S.23).
Noch in den siebziger Jahren war der Eintritt in das Rentenalter, in den Ruhestand, ein klarer Altersschnitt. Doch durch die Entwicklung von Altersteilzeit und Vorruhe-stand sowie Erwerbsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit älterer ArbeitnehmerInnen sind hier die einst klaren Grenzen verschwommen. Durch diese Entwicklung ist die Grenze des Austritts aus der Erwerbsarbeit auf bis zu sechzig Jahre gesunken. In dieser Zeit des Wartens auf die Altersrente, gelangen die Betroffenen in eine Phase der De-sorientierung durch fehlende Modelle einer sozialen Rolle Außerdem bezeichnen sich Menschen immer später als alt. Dieser Prozess kann als eine Verjüngung des Alters betrachtet werden (vgl. Backes, Clemens 1998, S.23). Der Lebensabschnitt des Alters kann heute bis zu 50 Jahren dauern, wenn beispielsweise ein frühzeitiger Ruhestand und ein hohes Sterbealter zusammenkommen. Das Alter ist somit zu einer komplexen Großphase des Lebens geworden, welche immer mehr an Bedeutung gewinnt (vgl. Backes, Clemens 1998, S.23). Durch die Verlängerung des Alters können die SeniorInnen in drei Untergruppen aufgesplittet werden: Man spricht hier in Fachkreisen von den „Jungen Alten“, den „Alten“ sowie den „Alten Alten“. Die „Jungen Alten“ haben noch Ressourcen und Kompetenzen, um Leistungen für andere, zum Beispiel ihre Kinder oder ihre Nachbarn, zu erbringen. Die „Alten“ verfügen noch über die Selbstkompetenz, um für sich selbst zu sorgen. Die „Alten Alten“ hingegen sind durch den Verlust ihrer Selbstkompetenz auf Unterstützungsleistung angewiesen, beispielsweise bei Pflegebedarf (vgl. Backes, Clemens 1998, S.24).
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 16
Deutlich wird, dass es „die“ Alten als homogene Gruppe nicht gibt. Die SeniorInnen bilden eine heterogene Gruppe von Menschen mit verschiedensten Lebenserfahrungen und Biografien (vgl. Mai 2003, S.13).
In dieser Diskussion spielt besonders die Hochaltrigkeit 2 eine Rolle, da vornehmlich dieser Personenkreis am häufigsten hilfe- und pflegebedürftig wird und dann auf Unterstützung angewiesen ist. Grund dafür ist das steigende Risiko der Multimorbidität 3 , Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit sowie Isolation und Vereinsamung mit steigendem Lebensalter (vgl. Mai 2003, S. 112).
Lebenslagen im Alter sind also sehr differenziert. Dominierende Faktoren hierbei sind die materielle Lage, der Gesundheitszustand und die sozialen Netzwerkbeziehungen. Auch die Dimensionen des Wohnens, gesellschaftliche Partizipation und allgemeines Wohlbefinden spielen eine wichtige Rolle. Diese Faktoren im Zusammenhang bilden die Lebenswelt älterer Menschen. Das macht die wichtige Stellung des Wohnens im Alter so deutlich (vgl. Backes, Clemens 1998, S.241). Die Wohnsituation trägt maßgeblich zum Wohlbefinden bei, da sich besonders im Alter der Lebensraum auf das Wohnen bezieht und sich das Wohnumfeld einengt (vgl. Backes, Clemens 1998, S.243).
2.1. Demografische Entwicklung
„Die demographische [sic] Alterung wird in den kommenden Jahrzehnten zu einem bestimmenden Element der demographischen [sic], sozioökonomischen und politischen Entwicklung Deutschlands werden.“ (Mai 2003, S.9). Nach Japan, Italien und der Schweiz ist Deutschland das Land mit dem weltweit vierthöchsten Durchschnittsalter der Bevölkerung. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter fortsetzen, begleitet von der gleichzeitigen Abnahme der Bevölkerungszahl (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002, S.55).
2 Menschen über 80 Jahre werden als hochaltrig bezeichnet.
3 Multimorbide Menschen sind „Vielfachleidende (…), die gleichzeitig an mehreren Erkrankungen
leiden“ (Schwarzer, Höhn-Beste 2000, S.191).
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 17
Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
In der Betrachtung der Entwicklung der Bevölkerung über einen langen Zeitraum, ergibt sich das Bild einer deutlichen Ausdehnung der Alterspopulation. Um 1910 wurde von der so genannten Alterspyramide 4 gesprochen. Bis zum Jahr 2040 wird sich die Alterspyramide in eine Urnen- beziehungsweise Pilzform 5 verändern (vgl. Backes, Clemens 1998, S.32).
Abbildung 2:
Veränderung der Bevölkerungsstruktur in Deutschland
40%
Diese Statistik zeigt das stetige Steigen der Anzahl älterer Menschen und das Sinken der Anzahl junger Menschen im Vergleich deutlich (vgl. Backes, Clemens 1998, S.34).
4 Menschen jüngeren Alters sind stärker als die nächst Älteren vertreten.
5 Die Anzahl junger Menschen nimmt gegenüber den Älteren ab.
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 18
Die Ursachen für den demografischen Wandel sind verschiedenen Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten zuzuschreiben. Ein Grund sind einschneidende politische Ereignisse, wie die Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts. Diese hatten einen drastischen Geburtenrückgang, sowie Verluste durch Gefallene und andere Kriegsopfer zur Folge. Ein weiterer Grund sind die medizinischen Fortschritte, die zur Senkung der Sterblichkeit sowohl bei Neugeborenen als auch bei alten Menschen beigetragen haben 6 , sowie die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung. Außerdem haben sich die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in die Richtung verändert, als dass sich die Geburtenrate verringerte 7 (vgl. Backes, Clemens 1998, S.32).
Die Alterung der Bevölkerung hat auf drei verschiedenen Ebenen statt gefunden: Die erste Ebene ist das Steigen der absoluten Zahl der älteren Menschen. Die zweite Ebene ist das relative Wachstum des Anteils älterer und alter Menschen, was bedeutet, dass das Verhältnis zwischen jungen und alten Menschen sich verschoben hat (vgl. Backes, Clemens 1998, S.36).
Abbildung 3: Entwicklung des Verhältnisses junger zu alten Menschen
War das Verhältnis 1997/1998 zwischen Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren zu den Alten über 65 Jahren noch etwa gleich, wird es im Jahre 2040 1:2 sein (vgl. Backes, Clemens 1998, S.36).
6 „Die Deutschen leben immer länger. Die Lebenserwartung steigt um etwa drei Monate pro Jahr,
zweieinhalb Jahre in einer Dekade. Nach unseren Berechnungen wird die Hälfte der heute geborenen
Babys das 100. Lebensjahr erreichen. (…) Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, bedeutet
das: Wenn die Menschen immer länger leben, wird ein immer größerer Anteil der Bevölkerung alt
sein.“ (Schümann 2004, S. III).
7 Die beschriebene Entwicklung ist in den Industrieländern der 1. Welt zu beobachten.
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 19
Die dritte Ebene der Bevölkerungsalterung ist das Ansteigen der Zahl der hochaltrigen Menschen (vgl. Backes, Clemens 1998, S.37). Betrug der Anteil der über 60jährigen im Jahre 1999 noch 23% wird sich dieser Anteil bis zum Jahr 2050 auf 36% steigern (vgl. Mai 2003, S.11).
In den vergangenen Jahren ist eine stetige Zunahme der Lebenserwartung ersichtlich. Hauptursache dieses Trends sind die verbesserten Lebensbedingungen und der medizinische Fortschritt (vgl. Belardi, Fisch 1999, S.40).
Abbildung 4: Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt in Jahren
Derzeit sind in Deutschland 2,9 Millionen Menschen 90 Jahre und älter. Im Jahr 2020 werden es um die 5,1 Millionen Menschen sein. Im Jahre 2050 rechnet das Statistische Bundesamt sogar mit circa 8 Millionen Menschen die 80 Jahre und älter sind. Das wird etwa 11% der Bevölkerung entsprechen(vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002, S.55).
Eine Art eigenständige neue Lebensphase des Alters hat sich entwickelt (vgl. Belardi, Fisch 1999, S.40). Die erhöhte Lebenserwartung birgt allerdings zahlreiche Risiken. Mit steigendem Lebensalter erhöht sich nämlich unter anderem die Wahr- scheinlichkeit, dass ein Heimplatz benötigt wird (vgl. Belardi, Fisch 1999, S.172).
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 20
Abbildung 5: Personen die einen Heimplatz in Anspruch nehmen nach Alter
So ist abzusehen, dass es immer mehr alte Menschen geben wird, die pflegebedürftig sind. Auch die steigende Zahl verwirrter Personen und Menschen mit Altersdemenz 8 stellen eine hohe Anforderung an die Pflege (vgl. Belardi, Fisch 1999, S.40). Deutlich wird der steigende Bedarf an Versorgungsstrukturen mit wachsendem Lebensalter. So ist bei gleicher Entwicklung und Zunahme älterer Menschen zu erwarten, dass bis zum Jahr 2020 die heutigen Pflegekapazitäten quantitativ um 50 Prozent aufgestockt werden müssen. Bis zum 2050 wird sich der Bestand voraussichtlich sogar mehr als verdoppeln müssen, um dem Bedarf zu entsprechen (vgl. Kremer-Preiß, Stolarz 2003, S.6). Mit dieser Darstellung wird der steigende Bedarf an institutionellen Wohnformen deutlich.
Die Auswirkungen der veränderten Altersstruktur auf die Gesellschaft sind vielfältig. In Bezug auf das Wohnen im Alter spielen hierbei besonders veränderte Haushalts-und Familienstrukturen eine Rolle, dazu in Kapitel 5 mehr.
2.2. Ältere Migrantinnen und Migranten
Wenn über die Alterung der Gesellschaft in Deutschland gesprochen, dürfen die Menschen ausländischer Herkunft nicht vernachlässigt werden. Gerade in der Bevölkerungsgruppe ausländischer MigrantInnen ist mit einem überproportionalen Anstieg
8 Demenz ist eine schleichende und über Jahre fortschreitende Erkrankung, die die intellektuellen
Fähigkeiten negativ beeinflusst und zum völligen Verlust dieser führt. Das können Gedächtnisstörun-
gen mit einer Beeinträchtigung des Denkens, gestörtes Urteilsvermögen, Störung der höheren
Hirnleistung sowie Persönlichkeitsstörungen sein (vgl. Klingenfeld 1999, S.27).
Alterung der Gesellschaft in Deutschland 21
der Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen zu rechnen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.39). Ende der 1990er Jahre lag die Zahl der MigrantInnen über 60 Jahre bei 570.000. Nach Modellrechnungen wird diese Zahl in der Zukunft überproportional steigen. Es wird davon ausgegangen, dass im Jahre 2010 1,3 Millionen und im Jahre 2030 sogar 2,8 Millionen Menschen nichtdeutscher Herkunft in Deutschland leben werden (vgl. Kleiber u.A. 2003, S.137).
Auf diese Entwicklung muss sich sowohl die Politik als auch die Gesellschaft einstellen. In der Vergangenheit konnte sich diese Bevölkerungsgruppe auf das Unterstützungspotential ihrer informellen Netzwerke aus Menschen gleicher ethnischer Herkunft verlassen. Doch in den herangewachsenen zweiten und dritten Generationen der in Deutschland lebenden MigrantInnen ist eine Angleichung der Lebensmuster an die Deutscher BürgerInnen erkennbar (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.39).
Das bedeutet, dass MigrantInnen, ähnlich wie ihre deutschen AlternsgenossInnen, zukünftig vermehrt auf Angebote der Altenhilfe zurückgreifen werden müssen, da die innerfamiliäre Betreuung nicht mehr bedingungslos vorausgesetzt werden kann (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.39). Durch diese demografische Entwicklung, wird der Pflege und damit auch der institutionalisierten Wohnformen als Angebot für MigrantInnen eine immer größere Bedeutung zu Teil. Resümee
Die demografische Entwicklung hat einen Anstieg der Altenbevölkerung in Deutsch-land zur Folge. Ursachen wie medizinischer Fortschritt und verbesserte Lebensbedingungen haben dazu beigetragen, die Überlebensrate und Lebenserwartung zu steigern. Das hat zur Folge, dass die Gesellschaft überaltert und mit einer Vielzahl an Hilfe- und Pflegebedürftigen konfrontiert ist. Entsprechenden Versorgungsstrukturen und Unterstützungsleistungen gilt es entsprechend den Bedarfen zu gewährleisten.
Dies gilt nicht nur für die alternde deutsche Bevölkerung, sondern muss auch für Menschen mit Migrationshintergrund sichergestellt werden.
Gesundheit und Pflegebedarf von Seniorinnen und Senioren 22
3 GESUNDHEIT UND PFLEGEBEDARF VON SENIORINNEN UND SENIOREN
Je älter ein Mensch ist, desto schlechter ist im Regelfall sein Gesundheitszustand. Altersbedingt treten bei steigendem Lebensalter vermehrt chronifizierte Erkrankungen auf. Besonders die für das höhere Alter typische Multimorbidität spielt hierbei eine wichtige Rolle (vgl. Dieck 1987, S.2). Hochaltrigkeit ist in der Regel mit häufig auftretenden und längerfristigen Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit verbunden (vgl. Vaskovicz 2004, S.167).
Die Gesundheit 9 ist eine der wichtigsten Veränderungen des Menschen und ihr Wandel beziehungsweise ihre Verschlechterung charakterisiert den Prozess des Alterns. Nicht jeder alte Mensch wird zwangsläufig hilfe- oder pflegebedürftig. Jedoch steigt mit dem Lebensalter das Risiko von Hilfe- und Pflegebedarf. Die Entstehung ist ein Prozess, in dem physische, psychische und soziale Entwicklungen eng miteinander verknüpft sind. Die Entwicklung einer Hilfs- beziehungsweise Pflegebedürftigkeit kann ein sich langsam entwickelnder Zustand sein oder auch als plötzlicher Einbruch beschrieben werden. Die Auswirkungen dieser Veränderungen können Einfluss auf das Selbstbild des Betroffenen nehmen. Dabei spielen biografische Prozesse und die individuelle Lebensgeschichte eine wichtige Rolle. Auch in Bezug auf die Bewältigungsstrategien 10 bei Pflege- und Hilfsbedürftigkeit spielt die individuelle Biografie eine wichtige Rolle, da Selbstbilder immer ein Resultat biografischer Entwicklungen sind (vgl. Pitzschke 1991, S.208).
Im Verlauf des Alterns hin zu einem möglichen Hilfe- oder Pflegebedarf bestimmen das Wohnumfeld und die Ausstattung der eigenen Wohnung oder des Hauses die Möglichkeiten und Grenzen einer selbstständigen Lebensführung 11 (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998, S.84). Abhängig von der
9 Gesundheitsbegriff der WHO: „Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, seelischen und
sozialen Wohlbefindens und nicht bloß die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“ (Oyen zit.n.
WHO New York, 1946)
10 Bewältigungsstrategien sind psychische Strategien des Umgangs mit Problemsituationen, hand-
lungsschematische und pragmatische Reaktionen auf Krisen und veränderte Situationen im Verlaufe
der Lebensgeschichte. Problemlösungsstrategien können allein angewandt werden, mit professioneller
und nicht professioneller Unterstützung oder Organisierung der Hilfe (vgl. Pitzschke 1991, S.237).
11 Zwar stehen heute überwiegend moderne Wohnungen, mit Innentoilette, Bad und zentraler Warm-
wasser- und Heizungsversorgung, zur Verfügung. Doch der Anteil an tatsächlich behinderten- und
altengerechten Wohnungen ist nach wie vor gering. Derzeit sind maximal 10% der Wohnung von
Hilfe- und Pflegebedürftigen behindertengerecht beziehungsweise altengerecht ausgestattet (vgl. Bun-
desministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998, S.84).
Gesundheit und Pflegebedarf von Seniorinnen und Senioren 23
jeweiligen Situation und dem Bewältigungspotential kann das Leben in der Wohnung aufrechterhalten werden oder aber ein Umzug in eine Einrichtung der stationären Altenhilfe kann notwendig werden.
3.1. Pflegeversicherung
Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 hat sich eine weitreichende Bedeutungsverschiebung im Bereich der Pflege vollzogen. Der Pflegesektor hat sich zu einem Pflegemarkt entwickelt. Die Pflegeversicherung ist somit als Sozialversicherung eines neuen Typus zu betrachten und nicht nur als die fünfte Säule der Sozialversicherung. Die Pflegeversicherung fördert eine Entwicklung zwischen Staat und Markt für die NutzerInnen (vgl. Blüher 2004, S.17). Die Vorteile für die Pflegebedürftigen sind:
• Entstehung gesetzlicher Rahmenbedingungen für die Zuständigkeiten und Rechtsbeziehungen von Kostenträgern, Dienstleistungsanbietern und Leistungsempfängern
• Das Soziale Dreieck, in dem Vertragsbeziehung zwischen Kostenträger und Anbietern sowie zwischen Anbietern und Leistungsempfängern bestehen
• Die NutzerInnen können sich ihre jeweiligen Anbieter frei auswählen, die PatientInnen werden zu KundInnen
• Ein (regulierter) Wettbewerb und in Folge dessen Anbieterkonkurrenz entsteht
• Eine betriebswirtschaftliche Geschäftsführung auf Seiten der Anbieter wird notwendig, ein ökonomischer Einsatz der Ressourcen und Effizienz bei den Leistungserbringern durch professionelles (Pflege-)Personal wird ermöglicht und erforderlich (vgl. Blüher 2004, S.17).
Aus diesen Entwicklungen können vor allem die Nutzer und Nutzerinnen dieser An- gebote der Altenhilfe profitieren.
Gesundheit und Pflegebedarf von Seniorinnen und Senioren 24
3.2. Pflegestufen nach SGB XI
Die Pflegebedürftigkeit 12 eines Menschen wird in §14 Abs.1 SGB XI geregelt: Ein Mensch ist pflegebedürftig, wenn er wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für den normalen Ablauf des täglichen Lebens für einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten oder auf Dauer in erheblichem oder hohem Maße auf Pflege angewiesen ist (vgl. Klie, Krahmer 1998, S.158). Die Leistungsberechtigung wird in §33 SGB XI geregelt. Derzeit beziehen ungefähr 1,8 Millionen Menschen Leistungen der gesetzlichen Pflegekassen (vgl. Mai 2003, S.157). Davon erhalten etwa zwei Drittel der Personen Leistungen im ambulanten Bereich, ein Drittel wird stationär versorgt (vgl. Bundesministerium für Familie, Se-nioren, Frauen und Jugend 2001, S.24). Die Feststellung der Voraussetzungen und die Einstufung in die Pflegestufen erfolgt durch ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MdK).
§§69ff. BSHG - regelt die Hilfe zur Pflege. Zum berechtigten Personenkreis gehören Menschen, die nicht den Grad von Pflegebedürftigkeit erreichen, um eine Einstufung in die Pflegestufen nach SGB XI zu erlangen. Zusätzlich kommt Hilfe zur Pflege in Betracht, wenn die nötigen Leistungen nicht allein von der Pflegeversicherung erbracht werden können. Sozialhilfe ist gegenüber der Pflegeversicherung immer nachrangig einzusetzen (vgl. Klie 1995, S.25).
Pflegestufe I - Hier sind erheblich pflegebedürftige Personen einzustufen (§15 Abs.1 Nr.1 SGB XI). Der Hilfebedarf ist auf die Bereiche Körperpflege, Ernährung oder Mobilität gerichtet. Für mindestens zwei dieser Verrichtungen wird wenigstens einmal täglich Hilfe gebraucht. Des Weiteren bedarf es mehrmals in der Woche Unterstützung in der hauswirtschaftlichen Versorgung. Zeitlich gemessen liegt der Aufwand in dieser Pflegestufe nach §15 Abs.3 Nr.1 SGB XI bei etwa 1,5 Stunden täglich, davon sollen mindestens 45 Minuten der Grundpflege gewidmet werden (vgl. Grieb, Renn 1997, S.97).
12 „(…), dass Pflegebedürftigkeit immer dann entsteht, wenn die Selbstpflegekompetenz aktuell oder
auf Dauer eingeschränkt ist.“ (Fröhlich 2001, S.384).
Gesundheit und Pflegebedarf von Seniorinnen und Senioren 25
Pflegestufe II - Das sind die schwerpflegebedürftigen Menschen (§15 Abs.1 Nr.2 SGB XI). Die Bereiche des Hilfebedarfs zielen hier auf die Körperpflege, Ernährung und Mobilität ab. Mindestens dreimal täglich wird Unterstützung geleistet. Außerdem wird mehrmals in der Woche Hilfe in der hauswirtschaftlichen Versorgung gegeben. Der Zeitaufwand der Pflege liegt nach §15 Abs.3 Nr.2 SGB XI bei täglich circa drei Stunden, wobei zwei davon der Grundpflege vorbehalten sind (vgl. Grieb, Renn 1997, S.97f.).
Pflegestufe III - Die schwerstpflegebedürftigen Personen (§15 Abs. 1 Nr.2 SGB XI) benötigen Hilfen bei der Körperpflege, Ernährung und Mobilität 24 Stunden täglich. Auch hier bedarf es Unterstützung in der hauswirtschaftlichen Versorgung. Die Zuwendung nehmen nach §15 Abs.3 Nr.3 SGB XI täglich mindestens fünf Stunden in Anspruch, wovon wenigstens vier für die Grundpflege bestimmt sind (vgl. Grieb, Renn 1997, S.97f.).
Härtefall - nach §§36 und 43 SGB XI besteht, wenn ein außergewöhnlich hoher Pflegeaufwand für den Betroffenen notwendig wird (vgl. Elstermann von Elster 2000, S.5).
Die pflegerische Unterstützung nach Feststellung einer Pflegestufe durch den MdK, besteht in der teilweisen oder vollständigen Übernahme von Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens. Dazu gehört auch die Beaufsichtigung oder Anleitung des Pflegebedürftigen, mit dem Ziel einer eigenständigen Übernahme der Verrichtungen. Die Pflege kann durch familiäre Unterstützung, ambulante Dienste und stationäre Unterbringung in Pflegeeinrichtungen geleistet werden (vgl. Frank 1997, S.701). In den hohen Altersstufen ist Demenz 13 die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit. In der stationären Versorgung dementiell Erkrankter sind vor allem die Alten-und Pflegeheime von besonderer Bedeutung. Etwa 60% der in stationären Altenhilfeeinrichtungen versorgten Menschen leiden an einer Demenz (vgl. Weyerer, Schäufele 2004, S.41).
13 Die häufigsten Formen von Demenzen sind die primäre Demenz Typ Alzheimer, welche sich durch
einen fortschreiten und irreversiblen Verlauf auszeichnet, sowie die vaskuläre Demenz, welche auf
Erkrankungen der Hirngefäße zurückzuführen ist (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend 2001, S.56).
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 26
Pflegebedürftigkeit an sich ist aber noch kein Grund, in eine stationäre Wohnform zu wechseln. Das zeigen die Statistiken, denn die größte Mehrheit älterer Menschen verbleibt auch bei Hilfe- und Pflegebedarf in ihrer Wohnung. Allerdings ist es richtig, dass bei steigendem Pflegebedarf das Risiko eines Wechsels in eine stationäre Einrichtung der Altenhilfe steigt (vgl. Mayer; Wagner 1996, S.270).
Abbildung 6: Hilfsquellen nach Altersgruppen
Resümee
Durch den Anstieg alter und hochbetagter Menschen nimmt sowohl das Ausmaß an pflegebedürftigen Menschen als auch der Schweregrad der benötigten Pflege zu, da gesundheitliche Einschränkungen mit dem Alter einhergehen. Insbesondere Demenzen sind häufig ein Grund, stationäre Altenhilfeeinrichtungen in Anspruch zu nehmen. Oftmals ist die Bezeichnung „Pflegefall“ mit Eintritt von Pflegebedürftigkeit synonym. Kriterien dafür können Inkontinenz, Bettlägerigkeit, Aufsicht und Hilfe bei den alltäglichen Verrichtungen, psychische Veränderungen und Verhaltensauffälligkeiten sein.
4 GRUNDLAGEN FÜR PFLEGE UND WOHNEN IM ALTER
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl formeller Unterstützungssysteme für pflege- und hilfebedürftige alte Menschen. Zu diesen sozialstaatlichen Einrichtungen kann unter anderem folgendes gezählt werden:
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 27
• Hilfen für die Grundversorgung mit mobilen und stationären Mahlzeitendiensten, Körperpflegedienste, Fahr- und Begleitdienste, hauswirtschaftliche Hilfen und Altenwohnungen
• Hilfe bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit in stationärer, teilstationärer und ambulanter Versorgung, sozialpsychiatrische Dienste, Notrufdienste, Hilfen für pflegende Angehörige, Pflegehilfsmittelverleih und betreutes Wohnen (vgl. Backes, Clemens 1998, S.266f.).
Die Altenpflege allgemein umfasst die Gesamtheit aller pflegerischen Dienste für ältere Menschen mit Grundpflege und Behandlungspflege, sowie soziale Betreuung der Menschen mit Pflege- und Hilfebedarf. Therapeutische Bestandteile sind die aktivierende Pflege und Hilfen zur Rehabilitation. Ein noch neuer Bereich der Altenhilfe ist die Geriatrie 14 und Gerontopsychiatrie 15 . Finanzierung, Leistungsan-forderungen und Qualitätsvorgaben zur professionellen Pflege gibt die Pflegeversicherung in §§ 11 Abs.1, 28 Abs.3 und 4 SGB XI vor. Zuständig ist außerdem §§1 Abs.2, 2 Abs.1 BSHG (vgl. Deutscher Verein 1997, S.22).
4.1. Häusliche Pflege
Die häusliche Pflege 16 meint die Versorgung und Betreuung pflegebedürftiger Menschen in ihrem angestammten Lebensumfeld. Häusliche Pflege umfasst insbesondere die Grundpflege. Diese wird bei Anspruchsberechtigung im Rahmen der Pflegeversicherung gewährt. Je nach Pflegestufe kann ein bestimmtes Budget in Form von Geld-oder Sachleistungen in Anspruch genommen werden (vgl. Hesse-Schiller 1997, S.446). Weitere Leistungen nach dem PflegeVG sind Pflegehilfsmittel, Pflegekurse sowie die soziale Sicherung der Pflegepersonen (vgl. Grond 1995, S.11). Im Rahmen der familiären Pflege wird häufig lange auf professionelle Hilfe verzichtet weil entweder keine professionellen Hilfen zur Verfügung stehen oder die Finanzierung dieser nicht gesichert ist beziehungsweise keine Kenntnis über
14 Gerontologie stammt dem griechischen Wort geron, „alter Mensch“, ab, meint also die Wissen-
schaft vom Alter und Altern (vgl. Heinz 1997, S. 393).
15 Fachgebiet biologischer, medizinischer, psychologischer und sozialer Alterungsvorgänge (Oester-
reich, Grond 1997, S.393f.)
16 „Pflege (ist) eine soziale Dienstleistung von Menschen für Menschen (…).“ (Fröhlich 2001, S.383).
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 28
mögliche Hilfen sowie zu deren Finanzierung existiert. Oft bestehen Hemmungen von Seiten der Angehörigen, die dazu führen, dass auf Unterstützungsleistungen verzichtet wird. (vgl. Backes, Clemens 1998, S.278).
Beim Zustandekommen häuslicher Pflege 17 spielt ein bipolares Pflegemotiv eine Rolle: Auf der einen Seite besteht die Zuneigung 18 zur pflegebedürftigen Person, auf der anderen Seite existiert eine Verpflichtung 19 ihr gegenüber. Diese Verpflichtung kann sozial oder vertraglich begründet sein, zum Beispiel durch Ablehnung eines Pflegeheims durch den oder die zu Pflegende, dem Wunsch der gepflegten Person, die fehlenden Kapazitäten der infragekommenden Pflegeeinrichtungen oder fehlende finanzielle Möglichkeiten, einen Heimplatz zu bezahlen. Häusliche Pflege wird oft als Selbstverständlichkeit betrachtet, denn nach Meinung von zwei Drittel der Ärzteschaft und einem Drittel der deutschen Bevölkerung ist Altenpflege nach wie vor Familiensache. Eine Erwartungshaltung besteht insbesondere gegenüber Frauen, die 83% der Pflegepersonen stellen (vgl. Gräßel 2000, S.85f.). Mit der Übernahme der Pflegerolle ergeben sich radikale Einschnitte in das tägliche Leben der pflegenden Person, so zum Beispiel Einschränkungen der Erwerbstätigkeit, Veränderungen der äußeren Erscheinung des Betroffenen durch die Erkrankung, Einschränkungen der Regenerationsmöglichkeiten der Pflegeperson sowie im sozialen Leben (vgl. Gräßel 2000, S.86).
Häusliche Pflege ist nicht selten defizitär. Dies liegt unter anderem an den hohen Anforderungen an die nicht professionellen Pflegepersonen ohne entsprechende Ausbildung, aber auch die häufig mangelhafte Versorgung und Unterstützung durch ambulante und teilstationäre Pflegedienste. Schwierige Familienstrukturen, zum Beispiel durch weniger Großfamilien mit intakten sozialen Netzwerken, abnehmende Haushaltsgrößen und sinkende Bereitschaft mit den Kindern zusammen wohnen zu wollen, können häusliche Pflege außerdem erschweren. Weiterhin spielen defizitäre
17 „Immerhin jede/r zweite Bundesbürger/in über vierzehn Jahre ist offenbar bereit, im Bedarfsfalle
Angehörige zu Hause zu pflegen. (…) Die Bereitschaft zur Betreuung hängt allerdings für viele Men-schen von den genaueren Umständen, genauer gesagt: „Das käme auf die Person an“.“ (Sozialmagazin
2004, S.7).
18 Intrinsische Motivation der Pflegeperson
19 Extrinsische Motivation der Pflegeperson.
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 29
Wohnverhältnisse 20 und die Struktur der sozialen und finanziellen Absicherung eine Rolle (vgl. Braun 1992; S.26).
4.2. Ambulante Pflege(dienste)
Um der Prämisse ambulanter vor stationärer Pflege nach §3 SGB XI genüge zu tun, ist die Verfügbarkeit ambulanter Pflegedienste Voraussetzung. Dazu zählen Sozialstationen und Pflegedienste privater Vereine, Gesellschaften oder Einzelpersonen (vgl. Wicke-Schuldt; Götz 1995, S.2ff.).
Ambulante Pflegedienste werden vorübergehend bei akuten Erkrankungen oder bei dauerhafter Pflegebedürftigkeit im Wohnbereich der Betroffenen tätig. Zielgruppe 21 sind allein lebende ältere Menschen, Familien mit pflegenden Angehörigen und Haushalte älterer Ehepaare mit Pflegebedarf (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.110).
Abbildung 7: Inanspruchnahme ambulanter Dienste durch Hilfe- oder Pflegebedürftige
Das Leistungsangebot der ambulanten Pflegedienste orientiert sich nach dem SGB V, SGB XI und BSHG, welche diese Dienstleistungen finanzieren. Wesentliche
20 Die Wohnungen der Gruppe der 55-69 Jährigen weisen in rund 21% der Fälle bauliche Mängel auf,
bei den SeniorInnen zwischen 70-85 Jahren ist das sogar bei etwa 25% der Fall (vgl. Kleiber u.A.
2003, S.29.)
21 Die Zielgruppe ambulanter Pflegedienste lässt sich recht differenziert charakterisieren. Dabei han-
delt es sich in erster Linie um überwiegend alte und hochaltrige Menschen mit verhältnismäßig
leichtem Betreuungsbedarf (Pflegestufe 1). Es handelt sich in der Mehrzahl um Frauen, die zu Hause
versorgt werden. Bei den gesundheitlichen Einschränkungen handelt es sich zum größten Teil um
multiple Funktionseinschränkungen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
gend 2001, S. 111).
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 30
Bestandteile der Unterstützungsleistungen sind die Behandlungspflege, Grundpflege sowie die Hauspflege 22 die die Leistungserbringer dem Kunden zuführen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.110). Ambulante Dienste stehen im Mittelpunkt des SGB XI und des politischen Interesses, da ein weiterer Ausbau dieser dem ansonsten notwendigen Auf- und Ausbau von stationären Einrichtungen entgegenzuwirken vermag und so Kosten eingespart werden können. Außerdem entspricht es dem überwiegenden Wunsch alter Menschen, ihren Lebensabend zu Hause zu verleben. Um dies sicherstellen zu können, ist die Festigung des Netzwerkes ambulanter Dienste von großer Wichtigkeit, denn die HelferInnen und PflegerInnen sind mobil und versorgen die Betroffenen in ihrer Häuslichkeit und unterstützen pflegende Angehörige (vgl. Streller-Holzner 1991, S.68). Träger der ambulanten Pflegedienste sind überwiegend freigemeinnützig. Zudem unterhalten auch privatwirtschaftliche Einrichtungen sowie öffentliche Träger ambulante Dienste (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S. 108).
Die ambulante Pflege durch Sozialstationen sieht sich durch die Veränderung der Altersstrukturen und dem steigendem Pflegebedarf ihrer Klientel neuen Herausforderungen gestellt. Durch den steigenden Bedarf an Langzeitbetreuung über mehrere Monate und Jahre sehen sich die NutzerInnen dieser Dienste verschiedenen Schwierigkeiten ausgesetzt. Häufig kann der individuelle Bedarf an Versorgung weder qualitativ noch quantitativ durch ambulante Dienste gedeckt werden. Durch Personalmangel, Personalfluktuation und enge Zeitgrenzen besteht die Gefahr einer ungenügenden Versorgung. In Folge dessen kann eine stationäre Unterbringung sogar erst nötig werden (vgl. Garms-Homolová, Schaeffer 1992, S. 72f.). Hauptursachen dafür sind:
• Unbeständigkeit in Folge wechselnder Leistungserbringer
• Unbeständigkeit in Folge der Aufgabenteilung in der Betreuung
• Unbeständigkeit in Folge der Personalrotation
• Unbeständigkeit in Folge der Arbeitsorganisation der Sozialstationen
22 Die Behandlungspflege umfasst Maßnahmen der Heilbehandlung zur Linderung von Erkrankungen.
Im Rahmen der Grundpflege sollen körperliche, geistige und seelische Grundbedürfnisse befriedigt
werden. Die Hauspflege meint die hauswirtschaftliche Versorgung der NutzerInnen (vgl. Bundesmi-
nisterium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2001, S.110).
Grundlagen für Pflege und Wohnen im Alter 31
• Unbeständigkeit in Folge hoher Personalfluktuation (vgl. Garms-Homolová, Schaeffer 1992, S.74f.).
Dies macht deutlich, dass bei allen Vorteilen der ambulanten Pflege, die häusliche Versorgung nicht unter allen Umständen zu Hause aufrechterhalten werden kann und sollte. Ebenso ist auch die Versorgung durch Sozialstationen nicht für jeden geeignet oder zugänglich. Grenzen können durch ein Streben nach Sicherheit, fehlende soziale Netzwerke, defizitäre Wohnbedingungen sowie mangelnde Selbstversorgungsfähigkeit gegeben sein (vgl. Garms-Homolová, Schaeffer 1992, S.88f.). Hier wird die Wichtigkeit alternativer teilstationärer und stationärer Wohnmöglichkeiten deutlich.
4.3. Teilstationäre Altenhilfe
Diese Form der Altenhilfe ist das Bindeglied zwischen der ambulanten und stationären Versorgung alter Menschen. Sie bietet zeitliche befristete Vollversorgung für die Hilfe- und Pflegebedürftigen. Zu den teilstationären Einrichtungen zählen die Tagespflege, Kurzzeitpflege sowie Tageskliniken der Geriatrie und Gerontopsychiatrie (vgl. Backes, Clemens 1998, S.273).
4.4. Stationäre Altenhilfe
Die stationäre Pflege kann in zwei Bereiche unterteilt werden: Zum einen gibt es die Versorgung kranker, hilfe- und pflegebedürftiger Menschen in stationärerer Akutver-sorgung, durch Krankenhäuser und Fachkliniken. Zum anderen die Versorgung in stationärer Langzeitversorgung, durch institutionalisierte Wohnformen für alte Menschen (vgl. Backes, Clemens 1998, S.272).
Bei schwerwiegenden Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit werden die Betroffenen in Heimen zur stationären Langzeitversorgung untergebracht, wenn eine ambulante Versorgung nicht mehr ausreicht oder nicht im notwendigen Maß zur Verfügung steht. Zu diesen Einrichtungen gehören Wohn- und Pflegeeinrichtungen mit Service-, Betreuungs- und Pflegeangeboten sowie ärztlicher Betreuung. Im speziellen sind das die Altenwohnheime, Altenheime und Pflegeheime (vgl. Backes, Clemens 1998,
Wohnen im Alter 32
S.272). Stationäre Pflege kann außerdem in der Kurzzeitpflege sowie in der Heimpflege erbracht werden (vgl. Grond 1995, S.11). In der Regel sind so genannte mehrstufige Einrichtungen, welche Wohnheim-, Altenheim- und Pflegeplätze für die älteren Menschen anbieten, verbreitet zu finden (vgl. Backes, Clemens 1998, S.272). Resümee
Die Versorgungsstrukturen für hilfe- und pflegebedürftige alte Menschen können hierarchisch gestaffelt betrachtet werden und sind dementsprechend umfänglich. Beginnend bei häuslicher Pflege durch Angehörige oder Bekannte über die ambulante Versorgung zu teilstationären Angeboten bis hin zu stationären Einrichtungen für SeniorInnen. Mit stufenweisem Anstieg steigt die Versorgungssicherheit aber auch die Institutionalisierung der Angebote. Entsprechend den Bedarfen und Wünschen können diese Dienstleistungsangebote mit all ihren Vor- und Nachteilen in Anspruch genommen werden.
5 WOHNEN IM ALTER
Nach Saup (2003, S.21) ist Wohnen „(…) der alltägliche Geschehensablauf im räumlich-sozialen Kontext der Wohnung und des Hauses (…)“. Alltag im Alter ist für die SeniorInnen vor allem Wohnalltag. Je älter ein Mensch ist, desto reduzierter stellt sich sein Aktionsradius dar. Auf Grund körperlicher, psychischer und sozialer Veränderungen verringert sich die Anzahl der von alten Menschen aufgesuchten Orte drastisch (vgl. Saup 2003, S.20).
Daraus folgt, dass vor allem die Wohnung mit den nächst angrenzenden Nachbarschaften das Hauptaktivitätsfeld älterer Menschen ist. Das trifft insbesondere auf Menschen zu, die einen höheren Hilfe- und Pflegebedarf haben, da sich ihr Lebensalltag besonders auf die Wohnung bezieht. Diese Entwicklung zu einer Fokussierung des Lebens auf die Wohnung ist auch bedeutsam für das Lebensgefühl und die Lebenszufriedenheit. Daher ist klar ersichtlich, welch wichtige Rolle das Wohnen im Alter auf das Wohlbefinden und damit auch auf die Gesundheit alter Menschen hat (vgl. Saup 2003, S.20f.).
Arbeit zitieren:
Andrea Schulz, 2004, Traditionelle und alternative Wohnformen für Seniorinnen und Senioren - zur Entscheidungsfindung zwischen Heimunterbringung und betreutem Wohnen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Wohnen im Alter: Umzugsgründe in das Betreute Wohnen (Empirische Arbei...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 53 Seiten
Im Alter zu Hause leben - Wege zur Vermeidung von Heimaufenthalt
Ergebnisse einer empirischen U...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Diplomarbeit, 116 Seiten
Möglichkeiten der Integration von Altenbetreuungsleistungen in das Kon...
Diplomarbeit, 87 Seiten
Trajectory Work Modell- Corbin und Strauss
Praktikumsbericht / -arbeit, 19 Seiten
Erweiterung von Führungskompetenzen durch Coaching - Pädagogische Dime...
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Diplomarbeit, 134 Seiten
Gemeinschaftliches Wohnen im Alter - Selbstorganisierte Hausgemeinscha...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 95 Seiten
Modelle der Gesundheit - Unter Berücksichtigung geschlechtsspezifi...
Seminararbeit, 29 Seiten
Dezentrales Betreutes Wohnen - Ein bedürfnisorientiertes Modell?
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Personalmarketing im Internet: Analyse und Bewertung des Online-Assess...
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Andrea Schulz's Text Traditionelle und alternative Wohnformen für Seniorinnen und Senioren - zur Entscheidungsfindung zwischen Heimunterbringung und betreutem Wohnen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Andrea Schulz hat den Text Traditionelle und alternative Wohnformen für Seniorinnen und Senioren - zur Entscheidungsfindung zwischen Heimunterbringung und betreutem Wohnen veröffentlicht
Andrea Schulz hat einen neuen Text hochgeladen
Befunde und Konzepte für zukun...
Hans-Liudger Dienel, Hans J. Harloff, Kees Christiaanse, Klaus Zillich, Gabriele Wendorf
0 Kommentare