"No-Go-Areas" in Nordrhein-Westfalen und ihre Auswirkungen auf Bewohner und stadtentwicklungspolitische Zielvorstellungen


Seminararbeit, 2017
21 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

i
INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG UND ANLASS
1
2 WISSENSCHAFTLICHE BEGRIFFLICHKEITEN UND ZUSAMMENHÄNGE
1
2.1 SEGREGATION
1
2.2 PARALLELGESELLSCHAFTEN
2
2.3 GHETTOISIERUNG
4
3 DISKURS UND DISKURSANALYSE
5
3.1 DER DISKURS ÜBER ,,NO-GO-AREAS"
5
3.2 DISKURSANALYSE
6
3.3 ANALYSEERGEBNISSE
7
4 AUSWIRKUNGEN DES DISKURSES
10
4.1 AUSWIRKUNGEN AUF DIE BEWOHNERINNEN
11
4.2 AUSWIRKUNGEN AUF STADTENTWICKLUNGSPOLITISCHE
ZIELVORSTELLUNGEN
12
5 FAZIT UND AUSBLICK
13
QUELLENVERZEICHNIS
14
ANHANG
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ABBILDUNG 1: DIREKT UND INDIREKT BETEILIGTE AKTEURE
7
ABBILDUNG 2: WAHLPLAKATE DER CDU ZUR LANDTAGSWAHL IN NRW 2017
7
ABBILDUNG 3: RÜCKKOPPLUNG ZWISCHEN CDU UND MEDIEN UND
9
AUSWIRKUNGEN AUF DIE BÜRGERINNEN

1
1 EINLEITUNG UND ANLASS
Schlagzeilen wie ,,Angst vor No-Go-Areas im Ruhrgebiet: Clans beherrschen ganze
Straßenzüge" (Deutschlandfunk: 16.12.2015) oder ,,No-Go-Areas: Das raue Leben im
Ruhrgebiet" (WZ: 12.12.2016) finden seit nahezu zwei Jahren regelmäßig Einkehr in
die deutsche Presse. Insbesondere nordrhein-westfälische Regionalzeitungen, aber
auch überregionale Zeitungen greifen die Thematik dieser sogenannten ,,No-Go-
Areas" auf. Gleichzeitig nehmen auch deutsche PolitikerInnen in wiederkehrenden
Abständen an diesem Diskurs teil, vor allem in Zeiten des Wahlkampfes. Da solche
öffentlich geführte Diskurse das Image eines Quartiers und somit auch die Alltags-
welten dessen BewohnerInnen beeinflussen (vgl. Yildiz u. Preissing 2017: 165), ist die-
ser Diskurs auch für die Raumplanung von Bedeutung. Auch kann ein solcher Diskurs
Einfluss auf stadtentwicklungspolitische Zielvorstellungen und anderweitige Politikbe-
reiche nehmen.
Von daher widmet sich diese Studienarbeit der Beantwortung der Frage nach den
Auswirkungen
des Diskurses über ,,No-Go-Areas" auf deren BewohnerInnen sowie
auf allgemeine stadtentwicklungspolitische Zielvorstellungen. Dies geschieht mit
Hilfe einer exemplarischen Diskursanalyse und der Analyse von Sekundärliteratur, die
bereits den Einfluss von öffentlichen Diskursen auf Stadtquartiere untersucht hat. Ab-
schließend wird ein kurzer Ausblick gegeben.
2 WISSENSCHAFTLICHE BEGRIFFLICHKEITEN UND ZUSAMMENHÄNGE
Im öffentlichen Diskurs über ,,No-Go-Areas" werden immer wieder Schlagworte wie
,,Brennpunkte", ,,Problemviertel" oder ,,Ghettos" genannt (vgl. etwa Der Westen:
16.02.2016). Diese Schlagworte dienen der Umschreibung von zumeist segregierten
Gebieten.
2.1 SEGREGATION
Segregation ,,meint [...] einen räumlichen Sortierungsprozess nach dem sozialen,
ökonomisch
en oder ethnischen Status der Bevölkerung in Stadtvierteln." (Kersten
2007: 50). Dies bedeutet sozioökonomische Differenzen in der Bevölkerung spiegeln
sich im Stadtgefüge wider. Wie das Zitat von Jens Kersten zeigt, können diese Diffe-
renzen vertikaler (Beruf, Bildungsstand, Einkommen) und horizontaler (Geschlecht,

2
Alter, Ethnie, Religion) Natur sein (vgl. Bürkner 2014: 108). Dabei wird auch unterschie-
den zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Segregation, wobei die unfreiwillige fast
immer eine Folge der freiwilligen Segregation ist. Die freiwillige Segregation geht vor
allem von den Ober- und Mittelschichten der Bevölkerung aus (vgl. Häußermann
2009: 240). Da diese Haushalte über höhere ökonomische Ressourcen verfügen, ha-
ben sie höhere Chancen auf einen von Ihnen bevorzugten Wohnstandort. Zurück
bleiben die Haushalte, die auf Grund ihrer ökonomischen Ressourcen weniger Mög-
lichkeiten bei der Wohnstandortwahl besitzen und so ,,auf minderwertige Bestände
des Marktes verwiesen werden" (Bürkner 2014: 109). Also entsteht Segregation, laut
dem in der Forschung diskutierten strukturalistischen Erklärungsansatz, ,,durch die
ökonomische Positionierung von Individuen und Gruppen auf städtischen Woh-
nungs- und Immobilienmärkten, durch die lebensstilorientierte Wahl des Wohnstand-
orts und durch politische Steuerung." (Bürkner 2014: 108). Neben diesem Erklärungs-
ansatz, welcher die vertikalen Ungleichheiten der Bevölkerung als Ursache für Seg-
regation nennt, untersucht der kulturalistische Erklärungsansatz die horizontalen Dif-
ferenzen der Bevölkerung. ,,Segregation entsteht demnach durch die Regulierung
von soziokultureller Nähe und Distanz." (Bürkner 2014: 109). Dadurch können sich die
sozioökonomischen Bevölkerungsteile voneinander abgrenzen, ein inneres Zusam-
mengehörigkeitsgefühl entwickeln und ihre Bedürfnisse nach Sicherheit erfüllen (vgl.
Bürkner 2014: 110). Kritikpunkt an beiden Erklärungsansätzen ist, dass diese zu wenig
die dynamischen und temporären Elemente der Segregation berücksichtigen
(ebd.). Welchem Erklärungsansatz man mehr Gewicht zuschreibt, nichtsdestotrotz
wirken sich Segregationsprozesse und Diskurse über segregierte Gebiete immer auf
deren BewohnerInnen aus und sind ,,Ausdruck [der städtischen] Sozial- und Macht-
struktur, und [tragen] bei zur Verteilung von Le
benschancen" (Häußermann, Siebel
2004: 140).
2.2 PARALLELGESELLSCHAFTEN
Im Zuge von öffentlichen Diskursen über Segregation in Deutschland, insbesondere
solcher Quartiere mit BewohnerInnen mit einem vergleichsweise hohen Anteil an
MigrantInnen, Erwerbslosen und anderweitig polarisierten Bevölkerungsgruppen, ist
oftmals die Rede von Parallelgesellschaften oder Ghettobildung. Diese seien eine
Gefahr für das deutsche Rechtsystem und allgemein für die ,,städtische Mehrheits-
gesellschaft.
" (Ronneberger u. Tsianos 2009: 137). Diese Assoziationen mit migran-
tisch geprägten Quartieren werden nicht nur durch die Medien gebildet, sondern
auch im politischen Diskurs hervorgerufen (vgl. Häußermann 2009: 236). Dabei stellt
sich zunächst die Frage nach der Definition von Parallelgesellschaften und Ghettos.

3
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Parallelgesellschaften als ,,eth-
nisch homogene Bevölkerungsgruppen [...], die sich räumlich, sozial und kulturell
von der Mehrheitsgesellschaft abschotten." (Website bpb 2005). Hartmut Häußer-
mann hingegen orientiert sich bei seiner Definition von Parallelgesellschaften an den
vom Soziologen Breton aufgestellten Merkmalen einer ethnischen Kolonie (vgl. Häu-
ßermann 2009: 237). Demnach bedeutet Parallelgesellschaft eine ,,Verdopplung al-
ler relevanten Institutionen der Mehrheitsgesellschaft" (ebd.). Dazu zählen
-
ökonomische Institutionen (bspw. Lebensmittelläden, Versicherungen, Ban-
ken, Dienstleister),
-
Angebote in der sozialen Infrastruktur (bspw. Gesundheitsdienstleistungen, Bil-
dungseinrichtungen),
-
Exklusive Freizeitangebote (bspw. Sportvereine, Medien)
-
Eigene politische Verbände,
-
Institutionen des Rechts, die statt der Rechtsinstitutionen der Mehrheitsgesell-
schaft aufgesucht werden (bspw. Schiedsrichter).
Thomas Meyer fügt überdies noch das Merkmal hinzu, dass Parallelgesellschaften
eine ,,formal freiwillige Form der Segregation" (Meyer 2002: 343) darstellen. Insge-
samt herrschen in der Forschung noch weitere Vorstellungen über die Merkmalsaus-
prägungen von Parallelgesellschaften, welche allerdings hier nicht näher themati-
siert werden. Durch den Vergleich Häußermanns zwischen den amerikanischen eth-
nischen Kolonien und den vermeintlichen Parallelgesellschaften in Deutschland, ist
eine Bedingung für das Vorhandensein dieser Parallelgesellschaften die ethnische
Homogenität dieser Bevölkerung. Dies trifft jedoch nicht zu. Weder gibt es in
Deutschland Segregationsprozesse, die vergleichbar mit den segregierten Städten
der USA sind, noch nimmt die ethnische Segregation zu: ,,selbst so genannte Brenn-
punkte sind in vieler Hinsic
ht nicht homogen." (Ronneberger u. Tsianos 2009: 143).
Also ist die Bevölkerungszusammensetzung auch in Quartieren mit einem hohen An-
teil an MigrantInnen noch sehr heterogen (vgl. Häußermann 2009: 239), da kein eth-
nischer Hintergrund dominiert. Auch die Verdopplung aller relevanten städtischen
Institutionen ist nicht zu beobachten. Zwar entwickeln sich in vielen Bereichen mig-
rantische Ökonomien und Angebote, jedoch ist es für diese nicht möglich sich voll-
ständig den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft zu entziehen (bspw. Ämter für
Transferleistungen, Zulieferer bei Bauprojekten uvm.). Diese dienen viel mehr dem
kulturellen Austausch, der Hilfestellung für neu Zugewanderte und dem Schließen
von marktwirtschaftlichen oder wohlfahrtsstaatlichen Defiziten in der Infrastruktur auf

4
Quartiersebene. Somit ist festzuhalten, dass die Bedingungen für die Existenz von Pa-
rallelgesellschaften in Deutschland nicht erfüllt sind.
2.3 GHETTOISIERUNG
Auffällig ist, dass in der öffentlichen Debatte die Begriffe Parallelgesellschaft und
Ghetto synonym verwendet werden (vgl. Ronneberger u. Tsianos 2009: 142). Ähnlich
wie bei der öffentlichen Debatte über die Existenz von Parallelgesellschaften gibt es
auch bei dem öffentlichen Verständnis von der Existenz von Ghettos keinen Bezug
zu wissenschaftlichen Definitionen. Schaut man sich diese Definitionen nämlich an,
wird deutlich, dass in Deutschland keine Ghettos existieren (vgl. Ronneberger u. Tsi-
anos 2009: 145). Ein Ghetto ist ,,nicht nur [...] eine Verdichtung von Armut und phy-
sischem Verfall, sondern auch [...] ein Instrument der Kontrolle, das auf räumlicher
Verbannung, Ausbeutung und rassistischer Stigmatisierung basiert" (Ronneberger u.
Tsianos 2009: 142f). Auch weisen Ghettos, die dieser Definition entsprechen, andere
Strukturen und Funktionen auf, als ethnisch segregierte Gebiete (vgl. Wacquant
2006: 139), mit denen Ghettos oftmals gleichgesetzt werden. Das Verhältnis zwi-
schen Segregation und Ghetto lässt sich aber
folgendermaßen beschreiben: ,,Alle
Ghettos sind segregiert, aber nicht alle segregierten Gebiete sind Ghettos" (Wac-
quant 2006: 130).
Zwar wandelt sich der Begriff des Ghettos historisch immer wieder (vgl. Wacquant
2006: 130), dennoch weisen auch Ghettos stets bestimmte Eigenschaften auf:
-
Aufgezwungene und vollständige räumliche Segregation,
-
Vorhandensein von Parallel-Institutionen zur Reproduktion der dort lebenden
Bevölkerung (vgl. ebd.).
Anhand dieser Merkmale wird ebenfalls deutlich, dass es in Deutschland keine Ghet-
tos gibt (s. Kap. 2.2). Auch zeigen diese Merkmale den Unterschied zum Begriff der
Parallelgesellschaft: laut Thomas Meyer stellen die Parallelgesellschaft eine Form der
freiwilligen Segregation dar, während Ghettos erzwungen segregiert sind. Aber im
öffentlichen Diskurs symbolisiert
,,[d]as Ghetto [...] sozusagen die sozialräumliche Di-
mension einer unkontrollierten Para
llelgesellschaft." (Ronneberger u. Tsianos 2009:
137).

5
3 DISKURS UND DISKURSANALYSE
In diesem Kapitel wird zunächst der deutsche Diskurs
über ,,No-Go-Areas" grob wie-
dergegeben, anschließend folgt die Analyse des Diskurses anhand eines ausge-
wählten Fallbeispiels.
3.1 DER DISKURS ÜBER ,,NO-GO-AREAS"
Vor der eigentlichen Analyse des Antrags ist es zunächst von Bedeutung den Begriff
der ,,No-Go-Area" detaillierter zu betrachten und den Diskurs kurz wiederzugeben.
Der genaue Beginn des Diskurses lässt sich nicht ermitteln, allerdings verweist der
Antrag der CDU-Landtagsfraktion NRW, welcher hier als Fallbeispiel analysiert wird
(s. Kap. 3.2), auf Aussagen von VertreterInnen der zwei Polizeigewerkschaften aus
Juli 2015, bei denen der Begriff der ,,No-Go-Area" aufkam. Auslöser dafür war der
tätliche Angriff von etwa 15 Personen auf zwei PolizeibeamtInnen in Duisburg-
Marxloh (vgl. Rheinische Post, 30.06.2015). Von daher stellt sich die Frage, ob solche
Vorkommnisse ein hinreichendes Kriterium sind, ein Quartier
,,No-Go-Area" zu nen-
nen. Einen Konsens über die dafür notwendigen Kriterien gibt es bisher nicht. So
kommt es unter anderem dazu, dass es im Verlaufe des Diskurses unterschiedliche
Annahmen
darüber gibt, wie viele ,,No-Go-Areas" es tatsächlich in Nordrhein-West-
falen gibt.
Um in dieser Studienarbeit ein einheitliches Verständnis davon zu vermitteln, welche
Merkmale einer ,,No-Go-Area" durch den Diskurs zugeschrieben werden, werden
diese Merkmale nachfolgend aufgelistet:
-
,,kriminelle Familienclans [reklamieren] Plätze und ganze Straßenzüge für
sich, schüchtern Anwohner und Geschäftsleute nach Mafia-Manier ein und
gehen in größeren Gruppen auf Polizeistreifen los." (Drucksache 16/14015: 1)
-
Stadtbezirke, ,,in denen die Rechtspflicht des Staates zur Aufrechterhaltung
der öffentlichen Sicherheit [...] langfristig nicht gesichert bzw. akut gefährdet
und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bereits nachhaltig negativ beein-
trächtig
t ist" (Drucksache 16/14015: 3),
-
,,[r]echtsfreie Räume oder Gebiete, in denen ausländische Familienclans das
staatliche Gewaltmonopol unter sich aufteilen [...]" (ebd.),
-
Räume, aus denen BeamtInnen nicht mit Sicherheit ,,heil und gesund" (ebd.)
herauskommen und BürgerInnen sich nicht trauen hineinzubegeben.
Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
"No-Go-Areas" in Nordrhein-Westfalen und ihre Auswirkungen auf Bewohner und stadtentwicklungspolitische Zielvorstellungen
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V387428
ISBN (eBook)
9783668619876
ISBN (Buch)
9783668619883
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Segregation, Ghetto, No-Go-Area, Migration, Stadtentwicklung, Stadtentwicklungspolitik, Sicherheitspolitik
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, "No-Go-Areas" in Nordrhein-Westfalen und ihre Auswirkungen auf Bewohner und stadtentwicklungspolitische Zielvorstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387428

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