2. Entstehungsgeschichte zu „Weh dem, der lügt“
Grillparzer besuchte in den zwanziger Jahren die Artistenfakultät an der Universität Wien und hatte dort einen Jesuiten als Lehrer. Dieser erklärte ihm die zehn Gebote mit dem Ausspruch: „ Es kommt auf den Geist der Handlung an, nicht auf die Worte“. Diese These gab Grillparzer erste Ideen zu einem Lustspiel, welche er aber erst 1831 nach dem Erfolg des Stückes „Der Traum ein Leben“ in die Tat umsetzte. Der Stoff des Lustspiels in fünf Akten ist einer Anekdote des westfränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours (6. Jahrhundert) in seiner „ Historica Francorum“ entnommen.
Die Idee in Ihrer Gesamtheit und die eingeflochtene Liebesgeschichte sind jedoch Grillparzers Eigentum.
Die Neugierde des literarischen Wiens stieg Anfang 1838 aufs höchste, als man hörte, dass im Hoftheater bald ein Lustspiel des gefeierten Tragödiendichters Grillparzer aufgeführt werden würde. Von Augenzeugen der berühmten Aufführung des 6. März 1838 ist überliefert, dass das Theater schon lange vor Beginn des Lustspiels voll war und dass sich einige Aristokraten schon vor Öffnung der Türen von ihren Bediensteten einen Platz besetzen ließen.
Genauso groß wie die Spannung vor der Aufführung, war der Misserfolg nach dieser: Nachdem das Publikum die ersten Aufzüge noch mit lautem Beifall würdigte, wurde es im Laufe der Aufführung immer gemäßigter und die letzten Szenen begegneten schließlich einer ungeduldigen Gleichgültigkeit.
Von wenigen wurde behauptet, dass der Misserfolg des Stückes darauf zurückzuführen sei, dass Grillparzer mit seinem „literarischen Lustspiel“, wie jemand schrieb, viel zu hoch gezielt hätte, das Publikum also ob seiner Unwissenheit in bezug auf Literatur ganz einfach überfordert war. Vor allem aber die Aristokratie zeigte sich gegenüber dem Stück vollkommen verständnislos, da man darin eine Kritik an die Reichen sah ( das Lustspiel wurde übrigens auch von Seiten der Schauspieler in diesem Sinne aufgefasst). Durch den Misserfolg völlig gedemütigt, zog sich Grillparzer fortan total von der literarischen Öffentlichkeit und von der Wiener Gesellschaft zurück. Nach seinem Tod fand man in seinem verschlossenen Schreibtisch drei weitere Tragödien ( „Libussa“, „Die Jüdin von Toledo“ und „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg“), welche dann von Katharina Fröhlich veröffentlicht wurden.
3. Inhalt
Die Geschichte spielt am Hofe des fränkischen Bischofs Gregor und in der Burg des germanischen Grafen Kattwald zur Zeit der Christianisierung in Deutschland ( etwa 9. Jahrhundert). 1.Aufzug:
Bischof Gregors Küchenjunge, der pfiffige Leon, will den Dienst bei seinem Herrn kündigen, da ihm der Geiz des Geistlichen Herrn widerstrebt („Pfui Schande über alle Knauserei“ 1 [ S.7; Zeile 81]). Als er jedoch von Gregor erfährt, dass das gesparte Geld als
Lösegeld für seinen, von Graf Kattwald gefangenen, Neffen Atalus dienen soll, ändert er seine Meinung und erklärt sich sofort bereit, den Gefangenen zu befreien. Der Bischof erklärt sich bereit Leon gehen zu lassen, er muss ihm aber versprechen bei der Befreiungsaktion nicht zu lügen, denn „Weh dem, der lügt“. Leons Aufgabe besteht also darin, Atalus unter strikter Einhaltung der Wahrheit zu befreien. 2.Aufzug:
Auf seiner Reise schließt sich Leon einem Pilger an, der ihn für eine reichliche Belohnung nach Trier zu Graf Kattwald führen soll. Dort angekommen lässt sich der Küchenjunge, unter dem Vorwand, ein hervorragender fränkischer Koch zu sein, von dem Pilger an Kattwald verkaufen. Der Pilger erhält dadurch die ihm versprochene Belohnung. Leon macht von Anfang an aus seiner Absicht, Atalus zu befreien, keinen Hehl, er wird aber gerade wegen seiner Offenheit und Ehrlichkeit nicht ganz ernst genommen. Genau aus diesem Grund jedoch gewinnt er das Vertrauen Kattwalds und verschafft sich auch die Aufmerksamkeit von dessen Tochter Edrita, die gegen ihren Willen den törichten und dummen Galomir heiraten soll. Von Edrita geleitet, kommt Leon schneller als geglaubt mit Atalus, der als Geisel Kattwalds Pferde hüten muss, zusammen. Auf Leons Bitte, ihm Atalus als Küchenhilfe zur Seite zu stellen gehen sowohl Kattwald aus Misstrauen, als auch Atalus, der Leon hochmütig behandelt und in diesem eine Konkurrenz in Bezug auf seine Liebe zu Edrita sieht, nicht ein. 3.Aufzug:
Bei einem Festgelage das zu Ehren der bevorstehenden Hochzeit Edritas mit Galomir stattfindet, ergibt sich jedoch schneller als erwartet die Möglichkeit zur Flucht. Durch Leons scharf gewürzte Speisen wird die Festgesellschaft zum noch intensiveren Alkoholkonsum angeregt und Leons Plan, den Grafen und die restlichen Herren einzuschläfern, geht auf. Als Atalus und Leon jedoch den Burgschlüssel aus dem Zimmer des schlafenden Grafen stehlen wollen, erwacht dieser und sie können nur mit Hilfe von Edrita, die dann aus Furcht vor der Rache des Vaters und weil sie nicht mit Galomir zusammenleben will mit ihnen kommt, fliehen. 4.Aufzug:
Auf ihrer Flucht werden die Hindernisse, die sie überwinden müssen, immer bedrohlicher und nur durch Leons Ehrlichkeit werden sie von einem Fährmann- er hasst Kattwald, da dieser ihm für eine geringe Schuld seine ganze Herde Vieh nahm- über den Rhein gefahren und können somit im letzten Augenblick den von Galomir angeführten Verfolgern entkommen. 5.Aufzug:
Als die Knechte Kattwalds jedoch die Fliehenden kurz vor Metz einholen, scheint alles verloren. Doch Leons Gebet „Und so begehr ich denn, ich fordre Wunder!“ 2 [S. 70;Zeile
1688] zwingt rettende Wunder herbei: Aus den Toren von Metz treten nicht wie erwartet die Feinde , sondern die von Gregor angeführten Franken , die in der vorangegangenen Nacht die Stadt eingenommen hatten. Der Bischof freut sich, mit einem etwas gewandelten Verständnis von den Möglichkeiten der Wirklichkeit, seinen Neffen in die
Arme schließen zu dürfen. Leon jedoch muss sich einer weiteren Prüfung der Wahrhaftigkeit unterziehen: Er gesteht seine Liebe zu Edrita und auch diese teilt Atalus und dem Bischof mit, dass sie von Anfang an Leon zugeneigt war.
Darauf verzichtet Atalus zugunsten seines Retters, Edrita beginnt mit der Heirat mit Leon ein Leben als Christin und der Bischof sieht in Leon seinen zweiten Neffen.
4.Interpretation
Die auch sonst von Grillparzer gerne verwendete Rahmenform des Dramas ist auch in dem Lustspiel „Weh dem, der lügt“ wiederzufinden. Die Aufgabe, die der Hauptperson im ersten Akt des Stückes gestellt wird, findet ihre Lösung im Schlussakt, wobei die Durchführung in den Mittelakten geradlinig zu diesem hinführt. Schon durch die Konstruktion seiner Werke will Grillparzer seinem Zielpublikum ( nämlich dem „Normalbürger“) den Zugang zu diesen verschaffen und erleichtern. Die dramatische Handlung lässt sich in drei Entwicklungsstufen unterteilen: (1) Wahrhaftigkeit als absolute Forderung
(2) Wahrheitsstreben in der Wirrnis des bewegten Lebens, das Wahrhaftigkeit nur in gebrochenen Formen verwirklichen kann
(3) Modifizierung der Forderung nach Wahrhaftigkeit als Frucht der Erkenntnis irdischer Bedingungen
Für die Diskussion der Wahrheitsfrage erweist sich vor allem die Figurenkonstellation als wesentlich. Der Bischof, der durch seinen Glauben bedingt an der absoluten Wahrheit festhalten muss, stellt fast einen Kontrapunkt zu dem gewitzten und durch List ausgezeichneten Leon dar. In Edrita findet sich durch den Beitritt zum Christentum (Gegensatz: heidnischer und verrohter Vater Kattwald) - wir dürfen uns hier auf die Zeit Grillparzers beschränken- ein Schritt zu höherer Humanität. Durch diese verschiedenen Charaktere gerade ist es möglich, die Komplexität der Wahrheitsfrage in immer neuen Situationen durchzuspielen. So wie Leon durch die unverblümte Wahrheitsaussprache täuscht, also durch seine Wahrheit wiederum eine Lüge herausfordert und dadurch nur formal am Gebot der Wahrhaftigkeit festhält, schafft er aber letztendlich nur durch seine Bekennung der Wahrheit gegenüber dem Fährmann unbewusst den Durchbruch zur absoluten Wahrheit. Nach Grillparzers Ansicht stellt sich die bei (1) genannte Forderung also für den Menschen erst dann ein, wenn alles verloren ist, d.h. wenn die Situation nach menschlichem Ermessen aussichtslos ist.
⇒ Für Leon erweist sich also im Laufe seiner Entwicklung die vom Bischof anfangs
geforderte absolute Wahrhaftigkeit als vorteilhaft.
Wiederum im Gegensatz dazu muss Bischof Gregor erkennen, dass die absolute göttliche Seinsordnung im Zwang des menschlichen Handelns nicht zu verwirklichen ist. ⇒ Nach seiner Entwicklung nimmt er wohl in gewisser Weise Leons vielleicht
unbewusste Anfangshaltung ein.
Zusammenfassend muss man sagen, dass das auf den ersten Blick etwa inhaltslos erscheinende Lustspiel „Weh dem, der lügt“ bei genauerer Betrachtung äußerst tiefsinnig wird und schließlich Ausgangspunkt zu Überlegungen und Fragen ist, deren Lösungen
vom Menschen nicht erfasst werden können. Die wohl doch als philosophisch zu bezeichnende Komödie spiegelt somit einen gewissen Teil der Menschheitsentwicklung wieder und erscheint in diesem Verständnis als wohl nie endender Prozess der sittlichen, moralischen und kulturellen Vervollkommnung des Menschen.
5. Grillparzers wichtigste Werke
• Die Ahnfrau (1817)
• Sappho (1819)
• Das goldene Vließ (1822; Trilogie)
• König Ottokars Glück und Ende (1825)
• Ein treuer Diener seines Herrn (1826)
• Der Traum ein Leben (1834)
• Weh dem, der lügt (1838)
• Ein Bruderzwist im Hause Habsburg (1848)
Literaturverzeichnis:
1. Primärliteratur
Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt. Phillip Reclam jun., GmbH & Co., - Stuttgart1993
2. Sekundärliteratur
• Kindlers Lexikon der Literatur (Schulbibliothek; Grillparzer S.904/905)
• Hans Steffen (Hrsg.): Das deutsche Lustspiel, Teil 1,Vandenhoeck &
Ruprecht, 1968 Göttingen
• Annemarie und Wolfgang van Rinsum: Deutsche Literaturgeschichte Band 6,
Frührealismus 1815-1848, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1992
• Landesanstalt für Erziehung und Unterricht Stuttgart(Hrsg.):Grillparzer. Bilder
aus seinem Leben, Verlag E. Schreiber, Stuttgart 1965
• Annemarie und Wolfgang van Rinsum: Dichtung und Deutung. Eine
• Internetadressen:
Tobias Fritz , 2 D1 (12/2) 26.März 2001
Arbeit zitieren:
Tobias Fritz, 2001, Grillparzer, Franz - Weh dem,der lügt, München, GRIN Verlag GmbH
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Veronika
Ausgezeichnetes Referat.
Das Referat ist wirklich gut gelungen. Die Interpretation ist treffend. Was ich persönlich anders gemacht hätte wäre die Inhaltsangabe. Ich hätte sie nicht nach Aufzügen gegliedert und wesentlich kürzer verfasst. Die Personcharakteristiken sind ebenfalls abgegangen.
am Tuesday, July 10, 2001-