Charles Binamés „Séraphin: Un homme et son péché“
Eine Analyse der Neuverfilmung
des Romanklassikers von Claude-Henri Grignon
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - 3 -
2 Die Literaturverfilmung Theoretische Grundlagen - 4 -
3 Analyse Der Film in Relation zur Vorlage - 6 -
3.1 Handlung und Figuren im Vergleich - 6 -
3.1.1 Grundlegende Figurenkonstellation - 6 -
3.1.2 Handlung - 7 -
3.1.3 Figurencharakteristik. - 9 -
3.1.3.1 Séraphin Verkörperung von Habgier, von Geiz und des Bösen - 9 -
3.1.3.2 Donalda Pflichtbewusstsein, Gutgläubigkeit und Aufopferung bis zum Tod - 12 -
3.1.3.3 Alexis ein unbeschwerter, einfühlsamer Gegenpol zu Séraphin - 14 -
3.2 Das Motiv der Sünde - 16 -
3.3 Erzähl- und Darstellungsformen - 17 -
3.3.1 Diskursstruktur - 18 -
3.3.2 Filmspezifische Gestaltungsmittel - 19 -
4 Fazit - 21 -
5 Ausblick - 22 -
Bibliographie .............................................................................................................. - 23 -
1 Einleitung
Das Filmdrama „Séraphin: Un homme et son péché“ von Regisseur Charles Binamé (*1945) lockte in Québec seit der Premiere am 29. November 2002 über 1,3 Mio. Besucher in die Ki-
nos und war damit die dort bislang erfolgreichste kanadische Kinoproduktion 1 (Stand: 31.12.2009; cf. OCCQ 2010).
Die fesselnde Tragik der Geschichte der jungen Donalda Laloge (Karine Vanasse), die entgegen ihrer Liebe zu Alexis Labranche (Roy Dupuis) den älteren, kaltherzigen Séraphin Poudrier (Pierre Lebeau) heiratet und daran zugrunde geht, kann jedoch nicht allein als Grund für den
Erfolg angeführt werden − ebenso wenig das Identifikationspotential der historischen Einbettung der Handlung in das Québec des 19. Jahrhunderts. Vielmehr ist es die generationenübergreifende Verankerung der Figuren des Films im kollektiven Gedächtnis der Québecer Gesell-schaft, die sie bereits seit Jahrzehnten begleiten (cf. Radio Canada 2002), denn der Film − so lässt schon der Titel vermuten − geht zurück auf einen Klassiker der frankokanadischen Literatur: den Roman „Un homme et son péché“ von Claude-Henri Grignon (1894-1976). Dieser Roman erschien 1933 und gilt heute als eines der bekanntesten literarischen Werke in Québec. Grignon erhielt dafür 1935 den Québecer Literaturpreis „Prix David“ (cf. Ertler 2002: 126; cf. GrandQuébec (a)).
Die Verfilmung durch Binamé reiht sich − wie auch im Vorspann aufgeführt − in eine umfangreiche Tradition an Verarbeitungen der Romanvorlage Grignons ein (cf. Séraphin: 00:03:06). Ungeachtet der exakten Inhalte sind diverse Figuren und Charaktere, verschiedene Handlungsstränge sowie einzelne Motive in zahlreichen Werken aus der Zeit zwischen der Veröffentlichung des Romans und der Entstehung des Binamé-Films wiederzufinden. Hierzu zählen beispielsweise Fortsetzungsgeschichten für Rundfunk und Printmedien, ein Theaterstück, die Verfilmungen „Un homme et son péché“ (1949) und „Séraphin“ (1950) von Paul Gury, Comicreihen von Albert Chartier und insbesondere die Fernsehserie „Les Belles Histoires des Pays-d’en-Haut“, deren 495 Folgen von Radio Canada produziert und zwischen 1956 und 1970 regelmäßig ausgestrahlt wurden (cf. BAnQ, BD Québec, IMDb (1), Télé-Québec).
Gerade im Hinblick auf diese − auch inhaltliche − Vielfalt der Verarbeitungen des ursprünglichen Werks Grignons stellt sich die Frage, inwiefern Binamés Film tatsächlich noch mit der Romanvorlage in Verbindung gebracht werden kann. Einige Parallelen, wie zum Beispiel Titel und Figurennamen, sind offensichtlich, doch es gilt zu untersuchen, ob und in welcher Form
1 Die Produktion unterlag Lorraine Richard et al., Produktionsfirmen waren Alliance Atlantis Vivafilm und Cité-Amérique. Die Kosten der Produktion beliefen sich auf ca. 6,1 Mio. CAD, eingespielt wurden jedoch mehr als 8,1 Mio. CAD. Der Film dauert 128 Minuten (cf. IMDb (2)).
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der Film auch noch jenseits dieser Entsprechungen Elemente des Romans aufgreift und somit der Einordnung als Literaturverfilmung gerecht wird oder ob er vielmehr gerade im Hinblick auf das im Film im Vordergrund stehende Liebesdrama eine völlig neue Geschichte trägt.
Im Folgenden gilt es daher, zunächst den Begriff der Literaturverfilmung zu definieren. An-schließend können ausgehend vom Film Binamés − der aktuellsten Version der Geschichte rund um Séraphin und Donalda, auf dem somit auch der Schwerpunkt der Betrachtung liegen
soll − verschiedene Aspekte analysiert und mit der Romanvorlage verglichen werden. Von der inhaltlichen Betrachtung der Figurenkonstellation über Handlung und Figurencharakterisierung sowie das Motiv der Sünde bis hin zu ausgewählten Erzähl- und Darstellungsformen wie der Diskursstruktur und der Verwendung filmspezifischer Gestaltungsmittel lassen sich so Erkenntnisse über die Relation von Film und literarischer Vorlage zueinander gewinnen.
2 Die Literaturverfilmung − − Theoretische Grundlagen − −
Um Aussagen hinsichtlich der Einordnung des vorliegenden Films als Literaturverfilmung treffen zu können, ist vorab eine Erläuterung und Eingrenzung des Begriffs vorzunehmen. Zunächst einmal ist die Bezeichnung Literaturverfilmung nicht als eigenes Genre zu verstehen, sondern als eine Verortung des Films in Relation zu seiner literarischen Vorlage. Jedoch ist nicht jeder Film, der einer literarischen Vorlage entstammt, eine Literaturverfilmung:
Nicht gemeint ist damit der Tatbestand, daß fast alle Spielfilme eine literarische Vorlage haben, aus der sich Drehbuchautor und Regisseur für ihr eigenes Werk wie aus einem Steinbruch bedienen. In diesen Fällen kann normalerweise auf die Berücksichtigung der ‚Stoffquelle’ ohne weiteres verzichtet werden. Anders verhält es sich dagegen bei solchen Filmen, die bewusst und explizit auf den Medientransfer […] abheben und die Frage der ‚Adäquatheit’ der ‚Verfilmung’ in den Vordergrund stellen (Faulstich 2002: 57).
Um von einer Literaturverfilmung sprechen zu können, ist folglich die bewusste Bezugnahme des Films auf seine literarische Vorlage Voraussetzung. Erst dann sind Vergleich und Bewertung möglich (cf. Faulstich 2002: 57).
Mit Hilfe des Kriteriums der „Werktreue“ - das heißt in Abhängigkeit von dem Grad der Adaption des ursprünglichen Werks an die Erfordernisse des Mediums Film und an die Vorstellungen der Filmschaffenden (cf. Wilpert 2001: 6, s.v. Adaption) - können zusammenfassend zwei verschiedene Arten der Literaturverfilmung unterschieden werden: Kreuzer (1993: 27ff) nennt hier zunächst die Illustration, die durch den Versuch einer möglichst identischen Wiedergabe der literarischen Vorlage im Film gekennzeichnet ist:
Sie hält sich, soweit im neuen Medium möglich, an den Handlungsvorgang und die Figurenkonstellation der Vorlage und übernimmt auch wörtlichen Dialog, ja unter Umständen einen längeren auktorialen
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Erzähltext, der im Off gesprochen wird, während gleichzeitig die Bilder des Films ablaufen (Kreuzer 1993: 27).
Die veränderte Wirkung des einst geschriebenen Wortes bei der Wiedergabe in einem anderen Medium scheint dabei außer Acht zu bleiben (cf. Kreuzer 1993: 27). Die interpretierende Transformation hingegen zeichnet sich weniger durch inhaltliche Übernahmen aus, sondern zielt viel mehr auf eine möglichst analoge Sinn-Wiedergabe ab. Voraussetzung ist daher erst einmal das Erfassen des „Sinn[s] des Werkganzen […], bevor entschieden werden kann, welches Detail auf welche Weise sinngerecht umzusetzen [ist]“ (Kreuzer 1993: 28). Veränderungen der Vorlage hinsichtlich Inhalt und Gestaltung sind daher logische Konsequenz. Es besteht jedoch nach wie vor eine Verbindung zwischen Film und literarischer Vorlage:
Der Terminus der Transformation hebt den Terminus der Werktreue zwar auf: das in den Film trans-formierte Buch ist eben ein anderes Werk, so weit entfernt von seinem ‚Original’ wie Buch und Film überhaupt voneinander entfernt sind. Der Terminus der Interpretation aber zeigt an, daß mit der Trans-formation der Werkbezug zum ‚Original’ dennoch nicht negiert, sondern prinzipiell festgehalten wird. Als Interpretation bezieht sich die Transformation auf das ursprüngliche Werk, ohne es ersetzen zu können. Die Interpretation steht unter dem Postulat der Angemessenheit […] (Kreuzer 1993: 28 - Her-vorhebungen im Original).
Das entscheidende Kriterium ist folglich der Grad der Transformationsleistung, wobei oftmals Mischformen vorliegen, sodass auf den ersten Blick keine eindeutige Einordnung einer Verfilmung möglich scheint. Erst die genauere Betrachtung einzelner Filmelemente erlaubt dann die Klassifizierung als Literaturverfilmung mit deren Unterkategorien (cf. Gast 1993b: 49). Darüber hinaus ergänzt Gast (1993b: 49ff) die Typologie Kreuzers um eine inhaltliche Komponente, die Unterscheidung in Adaptionsarten. Jenseits des Grads der Transformation kann also auch die Art der Adaption hinterfragt werden.
Erfolgt beispielsweise eine Aktualisierung und Anpassung des Stoffes der Vorlage für die Gegenwart, so soll dem Rezipienten die Aktualität eines Problems verdeutlich werden. Auch sind politisierende, ideologisierende oder aber gerade ausschließlich ästhetisierende oder parodierende Adaptionen möglich. Die historisierende Variante soll hingegen das „spezifisch Historische einer literarischen Vorlage […] [herausarbeiten und] es damit in das gegenwärtige Bewußtsein der Rezipienten […] rücken“ (Glas 1993b: 51). Die psychologische Adaption stellt wiederum „die psychologischen Aspekte von Personenkonstellationen und Konfliktlösungen deutlich über die Vorlage hinaus, jedoch nicht gegen sie, in den Mittelpunkt“ (Glas 1993b: 51), wohingegen popularisierende Adaptionen vor allem komplexe literarische Vorlagen zum leichteren Verständnis für ein breiteres Publikum vereinfachen und veranschaulichen wollen (cf. Glas 1993b: 51).
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Inwieweit es sich bei Binamés Verfilmung der Romanvorlage Grignons um eine Literaturverfilmung handelt und welche Einordnung hinsichtlich der Adaptionsart vorgenommen werden kann, soll die nachfolgende Analyse zeigen. Dazu werden einerseits Parallelen und Unterschiede zwischen Film und Romanvorlage auf inhaltlicher Ebene untersucht, andererseits aber auch ästhetische Vergleiche gezogen, um so die aus der literarischen Vorlage in den Film übernommenen Elemente und Akzente auf verschiedenen Ebenen betrachten zu können.
3 Analyse − − Der Film in Relation zur Vorlage − −
Ein Vergleich von Film und Roman kann verschiedenste Parallelen und Unterschiede aufzeigen. Im Folgenden sollen daher primär Film und Buch hinsichtlich Handlung und Figuren
inhaltlich vorgestellt und verglichen werden − ergänzt um die Betrachtung des für die Handlung maßgeblichen Motivs der Sünde sowie ausgewählter Erzähl- und Darstellungsformen.
3.1 Handlung und Figuren im Vergleich
Der vergleichenden Darstellung der eigentlichen Handlungen von Film und Roman soll zur besseren Orientierung ein kurzer Überblick über die jeweilige grundlegende Figurenkonstellation vorausgehen. An die Untersuchung der Handlung schließt sich dann eine ausführliche vergleichende Charakteristisierung der wesentlichen Figuren an.
3.1.1 Grundlegende Figurenkonstellation
Die Figurenkonstellation des Films kann ausgehend von der etwa zwanzigjährigen Protagonistin Donalda Laloge betrachtet werden. Ihre Mutter ist bereits vor mehreren Jahren verstorben, ihr Vater, François-Xavier Laloge, betreibt gemeinsam mit seinem Sohn und somit Donaldas Bruder, Bidou Laloge, einen Dorfladen.
Donaldas große Liebe ist Alexis Labranche. Entgegen ihren Gefühlen und ihrem Willen heiratet sie jedoch den deutlich älteren Séraphin Poudrier, um den Vater dadurch aus seiner finanziellen Abhängigkeit von diesem zu lösen. In ihrer misslichen Lage ist die Schwägerin Nanette Laloge Donaldas enge Vertraute. Weitere Figuren, die Donaldas Schicksal begleiten, sind unter anderem der Arzt, Docteur Cyprien, sowie der Priester, Curé Raudin.
Im Roman sind die 20-jährige Donalda Laloge und der hier ebenfalls zwanzig Jahre ältere Séraphin Poudrier bereits beim Einsetzen der Handlung verheiratet. Über Donaldas familiären Hintergrund wird nur wenig bekannt.
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Arbeit zitieren:
Carolin S. Widenka, 2010, Charles Binamés „Séraphin: Un homme et son péché“ - Eine Analyse der Neuverfilmung des Romanklassikers von Claude-Henri Grignon , München, GRIN Verlag GmbH
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