1. Einleitung
„Violentiam scripturae infers et ad fidei vestrae assertionem scripturas intorques“ 1 . Dieser Vorwurf eines Juden gegenüber seinem christlichen Gesprächspartner im Laufe einer Unterhaltung über ihre jeweilige Religion ist die schärfste Äußerung, die in ihrem sonst von Respekt getragenen Dialog zu finden ist. Ihre Disputatio Iudaei et Christiani reiht sich in eine Anzahl von Religionsgesprächen des 11. Jahrhunderts ein und wurde von Gilbert Crispin niedergeschrieben. Der modernen Forschung ist der Dialog in mehreren Handschriften überliefert. Erstaunlich ist jedoch, wie häufig der Disput allein im 12. Jahrhundert verbreitet wurde. Das zeugt davon, dass die Niederschrift Crispins schon große Aufmerksamkeit und Wirkung unter seinen Zeitzeugen gefunden hatte.
Im Folgenden soll deshalb untersucht werden, welche Faktoren den verschriftlichten Disput zwischen einem Juden und einem Christen so innovativ und populär machten. Dazu wird vorerst die Grundlage gelegt, indem die englische Kirche im frühen Hochmittelalter charakterisiert wird und Religionsgespräche im Mittelalter allgemein beleuchtet werden. Des Weiteren wird dargeboten, was zur Person des Gilbert Crispin wissenswert erscheint, um die Disputatio Iudaei et Christiani in dessen persönliches Umfeld einordnen zu können. Im Mittelpunkt der vorliegenden Seminararbeit steht die Analyse der Quelle Disputatio Iudaei et Christiani von Gilbert Crispin. Dazu werden zunächst ausführlich die Rahmenbedingungen des Dialogs erörtert, bevor Charakter und Tendenz des Gesprächs untersucht werden. Eine Analyse der strukturellen Aspekte hilft beim Verständnis der inhaltlichen Schwerpunkte, die abschließend nur überblicksartig besprochen werden. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang ebenso der Bezug von Crispins Schrift zu Anselm von Canterbury, bevor schlussendlich die Bedeutung des Disputs für den interreligiösen Dialog geklärt werden soll.
Alle Untersuchungen wurden mit Hilfe der lateinischen Quelle Disputatio Iudaei et Christiani und ihrer deutschen Übersetzung von Karl Werner Wilhelm vorgenommen. In der Sekundärliteratur bilden vor allem Veröffentlichungen von Anna Sapir Abulafia den Schwerpunkt in der modernen Forschung. Deshalb wurden auch für die vorliegende Arbeit zwei ihrer Schriften zur Vertiefung ausgewählt. Analyseansätze lassen sich ebenso bei Klaus Jacobi, Heinz Schreckenberg, Karl Werner Wilhelm selbst und einigen weiteren Autoren
1 Wilhelm, Karl Werner: Gilbert Crispin, Disputatio iudaei et christiani. Disputatio christiani cum gentili de fide
Christi. Religionsgespräche mit einem Juden und einem Heiden. Lateinisch - deutsch (Herders Bibliothek der
Philosophie des Mittelalters 1), Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2005, S. 31-135, hier: S. 80. In der
deutschen Übersetzung ist folgender Satz zu finden: „Du tust der Schrift Gewalt an und verdrehst die
Schriftstellen so lange, bis sie euren Glauben belegen.“ (Ebd., S. 81).
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finden. Schlussendlich soll deutlich geworden sein, was die Besonderheit von Gilbert Crispins Dialog Iudaei et Christiani im Kontext des jüdisch-christlichen Dialogs im England des 11. Jahrhunderts gewesen ist.
2. Die englische Kirche im frühen Hochmittelalter
Schon im Frühmittelalter, einer ruhigen Phase in der Judenmission, wurde die abweichende Religion der Juden zum Kennzeichen ihrer Abgrenzung, und christliche Theologen brachten früheste antisemitische Äußerungen an die Öffentlichkeit. 2 Durch den Erfolg der Gregorianischen Reform, durch die die Konzentration auf die geistlichen Aufgaben der Kirche betont werden und die Vermengung der religiösen und weltlichen Sphäre aufbrechen sollte, zerbrach schließlich die Einheit zwischen Religion und Politik in England. Die Abgrenzung der Kirche nach außen nahm zu. Weil Juden jedoch ihre Beziehungen nach außen, beispielsweise zu spanischen Moslems, weiterhin pflegten, sahen Christen in ihnen teilweise die Anführer des Teufels. Durch die ablehnende Haltung der Christen gegenüber Simonie und Wuchergeschäften, wurde schließlich hinzukommend zu den verbalen Angriffen auch die Berufstätigkeit der Juden eingeschränkt. Mit dem Zeitalter der Kreuzzüge erfolgten weitere einschneidende Veränderungen bei den Juden. Durch Gewalt wurde der religiöse Kern im Zusammenleben der zwei Religionen im 12. Jahrhundert schließlich stark zertrümmert. 3 Der Erste Kreuzzug wurde ein Meilenstein in der Geschichte der Juden. 4 Ihre Situation verschlechterte sich ab 1096 in ganz Europa. Prediger wie Bernhard von Clairvaux, die sich gegen eine Judenverfolgung aussprachen, traten nur vereinzelt auf. 5 Stattdessen wurden die Juden immer häufiger beschuldigt, dämonische Kräfte zu benutzen, um den Christen zu schaden. Historiker sind sich daher einig, dass die Ausformung von Antisemitismus im 12. und 13. Jahrhundert entscheidend voranschritt. 6 Des Weiteren belastete der englische Investiturstreit die Kirche. Der Konflikt um die Führung der englischen Kirche und die Stellung der englischen Kirche zum Papst hatten zu einem angespannten Verhältnis zu Rom geführt. 7 Nichtsdestotrotz stieg der Einfluss der
2 Vgl. Ruppert, Godehard: „Disputatio judaei cum christiano.“ Zur Judenmission im Mittelalter, in: Antes, Peter:
Christen und Juden. Ein notwendiger Dialog, Hannover 1988, S. 27-36, hier: S. 28.
3 Vgl. Ebd., S. 29.
4 Vgl. Schweitzer, Frederick M.: Medieval Perceptions of Jews and Judaism, in: Perry, Marvin: Jewish-Christian
Encounters over the centuries. Symbiosis, prejudice, holocaust, dialogue, New York 1994, S. 131-168, hier: S.
133.
5 Vgl. Ebd., S. 135.
6 Vgl. Ebd., S. 131.
7 Vgl. Goebel, Bernd: „Gilbert Crispin“, in: Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikons, Band XXX,
Nordhausen 2009, Sp. 484 - 493, hier: Sp. 486.
3
Kirche in England und die Juden wurden automatisch dazu gedrängt, ihre Identität stärker als zuvor zu behaupten. 8 Damit hatte eine rechtliche und soziale Isolierung der Juden von der christlichen Umwelt begonnen, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu einer völligen Entfremdung führte, in der der Antisemitismus nicht mehr ausschließlich religiöse Gründe haben sollte. Während die Juden im 12. Jahrhundert nunmehr zunehmend zum Außenseiter degradiert wurden, wuchs die Christengemeinde ab dem 11. Jahrhundert enger zusammen. Des Weiteren stellte sich in der Kirche eine ambivalente Haltung gegenüber den Juden ein; zum einen dominierte die Zwangsbekehrung den Kontakt zu der Mutterreligion, zum anderen predigte die Kirche Gewaltlosigkeit und wollte den Juden friedlich begegnen. 9 Durch diese sich verändernden Prozesse sahen auch die Voraussetzungen für die Judenmission in den einzelnen Jahrhunderten sehr unterschiedlich aus und machten unterschiedliche Mittel und Strategien für Mission und Dialog notwendig.
3. Religionsgespräche im Mittelalter
Godehard Ruppert beschreibt das europäische Mittelalter als einen „lebendige[n] Organismus“, in dem der Geist der Gesellschaft in der überragenden Macht der Religion verankert ist. Die Religion wiederum durchdringe alles, beseele alles, sei das verbindende Element in der Organisation und die unbestrittene Richtschnur. 10 Wenn man das Christentum des Hochmittelalters in diesem Kontext betrachtet, formte die Kirche die Wirklichkeit des alltäglichen Lebens und vermittelte einzig und allein das Heil. Während das Heidentum und der Islam in diesem Zusammenhang jedoch eine Gefahr für die christliche Religion, als auch für die Innen- beziehungsweise Außenpolitik darstellten, wurden die Juden von den Christen als religiöse und völkische Sondergruppe betrachtet, die den Christen näher standen. 11 Nichtsdestotrotz nahmen Religionsgespräche zwischen Juden und Christen stets eine Sonderstellung ein.
Die bedeutenden Faktoren in der Beziehung zwischen Juden und Christen im Mittelalter waren ihre Einstellung zueinander und ihre Haltung gegenüber dem religiösen Glauben und den Sitten der jeweils anderen. 12 Dadurch stand in keiner Weise die Demütigung
8 Vgl. Abulafia: Eleventh-century exchange of letters between a Christian and a Jew, in: Journal of Medieval
History 7 (1981), S. 153-174, hier: S. 153.
9 Vgl. Wilhelm: Gilbert Crispin, Disputatio iudaei et christiani. Disputatio christiani cum gentili de fide Christi.
Religionsgespräche mit einem Juden und einem Heiden. Lateinisch - deutsch (Herders Bibliothek der
Philosophie des Mittelalters 1), Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2005, S. 9-30, hier: S. 17.
10 Vgl. und Zitat bei Ruppert: Disputatio, S. 27.
11 Vgl. Ebd., S. 27.
12 Vgl. Abulafia: Eleventh-century, S. 153.
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oder Vorführung des Christen oder Juden im Vordergrund. 13 Stattdessen waren die jüdischchristlichen Verständigungsversuche im späten 11. Jahrhundert von einem Geist der Toleranz geprägt. 14
Religionsgespräche des Mittelalters wollten vorrangig belehren. Das Christentum versuchte sich durch die Dialoge nach außen hin eine Form zu geben, die eigene Doktrin zu verteidigen und sich des christlichen Glaubens zu vergewissern, um einen universalen Anspruch darauf geltend zu machen. Die Glaubensfundamente der Christen waren durch die zeitgenössischen Juden ins Wanken gebracht worden 15 , sodass die Christen den jüdischen Glauben fortan ernster nahmen 16 und sich eine Tradition interreligiöser Dialoge einstellte. 17 Diese Auseinandersetzungen fanden jedoch nicht nur zwischen Juden und Christen statt, sondern bezogen auch den Islam mit ein, der in missionarischer Konkurrenz zu den Christen ebenso weltweite Geltung anstrebte. Ohne auf die dritte monotheistische Religion näher eingehen zu wollen bleibt festzuhalten, dass es für die Christen eine beunruhigende Tatsache darstellte, dass der eigene Gott auch das Zentrum einer fremden Religion war. Aus diesem Grund trugen die Gesprächspartner die Religionskontroversen im Allgemeinen mit einem hohen Wahrheitsanspruch und einem hohen Risiko für die eigenen Überzeugungen aus. 18 Überdies stellten sich Theologen des späten 11. Jahrhunderts die Frage, ob man die Lehren der freien Künste ebenso auf den Glauben und die Religion anwenden könne. Der Lehrmeister Lanfranc in der französischen Klosterschule Le Bec war davon ein starker Vertreter. Als führender Logiker seiner Zeit stellte er den innovativen Versuch an, die Dialektik in seine Diskussionen mit einzubeziehen. 19 Ansätze seiner Lehre lassen sich später beispielsweise bei seinem Schüler Gilbert Crispin wieder finden.
4. Die Person des Gilbert Crispin
Bis heute wird Gilbert Crispin nachgesagt, dass er sowohl im weltlichen, als auch im geistlichen Bereich begabt war und über großes Wissen verfügte. 20 Er hatte eine
13 Vgl. Ebd., S. 159.
14 Vgl. Werner: Gilbert, S. 16.
15 Vgl. Abulafia, Anna Sapir: „Christians disputing disbelief. St Anselm, Gilbert Crispin and Pseudo-Anselm“,
in: Religionsgespräche im Mittelalter (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 4), hg. von Bernard Lewis / Friedrich
Niewöhner, Wiesbaden 1992, S. 131-148, hier: S. 132.
16 Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.
17 Vgl. Ebd., S. 17.
18 Vgl. Ebd., S. 9.
19 Vgl. Abulafia: Christian, S. 131.
20 Vgl. Evans, G.R.: Crispin Gilbert, in: Oxford Dictionary of National Biography, Oxford 2004, S. 100-101,
hier: S. 101.
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außerordentliche Befähigung zum wissenschaftlichen Denken, beherrschte alle freien Künste und zeigte überdies Talent in der Leitung und Verwaltung. 21 Nichtsdestotrotz spiegelt sein Nachname nichts von seinem Charakter wider, sondern geht auf das kurze, krause Haar seines Großvaters zurück. 22
Gilbert Crispin war 1045 als Kind einer wohlhabenden normannischen Hochadelsfamilie auf die Welt gekommen, die sehr stark mit der Benediktinerabtei Le Bec verbunden war. Aus diesem Grund wurde Gilbert schon als Kind dem Kloster als „puer oblatus“ anvertraut und legte dort als 59. Mönch das Klostergelübde ab. 23 Die Einrichtung war für ihre Ausbildung in Logik und Rhetorik bekannt und maßgeblich vom europaweit bekannten Lehrer Lanfranc geprägt. 24 Von Anfang an suchte der begabte Crispin den wissenschaftlichen Austausch mit seinen Lehrern und wurde durch seine Fortschritte in der theologischen und philosophischen Unterweisung schließlich selbst Lehrer an der Klosterschule. 25 In dieser Zeit entstand höchstwahrscheinlich auch schon die Freundschaft zu seinem Mitschüler Anselm von Aosta, dem späteren Erzbischof von Canterbury. 26 Als Crispins Lehrer Lanfranc schließlich 1070 auf Geheiß von Wilhelm dem Eroberer Erzbischof von Canterbury wurde, verließ Gilbert 1079 ebenso auf Lanfrancs Bitten hin Frankreich und ging nach England. Auf dessen Empfehlung hin wurde Gilbert Crispin dort 1085 als 4. Abt von Westminster eingesetzt und behielt diese Position bis zu seinem Tod 1117. Seinen Aufgaben und Pflichten wurde er hervorragend gerecht. Unter seiner 32jährigen Leitung stieg die Zahl der Mönche an, die Besitzungen der Abtei vermehrten sich, die Klosteranlage wurde erweitert und Töchterklöster gegründet. 27 Des Weiteren mied Crispin konsequent Streit mit den Mächtigen in einer Periode, in der die kirchliche Infrastruktur als Stütze für ein funktionierendes Staatswesen dienen sollte. Sein politisch-religiöses Wirken spielte sich vor allem während der cluniazenisch-gregorianischen Reform ab, einer Zeit, in der das Mönchstum und Christentum erneuert werden sollte. Es war eine Reform, die die Pflege der eigenen Tradition forderte und trotzdem politische Wirkung erreichen wollte. Ihre Nachfolger sollten zum Licht der Welt werden. 28 Dieses Ziel setzte sich Crispin vielleicht auch, als er am Ende des 11. Jahrhunderts seinen jüdisch-christlichen Dialog Disputatio Iudaei et Christiani niederschrieb.
21 Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 485.
22 Vgl. Evans: Crispin, S. 100. Das lateinische Wort ‚crispus’ bedeutet ‚gekräuselt’.
23 Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 484.
24 Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.
25 Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 484.
26 Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.
27 Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 485.
28 Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 11f.
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Carolin Günther, 2010, Jüdisch-christlicher Dialog im England des 11. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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