Urbanistik und Ökologie. Wie nachhaltig ist das Leben in der Stadt?


Masterarbeit, 2018
129 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Zielsetzung
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Theoretische und historische Grundlagen
2.1. Definitionen und theoretische Begriffe
2.2. Historische Entwicklungen von Stadt und Kultur
2.3. Gegensatze des modernen Stadtlebens am Beispiel Australien

3. Urbanisierung und Nachhaltigkeit
3.1. Modelle der Nachhaltigkeit
3.2. Evaluierung relevanter Lander
3.3. Okonomische, okologische und soziale Parametrisierung
3.3.1 Okologische Indikatoren
3.3.2 Okonomische Indikatoren
3.3.3 Soziale Indikatoren
3.4. Auswertung und Konklusion der Daten

4. Losungen und Perspektiven
4.1. Smart City: Ein Modell der Zukunft?
4.2. Potenziale der Dezentralisierung und Desurbanisierung
4.3. Gemeinschaften und solidarische Landwirtschaft

5. Fazit und Diskussion

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

Das Leben in GroGstadten, Metropolen und Megastadten gilt heutzutage als normal und unumstoGlich. Diese reprasentieren Wachstum, Wohlstand und technischen Fortschritt. Doch mit zunehmender StadtgroGe wachsen auch die alltaglichen Herausforderungen und mit ihnen die okologischen Probleme. Das erklarte Ziel der vorliegenden Masterarbeit ist daher, herauszufinden, ob das gegenwartige Konzept der Stadt bzw. das der Urbanisierung grundsatzlich nachhaltig ist. Die in dieser Arbeit aufgestellten Hypothesen sind zum einen, dass in der Stadt lebende Menschen mehr Ressourcen und produktive Flachen verbrauchen als Menschen in landlichen Regionen und dass zum anderen der Ressourcenverbrauch pro Einwohner parallel zur GroGe der Stadt steigt. Urn diese Hypothesen belegen zu konnen, werden im Hauptteil, nach der Definition des allgemeinen Stadt- und Nachhaltigkeitskonzepts und eines geschichtlichen Abrisses zur Entstehung der Zivilisation und der damit verbundenen modernen Stadtentwicklung, einige Industrie- und Schwellenlander mittels demografischer, okologischer, okonomischer und sozialer Indikatoren ausgewahlt und global miteinander verglichen. Der allgemeinen Aussage, dass das Siedlungsmodell der Stadt die beste und nachhaltigste Lebensform der Menschen darstellt, ist nach dieser vorliegenden wissenschaftlichen Analyse jedoch zu widersprechen bzw. nur bis zu einer gewissen StadtgroGe vertretbar. Als mogliche alternative Losungs- konzepte, hinsichtlich der global wachsenden Urbanisierung, dienen abschlieGend Konzepte wie Smart Cities Oder die dezentrale Rekultivierung von Dorfern bzw. Okodorfern im Rahmen einer gezielten Desurbanisierung.

Abstract

Life in cities, metropolises and megacities is now considered as normal and irrefutable. They represent growth, prosperity and technical progress. However, as the size of a city grows, so everyday challenges increase as well and, with them, the environmental issues. The stated goal of the present master thesis is therefore to find out whether the current concept of cities or that of urbanization is sustainable or not. The hypotheses presented in this paper are, on the one hand, that people living in cities consume more resources and productive areas than people in rural areas, and on the other hand, that the resource use per inhabitant increases in line with the size of a city and an agglomeration. In order to prove these hypotheses, in the main part, after a definition of the general urban and sustainability concept and a historical outline of the origin of civilization and the associated modern urban development, some industrialized and emerging countries will selected and compared globally based on demographic, ecological, economic and social indicators. The general statement that the settlement model of a city represents the best and most sustainable way of human life, however, is according to this scientific analysis to contradict or at least justifiable to a certain size of a modern city. Concluding concepts such as smart cities or the decentralized recultivation of villages or ecovillages in context of a targeted desurbanization serve as possible alternative solution concepts with regard to a globally growing urbanization.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Abgrenzungen der Metropolregionen in Deutschland (2010)

Abbildung 2: Bevolkerungsdichte China und Indien

Abbildung 3: Zeitschiene der industriellen Revolution

Abbildung 4: Erwerbstatige in Deutschland (1800 bis 1914)

Abbildung 5: Zusammenhang zwischen Ressourcennutzung und Einkommen

Abbildung 6: Bevolkerungsdichte Australien (2010)

Abbildung 7: Weltweiter Ressourcenverbrauch (1900 bis 2009)

Abbildung 8: Drei-Saulen-Modell der Nachhaltigkeit

Abbildung 9: Gewichtetes Saulenmodell der Nachhaltigkeit

Abbildung 10: Zauberscheiben der Nachhaltigkeit

Abbildung 11: Okologischer FuGabdruck im globalen Vergleich

Abbildung 12: Okologische Schuldner- und Glaubigerlander (2005)

Abbildung 13: Verstadterungsgrad und Metropolen im globalen MaGstab

Abbildung 14: Klima-Risiko-Index (2010)

Abbildung 15: Energiebedingte C02-Emissionen pro Kopf(2010)

Abbildung 16: Treibhausgas-Emissionen nach Wirtschaftsbereiche (2010)

Abbildung 17: Weltweite Erosionsgefahrdung durch Wasser (1998)

Abbildung 18: Globale Bergbau-Projekte (2015)

Abbildung 19: Globale Materialgewinnung (1900 und 2010)

Abbildung 20: Summe erneuerbare Wasserressourcen pro Kopf in m[3] (2013)

Abbildung 21: Weltweite Konzentration von Feinstaub (2008 bis 2015)

Abbildung 22: BIP pro Kopf und Lebenszufriedenheit (2014)

Abbildung 23: Vergleich globales GDP und GPI pro Kopf (2013)

Abbildung 24: Globale Bruttostaatsverschuldung (2015)

Abbildung 25: Globaler Schuldenstand (2013)

Abbildung 26: Schutz der Menschenrechte im globalen Vergleich (2014)

Abbildung 27: Menschenrechtsvorwurfe nach Sektoren (2005 - 2007)

Abbildung 28: Globale Risiken nach Regionen (2016)

Abbildung 29: Globale Smart Cities (2025)

Abbildung 30: Urbanisierungsphasen der Stadtentwicklung

Abbildung 31: Polyzentrische Verflechtungsbeziehungen einer Region

Abbildung 32: Der 2.000 m[2] Weltacker (Zukunftsstiftung Landwirtschaft)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Allgemeine Stadttypen

Tabelle 2: StadtgroGen Indien (2011) und China (2014)

Tabelle 3: Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Industrienationen

Tabelle 4: StadtgroGen Australien (2012)

Tabelle 5: Daten okologischer Schuldnerlander (2013)

Tabelle 6: Daten okologischer Glaubigerlander (2013)

Tabelle 7: Daten der groGten Schuldnerlander (2016)

Tabelle 8: Lage der 20 groGten Metropolen (2015)

Tabelle 9: C02-Emissionen pro Kopf der Industrielander (2012 und 2015)

Tabelle 10: C02-Emissionen pro Kopfder Schwellenlander (2012 und 2015)

Tabelle 11: Lander mit den meisten Bergbau-Projektentwicklungen (2015)

Tabelle 12: Vergleich Primarenergieverbrauch (2005, 2010 und 2015)

Tabelle 13: Primarenergieverbrauch Industrielander (2010 und 2016)

Tabelle 14: Primarenergieverbrauch Schwellenlander (2010 und 2016)

Tabelle 15: Endenergieverbrauch nach Sektoren fur Deutschland und USA

Tabelle 16: Feste Siedlungsabfalle der Industrielander (2011)

Tabelle 17: FesteSiedlungsabfalle der Schwellenlander (2011)

Tabelle 18: Bruttoinlandsprodukt der Industrielander (2016)

Tabelle 19: Bruttoinlandsprodukt der Schwellenlander (2016)

Tabelle 20: Vermogensverteilung der Industrielander (2016)

Tabelle 21: Vermogensverteilung der Schwellenlander (2016)

Tabelle 22: Soziale Indikatoren der Schwellenlander

Tabelle 23: Soziale Indikatoren der Industrielander

Tabelle 24: Wohlstandsindikatoren der Industrielander

Tabelle 25: Wohlstandsindikatoren der Schwellenlander

Tabelle 26: Gedankenexperiment: Flachenaufteilung fur Industrielander

Tabelle 27: Gedankenexperiment: Flachenaufteilung fur Schwellenlander

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Die Frage heute ist, wie man die Menschheit uberreden kann, in ihr eigenes Oberleben einzuwilligen.“[1]

Uber sieben Milliarden Menschen bewohnen inzwischen den Planeten Erde. Dass dies uberhaupt moglich ist, liegt an der perfekten Position in unserem Sonnen- system. Nicht nur die Schonheit des blauen Planeten mag uberaus beeindrucken, auch bietet dieser alle notwendigen Bedingungen fur die Entstehung von Leben. Die dabei zugrundenliegende Ordnung und Genauigkeit mag in vielerlei Hinsicht beeindrucken. Sei es der richtige Abstand zur Sonne, die prazise Umlauf- geschwindigkeit der Erde, die perfekt gekrummte Erdachse von exakt 23,5 Grad, die einen angemessenen Wechsel von Tag, Nacht und der Jahreszeiten veranlasst, die Atmosphare, die durch eine ideal zusammengesetzte Mischung von Gasen zum Wachstum und Erhalt aller Lebewesen beitragt und obendrein schadliche Strahlung aus dem Weltraum blockiert, Oder das existenziell und lebensnotwendige Element Wasser bereitstellt. Es sind wahrlich viele Faktoren und derzeit gibt es keinen Planeten in unserem Sonnensystem, auf dem das Leben fur den Menschen und anderer Lebensformen geeigneterer ware als dieser. Und doch verhalt sich die menschliche Spezies so, als ob sie noch einen zweiten Oder dritten Planeten als Reserve im Rucksack hatte Oder diesen schon morgen mit Lichtgeschwindigkeit verlassen konnte.

Mit Beginn der industriellen Revolution, sprich seit Mitte des 18. Jahrhunderts, hat der Mensch begonnen, maGgeblich in die Natur einzugreifen, so progressiv, wie es Jahrtausende vorher nicht moglich gewesen war. Der Auftrag Gottes, geschrieben im ersten Buch der Bibel „Seid fruchtbar und mehret euch und fullt die Erde und macht sie euch untertan" wurde in der Geschichte des Menschen offensichtlich in vielen Fallen missverstanden und lieG den verantwortungsvollen Umgang mit der Schopfung meist als unwichtig erscheinen.[2] Es obsiegte der unnachgiebige Drang nach technischem Fortschritt und materiellem Wohlstand.

Besonders in den letzten Jahrzehnten wurde eine Reihe von okologischen Belastungsgrenzen des Planeten ausgereizt respektive schon weit uberschritten. Diese Belastungsgrenzen wurden erstmals 2009 in einem wissenschaftlichen Konzept der ..Planetary Boundaries" definiert und fanden seither internationale Anerkennung in der Klimapolitik. Grenzwerte sollten in diesem Rahmen globale Umweltveranderungen aufzeigen und die Widerstandskraft und Stabilitat des Erdsystems verdeutlichen. Das Potsdam-lnstitut fur Klimafolgenforschung (PIK) konstatierte 2015 basierend auf Daten dieser Grenzwerte, dass vier der insgesamt neun planetarischen Grenzen bereits uberschritten seien, besonders betreffend die des Klimawandels und des Artensterbens.[3] Dass hierbei explizit die Bereiche Landwirtschaft und Ernahrung fur die Uberschreitung dieser vier Belastungs­grenzen verantwortlich sind, beschrieb Dr. Meier von der Martin-Luther-Universitat Halle-Wittenberg in seinem Konzept der Belastungsgrenzen. Durch eine exzessive Uberdungung werden zum Beispiel Stickstoff- und Phosphorkreislaufe negativ beeintrachtigt und Landflachen sowie lebende Organismen unabanderlich zerstort.[4] Im gleichen MaGe ubersteigen auch andere okologische Prozesse, wie beispielsweise die Ozeanversauerung, die flachendeckende Abholzung, die Verunreinigung der Luft und des Wassers durch Chemikalien, Oder der hohe SuGwasserverbrauch, vielerorts regionale Grenzen.

Durch die westliche Doktrin der Wirtschaftlichkeit (Produktion und Konsum) sowie des maGlosen Wettstreits nach Wettbewerbsvorteilen (zukunftige Gewinne) ist eine Besserung dieser Entwicklung in naher Zukunft kaum abzusehen. Speziell die groGe Diskrepanz zwischen Okonomie und Okologie ist heutzutage unubersehbar. Dies bemangelt auch Johan Rockstrom vom Stockholm Resilience Centre, Leiter des Konzepts der okologischen Grenzen: Er bezeichnet die sozialen und okologischen Nachhaltigkeitsziele mittlerweile als Beiwerk der Okonomie und mahnte, dass es ohne intakte Okosysteme keine wirtschaftliche Entwicklungen geben kann.[5] Dieser Zustand ist vielen Politikern bekannt, doch angesichts der vielen Herausforderungen (Klimawandel, Bevolkerungswachstums, Sicherung der Arbeitsplatze, Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung, Terrorismus) greifen viele politische Anpassungsversuche oft ins Leere.

Zu schwer scheinen alle Faktoren, unter der MaGgabe okonomischer Vorgaben, zu vereinen. Besonders das Thema der Bevolkerungszunahme macht vielen politischen Institutionen und Organisationen schwer zu schaffen. Lebten noch vor ungefahr 2000 Jahren lediglich 300 Millionen Menschen auf der Erde, dauerte es 1600 Jahre bis sich diese Zahl verdoppelte. AnschlieGend dauerte es nur noch 300 Jahre, bis sich diese Zahl erneut verdoppelte. Besonders in dieser kurzen Zeitspanne von nur 300 Jahren wurden erste gesellschaftliche Veranderungen durch den Beginn der Industrialisierung, der steigenden Produktivitat sowie der Verfugbarkeit fossiler Energien spurbar, was folglich den Anstieg der Bevolkerung entscheidend beeinflusste. Zudem wurden Menschen zu dieser Zeit vor allem durch verbesserte hygienische und medizinische Entwicklungen zunehmend alter. Bis 1950 stieg dann die Zahl der Menschen auf 2,5 Milliarden Menschen, sprich um 50 Prozent. Weniger als 70 Jahre hat es seither gedauert, um diese Zahl auf ungefahr 7,5 Milliarden Menschen zu verdreifachen.

Aus einer 2015 veroffentlichten Studie der Vereinten Nationen (UNO) ging hervor, dass die Weltbevolkerung im Jahr 2050 auf knapp zehn Milliarden Menschen anwachsen wird.[6] Aktuell kommen weltweit uber 80 Millionen Menschen pro Jahr hinzu, was ungefahr der BevolkerungsgroGe Deutschlands entspricht. Der groGte Bevolkerungszuwachs wird dabei Afrika widerfahren, welches sich bis 2050 auf rund 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln wird. Doch nicht nur Afrika wird diese Entwicklung zu spuren bekommen, fast alle Lander werden davon betroffen sein. Denn nicht nur die quantitative Aussage, dass die Weltbevolkerung weiter steigt - wenn auch inzwischen etwas langsamer -, gibt Anlass zur Sorge, es ist vielmehr die Art und Weise, wie und in welchen Regionen Menschen zusammenleben. Lebten im Jahr 1950 nur ungefahr 30 Prozent der Weltbevolkerung in Stadten, also etwa 750 Millionen Menschen, werden nach Schatzungen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 uber zwei Drittel der Menschen in stadtischen Gebieten leben. Das entspricht einer absoluten Zahl von uber 6 Milliarden Menschen und einer Verdopplung der Stadtbevolkerung in weniger als 50 Jahren.[7] In den kommenden Jahrzehnten muss die Welt demzufolge zwei Milliarden Menschen zusatzlich aufnehmen und versorgen konnen, was gerade in urbanen Regionen groGe Herausforderungen herbeifuhren wird.

In Anbetracht knapper Ressourcen und des Klimawandels gibt es vielfaltige und komplexe Anforderungen, die eine moderne Stadt respektive GroGstadt des 21. Jahrhunderts erfullen muss. Diese waren beispielsweise die Sicherung von Arbeitsplatzen, die Bereitstellung bezahlbarer Wohnungen, die Gewahrleistung von Sozialleistungen, die Beseitigung von Umweltverschmutzungen, die hohe Nachfrage nach Energie, Lebensmitteln und anderen Luxus- und Konsumgutern, Finanzierungen in Bildung und Gesundheit Oder auch Investitionen in Sicherheit, Forschung und Entwicklung sowie der offentlichen Infrastruktur.

Viele dieser Anforderungen konnen Stadte ihren Einwohnern fur gewohnlich gewahrleisten, dennoch wurden besonders in den letzten Jahrzehnten viele urbane Entwicklungsprozesse durch unerwartete Umweltkatastrophen, soziale Unruhen Oder andere Risiken bedroht und unterbrochen. Speziell der Klimawandel, ob nun menschengemacht Oder nicht, spielt hierbei eine ganz entscheidende Rolle, denn derzeit haben nur vier der 20 groGten Stadte der Welt keinen Kustenbezug.[8] Das bedeutet fur viele Regionen eine Gefahr durch den Anstieg des Meeresspiegels. Auch die zunehmende Flachenversiegelung durch Verkehr und Siedlungsgebiete, Gewerbe- und Industrieanlagen sowie die sich ausdehnende Bodendegradierung durch industrielle Land- und Forstbetriebe heizen den Prozess des Klimawandels zusatzlich an. Viele Menschen werden auf Grund von Durreperioden, Ernteausfalle und Hungersnoten, Uberschwemmungen und Sturmen zunehmend gezwungen angestammte Siedlungsgebiete zu verlassen. Nach Schatzungen der Internationalen Organisation fur Migration (IOM) konnte die Zahl der Klimafluchtlinge bis 2050 weltweit auf 200 Millionen Menschen ansteigen, einzelne Vorhersagen gehen sogar von bis zu einer Milliarde aus.[9] Auf der Suche nach Hoffnung, Sicherheit und materiellem Wohlstand werden viele Kriegs- und Klimafluchtlinge in moderne Stadte ziehen. Diese groGen Fluchtlings- bewegungen hatten fur viele Lander drastische okonomische, okologische und soziale Folgen, die sich heute noch gar nicht abschatzen lassen. Laut Angaben der Vereinten Nationen, wird die Zahl der Megastadte, also Stadte, in denen mindestens 10 Millionen Einwohner leben, bis 2030 auf uber 40 ansteigen.[10] Die Folge ware eine Ausbreitung urbaner Ballungsraume unbekannten AusmaGes.

1.1. Problemstellung

Uber die Konsequenzen unseres Handels und modernen Zusammenlebens gab es bereits unzahlige politische und mediale Diskussionen wie wissenschaftliche Publikationen. Auch gegenwartig gibt es eine Vielzahl an Untersuchungen, die sich mit gezielten Themen der Urbanitat bzw. Urbanistik im Rahmen der Okologie auseinandersetzen. Nachhaltige Konzepte zur Stadtentwicklung, MaGnahmen zur Reurbanisierung der Innenstadt, Berechnungen zu Investitionen in offentliche Infrastrukturen, Untersuchungen zur Komplexitat urbaner Systeme, strategische Positionierungen der Stadte im regionalen Wettbewerb, Entwurfe neuester Mobilitats- und Wohnkonzepte, internationale Vergleiche durch Kennzahlen wie StadtgroGe und Typologie Oder einfache Rankings hinsichtlich der beliebtesten und attraktivsten Stadte und Lander. Die Palette der verschiedenen Themen konnte unterschiedlicher nicht sein. Auch das Thema der sogenannten Smart Cities (intelligente Stadte) wurde in den letzten Jahren mehrfach debattiert.

Das deutsche Bundesinstitut fur Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und Fraunhofer-lnstitut fur Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) fordern in ihrer neuesten Studie zu Smart Cities, dass die digitale Transformation zukunftig forciert und seitens der Kommunen nachhaltig gestaltet werden muss.[11] Zu dieser Studie wurde sogar eine explizite Smart-City-Charta mit dedizierten Leitlinien und Handlungsempfehlungen deklariert. Auch in diesem Zusammenhang fallen gern Schlagworte wie Industrie 4.0 und Big Data. Was diese Begriffe im normalen Alltag genau zu bedeuten haben, ist fur viele Menschen meist noch immer unklar. Im Kern haben alle diese Untersuchungen jedoch eines gemein: Es wird selten daruber nachgedacht, das gegenwartige Leben in der Stadt bzw. das Konzept der Urbanisierung grundsatzlich zu hinterfragen. Denn in Anbetracht der GroGe der Erde und der Herausforderungen innerhalb grower Ballungsgebiete soil in dieser wissenschaftlichen Abhandlung untersucht werden, ob es aus okonomischer, okologischer und sozialer Sicht uberhaupt notwendig und nachhaltig ist, dass Menschen urban und raumlich konzentriert zusammenleben.

1.2. Zielsetzung

Die Frage nach der „artgerechten Menschenhaltung", wie sie unter anderem vom osterreichischen Biologen und Wissenschaftstheoretiker Prof. Dr. Franz Wuketits formuliert wurde, konnte brisanter nicht sein. Dass der Mensch ein geborenes Kleingruppenwesen ist, demnach allein und isoliert nicht lang uberleben kann, ist aus evolutionarer Sicht langst bekannt, doch welchen Einfluss hat eine anonyme Massengesellschaft auf das Verhalten der Menschen und dessen Umwelt?[12] 1st es dem einzelnen Menschen in einer zivilisierten Gesellschaft uberhaupt moglich, in dieser Form nachhaltig, verantwortungsbewusst und im Einklang mit der Natur zu leben? Im Rahmen dieser Arbeit sollen dazu zwei Hypothesen aufgestellt und im gleichen Zuge bearbeitet werden:

1. Menschen verbrauchen in raumlich dichten Gebieten mehr Ressourcen und Flachen als Menschen auf dem Land.
2. Der Ressourcenverbrauch steigt pro Einwohner, je hoher die raumliche Agglomeration, sprich sich verdichtende Ballungsgebiete.

Durch den Versuch diese Thesen zu belegen, soil aufgezeigt werden, dass es einen Zusammenhang zwischen agglomerierten Bevolkerungen und dem hohen Verbrauch weltweit wichtiger Ressourcen gibt. Es soil ferner nachgewiesen werden, dass dicht bewohnte GroG- und Megastadte einen entscheidenden Einfluss auf den Klimawandel haben. Im Anschluss dieser Untersuchungen soil veranschaulicht werden, dass die Zentralisation der Menschen in einer Stadt oftmals weniger okonomisch, okologisch und sozial effizient ist, als raumlich dezentral verteilte Menschen. Obschon Stadte eine wichtige Errungenschaft der Menschheitsgeschichte darstellen und viele gesellschaftliche Vorzuge bieten, muss in Anbetracht endlicher Ressourcen untersucht werden, ob stadtische Gebiete ausnahmslos raumlich wachsen durfen respektive, ob es bezuglich maximal zulassiger StadtgroGen nicht sogar feste Grenzen geben sollte. Mit der Beantwortung dieser Fragestellungen beschaftigt sich nun die vorliegende Arbeit.

1.3. Aufbau der Arbeit

Zu Beginn der Arbeit wird es darum gehen, erste Definitionen zum Thema Urbanistik und Okologie vorzunehmen. Dabei sollen gezielte Abgrenzungen dieser Begriffe vorgenommen und die fur die Arbeit wesentlichen Schwerpunkte kenntlich gemacht werden. Danach folgt eine kurze Ubersicht zur historischen Entwicklung der Urbanisierung sowie Entstehung erster Zivilisationen. Im Fokus steht dabei die Fragestellung, warum der Mensch angefangen hat, sich in urbanen Gebieten niederzulassen und welche Voraussetzungen diesem Prozess zugrunde lagen. Als letzten Punkt des ersten Kapitels sollen Vor- und Nachteile respektive die Gegensatze des zivilisierten und urbanen Stadtlebens erortert werden.

Im Hauptteil dieserArbeit geht es darum, den Begriff der Urbanisierung im Kontext der Nachhaltigkeit zu stellen. Nach einer kurzen theoretischen Beschreibung des Drei-Saulen-Modells der Nachhaltigkeit soil eine bestimmte Auswahl von Landern, die im weiteren Verlauf der Arbeit immer wieder betrachtet werden, nach okonomischen, okologischen und sozialen Parametern und Indikatoren (wie z. B. das Konzept des okologischen FuGabdrucks, Klimawandel und C02-Emissionen, das Bruttoinlandsprodukt, Staatsverschuldung und Einkommensverteilung sowie Menschenrechte) dargestellt und miteinander verglichen werden. Im Anschluss erfolgt eine Zusammenfassung hinsichtlich der aufgestellten Hypothesen.

Da das Thema der Smart Cities mittlerweile ein vielversprechendes Modell der Zukunft darstellt, sollen im letzten Kapitel (Losungen und Perspektiven) einige kurz vorgestellt und im Rahmen der Nachhaltigkeit vereinzelt uberpruft werden. Demgegenuber soil das Konzept der Desurbanisierung beschrieben werden und aufzeigen, inwiefern es nachhaltiger ware, dorfliche Strukturen wieder raumlich zu erschlieGen, autarke Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften politisch zu fordern und intelligent zu vernetzen. Dabei soil besonders ersichtlich werden, ob dringliche umweltpolitische Veranderungen im Sinne des nachhaltigen Lebens nur mittels staatlich autoritarer Anordnungen (z. B. durch Grenzwerte Oder Gesetze) erreicht werden konnen Oder ob es sozio-okologisch effizienter ware, diesen Wandel durch die Starkung der Eigenverantwortung des Einzelnen in kleinen Gemeinschaften auGerhalb konzentrierter Ballungsgebiete zu erreichen.

2. Theoretische und historische Grundlagen

In diesem Kapitel soil es zu aller erst darum gehen, theoretische Begriffe, die fur diese Arbeit relevant sind, genauer zu definieren und von anderen thematischen Begriffen abzugrenzen. AnschlieGend soil dargelegt werden, welche Ereignisse historisch entscheidend waren, dass sich Menschen zuerst in kleinen Siedlungen und spater in GroGstadten niedergelassen haben. Am Ende des Kapitels sollen die heutigen Vor- und Nachteile bzw. grundlegenden Gegensatze des modernen Stadtlebens gegenubergestellt und unter Verwendung okologischer Konzepte (am Beispiel von Australien) naher beschrieben werden.

2.1. Definitionen und theoretische Begriffe

Urn erklaren zu konnen, warum der Mensch begonnen hat, urbane Regionen zu besiedeln, muss zunachst erkennbar werden, was uberhaupt eine Stadt ist. Der Versuch eine genaue Definition herauszuarbeiten und dem Typus Stadt wesentliche Merkmale zuzuschreiben, vollzog sich uber viele Jahrhunderte. Waren es im 19. Jahrhundert vorwiegend okonomische und rechtliche Attribute, wurden im darauffolgenden Jahrhundert erweiterte Stadtbegriffe mit zusatzlichen Kriterien wie z. B. Typografien und Statistiken versehen. Eine allgemeingultige Begriffsbestimmung innerhalb der aktuellen Stadteforschung lieferte zuletzt der deutsche Historiker Franz Irsigler. Erformulierte dazu:

„Stadt ist eine vom Dorf und nichtagrarischen Einzwecksiedlungen unter- schiedene Siedlung relativer Gro&e mit verdichteter, gegliederter Bebauung, beruflich spezialisierter und sozial geschichteter Bevolkerung und zentralen Funktionen politisch-herrschaftlich-militarischer, wirtschaftlicher und kultisch- kultureller Art fur eine bestimmte Region Oder regionale Bevolkerung,“[13]

Irsigler verwies hiermit erstmals auf zeitlich und raumlich kontextualisierte Stadttypen. Weitere Indikatoren wie GroGe und Einwohnerzahl (vgl. Tabelle 1), Rechtsstatus, Stadtgestaltung, Marktfunktionen und andere soziologische Aspekte gelten in der Wissenschaft mittlerweile als anerkannt.[14]

Tabelle 1: Allgemeine Stadttypen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um Stadte untereinander differenzieren zu konnen, wird der Stadtbegriff daruber hinaus zusatzlich in statische, rechtlich-historische und geographische Aspekte unterschieden.[15] Der statische Stadtbegriff hat dabei nur wenig Aussagekraft, denn bei der Festlegung von MindestgroGen der Stadttypen kommt es im internationalen Vergleich immer wieder zu graven Abweichungen. Wohingegen beispielsweise in Island Siedlungen ab 200 Einwohnern als Stadt gelten, benotigt eine Stadt in Japan mindestens 50.000 Bewohner. Der rechtlich-historische Stadtbegriff war vor allem wahrend des Mittelalters gangig und verlieh der Gemeinde durch Einfuhrung eines allgemein gultigen Stadtrechts den Status einer Stadt. Die strikte Trennung zwischen Stadt und Umland vollzog sich seinerzeit durch die Etablierung von Stadtmauern, welche noch heute pragende Wahrzeichen vieler historischer Stadte darstellen. Im Zuge der Industrialisierung und des technischen Fortschritts losten sich diese sichtbaren Grenzen dann zunehmend auf, wodurch der rechtlich-historische Stadtbegriff innerhalb der Stadtforschung weitestgehend an Bedeutung verlor.

Der geographische Stadtbegriff hingegen ist weitaus komplexer und unterliegt genaueren Bestimmungskriterien, die eine noch genauere epochen- und kultur- ubergreifende Charakterisierung der Stadt zulassen.[16] Zu diesen Kriterien zahlen, neben der Zentralitat und einer gewissen MindestgroGe der Bevolkerung und Flachen, hohe Bebauungs-, Wohnstatten- und Arbeitsplatzdichte sowie einer stetigen Zunahme des allgemeinen Verkehrsaufkommens.

Weitere Kriterien, wie die funktionsraumliche Gliederung in Wohnviertel Oder die Abhangigkeit vom Umland und dessen Ressourcen, beschreiben daruber hinaus das Charakteristikum einer Stadt. Obschon Stadte allgemein als technologische Innovationszentren gelten, ist es an dieser Stelle wichtig zu erwahnen, dass viele nicht-landwirtschaftliche bzw. moderne Berufe erst durch landwirtschaftlich produzierte Uberschusse an Nahrungsmitteln hervorgebracht wurden und somit langfristig gesichert wurden. Denn ohne ausreichend Nahrungsmittel mangelte es in der Geschichte immer schnell an essentiellen Mitteln zum Leben.

Um strukturelle Veranderungen der Siedlungs- und Erwerbsbereiche sowie Merkmale stadtischer Lebensweisen qualitativ messen zu konnen, wurde in der Vergangenheit der Begriff Urbanitat (lateinisch: urbanus, stadtisch) gepragt.[17] Dieser Begriff ist demnach „ein integrativer Ausdruck aller Faktoren, die stadtische Verhaltens-, Wesens- und Wirtschaftsweisen ausmachen".[18] Auch die vielfaltigen Lebensstile der Menschen, stadtebaulichen Besonderheiten und kulturellen Institutionen werden unter diesem sehr komplexen Begriff der Urbanitat zusammengefasst. Urbanitat wird daruber hinaus meist mit dem Begriff der Urbanisierung (lateinisch: urbs, Stadt) bzw. Verstadterung gleichgestellt. Wobei auch diese beiden Begriffe voneinander zu unterscheiden sind.

Wohingegen die Verstadterung Faktoren zur Vermehrung, VergroGerung und Ausdehnung von Flachen und Menschen sowie das Verhaltnis zu landlichen/nicht- stadtischen Siedlungen beinhaltet, wird bei der Urbanisierung die Ausbreitung der Urbanitat zusatzlich mit berucksichtigt.[19] Bei der Urbanisierung geht es also vermehrt um sozialgeographische Einflussfaktoren, wie z. B. lokales Verhalten Oder Mobilitat, die wahrend der Verstadterung eine zentrale Rolle spielen. Nach Schatzungen der Vereinten Nationen liegt der derzeitige Verstadterungsgrad der Weltbevolkerung bei uber 50 Prozent, das heiGt derzeit leben mehr als die Halfte der Menschen weltweit in Stadten. Tendenz steigend.

Ein weiterer Prozess, der in diesem Zusammenhang erlautert werden muss und im weiteren Verlauf noch eine wichtige Rolle einnehmen wird, ist die Ansammlung und Verdichtung von Menschen sowie Wohn- und Industriegebieten, allgemein bezeichnet als Agglomeration (lateinisch: agglomerare, fest anschlieGen).

Agglomerationen charakterisieren sich meist durch zusammenhangende Ballungsgebiete und einer regionalen Konzentration des Umlandes an das Zentrum der Stadt. Nach Definition der Vereinten Nationen setzen sich diese Ballungsgebiete meist aus einzelnen Vorstadtgemeinden zusammen und liegen auGerhalb Oder nahe der Stadtgrenzen. Diese bilden wiederum den sogenannten Agglomerationsgurtel respektive Speckgurtel. Verglichen mit anderen Landern ist in Deutschland die stadtische Konzentration bzw. raumliche Agglomeration noch recht gering, was sich insbesondere auf die vermehrt dezentralen Stadtsysteme zuruckfuhren lasst (vgl. Abbildung 1).[20]

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Abbildung 1: Abgrenzungen der Metropolregionen in Deutschland (2010)[21]

Doch durch das schnelle Wachstum der Stadte und dem rasanten Anstieg der Bevolkerung durch groGflachige Land-Stadt-Bewegungen vollzog sich in den letzten Jahrzehnten ein Prozess zunehmender Metropolisierung, welcher den raumlichen Abstand zwischen Metropolen und landlichen Regionen zunehmend verringerte.

Besonders Schwellenlander wie China und Indien, die derzeit ein Drittel der Weltbevolkerung beherbergen, weisen signifikant hohe Bevolkerungsdichten bzw. einen hohen Metropolisierungsgrad auf (zur Veranschaulichung vgl. Abbildung 2).[22] Das MaG der Bevolkerungsdichte ergibt sich dabei aus dem Quotienten der Bevolkerung und der jeweiligen Gebietsflache und beschreibt demzufolge die allgemeine Bevolkerungsverteilung im Land.

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Abbildung 2: Bevolkerungsdichte China und Indien

Wenngleich einige andere Lander im internationalen Vergleich noch hohere Bevolkerungsdichten als China und Indien aufweisen, ist vor allem in diesen Landern infolge der rasanten okonomischen Entwicklung, zukunftig mit einer zunehmenden Megapolisierung bzw. Metropolisierung zu rechnen.

Im Gegensatz zur Metropolisierung, die sich durch eine raumliche Konzentration einer Oder mehrerer Metropolen (griechisch metropolis, Mutterstadt) sowie einer Einwohnerzahl von mehr als einer Million kennzeichnet, werden bei der Megapolisierung meist Megastadte (Megacities) mit mehr als 10 Millionen Einwohnern erfasst.[23] Genaue theoretische Abgrenzungen einzelner Stadt- und Siedlungstypen zu definieren, ist angesichts der sehr dynamischen und rasanten Verstadterungsprozesse recht komplex, jedoch muss in diesem Zusammenhang klar zwischen Millionenstadten bzw. Metropolen und graven raumlichen Metropol- regionen unterschieden werden. In Shanghai, einer der groGten Metropolregionen in China, schwankt die Einwohnerzahl je nach Betrachtung zwischen 15 und 30 Millionen Einwohnern. In der Innenstadt selbst leben in etwa 15 Millionen Einwohner, in den anliegenden Stadtbezirken und GroGgemeinden weitere 8 Millionen. Hinzu kommen mehrere Millionen temporare Bewohner mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung.

Solch riesige Metropolregionen bzw. Megastadte, die durch monozentrische Strukturen und Bevolkerungsdichten von sogar uber 2.000 Einwohner pro km[2] charakterisiert sind, werden in den nachsten Jahrzehnten voraussichtlich an ihre raumlichen Grenzen und logistischen Kapazitaten kommen. Doch wird sich der Verstadterungsdruck sehr wahrscheinlich auf zahlreiche andere Millionenstadte ausweiten und verteilen. Nach Angaben des Department of Economic and Social Affairs (DESA) der Vereinten Nationen werden sich bis 2050 zwei von drei Menschen in graven Metropolregionen niederlassen, sprich weitere 2,5 Milliarden Menschen.[24] Das verdeutlichen insbesondere die rasanten sozialgeographischen Entwicklungen im asiatischen und afrikanischen Raum - auch wenn in Landern wie Indien, China Oder Nigeria noch immer der groGte Teil der Menschen in landlichen Gebieten (englisch: rural areas) lebt.[25]

Wohingegen es Menschen in afrikanischen Regionen durch landliche Armut und Unsicherheit gezielt in die Hauptstadte zieht, gibt es im asiatischen Raum schon seit Langem einen sehr hohen Bevolkerungsanteil, der in Metropolen lebt. Dieser Indikator wird wie vorher erwahnt als Metropolisierungsgrad bezeichnet.[26] Derzeit gibt es in China fast 100 Metropolen, in denen mehr als eine Million Einwohner und uber 300 GroGstadte, in denen mehr als 100.000 Einwohner leben.[27] In Indien sind es weniger Metropolen, dafur deutlich mehr GroGstadte (vgl. Tabelle 2).[28]

Tabelle 2: Stadtgroften Indien (2011) und China (2014)

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Dass solche sozialen und gesellschaftlichen Umwalzungen gleichermaGen auch immer okonomische Faktoren beeinflussen, scheint selbsterklarend. Diesen Zusammenhang untersuchte bereits 1932 der deutsch-amerikanische Jurist und Politikwissenschaftler Arnold Brecht. In seinem nach ihm benannten Brecht’schen Gesetz der progressiven Parallelitat von Ausgaben und Bevolkerungsmassierung beschrieb er, dass ein Anstieg der Bevolkerungsdichte die offentlichen Pro-Kopf- Ausgaben ansteigen lasst.[29] Doch urn das allgemeine Konzept der Stadt noch besser verstehen zu konnen, mussen neben okonomischen Aspekten noch weitere Bereiche wie beispielsweise die Stadtokologie, Okosystemerforschung, Stadtsoziologie und Kommunalpolitik untersucht werden. Speziell Sachverhalte der Stadtgeographie, die in der Vergangenheit einen wichtigen Beitrag zur Stadtforschung lieferten, sollen das interdisziplinare Forschungsfeld der Urbanistik abrunden und bei der Analyse und Beantwortung der in dieser Arbeit formulierten Thesen beitragen.[30]

2.2. Historische Entwicklungen von Stadt und Kultur

Nachdem im vorherigen Punkt einige demographische Grundbegriffe und Prozesse kurz erlautert wurden, soil es in diesem Kapitel um den historischen Aspekt der Urbanistik bzw. Stadtforschung gehen. Hierbei sollen maGgebliche Faktoren herausgearbeitet werden, die erklaren konnen, warum der Mensch erste dorf- bzw. stadtahnliche Siedlungen grundete und folglich sesshaft wurde. Wie vollzog sich also die gegenwartige Urbanisierung der Menschheit aus der geschichtlichen Retrospektive?

Vor dem Ende der letzten Eiszeit, sprich zur Zeit des Jungpalaolithikums, lebten die Menschen weitestgehend lose, egalitar und verstreut in kleinen Jager- und Sammlerkulturen. Ungefahr 10.000 v. Chr. besserten sich dann die klimatischen Bedingungen, sodass die Menschen folglich andere Regionen besiedelten, Ackerbau betrieben sowie erste Tiere und Pflanzen domestizieren konnten.[31] Dies war der Beginn der Jungsteinzeit bzw. des Neolithikums (altgriechisch: neos, jung und lithos, Stein).

Diese neue Form des Wirtschaftens durchzog alle Lebensbereiche des Menschen und steigerte die wirtschaftliche Produktivitat in einem rasanten Tempo. Das hatte wiederum zur Folge, dass nun eine Vielzahl von Menschen ernahrt werden konnten, die nicht mit der ursprunglichen Nahrungsmittelproduktion beschaftigt waren. Menschen konnten fortan langer an einem Ort bleiben, Vorrate anlegen und das ganze Jahr uber Nahrungsmittel verfugen. Der Mensch lieG sich somit erstmals in kleinen dorflichen Strukturen nieder und bildete daruber hinaus erste gewerbliche Tatigkeiten wie handwerkliche Berufe. Wahrend dieser neolithischen Revolution entstanden neben der Ton- und Steinbearbeitung auch Kunst und erste Religionen. Die Wiege des altesten Agrargebiets ist der sogenannte „Fruchtbare Halbmond" im Nahen Osten, der sich vom persischen Golf uber Syrien bis nach Agypten erschloss. Genau in dieser Region bildeten die Sumerer 3.500 v. Chr. die erste stadtische Zivilisation.[32]

Fast gleichzeitig vollzog sich auch in Sudchina und Mittelamerika dieser Prozess des modernen Lebens. Und obwohl es zur Geschichte des Neolithikums kaum schriftliche Uberlieferungen gibt, gilt diese Epoche als Novum in der Geschichte des Menschen. Wie auch im Falle der Erfindung des Feuers vor rund zwei Millionen Jahren ist noch immer unklar, wie es zur Erfindung der Landwirtschaft kam bzw. welcher Impuls fur diese Entwicklung entscheidend war. Innerhalb der Wissenschaft gibt es mittlerweile viele Theorien, wie beispielsweise die der groGen Volkerwanderungen Oder des fruheren Klimawandels. GleichermaGen bieten auch religiose und mythologische Uberlieferungen mogliche Interpretationen: Die Gottin Demeter soil z. B. den Auftrag erlassen haben, Getreideanbau auf die ganze Welt zu verbreiten.[33]

Wohingegen also der Mensch vor jener Zeit regional herumzog, in seiner familiaren Gruppe lebte und alle Mitglieder fur die Nahrungsmittelbeschaffung zustandig waren, musste sich das Individuum in groGeren gemeinschaftlichen Strukturen nun vermehrt spezialisieren. Durch die verschiedenen Arbeitsbereiche entstanden nun erste soziale Schichten und somit gesellschaftliche Unterschiede. Durch die Abkopplung des Einzelnen vom Zentrum der familiaren Gruppe sowie dessen Fuhrung standen fortan Raub, Habgier und Gewalt an der Tagesordnung. Kapital, Reichtumer sowie Produktions- und Nahrungsmittel mussten zunehmend durch Stadtmauern von auGen geschutzt werden.[34] Zudem kam es zu weiteren gefahrlichen Abhangigkeiten: Da auf klimatische Bedingungen und schlechten Ernten nicht mehr flexibel reagiert werden konnte und somit schnelle Ortswechsel der Menschen kaum moglich waren, folgten auf landwirtschaftlichen Durren nicht allzu selten langanhaltende Hungersnote. Auf Grund der Nahe zu Nutztieren stieg ebenso die Rate der ansteckenden Infektionskrankheiten.

Dieser lange entwicklungsgeschichtliche Vorgang vollzog sich viele weitere Jahrhunderte, erstreckte sich uber die Bronze- und Eisenzeit, Antike und das Mittelalter, mundete Mitte des 18. Jahrhunderts im Zeitalter der Industrialisierung und schaffte den Ubergang von agrarischen zu industriellen Produktionsweisen.[35] England als damalige Seemacht war hierbei Initiator der industriellen Revolution.

Durch die britische Kolonialisierung von Nordamerika und Indien war eine erhohte Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten von Noten. Um diese Anforderungen langfristig erfullen zu konnen, benotigte es wiederum mehr militarische Streitkrafte und landwirtschaftliche Arbeiter. Dies hatte zur Folge, dass sich zum einen die britische Bevolkerung zwischen 1700 und 1800 von acht auf 15 Millionen Einwohner fast verdoppelte und zum anderen die Nachfrage nach gewerblichen Gutern massiv erhohte.[36] Auch in Anbetracht der verbesserten medizinischen Versorgung lebten Mitte des 19. Jahrhunderts bereits 20 Millionen Einwohner auf der britischen Insel (uberwiegend in landlichen Regionen). Diese Bevolkerungsexplosion verursachte unter anderem, dass die meisten Menschen in Stadte abwanderten und hautsachlich in Fabriken arbeiteten.

Um die stetig wachsende Zahl der Menschen und deren vielfaltigen Bedurfnisse ausreichend und auf lange Sicht decken zu konnen, mussten demzufolge Guter und Dienstleistungen preislich erschwinglich werden. Infolge verbesserter Anbau- und Dungemethoden wurden Nahrungsmittel folglich billiger, sodass Adlige diese wie auch gewerbliche Waren vorwiegend exportieren und den Uberseehandel weiter ausdehnen konnten. Menschen mussten dadurch noch harter und langer arbeiten und konsumierten zum Ausgleich erstmals Luxusguter. Das erhohte nochmals die Nachfrage nach vielen Gutern.

Die adlige Klasse akkumulierte unterdessen weiter Kapital und investierte es in weitere Wirtschaftsunternehmen. Dieser sozio-okonomische Prozess verlief einige Jahrzehnte und brachte Ende des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Tage zahlreiche technische Errungenschaften hervor. Die Erfindung des mechanischen Webstuhls durch den Englander Dr. Edmund Cartwright im Jahre 1784 war der Beginn der Industrialisierung und legte den Grundstein fur die Textil- und spatere Schwerindustrie. Erste Maschinen dieser Art wurden zur damaligen Zeit noch durch menschliche Arbeitskraft, spater mit Wasser- und Dampfkraft betrieben. Erst im Jahre 1765 anderte sich dieser Umstand, als James Watt die Dampfmaschine weiterentwickelte und in diesem Zuge die erste Phase der industriellen Revolution entscheidend vorantrieb (zur Veranschaulichung Abbildung 3, S. 18).[37]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Zeitschiene der industriellen Revolution

Basierend auf der Dampfmaschine erfolgte die nachst groGere Innovation durch den britischen Ingenieur Richard Trevithick, der die erste Dampflokomotive im Jahre 1803 entwickelte. Diese wurde dann 1829 von George Stephenson entscheidend verbessert, sodass bereits ein Jahr spater der regelmaGige Personenverkehr beginnen konnte.[38] Mit diesen Entwicklungen konnten nun einerseits die Waren effizienter produziert und andererseits schneller uber groBe Distanzen transportiert werden. Um weitere Schienenfahrzeuge bauen und das Schienennetz erweitern zu konnen, brauchte es Unmengen an Ressourcen wie Holz, Kohle und Metallen sowie weitere Arbeitskrafte fur die Eisen- und Stahlindustrie sowie den Berg- und Tagebau. Dies war der Hohepunkt der ersten Phase der industriellen Revolution. Doch es hatte zur Folge, dass immer mehr Menschen landliche Regionen verlieBen und Stadte heimsuchten. Daraufhin veranderte sich auch das Landschaftsbild vieler Lander, welche durch ein immer schneller wachsendes Schienennetz durchzogen wurde (vgl. Tabelle 3, S. 19).[39]

Tabelle 3: Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Industrienationen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Bergbau sowie groGe Industrieanlagen pragten zu jener Zeit ganze Regionen, besonders britische und amerikanische Stadte wuchsen rasant. Als Werner von Siemens im Jahre 1866 das Prinzip der Dampfmaschine auf Generatoren uber- fuhrte, war dies die Grundlage der Elektrifizierung bzw. transportierbaren Energie sowie neuer elektromechanischer Maschinentypen.[40]

Die zweite Phase der industriellen Revolution stand maGgeblich fur Massen- und FlieGbandfertigung und breitete sich zunehmend auf andere Lander Europas aus. Als sich der deutsche Ingenieur Carl Benz im Jahre 1886 das erste Automobil mit Verbrennungsmotor patentieren lieG, und folglich in Serie produzierte, veranderte sich das Arbeitsmodell der Menschen sowie das StraGen- und Verkehrsnetz ein weiteres Mai gravierend.[41]. Federfuhrend war hierbei die Automobilindustrie, die sich Henry Ford seinerzeit von Fertigungsprozessen amerikanischer Schlachthofe abschaute. Ab 1913 lieG er dann Automobile serienmaGig in Fabriken herstellen. Durch eine noch intensivere Spezialisierung seitens der arbeitenden Belegschaft konnten nun Guter kontinuierlich und nach Plan in Masse produziert werden. Das Individuum wurde seither zu einem Teil des gesamten Produktionsprozesses, sprich zu einem Teil des Endprodukts. Neben Automobile wurden zu dieser Zeit auch zunehmend Kleidung, Rohstoffe und verschiedene Lebensmittel produziert und auf dem globalen Markt gehandelt. Auch der Luft- und Schiffverkehr dehnten sich zugig aus und schafften in gleicher Weise die Voraussetzung der heutigen Globalisierung. Wohingegen z. B. in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts rund zwei Drittel der Bevolkerung in der Landwirtschaft tatig waren, arbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch ein Drittel dort. Der Rest verteilte sich auf den Industrie- und Dienstleistungssektor (Abbildung 4, S. 20).[42]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Erwerbstatige in Deutschland (1800 bis 1914)

Diese Entwicklung hielt auch auf Grund effizienterer Technologien bis Mitte des letzten Jahrhunderts an. Als der deutsche Bauingenieur und Unternehmer Konrad Ernst Otto Zuse 1941 den ersten funktionsfahigen, frei programmierbaren und vollautomatischen Computer erfand, war dies die Grundlage der anschlieGenden dritten industriellen Revolution. Durch speicherprogrammierbare Steuerungen, Mikroelektronik und innovativer Methoden der elektronischen Informations- und Datenverarbeitung ubernahmen Maschinen zunehmend die Produktion von Waren innerhalb der Fabriken. Industrielle Prozesse mussten so nur noch programmiert werden und liefen dann weitestgehend automatisch. Der flachendeckende Einsatz von Personal-Computern erzeugte wiederum neue Industriezweige.

Die vierte und derzeit aktuelle industrielle Revolution, die in den letzten Jahren besonders durch eine beschleunigte Digitalisierung, Miniaturisierung und Robotisierung gepragt wurde, stellt nun das individuelle Produkt und dessen Informationen in den Mittelpunkt. Durch neue Kommunikationsformen konnen Unternehmen nun „just-in-time“ auf Nachfrageanderungen reagieren und zukunftig durch Roboter produzieren lassen. Welche Auswirkungen all diese vergangenen Entwicklungen hatten, soil nun Gegenstand des nachsten Kapitels werden.

2.3. Gegensatze des modernen Stadtlebens am Beispiel Australien

,,Einst war die Stadt das Symbol einer ganzen Welt. Heute ist die ganze Welt im Begriff, Stadt zu werden.“[43]

In diesem Kapitel sollen nun die zumeist negativen Begleiterscheinungen, die ein Leben in der Stadt mit sich bringen kann, naher betrachtet und in den Kontext globaler Okosysteme gestellt werden. Zu Beginn soil dennoch positiv erwahnt werden, dass erst im Zuge des technischen Fortschritts und der erhohten Produktivitat ein nie dagewesener, volkswirtschaftlicher Wohlstand und materieller Reichtum erreicht werden konnte. Grundlage hierfur waren vor allem weitere medizinische Errungenschaften, verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen und vielfaltige Bildungsmoglichkeiten. Durch politische und kulturelle Institutionen konnten daruber hinaus speziell in der Stadt lebende Menschen demokratische Mitbestimmungsrechte starken und durch Gewerkschaften hohere Einkommen erreichen, die abermals Konsum und wirtschaftliche Investitionen bewirkten. All diese gesellschaftlichen Veranderungen sorgen noch heute fur einen sukzessiven Anstieg der Lebensqualitat innerhalb urbaner Regionen.

Da Industrialisierung und technischer Fortschritt westlich gepragter Lander seit Anbeginn auf Basis nicht-erneuerbarer Ressourcen (z. B. 01, Erdgas und Kohle) und mineralischen Rohstoffen (z. B. Erze, Steine und Erden) beruhen, verursachte dieser Abbau vermehrt negative externe Effekte fur die Umwelt. Dass dem Einzelnen meist nicht klar ist, welchen Einfluss tagliche Handlungen im privaten Oder beruflichen Umfeld haben konnen, ist keine neue Erkenntnis, doch auch die Berucksichtigung aller okologischeren Kosten innerhalb der Kosten-Nutzen- Rechnungen vieler Unternehmen wird leider noch immer vernachlassigt. Diese werden oftmals im Zuge der Gewinnmaximierung weitestgehend ausgeklammert Oder uber steuerliche Umwege an die Gesellschaft und deren Folgegenerationen weitergegeben. Doch ohne eine vollstandige Transparenz aller Umweltkosten konnen Preise keine Aussage uber zukunftige okologische Effekte geben.

Diese Preise verhindern daruber hinaus umweltfreundlichere Techniken und verzerren Wettbewerbsstrukturen.[44] Jahrlich wachsender Gewinn gilt noch immer als Aushangeschild erfolgreicher Unternehmen. Diese wiederum siedeln sich meist in GroGstadten und Metropolen an bzw. grenzen an diese, um stetig uber ausreichend Arbeitskrafte zu verfugen. Doch der Wettbewerb zwischen den Unternehmen lasst eine transparente Darstellung aller (okologischer) Kosten selten zu. Zu groG ist die Gefahr, durch teure umweltfreundliche Technologien hohere Kosten bei gleichbleibenden Umsatz aufweisen zu mussen, was wiederum kurzfristig den Gewinn schmalern konnte. Das betrifft besonders GroGkonzerne. Aus diesen Grunden gelten Stadte vielerorts als okologisch stark belastet respektive als ein durch Verdichtungsschaden uberlasteter Raum, der vor allem durch Umweltverschmutzungen und enorme Flachenversiegelungen verursacht wird.[45] Nach Angaben der Vereinten Nationen (UNEP) sind es alien voran die wohlhabenden Industrielander, die einen hohen Ressourcenverbrauch pro Kopf aufweisen (vgl. Abbildung 5).[46]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Zusammenhang zwischen Ressourcennutzung und Einkommen

Dadurch, dass immer mehr Menschen am globalen Wohlstand partizipieren wollen, mussen stetig neue Stadte aufgebaut und alte modern instand gehalten werden, was wiederum zu einer steigenden Verknappung globaler Ressourcen fuhrt. An diesem Zustand wird schnell erkennbar, dass ein hoher materieller Wohlstand oftmals mit einem steigenden Verbrauch an Ressourcen einhergeht. Doch nicht nur Stadte und Metropolen der Entwicklungs- und Schwellenlander verursachen diese extrem hohe Nachfrage an Ressourcen, auch in anderen Landern wird diese Problematik schnell erkennbar.

Urn zu ermitteln, wie viel Flachen und Ressourcen ein Nationalstaat im globalen MaGstab fur die Produktion von Gutern benotigt, wurde im Jahre 1994 das Konzept des „okologischen FuGabdrucks" von Mathis Wackernagel und William Rees entwickelt. Der Verbrauch an naturlichen Ressourcen wird dabei in eine FlachengroGe umgerechnet, die wiederum aufzeigt, wie viel fruchtbarer Boden benotigt wird, urn die heutige Guterproduktion eines jeweiligen Landes anhaltend zu gewahrleisten.[47] Zu den relevanten Flachen zahlen unter anderem Energie- und Siedlungsflachen, Acker- und Weideflachen sowie Wald und Meeresflachen - Berge und Wusten werden nicht mit einbezogen.

Aus der ersten Rechnung ging hervor, dass jedem Menschen im Jahre 2001 in etwa 1,7 gha (globalen Hektar pro Person) zur Verfugung stand. Der weltweite FuGabdruck des durchschnittlichen Burgers lag zu diesem Zeitpunkt bereits bei 2,2 gha, das bedeutet der Mensch verbrauchte in einzelnen Lander schon mehr Ressourcen, als die Natur erneuern konnte.[48] Der sogenannte „Earth Overshoot Day", der jahrlich von Wissenschaftlern des Global Footprint Networks und der New Economic Foundation berechnet wird, gibt dabei jenen Tag im Jahr an, an dem die Belastbarkeit der Okosysteme des Planeten uberschritten wird. Fiel dieser Tag im Jahre 2003 noch auf den 21. Oktober, war es 2016 bereits der 08. August.[49] Die Tragfahigkeitsgrenze der Erde wird demnach jedes Jahr fruher erreicht und schon seit einigen Jahrzehnten missachtet. Spitzenreiter sind derzeit Australien und die USA. Im Rahmen des okologischen FuGabdrucks bedeutet das: Wenn alle Menschen so leben wurden wie in Australien Oder in den USA brauchte es die Biokapazitat von 5,4 Erden bzw. 4,8 Erden.

Deutschland liegt aktuell im Mittelfeld und verbraucht 3,1 Erden. Fur 2017 war der Earth Overshoot Day allerdings schon am 24. April.[50] Da Umweltverschmutzungen immer zu Lasten kunftiger Generationen gehen, wird in diesem Zusammenhang auch ersichtlich, dass besonders die reichen Industrielander okologisch auf Pump leben. Auch Lander des Nahen Ostens wie z. B. Katar, Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate leben auf Grund ihrer groGen Erdolreserven auf einem immer groGeren okologischen FuR>. Doch was genau bzw. welche Bereiche verursachen einen so groGen okologischen FuGabdruck? Am Beispiel Australiens soil diese Frage kurz untersucht werden.

Australien hat eine Gesamtflache von rund 7,7 Millionen Quadratkilometern bei einer Gesamtbevolkerung von ungefahr24 Millionen Menschen. Zum Vergleich: In Deutschland leben uber 80 Millionen Menschen, Australien ist flachenbezogen allerdings 20-mal so groG wie Deutschland und entspricht dabei der 75 prozentigen Landflache Europas. Daruber hinaus hat Australien derzeit nur 16 GroGstadte, die mehr als 100.000 Einwohner und 5 Metropolen, die mehr als eine Million Menschen beherbergen (vgl. Tabelle 4).[51]

Tabelle 4: Stadtgroften Australien (2012)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Verteilung entspricht einer Bevolkerungsdichte von lediglich 3 Menschen (z. B. einer drei-kopfigen Familie) auf einem Quadratkilometer, sprich 100 Hektar (zurVeranschaulichung vgl. Abbildung 6, S. 25).[52] DerVerstadterungsgrad liegt im Verhaltnis zur GroGe des Landes trotzdem bei uber 70 Prozent, das heil3>t die meisten Menschen in Australien wohnen bereits in dichtbesiedelten Stadten bzw. urbanen Agglomerationen. Im weltweiten Landervergleich sind diese Zahlen sehr hilfreich, wie im spateren Verlauf der Arbeit noch erkennbar sein wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Bevolkerungsdichte Australien (2010)

Ein Gedankenexperiment: Wenn alle 7,4 Milliarden Menschen der Erde nur in Australien leben wurden, hatte jeder einzelne Mensch Anspruch auf eine Flache von uber 1.000 m[2]. Dabei ware der Rest der Welt vollig unbewohnt.

An dieser Stelle eroffnet sich daher schon die Frage, wie es sein kann, dass der Lebensstil aller in Australien lebenden Menschen - gemessen an der Landflache und der verfugbaren Ressourcen - aktuell mehr als 5 Erden verbraucht? Was genau verursacht letzten Endes diesen so hohen Ressourcenverbrauch und auffallig graven okologischen FuGabdruck?

Nach Angaben der australischen Regierung wurden 2013 besonders Rohstoffe wie Gestein, Erze und Kohle fur die Stahlindustrie und Energiegewinnung abgebaut und exportiert. Geringere Anteile fielen zudem auf Erdgas, Gold, Weizen sowie tierische Lebensmittel.[53] Auch der Anbau bzw. Abbau dieser Rohstoffe verbraucht viele Wasserreserven, die dem Land in den heiGen Sommermonaten meist nicht (mehr) zur Verfugung stehen.

[...]


[1] Russell, Bertrand; 1872-1970, britischer Philosoph und Mathematiker.

[2] Luther, Martin: Die Bibel, Genesis 1,28.

[3] Vgl. Viering, Jonas, Potsdam 2015. o.S.

[4] Vgl. Meier, Toni: Science meets comics, Berlin 2017, S. 74.

[5] Vgl. Dehmer, Dagmar, Berlin 2017, o.S.

[6] Vgl. United Nations: World Population Prospects, New York 2015, S.1.

[7] Vgl. United Nations: World Urbanization Prospects, New York 2008, S.2.

[8] Vgl. United Nations: United Nations Population Division, New York 2002, S.119.

[9] Vgl. Kern, Verena: Weltklimabericht, Berlin 2014, o.S.

[10] Vgl. United Nations: World Urbanization Prospects, New York 2014, S.1.

[11] Vgl. Bundesinstitut fur Bau-, Stadt- und Raumforschung: Smart City Charta: Digitale Transformation in den Kommunen nachhaltig gestaiten, Bonn 2007, S. 8f.

[12] Vgl. Wuketits, Franz Manfred: Zivilisation in der Sackgasse, Murnau 2012, S. 46.

[13] Irsigler, Franz: Die Stadt im Mittelalter. Aktueiie Forschungstendenzen, S. 63, in: Hauptmeyer, Carl-Hans; Rund, Jurgen: Gosiar und die Stadtgeschichte. Forschungen und Perspektiven 1399­1999, Bielefeld 2001, S. 57-74.

[14] Vgl. Korby, Wilfried; Heckl, Franz Xaver: Stadtische Raume im Wandel, Gotha 2008, S. 16.

[15] Ebd., S. 14.

[16] Ebd., S. 15.

[17] Vgl. Lampen, Angelika; Schmidt, Christine: Stadtbegriff, Munster 2014, o.S.

[18] Heineberg, Heinz: Stadtgeographie, Paderborn 2017, S. 31 zitiert nach Ruppert, Karl; Schaffer, Franz: Sozialgeographische Aspekte urbanisierter Lebensformen, Hannover 1973, S. 13.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Ribbeck, Eckhart: Metropolisierung und stadtische Konzentration, Bonn 2008, o.S.

[21] Initiativkreis Europaische Metropolregionen in Deutschland (IKM): Daten und Karten zu den Europaischen Metropolregionen in Deutschland, Bonn 2010, S. 7.

[22] Michael, Thomas; Munt, Irene: Diercke Weltatlas, Braunschweig 2012, S. 146.

[23] Vgl. Heineberg, Heinz: Stadtgeographie, Paderborn 2017, S. 29.

[24] Vgl. United Nations: World Urbanization Prospects, New York 2014, S. 7.

[25] Vgl. Ribbeck, Eckhart: Metropolisierung und stadtische Konzentration, Bonn 2008, o.S.

[26] Ebd.

[27] United Nations: World Urbanization Prospects, CD-ROM Edition File 12, New York 2014, o.S.

[28] Government of India, Ministry of Home Affairs India: Census of India, New Delhi 2011, S. 1-13.

[29] Vgl. Krohn, Claus-Dieter; Unger, Corinna: Arnold Brecht 1884-1977, Stuttgart 2006, S. 86.

[30] Vgl. Heineberg, Heinz: Stadtgeographie, Paderborn 2017, S. 12.

[31] Vgl. Esser, Brigitte: Daten der Weltgeschichte, Gutersloh 2004, S. 266.

[32] Ebd., S. 270.

[33] Vgl. Nolle, Margret Karola; Nolle, Johannes: Gotter, Stadte, Feste: Kleinasiatische Munzen der Romischen Kaiserzeit, Munchen 1994, S. 88.

[34] Vgl. Wells, Spencer: Die Wege der Menschheit. Eine Reise aufden Spuren der genetischen Evolution, Frankfurt am Main 2003, S. 234f.

[35] Vgl. Hillmann, Karl-Heinz; Hartfiel, Gunter: Worterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994, S. 260.

[36] Vgl. Nolte, Hans-Heinrich: Weltgeschichte: Imperien, Religionen und Systeme. 15.-19. Jahrhundert, Wien 2005, S. 105 zitiert nach Ott, Hugo: Wirtschafts-Ploetz: Die Wirtschafts- geschichte zum Nachschiagen, Freiburg 1986, S. 50f.

[37] Bartevyan, Leo: Industrie 4.0 - Kompaktwissen, Frankfurt am Main 2016, S. 2.

[38] Vgl. Munzinger, Friedrich: Ingenieure: Gedanken uber Technik und Ingenieure, Berlin Heidelberg 1942, S. 81.

[39] Putzger, Friedrich Wilhelm: Putzger - Historischer Weltatlas, Berlin 2004, S. 141.

[40] Vgl. Bartevyan, Leo: Industrie 4.0- Kompaktwissen, Frankfurt am Main 2016, S. 2.

[41] Vgl. Munzinger, Friedrich: Ingenieure: Gedanken uber Technik und Ingenieure, Berlin Heidelberg 1942, S. 83.

[42] Putzger, Friedrich Wilhelm: Putzger - Historischer Weltatlas, Berlin 2004, S. 134.

[43] Mumford, Lewis; 1895 - 1990, amerikanischer Architekturkritiker und Wissenschaftler.

[44] Vgl. Umweltbundesamt: Gesellschaftliche Kosten von Umweltbelastungen, Dessau-RoGlau 2017, o.S.

[45] Vgl. Zehner, Klaus: Stadtgeographie, Gotha 2001, S. 25-28.

[46] Trage, Sylvia: Fakten und Prognosen: Ressourcenschonendes Wachstum, Munchen 2014, o.S zitiert nach UNEP: Decoupling natural resource use and environmental impacts from economic growth, Kenya 2011, S. 14.

[47] Vgl. Rogall, Holger: Okologische Okonomie: Eine Einfuhrung, Wiesbaden 2008, S. 223.

[48] Ebd.

[49] Vgl. Umweltbundesamt: Earth Overshoot Day 2017: Ressourcenbudget verbraucht, Dessau- RoGlau 2017, o.S.

[50] Ebd.

[51] Australian Bureau of Statistics: Regional Population Growth, Canberra 2012, o.S.

[52] Ebd.

[53] Vgl. Australian Government, Department of Foreign Affairs and Trade: Australian Export Structure, Canberra 2013, o.S.

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Urbanistik und Ökologie. Wie nachhaltig ist das Leben in der Stadt?
Hochschule
Universität Augsburg  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
129
Katalognummer
V395086
ISBN (eBook)
9783668761933
ISBN (Buch)
9783668761940
Dateigröße
4739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bevölkerungsdichte, Umwelt, Nachhaltigkeit, Überbevölkerung, Solidarische Landwirtschaft, Urbanität, Urbanisierung, Smart Cities, Großstädte, Metropolen, Megastädte, Ressourcenverbrauch, Industrie- und Schwellenländer, Siedlungsmodelle, Rekultivierung von Dörfer, Desurbanisierung, Ökologischer Fußabdruck, Verstädterungsgrad, Klima-Risiko-Index, CO2-Emissionen, Bruttoinlandsprodukt, Bruttostaatsverschuldung, Menschenrechte, Primärenergieverbrauch, Vermögensverteilung, Wohlstandsindikatoren
Arbeit zitieren
Sebastian Scholz (Autor), 2018, Urbanistik und Ökologie. Wie nachhaltig ist das Leben in der Stadt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/395086

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