Biodiversität und Multikulturalismus


Essay, 2018
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Biodiversität und Multikulturalismus
Biologische Diversität
Biodiversität beim Menschen
Kulturelle Diversität
Biodiversität und kulturelle Diversität
Fazit
Quellen

Biodiversität und Multikulturalismus

„Biodiversität“ ist spätestens seit dem 1993 in Kraft getretenen Umweltabkommen auf internationaler Ebene ein Thema von hoher Wichtigkeit und gesellschaftlicher Relevanz. Die Biodiversitätskonvention, der sich mittlerweile schon 168 Staaten verpflichtet haben, setzt sich insbesondere für die „Erhaltung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile“[1] ein. Prämisse der Biodiversität ist der Nutzen für den Menschen und der intrinsische Wert von biologischer Vielfalt.

Ein ebenfalls recht neuer Begriff, allerdings in den Sozialwissenschaften, ist der des Multikulturalismus. Es scheint kein Zufall zu sein, dass sich die Begriffe zu einer fast deckungsgleichen Zeit entwickelt haben.

Auch bei diesem Konzept gibt es populäre Meinungen wie die von Charles Taylor, die sich nicht nur für einen Nutzen von multikulturellen Wohngegenden, sondern sich sogar für einen Eigenwert kultureller Entitäten aussprechen[2]. Kulturelle Diversität, auch Soziodiversität genannt, ist ein Konzept, welches vor allem in Vielvölkerstaaten wie den USA, mittlerweile aber überall in der aufgeklärten, globalisierten Welt zum wichtigen Thema geworden ist. Durch Migration kommen sich in vielen Ländern und Stätten Kulturen sehr nahe. Der Multikulturalismus ist eine Weise, wie man mit diesem Phänomen umgehen kann. Das Argument lautet: So wichtig wie die Biodiversität für die Natur ist, ist die kulturelle Diversität für das selbstbewusste und friedliche, interkulturelle Zusammenleben notwendig und hilfreich. Auch häufig als Argument angeführt wird die Steigerung der Lebensqualität durch den Multikulturalismus.

Ich möchte in diesem Essay untersuchen, ob man von genanntem Eigenwert von Vielfalt in der (biologischen) Natur auf einen Eigenwert von Kultur in der Gesellschaft schließen kann und ob die Ansätze miteinander einhergehen können. Dabei stellt sich die Frage, ob die Argumentation des mittlerweile akzeptierten Werts der Biodiversität auf den oftmals kritisch gesehenen Multikulturalismus anwendbar ist. Um begriffliche Probleme zu vermeiden wird nach einer Definition von Biodiversität und Soziodiversität erarbeitet, ob sich ersteres unter Berücksichtigung genetischer Tatsachen auch auf den Menschen übertragen lässt. Anschließend wird der Fokus auf den Multikulturalismus gelegt und untersucht, inwiefern sich die Ansätze gleichen. Diversität wird sich daraufhin als das Schlüsselwort in der Diskussion beweisen. Desweiteren wird festgestellt werden, dass Diversität inzwischen zwar als Wert anerkannt wird, die Herangehensweise von Natur und Kultur um Diversität zu erlangen allerdings eine unterschiedliche ist.

Biologische Diversität

Viele Philosophen wie Biologen sind bereits an der Aufgabe gescheitert, Biodiversität zu definieren. Nicolae Morar schreibt, die Definitionsprobleme liegen an den Schwierigkeiten, wertvolle Einheiten innerhalb der Natur von wertlosen zu unterscheiden[3]. Reed Noss ist der Überzeugung, es gäbe keine Definition, die „simple, comprehensive, and fully operational“[4] wäre. Deshalb beschäftige ich mich mit einer eher weiten Definition, ohne den Fokus auf die Mikroebene zu verlieren. Anschließend werden einige Argumente und Eigenschaften der biologischen Diversität aufgezeigt, um sie auf den Menschen und die Kultur übertragen zu können.

Biodiversität umfasst drei Größenordnungen: Die genetische Variabilität innerhalb einer Art, die Artenvielfalt und die Vielfalt der Ökosysteme. Im Übereinkommen über die biologische Vielfalt wird außerdem der Wert dieser Vielfalt als inhärent, also für den Menschen nützlich oder potentiell nützlich beschrieben. Der potentielle Wert ist für die Biodiversität ein besonderes Argument, da es dazu dienen kann, jegliche Art von biologischer Vielfalt als erhaltenswert zu postulieren. Der potentielle Wert lässt sich folgendermaßen begründen: Je höher die genetische Vielfalt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Spezies in Zukunft an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann und daraufhin nützlich wird. Neben wirtschaftlichen und ökonomischen Gründen wird Biodiversität aber auch als intrinsisch wertvoll erachtet. Denn der Begriff bezeichnet nicht nur deskriptiv den ist-Zustand, sondern beschreibt auch normativ, dass dieser ist-Zustand erhalten werden sollte - weil es gut ist. Mit dem normativen Wert beschäftigt sich jedoch nicht die Wissenschaft, sondern die Ethik. Somit ist Biodiversität immer auch ein wertender Begriff, fernab von empirischer Wissenschaft. Auch die Ästhetik wird von den Vertretern der Biodiversität als Argument herangenommen, um für einen Wert biologischer Vielfalt abseits des direkten Nutzens zu plädieren. Um sich nicht dem Argument des naturalistischen Fehlschlusses aussetzen zu müssen, kann jegliche Form von Vielfalt mit dem „ontologische Imperativ“ von Hans Jonas als Wert gerechtfertigt werden: Was ist, soll auch sein[5].

Seinen Erfolg hat der Begriff „Biodiversität“ dem starken Rückgang von Arten und Ökosystemen in den letzten Jahrzehnten zu verdanken. Durch die Industrialisierung, der Überfischung, Jagd, Klimawandel und Waldrodung ist die biologische Diversität stark zurückgegangen. Eine Variabilität im Genpool der Arten zeugt wie sich herausgestellt hat, von höherer Überlebenschance, weil sich Adaptionen schneller entwickeln können. Eine weitere direkte Bedrohung erfahren heimische Tier- und Pflanzenarten durch das Einschleppen fremder Flora und Fauna und Tiere, welche die heimischen verdrängen[6].

Biodiversität beim Menschen

Diese Argumentation, insofern sie übernommen wird, kann abseits des Multikulturalismus auch auf den Menschen bezogen werden. Auch hier könnte man von einer Überfremdung in der Gesellschaft reden, wie es in der Natur mit Tieren geschieht. Jedoch: „Fremde Arten“ gibt es nicht, wenn man anstatt den Tier- und Pflanzenarten den Menschen in den Fokus der Biodiversität setzt. Als im Jahr das menschliche Genom entziffert wurde, stellte man fest, dass alle Menschen 99,99 Prozent ihrer Erbsubstanz gemeinsam besitzen. Es gibt also keine streng von einander getrennten Menschengruppen. Dennoch kann man aufgrund variierender Genfrequenzen die Herkunft eines Menschen recht genau bestimmen. Sogar innerhalb Europa lassen sich aufgrund der Gene bestimmte Herkunftsländer erschließen[7]. Weil Sexismus, Rassismus und jegliche Form des Biologismus von der UNESCO stark verurteilt wird, darf anhand dieser Kriterien keine selektive Einwanderungspolitik betrieben werden. Die Biodiversität konsequent auf den Menschen umgemünzt müsste allerdings genau dies betreiben, um einheimische Menschengruppen vor Verdrängung zu bewahren.

[...]


[1] Bundesministerium für Umwelt: Übereinkommen über die biologische Vielfalt. Artikel 1

[2] Taylor, Charles: Die Politik der Anerkennung, in: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Frankfurt am Main 1993.

[3] Morar, Nicolae et al.: Biodiversity at Twenty-Five Years: Revolution Or Red Herring? In: Ethics, Policy & Environment, 2015. Vol. 18, Seite 17.

[4] Noss, Reed. Indicators for monitoring biodiversity: A hierarchical approach. Conservation Biology. 1990 Seite 355–364.

[5] vgl. Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1979.

[6] An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass Seuchen, Krankheiten und ähnliches in der Biodiversität eine umstrittene Rolle haben. In diesem Essay werden sie als Teil der Vielfalt nicht weiter behandelt, der Grund dafür ist ihre destruktive Art, in der sie die Biodiversität einschränken und damit eher schädlich als nützlich für eine biologische Diversität sind.

[7] Novembre, John et al.: Genes mirror geography within Europe. In: Nature advance online publication.
www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/abs/nature07331.html
Aufgerufen am 20.8.2018.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Biodiversität und Multikulturalismus
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Philosophie)
Veranstaltung
Multikulturalismus und kulturelle Vielfalt
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V496475
ISBN (eBook)
9783346012913
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Multikulturalismus, Biodiversität, Ethnopluralismus
Arbeit zitieren
Michael Drescher (Autor), 2018, Biodiversität und Multikulturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/496475

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