Zum Scheitern verurteilt. Margarita Mathiopoulos und andere akademische Störfälle

Ein Bericht über Fehlverhalten


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 2019
117 Seiten

ebook
Kostenlos herunterladen! (PDF)

Leseprobe

INHALT

Überblick
Gang der Darstellung
Allgemeiner Hintergrund

Eine Frage der akademischen Ehre
Dr. als Vorname oder Fachqualifikation 8
Publikationszwang
Erwischt – so ein dummer Zufall
Schutz vor Datenmanipulation und Plagiat
Persönliches und öffentliches Interesse

Selbstjustiz der Alma Mater
Verschiedenerlei Entzugsverfahren
Damoklesschwert „Täuschung“
In Täuschungsabsicht oder „gutem Glauben“?
Note als Notanker?
Überfordertes Ermessen
„Gründe“ und Hintergründe
Verantwortung der Doktoreltern

Unterschiedliche Rechtsfolgen
Aberkennung oder Titelverzicht?
„Rüge“
Kratzspuren im Ordnungs- und Strafrecht
Titelschande und Berufsehre
Später unwürdig?

Auswege
„Rettungslösungen“
Rationales Desinteresse
Und demnächst : Historisierung, Verjährung?
Resozialisierung in Forschung und Lehre

Margarita Mathiopoulos und der Wankelmut der Hochschulen
Im Wechselschritt von Wissenschaft und Wirtschaft
Doktorarbeit wie im Bilderbuch
Cover Girl in Fake-Verdacht
Startguthaben Bonn
Zwei Problemfälle auf einmal
Vertrackte Lage, dubiose Auswege
Aufstieg an der Leine
Hoffnungsträgerin an der Havel
Erbsenzählen fürs Letzte Gericht
Uni kaputt
Raus aus dem Professorentalar
Nachwort Gysi
Drinnen und draußen

Hans-Hermann Dickhuth und der medizinische Circus
Akademischer Werdegang
Schwarzes Schaf unter Unschuldslämmern
Der Zufallsfund
Ein fauler Kompromiss
Musterbeispiel oder Kopiervorlage?
Netzwerker statt „Einzeltäter”
Urheberschaft oder Autorschaft
Dickhuths Doppelgänger
Heckenschützen im Arztkittel?
„Fehlverhalten“ oder Systemfehler?
Verhalten nach ungeschriebenem Gesetz
Krähe und Unglücksrabe?

Annette Schavan im „Irrenhaus“

Karriere im Zeitraffer
„Ich“ und die Wissenschaft
Der Hinweisgeber
„In einem völlig durchschnittlichen Fall“
Abbiegung in die Politik
Milderungsgrund Lebensleistung?
Nachgedanken von Dekan Bleckmann
„Rüge“ verspielt
Lückenhaftes Ermessen
Sackgasse Hochschulrat
Honorarprofessorin per Fallschirm
Ehrendoktor als Rettungsmedaille

Marc Jan Eumann und der verbeulte Doktorhut
Aufsteigende Lebenskurve
Ein verstörender Archivfund
Dammbruch zwischen Wissenschaft und Politik
Selbstplagiat
Hauptdarsteller und Regie
Unklare Frage, missverstandene Antwort
Übergriffige Rektorin
„Freispruch“ mit und ohne Begründung

Rück- und Ausblick
Normvertrauen statt Einzelentscheidung
Störfall-Prüfung ohne Strafaktion
Prüfbehörde auf dem Prüfstand
Notwendiger Verbraucherschutz
Illusorische Doktorwürde

Überblick

So viel war der Vorname Dr. kaum jemand anderem wert: mehr als ein Vierteljahrhundert, bis Herbst 2018, kämpfte Margarita Mathiopoulos um ihren Doktorgrad für ein Buch zur amerikanischen Geschichte. Sie zog vor alle deutschen Gerichtsinstanzen bis zum Bundesverfassungsgericht und zuletzt noch vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg, durchweg vergeblich. Soweit konnte es überhaupt nur kommen angesichts wankelmütiger Entscheidungen der Unis in Bonn, Braunschweig und Potsdam ad personam. Für die Gebühren, Honorare und sonstigen Auslagen der Klägerin kam keine Rechtsschutzversicherung auf. Sie müssen der Unternehmerin „ein Heidengeld“ gekostet haben, wie ein Hochschullehrer im Beamtensold meint. Die ganze Affäre ist eine beispiellose akademische Bankrotterklärung der Hochschulen.

Bis 2011 war der Freiburger Medizinprofessor Hans Hermann Dickhuth eine unumstrittene Größe seines Fachs. Dann verlor er die Lehrbefugnis wegen Plagiatsvorwürfen im Zusammenhang seiner schon dreißig Jahre alten Habilitationsschrift. Die Entscheidung war und ist offenbar ein fachlich umstrittenes wie rechtlich fragwürdiges Kuriosum. Seit fast zehn Jahren versuchen Anonymi Dickhuth mit gleichgelagerten, aber unbeanstandeten Beispielfällen aus mehreren medizinischen Fakultäten von den Vorwürfen reinzuwaschen. Das ist an sich fachhistorische Forschung. Indem die Akteure aber in die Rolle geheimer Schnüffler im „Schatten von Gestern”1 schlüpfen, ducken sie sich vor den vielfältigen Abhängigkeiten in der Hochschulmedizin. Der bundesweite Fakultätentag hüllt sich in Schweigen.

„Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich.“ Das sagte die damalige Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan über den geistigen Diebstahl in der Doktorarbeit ihres Minister-Kollegen Karl Theodor zu Guttenberg.2 Drei Jahre später, 2014, verlor sie selber ihren Düsseldorfer Doktorhut ebenfalls wegen Plagiats – ohne sich zu schämen. Der Streit um die Dissertation über Gewissensbildung wurde zum Politikum, unter maßgeblicher Beteiligung von Führungspersonen der akademischen Welt. In der öffentlichen Auseinandersetzung darüber zeigt sich, wie die Leitidee der Wissenschaften, die Wahrheit, im politischen Sturm ins Trudeln gerät.

Einer ist noch mal davongekommen. Die nebenberufliche Promotion des Berufspolitikers Marc Jan Eumann im Jahre 2011 in Dortmund erregte in Wissenschaft und Politik gleich dreimal Anstoß: wegen der Doktorarbeit als im Kern undurchsichtigem Selbstplagiat einer zwanzig Jahre älteren Magisterarbeit aus dem Bereich der Pressegeschichte; dem geheimen Einvernehmen eines mitwissenden Gutachters; und wegen einer mehrdeutigen Antwort, als die Prüfbehörde nach einem etwaigen Zweitaufguss früherer Zubereitung fragte. Am Ende hat die kulturwissenschaftliche Fakultät allen alles verziehen.3 Aber mit dem bedenklichen „Freispruch“ scheiterte sie in der öffentlichen Meinung und verlor an der nötigen Glaubwürdigkeit.

Die allgemeine Aufmerksamkeit für wissenschaftliches Fehlverhalten ist in den letzten zwanzig Jahren sprunghaft gestiegen, bei Datenmanipulationen seit dem Täterpärchen Herrmann/Brach, im Falle des Textklaus seit Guttenberg. In beiden Affären ist das Versagen ganz fraglos und im Nachhinein amtlich gut dokumentiert.4

Aber weshalb dann die Fälle hier noch? Allemal geht es um mutmaßlichen Wissenschaftsbetrug. Aber für die hochschulamtliche Wahrheitsfindung gibt es keine allgemeinverbindlichen Verfahrensvorschriften wie etwa mit der Strafprozessordnung. Die „Klärung“ verläuft also nicht nach Schema F, „wie gehabt“, sondern jeweils nach Gutdünken der akademischen Juroren, je nachdem mit merkwürdigen Windungen und Wendungen. Die amtlichen „Lösungen“ sollen die „Selbstreinigungskraft“ im Wissenschaftsbetrieb beweisen. Doch umgekehrt sind sie Warnzeichen von institutionellem Fehlverhalten, das das nötige Vertrauen aller Studenten und Absolventen in die Uni gefährdet.

Gang der Darstellung

„Einzelfälle“ sind eine Verkettung bestimmter Ereignisse. Um sie jeweils besser zu verstehen, ist zu klären, wie sie genau so und überhaupt nicht anders eingetreten sind. Verwunderung darüber stellte sich bei den Recherchen zu den Stationen und Wendepunkten in der akademischen Karriere der hier herausgestellten Störenfriede immer wieder ein.

Die Fragen und Antworten führten wie von selbst zur Beleuchtung eines „allgemeinen Hintergrunds“, auf dem die Vier mit ihren Geschichten umso profilierter erscheinen: Wieso werden Verdächtige überhaupt erwischt? Was geht wissenschaftliches Fehlverhalten die breite Öffentlichkeit (von Laien) überhaupt an? Die Unis haben die Angelegenheiten von unterschiedlichen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Schritten entschieden. Welche Erkenntnismöglichkeiten stehen und standen bei den hochschulinternen Untersuchungsverfahren überhaupt zur Verfügung, welche Alternativen letztlich für die Rechtsfolgen? Im „Rück- und Ausblick“ werden abschließend Vorschläge gemacht, wie sich mit akademischen Fehltritten womöglich noch sachgemäßer umgehen ließe.

Alle Beispielfälle, die im Folgenden eingehender betrachtet werden, sind rechtsverbindlich „geklärt“. Aber was heißt das? Kurz gesagt: Auf dem Rechtsweg wurden sie aus der Welt der Wissenschaft in eine andere, „zweite Realität“5 übersetzt, akademische Streitfragen in Rechtsfragen, die kein bloßes Abbild voneinander sind. Die Rechtsfindung erfolgt dann nach eigenen Regeln. S ie reduziert komplexe Sachverhalte entscheidungsreif, wobei manche Gesichtspunkte aus der „ersten“ Realität oft „irrelevant“ erscheinen. Weshalb Streitparteien, aber auch neutrale Laien Urteile schon mal und auch in diesen Fällen einfach für „irre“6 halten.

Um nicht von vornherein juristischen Verkürzungen aufzusitzen, werden auch die Vorgeschichten der Rechtsstreitigkeiten näher beleuchtet, Entstehungsumstände, aus denen sie im zweiten Schritt überhaupt erst auf die juristische Bühne gelangten. Eine wirkliche

Rechtserkenntnis erfordert schließlich einen weiteren, dritten Schritt7, um nach der juristischen Durchmusterung des Streitfalls zurückzufinden in die Laienwelt mit einer dort möglichst gerecht erscheinenden Streitbeilegung. Inwieweit das zumal in Sachen Mathiopoulos, Dickhuth, Schavan und Eumann gelang oder nicht, zeigt sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Rechtsentscheide, ihrer „Legitimität“ in der goldenen Mitte zwischen exklusiver Rechtserkenntnis und beliebiger öffentlicher Meinung.8

Das Interesse des breiten Publikums an diesen Fällen entzündete sich auf allen drei Etappen der ganzen Geschichte, wie newsgetriebene Presseberichte gleichzeitig zeigten. Dieser öffentlichen Wahrnehmung, die die beteiligten Personen und Institutionen suchten oder erleben mussten, folgt auch die vorliegende Betrachtung. Sie versucht, aus wechselnden Blickwinkeln Zusammenhänge von Biografie, Fachwissenschaft und Juristerei zu verdeutlichen. Die Zusammenhänge sind in jedem Fall verknäuelt. Das Knäuel lässt sich nur entwirren, indem man einzelne Fäden aus ihm herauszieht. Dem soll die Gliederung des vorliegenden Berichts entsprechen.

Die gesamte Darstellung stützt sich auf eigene Recherchen und Berichte sowie auf Beiträge anderer, auch in der Fachliteratur. Nachweise werden in Anmerkungen unterm Strich bereitgehalten und sind meist über Google direkt aufrufbar.

Allgemeiner Hintergrund

Eine Frage der akademischen Ehre

„ … die ungebrochene Beliebtheit der Titelführung spricht dafür, dass mit dem Doktortitel eine „ehrenvolle Kennzeichnung der Persönlichkeit seines Trägers“ (Thieme) oder jedenfalls eine die Person als akademisch gebildet und geprägt kennzeichnende Heraushebung verbunden wird.“9 Mehr oder weniger …

Dr. als Vorname oder Fachqualifikation

Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes schlüpfen an deutschen Universitäten im Jahr fast 30 000 neue Doktoren. Natürlich kommt es den meisten lediglich auf den gesetzlich tolerierten Namenszusatz an. Immer schon schillert der Abschluss zwischen sozialem Status und wissenschaftlicher Qualifikation.10 Mag die „Heraushebung“ oder „ehrenvolle Kennzeichnung“ heute nurmehr auf Einbildung beruhen, wie das Bundesverwaltungsgericht klarstellt11, so zeigt sich ihre Überlebenskraft jedenfalls dann, wenn die sprichwörtliche akademische Weihe rückgängig gemacht, der Doktortitel aberkannt wird. Für ihren guten Ruf mit Hut ziehen die Ex-Titelträger dann oft vor Gericht. Denn, so die sprichwörtliche Befürchtung, was sollen sonst die Leute denken. Die aber sind, wie sich im Falle Guttenberg zeigte, gar nicht unbedingt so ehrpusselig.12

In der Arbeitswelt braucht den Doktor heute niemand, der nicht gerade an eine Hochschullaufbahn denkt. Anders als Diplom, Bachelor oder Master qualifiziert er für keinen Beruf, sondern in einem wissenschaftlichen Fach. Aber wie eh und je mögen sich Berufstätige vom Doktorhut zusätzliches Prestige versprechen.

Noch im 19. Jahrhundert konnten angehende Ärzte, Juristen, Lehrer oder Pfarrer gegen eine stattliche Prüfungsgebühr als Ergänzung des Professorengehaltes zu „Pseudodoktoren“ promoviert werden, wie der Historiker und Wissenschaftspolitiker Theodor Mommsen sie titulierte.13 Dabei diente der Dr .med. etwa zur Abgrenzung gegenüber anderen Heilberufen von „Kurpfuschern“ oder „Quacksalbern“.14 Erst um 1900 gelangte auch der Dr.-Ing., Schrittmacher der modernen Industriegesellschaft, auf die akademische Bühne, an Technischen Hochschulen gegen den standesbewussten Widerstand der Universitäten.

Seither sind die wissenschaftlichen Ansprüche in allen Fächern gewiss gestiegen, insbesondere durch nötige Vorqualifikationen wie Diplom oder Magistergrad, neuerdings Bachelor und Master. Aber trotz eines bereits berufsqualifizierenden Abschlusses haben viele Doktoranden oft über Jahre ein weniger komfortables Auskommen, vielleicht ein Stipendium – am ehesten Ingenieure eine normal dotierte „Stelle mit Promotionsmöglichkeit“.15 So spüren etwa manche Ärzte oder Politiker überhaupt erst im späteren Berufsleben den Reiz, nebenher den schmückenden Vornamen Dr. zu erwerben. Sie sind dann auffällig oft anfällig für unlautere Tricksereien.

Publikationszwang

Dass bei wissenschaftlichen Schriften oft Pfusch am Werk ist, ist altbekannt.16 Um den „Pseudodoktoren“ und ihren schlampigen Prüfern Paroli zu bieten, setzte der einflussreiche Universitätsprofessor Mommsen in Preußen einen Druckzwang für Dissertationen durch.17 Publizität soll vor Missetaten zumindest abschrecken, Missstände korrigieren. In den Notlagen der beiden Weltkriege wurde der Druckzwang allerdings zweimal aufgehoben. Die deutschen Fakultäten führten ihn hernach wieder ein. Erst in den 70er Jahren empfahl die Kultusministerkonferenz allgemein, der Doktor solle seine Arbeit „in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Vervielfältigung und Verbreitung zugänglich machen“18, mindestens mit ein paar Dutzend Druckexemplaren für den bibliothekarischen Leihverkehr. Mittlerweile geht das auch online. Das steht heute ín allen deutschen Promotionsordnungen – doch immer noch nicht in allen Habilitationsordnungen für angehende Uni-Professoren.19

Mit dem Publizitätszwang für Dissertationen ist Deutschland eine Ausnahme in der Welt. In den USA zum Beispiel oder auf den britischen Inseln ist er nicht vorgeschrieben. Auch im offiziell gemeinsamen „europäischen Hochschulraum“ bestehen unterschiedliche Regelungen, oft zur Abschirmung der Autoren vor dem kritischen oder „bissigen Leser“.20 Weshalb manch deutsche Doktoranden lieber im Partnerland promovieren.21 Der ausländische Grad kann dann zum Vornamen „Dr.“ eingedeutscht werden. In Österreich beispielsweise ist die „hinreichende Publizität“ schon gewährleistet, wenn der Autor ein Exemplar seiner Uni und ein weiteres der Nationalbibliothek überlässt. Dabei hat er das Recht, „die Benützung der Exemplare für längstens fünf Jahre nach der Ablieferung auszuschließen.“ Doch wen interessiert die Arbeit dann noch?

Ein Beispiel aus Polen: Auf Nachfrage eines Herkunftsforschers stellte die Uni Szczecin (vormals Stettin) die Arbeit erst mit Einzelerlaubnis des Rektors zur Verfügung. Ähnlich umständlich ist der Zugriff an Hochschulen in Tschechien oder Ungarn. Vor Ort oder in der Fernleihe darf nur eingeschränkt kopiert werden. Je nachdem braucht der Leser sogar die Einwilligung des Verfassers. Da triumphiert das Urheberrecht über alle Ansprüche der wissenschaftlichen Community.

Aber selbst wer trotzdem als Textdieb oder Datenfälscher auffliegt, muss um seinen akademischen Vornamen von anderswo nicht so fürchten wie um den aus Deutschland. In der Slowakei, wo Doktorarbeiten seit 2012 als e-books publiziert werden müssen, sehen die Unis überhaupt keine Rechtsgrundlage, den einmal verliehenen Doktor nachträglich zu entziehen.22 Er bleibt dann aufgrund eines zwischenstaatlichen „Äquivalenzabkommens“ auch hierzulande gültig.

Deutschland selbst ist demgegenüber für Doktoranden ein Hochrisikoland.

Erwischt - so ein dummer Zufall

Jedes Jahr verlieren Schwarze Schafe unter den Doktoren oder Hochschullehrern, manchmal lange beschwiegene Lämmer, ihren akademischen Abschluss nachträglich wegen Täuschung der Prüfer und Leser. Der Schwindel hat im Wesentlichen zwei Formen: Datenmanipulation23, bei der Messungen verfälscht werden, und /oder Textklau, bei dem ein Autor von einem anderen heimlich abschreibt.

Der skeptische Philosophieprofessor Peter Sloterdijk nimmt zwar an, „dass inzwischen 98 bis 99 Prozent aller akademischen Textproduktionen in der Erwartung des partiellen oder völligen Nichtgelesenwerdens verfasst werden.“24 Sie sind wegen der sprichwörtlichen „Halbwertszeit des Wissens“25 oft schnell vergessen. In diesem System, so Sloterdijk, führt höchstens „die unerwartete Lektüre zur Katastrophe“.26 Doch bleibt die Zahl der mit falschem Abschluss Erwischten im Vergleich mit den unangefochtenen Titelträgern ganz gering, im Promillebereich.

Oft wird der Wissenschaftsbetrug so zufällig entdeckt wie Amerika durch Kolumbus. Mal fällt einem belesenen Bibliothekar der Schwindel auf27, mal einem Doktoranden28 auf dem gleichen Gebiet, ab und an (wie in den Fällen Mathiopoulos und Eumann) auch bei einer Buchbesprechung für ein Fachorgan29. Hin und wieder schnüffeln bezahlte Herkunftsforscher im Kundenauftrag.30 Für andere ist Plagiatsjagd eine Freizeitbeschäftigung, so im Falle Schavan. Mitunter „verrät“ auch ein enttäuschter Mitarbeiter, wie Daten in einem Team gefälscht wurden.31 Unter dem Mantel des Informantenschutzes wenden sich Hinweisgeber aus unterschiedlichen Motiven gezielt an die sensationshungrige Presse oder andere publikumswirksame Medien. Dass eine Untersuchungskommission der Uni mal von sich aus auf Dubletten stößt, ist (wie im Fall Dickhuth) eher ein Zufallstreffer.

Da Hinweisgeber nicht selten von außerwissenschaftlichen Konfliktlagen ausgehen und wissenschaftsfremde Zwecke (bis zur persönlichen Rache) verfolgen, wollen die amtlichen Ansprechpartner in den Hochschulen den Kritiker möglichst unter seinem Klarnamen kennen oder wissen, weshalb er oder sie sich lieber in der Anonymität versteckt.32 Das so gewonnene Vorverständnis kann je nachdem die Sachklärung überschatten.

Schutz vor Datenmanipulation und Plagiat

Fälschen und Plagiieren sind unterschiedliche Risiken.33 Datenmanipulationen lassen sich oft nur durch experimentelle Nachprüfungen feststellen, also viel schwerer als Textdiebstahl. Hinzukommt, dass Autoren aufgrund (angeblicher) „Wiederholungsexperimente“ frühere „Irrtümer“ öffentlich korrigieren und einen drohenden Skandal so aus der Welt schaffen.34

Bei bloßen Abschreibereien ist ein gelehrtes Drumherum-Reden nicht so leicht möglich. Indes hat das Plagiat, nach seiner lateinischen Wortwurzel ein „Menschenraub“, unterschiedliche Erscheinungsformen von der verheimlichten Volltext- bis zur umformulierten Inhalts-Übernahme.35 Im rechtlichen Sinne sind wenigstens drei Bedeutungen zu unterscheiden:

Das deutsche Urhebergesetz schützt jeden Autor vor dem Plagiat als geistigem Diebstahl. Das Original muss sich allerdings durch eine besondere sprachliche „Schöpfungshöhe“ auszeichnen. Die hat ungekünstelte wissenschaftliche Prosa aber üblicherweise nicht. Gegebenenfalls kann der Originalautor vom Betrüger Schadenersatz für wirtschaftliche Einbußen verlangen.36

Ansonsten darf jeder, außer dem Urheber auch jeder unbeteiligte Dritte, dank seines Grundrechts auf freie „Meinungsäußerung“ seiner Empörung über das Abschreiben, Abkupfern oder Plagiieren Luft machen. Dafür muss es im angegriffenen Text nicht mehr und nicht weniger als „Anknüpfungspunkte“ geben, zum Beispiel Wortumstellungen oder Paraphrasen.

Ein rechtskräftiges Gerichtsurteil hielt jüngst sogar fest: Es gibt „keine allgemeingültige Definition, mit deren Hilfe die Aussage, ein Werk sei ein Plagiat, mit wahr und unwahr beantwortet werden könnte.“37 Das Allerweltswort sei „für sich genommen zu substanzarm, als dass ihm auch nur teilweise der Charakter einer Tatsachenbehauptung zukäme“. Mit einem entsprechenden Plagiatsvorwurf bekommt die Empörung über die klammheimliche Fremdverwertung doch ihr Recht.38 Aber Vorsicht: „Schmähkritik“, die sich nicht auf die sachliche Auseinandersetzung um Texte bezieht, sondern im Wesentlichen einen Abschreiber als Person zu diffamieren sucht, ist durch die Meinungsfreiheit nicht gedeckt.

Speziell über plagiierte Doktorarbeiten, Habilitations- oder andere Prüfungsschriften können sich betroffene Unis mit Autoren vor den Verwaltungsgerichten streiten. Bei der amtlichen Klärung des Plagiatsvorwurfs geht es, wie Rechtsprofessor Klaus Ferdinand Gärditz klarstellt, dann nicht um eine bloße „Meinungsäußerung“ wie von einem empörten Kritiker, sondern um eine „Tatsachenbehauptung, die wahr oder unwahr sein kann.“39 Genau darum ging es in den prominenten Fällen Mathiopoulos, Dickhuth, Schavan, Eumann.

Persönliches und öffentliches Interesse

Die Internetplattform Vroniplag Wiki dokumentiert in ein paar hundert Fällen plagiatsverdächtige Arbeiten, auch wenn die amtliche Überprüfung der Dissertation oder Habilitationsschrift noch längst nicht abgeschlossen ist. Gelistet werden prominente Autoren, aber genauso Hinz, Kunz und Otto Normalverbraucher. Wie Wiki-Mitarbeiter Gerhard Dannemann sagt, hat bislang noch niemand die öffentliche Bloßstellung vor Gericht unterbunden.40

Rechtsprofessor Volker Rieble schreibt schon in seinem Klassiker „Das Wissenschaftplagiat“41: „Wie sich eine wissenschaftliche Arbeit als mögliches Plagiat zu einem potentiellem Original verhält, auch das ist wissenschaftliche Kritik und steht unter dem Schutz von Art. 5 Grundgesetz“, also der Wissenschaftsfreiheit. Das „Wissenschaftlerpersönlichkeitsrecht“, also persönliche Empfindlichkeiten ums Ansehen und Amt, seien demgegenüber nachrangig.

Vor Gericht kann das im konkreten Einzelfall anders aussehen. Über die Aberkennung des Doktortitels mit Namen zu berichten, ist presserechtlich fragwürdig, auch wenn der Betroffene sich über Andeutungen schnell identifizieren lässt. Sind Namen für die Darstellung des Sachverhalts nicht nötig, kann das Persönlichkeitsinteresse im Hinblick auf die berufliche Zukunft der Erwischten Vorrang haben.42

Demgegenüber müssen sich Promis wie die nachfolgend behandelten öffentliche Neugier weitgehend gefallen lassen. Die Frage ist nur, wer wirklich „Person der Zeitgeschichte“ ist. Vor allem Politiker müssen mit dieser (un)schmeichelhaften Einstufung rechnen. Wie im Falle Dickhuth kann sie auch Professoren treffen – oder auch nicht, wie Ansgar Ohly, selbst Rechtsprofessor, als Vorsitzender einer Münchner Untersuchungskommission ohne nähere Begründung feststellte.43 Folglich hätten die „Persönlichkeitsinteressen“ des Beschuldigten Vorrang vor dem „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“. Im Schutz der „Privatsphäre“ kann sich der fragwürdige Autor vor der Öffentlichkeit verbarrikadieren und die Uni ihre zweifelhafte Entscheidung verstecken.

Dagegen könnten etwa Medienvertreter im öffentlichen Interesse klagen. Aber wer will das bezahlen, wer hat dafür Geld. Angelehnt an Ohly gilt: „In der Praxis gibt dann doch meist der Schwächere nach“44, der Schwächere oder auch nicht ganz so „bissige Leser.“45

Anders in den USA: Beim Office of Research Integrity überwiegt das öffentliche Interesse jedes private.46

Selbstjustiz der Alma Mater

„Die Täuschung ist juristisch gesehen der relevante Ansatzpunkt, das Plagiat spielt implizit eine Rolle.“ (Hans-Heinrich Trute 2013)47

Für den Titelentzug bleiben mithin Spielräume: wenn nicht die Tat, sondern die Täterpersönlichkeit ausschlaggebend ist …

Verschiedenerlei Entzugsverfahren

Verleihung und Entzug akademischer Grade oder Titel sind behördliche Verwaltungsakte. Sie beruhen auf gesetzlichen Regelungen48, die je nachdem in den Promotions- und Habilitationsordnungen besonders festgeschrieben sind.

Ein Hauptgrund für die Aberkennung ist die Täuschung49 durch Plagiat oder Datenmanipulation. Zum Verfahren stellt Rechtsprofessor Gärditz klar50: „Die gesetzlichen Voraussetzungen setzen nicht zwingend wissenschaftlich-fachliche Bewertungen voraus, sondern eine Feststellung der relevanten Fehler“. So könne auch ein Fachfremder, „ohne hierzu etwas von Augenheilkunde verstehen zu müssen, feststellen, ob in einer medizinischen Dissertation plagiiert wurde.“ Leistungen zu bewerten oder rechtswidrige Täuschungsversuche zu klären, ist zweierlei. Die Pointe ist klar: Damit ist auch die zugunsten von Annette Schavan vertretene These hinfällig, nur Experten vom Fach könnten über Fehlverhalten befinden.51

Der Entzug der akademischen Qualifikation hängt also von der bürokratischen „Zuständigkeit“52 ab, während die inhaltlichen Fragen nach wie vor der fachwissenschaftlichen Diskussion überlassen bleiben. So besagt etwa das Berliner Hochschulgesetz53: „Über die Entziehung eines akademischen Grades entscheidet der Leiter oder die Leiterin der Hochschule auf Vorschlag des Gremiums, das für die zu Grunde liegenden Prüfungsleistungen zuständig ist“, in der Regel also der Fakultät. „Ohne mit der Wissenschaftsfreiheit der Fakultät in Konflikt zu geraten“, so Gärditz, könne die Entscheidung auch „anderen Organen anvertraut werden“, etwa dem Dekanat, das „sich dann entsprechenden Sachverstandes bedient“. Die Uni Hamburg gibt dafür ein auffälliges Beispiel.54

Mit Wolfgang Löwer ist dabei zu unterscheiden zwischen der „Vollzugskompetenz“ der Leitung und dem Vorschlag der Hochschullehrer.55 Wäre der allerdings bindend, wäre die Letztentscheidung der Spitze entbehrlich. Hingegen war etwa in den Fällen Mathiopoulos, Dickhuth und Schavan das letzte Wort der Fakultät selbstverständlich56, im Falle Eumann erst nach Einlenken der widerspenstigen Rektorin.57 In einem anderen Fall fühlten sich die Professoren der medizinische Fakultät der Uni Bonn, versammelt im „Professorium“, übergangen und setzten die Wiederaufnahme eines Plagiatsverfahrens durch, das trotz der amtlichen Erstentscheidung des Dekans zum Entzug des Doktorgrades führte.58 Der Willensbildungsprozess kann offenbar mancherlei Kapriolen schlagen. Für den Betroffenen kommt es dann darauf an, wer von welchem (interessegeleiteten) Gesichtspunkt entscheidet.

Üblicherweise richten sich die Fachbereiche nach den Erkenntnissen hochschulinterner Untersuchungskommissionen oder des Promotions- oder Habilitationsausschusses der Fakultät. Diese können, anders als Gerichte, bei der Beweiserhebung keine Zeugenaussagen erzwingen; Falschaussagen bleiben straffrei. Inwieweit ihre Mitglieder im Nahverhältnis zu den Doktoreltern und / oder Doktoranden befangen sind, sei dahingestellt.

Die Gremien stützen sich ihrerseits auf einen oder mehrere Gutachter oder Berichterstatter, die die fraglichen Veröffentlichungen überprüfen. Diese Experten sind vom jeweiligen Fach oder fachnah. Die Verfachlichung hat aber einen Haken: wenn nicht gerade Fachjuristen über fachjuristische Arbeiten zu entscheiden haben, dann urteilen Laien nach Gewohnheiten und Vorverständnis ihrer jeweiligen Fachkultur. Dadurch droht die anstehende Rechtsfrage überspielt zu werden.59 Hinzugezogene Rechtsbeistände können ein Lied davon singen, wie oft sie als bloße Garderobiere für eine gerichtsfeste Einkleidung vorgefasster Meinungen betrachtet werden.

Die Sachverständigen können sich auf die Darstellung von Regelverstößen (nach den wissenschaftlichen Kriterien richtig /falsch, wahr/unwahr) beschränken, damit aber auch eine Bewertung des Befundes (nach Kriterien wie Schwere der Täuschungshandlung60 und Außenwirkung der Entscheidung61 ) verbinden. Im Falle Schavan wurde ein solches Präjudiz als Bevormundung der Fakultät strittig. Indes hält Rechtsprofessor Gärditz „eine personelle Trennung von Untersuchung und Entscheidungsvorschlag“ für rechtlich nicht zwingend, weder für ge- noch für verboten.62

Die Gremienarbeit zur Klärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist gegenüber der Außenwelt nichtöffentlich - wiewohl Wissenschaft an sich eine öffentliche Angelegenheit ist. Indem die Alma Mater Studiorum, an sich die „ nährende Mutter der Wissenschaften“, das Licht der Öffentlichkeit scheut, zieht sie das Medieninteresse nur umso mehr auf sich.

Nach Gesetz63 sind die internen Verfahren „einfach, zweckmäßig und zügig durchzuführen.“ Je nachdem ziehen sie sich aber als Ausnahmefall in der Selbstverwaltung über Jahre hin. Solange die Fakultät auf Zeit spielt, die Entscheidung schwebend hält, droht ihr auch keine gerichtliche Auseinandersetzung.

Wenn die zuständige Stelle der Hochschule im Ergebnis einen Täuschungsversuch verneint, sind alle Beteiligten selbstverständlich fein raus. Wird er bejaht, ist generell der Prüfling schuld und die Prüfer sind die Opfer. Die Verwaltungsgerichte können später lediglich unter die Lupe nehmen, ob ein Rücknahmebeschluss verfahrensfehlerfrei zustande gekommen ist. So behalten die Unis meistens Recht.64 Die Entscheidung ist und bleibt im Kern akademische Selbstjustiz im Geheimen.

Damoklesschwert „Täuschung“

Wer in den Wissenschaften plagiiert oder Daten unzulässig vereinfacht, handelt gegen die Regeln der Kunst. Die Regelwidrigkeit führt jedoch erst dann zur Aberkennung von Prüfungsleistungen, wenn sie auf einer Täuschung beruht. Die ist das A und O für den Verlust des Doktorhutes oder der Habilitation.

Eine „Handreichung“ der Uni Hamburg erläutert die „Täuschung in der Prüfung“ beispielsweise so: „Eine Täuschungshandlung setzt voraus, dass ein Prüfling eine selbständige und reguläre Prüfungsleistung vorspiegelt, obwohl er sich bei deren Erbringung in Wahrheit unerlaubter Hilfsmittel, unzulässiger Methoden oder der Hilfe Dritter bedient hat.“65 Eine „fehlerhafte Zitierweise“ kann dann schon darin bestehen, eine Original- oder Primärquelle anzugeben, den Text aber aus der darauf beruhenden Sekundärliteratur zu übernehmen. Das wurde etwa Annette Schavan zum Verhängnis.66

Der Hamburger Rechtsprofessor und zeitweilige Vorsitzende des bundesweiten Beschwerdegremiums für die Wissenschaften, Hans-Heinrich Trute, stellt klar: „Ty­pi­scher­wei­se geht es bei der Ti­tel­ent­zie­hung gar nicht di­rekt um das Pla­gi­at, son­dern darum, dass über die Leis­tung ge­täuscht wird. Die Täu­schung ist ju­ris­tisch ge­se­hen der re­le­van­te An­satz­punkt, das Pla­gi­at spielt im­pli­zit eine Rolle.“67 Demnach wird die objektive Fehlleistung erst mit der Täuschung der prüfenden Fakultät sanktionswürdig. Dabei geht es also nicht unbedingt darum, von Amts wegen wissenschaftliche Schmutzwäsche zu waschen, sondern im Wesentlichen um eine Bestrafung68 des Übeltäters.

Wo genau die Toleranzgrenze zwischen bloßer Regelwidrigkeit und der Täuschung verläuft, darauf gibt es prinzipiell und von Fall zu Fall unterschiedliche Antworten:

Wer mit voller Absicht, „vorsätzlich“ gegen die bekannten Spielregeln verstößt und Text- oder Datenklau begeht, kann nicht auf Nachsicht hoffen. Nach strengerem Maßstab ist aber auch schon der „bedingte Vorsatz“ nicht hinnehmbar.69 Der ist möglicherweise anzunehmen, wenn der Doktorand beim Schreiben die Zitatnachweise auf später verschiebt und damit „billigend in Kauf nimmt“, dass ihm die nötigen Angaben später gar nicht mehr ordentlich gelingen. Andere Juroren ziehen die rote Linie bei so genannter „grober Fahrlässigkeit“.70 Die liegt etwa vor, wenn der Prüfling seine Sorgfaltspflicht in ungewöhnlich hohem Maße verletzte , aber das Fehlverhalten nicht wie beim Vorsatz beabsichtigt oder die Möglichkeit einkalkuliert hat.

Das Spiel in diesem Reigen verdeutlicht ein Zweiakter an der Technischen Universität Dresden. Ein erboster Bonner Magister zeigte der TU an, seine Abschlussarbeit sei in der zeitgeschichtlichen Dissertation von Roland Wöller weitgehend plagiiert.71 Der angebliche Plagiator war derzeit Professor an der Dresdener Hochschule für Technik und Wirtschaft sowie Landesumweltminister. Der Promotionsausschuss beanstandete offenbar „die Menge der Übereinstimmungen“ zwischen Wöllers Dissertation und der fremden Magisterschrift72, ohne die kritische Menge näher anzugeben.

Fraglich war anscheinend (wie später im Falle Schavan73 ), inwieweit der Doktorand womöglich Ungelesenes aus zweiter Hand übernommen, aber mit der Originalquelle zitiert hatte. Doch konnte der Ausschuss der TU keine Urheberrechtsverletzung und auch keine „Täuschungsabsicht“ feststellen. Er beließ es vielmehr bei einer „schriftlichen Ermahnung“ im Hinblick auf Wöllers Zukunft als Autor, „verbunden mit dem Hinweis, entsprechende Korrekturen bei einer Neuauflage der im Druck veröffentlichten Dissertation vorzunehmen.“74 Toi, toi, toi!

Im Sommer 2011, Wöller war derzeit sächsischer Kultusminister, wurden die Vorwürfe in der Presse wieder aufgewärmt.75 Auf einmal zeigte sich auch der frühere Doktorvater enttäuscht.76 Unter Vorsitz von Trute stellte eine Untersuchungskommission aber fest: Der Verdächtige habe „kein vorsätzliches oder grobfahrlässiges (Fehl-)Verhalten“ begangen.77 Das Verfahren wurde „eingestellt“.

Allemal sind Schuld- oder Freispruch „wertungsabhängig“ vom gewählten Maßstab.78 Stefan Rohrbacher, der Berichterstatter im Falle Schavan, markiert den Unterschied zwischen wissenschaftlicher und moralischer Bewertung: „Im Fall der vorsätzlichen Täuschung werden gegebenenfalls ein paar Befundstellen den Entzug des Doktorgrades zur Folge haben. Dieselben Stellen, nur unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Unzulänglichkeit betrachtet, werden kaum diese Folge haben, weil die Arbeit ja ansonsten wissenschaftlich brauchbar ist.“79

Wie immer, ist zuviel aber zuviel. Rechtsprofessor Klaus F. Gärditz, vielerfahren in Fällen von Wissenschaftsplagiat, erläutert: Wenn im ersten von fünf abgeschriebenen Sätzen die Quelle angegeben wird, in den vier anderen aber nicht, könne man vielleicht noch ein Auge zudrücken. Aber „eine halbe Seite ohne Quellenangabe würde reichen, um den Doktorgrad abzuerkennen.“80

Objektiv regelwidriges Fehlverhalten mit der Frage nach der Täuschungsabsicht, dem „subjektiven Tatbestand wissenschaftlichen Fehlverhaltens“81 zu verknüpfen, verkompliziert jede Urteilsfindung. Am Ende hängt offenbar viel von Empörung oder „diskretionärer Milde“82 der Prüfgremien ab, dem Geduldsfaden. Der erinnert gar nicht so entfernt an das Rosshaar, an dem ein Syrakusaner Tyrann beim Festmahl das Schwert über dem Kopf seines übertölpelten Gefolgsmanns (adsentator) Damokles baumeln ließ.83 Wie reißfest war der Faden? Die Frage versetzte Damokles in Angst und Schrecken (terror) und verdarb ihm alle Tafelfreuden. Sein Tyrann ließ ihn aber ansonsten davonkommen.

Die Geschichte spielte im vierten Jahrhundert vor Christus. Im Folgenden ein Musterbeispiel vom akademischen Damoklesschwert heute.

In Täuschungsabsicht oder „gutem Glauben“?

Das ist der ganze Witz und verfahrensmäßige Kniff beim Täuschungsverdacht: Mit uferlosen Abwägungen über die persönliche Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit des Autors – nicht zu verwechseln mit dem objektiven Erscheinungsbild seiner Arbeit - wahrt die Fakultät ihre volle Entscheidungsfreiheit.

Mit der „Gutgläubigkeit“ des Autors in seine noch so fragwürdige Darstellungsweise kann der Täuschungsverdacht einfach unter den Tisch fallen. So hielt etwa eine Potsdamer Untersuchungskommission den niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann für gutgläubig und beließ ihm seinen betriebswirtschaftlichen Doktorhut von 2007.84 Damit geriet er vier Jahre später, ausgerechnet als Präsident der Kultusministerkonferenz, in der Presse wieder unter Plagiatsverdacht.85

Die Uni stellt auf Nachfrage die „Zusammenfassung“ des Kommissionsberichts zur Verfügung. Sie moniert ausdrücklich „ die wörtliche Wiedergabe fremder Textfragmente ohne Anführungszeichen, sondern nur durch ein(en) „Vgl.“-Verweis in der jeweiligen Fußnote.“86 Das sei ein Mangel von „erheblichem Gewicht“. Klar. Denn laut einem maßgeblichen Gerichtsbeschluss erwecken Verweise nach dem Beispiel „so auch XY“ den Eindruck „eigenständiger Argumentationserwägungen anstatt erkennbar zu machen, dass es sich um die bloße Wiedergabe der bereits erbrachten gedanklichen Leistung eines Anderen handelt.“ Das widerspricht „wissenschaftlichen Mindeststandards.“87

Trotzdem sei „eine Täuschung der untersuchten Dissertation nicht vorzuwerfen“, meinen die Potsdamer Juroren. Namentlich bei den „Vgl.-Verweisen“ werde niemand „über die tatsächliche Urheberschaft der wiedergegebenen wissenschaftlichen Ergebnisse getäuscht“. Im Übrigen ergebe sich die Unschuld „ auf Grund verschiedener Umstände“ des Einzelfalls.88

Althusmann ist kein Einzelfall. Den „guten Glauben“ bescheinigte auch schon die Bonner Untersuchungskommission 1991 der Doktorandin Mathiopoulos89 -während später eine zweite Kommission umgekehrt auf „Täuschung“ erkannte.

Offensichtlich widersprechen sich die vermeintlichen Gegenbegriffe von Täuschung und gutem Glauben nicht - sie sind vielmehr auswechselbare Formeln, die die Entscheidungsfindung eher verdecken können als sie anzuleiten.

Note als Notanker?

Promotionen werden benotet, in einer Rangskala von „ausgezeichnet“ (summa cum laude) über sehr gut und gut bis „ausreichend“ (rite) beziehungsweise „ungenügend“ (non rite).

Schon wiederholt geriet die Beziehung zwischen Note und wissenschaftlichem Fehlverhalten ins Rampenlicht der breiten Öffentlichkeit. Kunstfehler und Schwächen seien doch in der Benotung mitberücksichtigt, empörte sich etwa die Vizepräsidentin des Europa-Parlaments Silvana Koch-Mehrin, als ihr die Uni Heidelberg nach elf Jahren, 2011, den Doktorhut entzog. „Plagiate“ aber, entgegnete der Heidelberger Dekan, sind bei der Notenvergabe naturgemäß nicht erfasst.90

Gleichzeitig kam der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann mit seiner Doktorarbeit ins Gerede.91 Der nebenberufliche Promovend hatte die wenig schmeichelhafte Mindestnote „ausreichend“ (rite) bekommen. Die spricht für wenig neue Erkenntnisse in vorwiegend referierenden Arbeiten. Gerade unter den Doktoranden in den Geistes- oder Sozialwissenschaften erkennt Jurist Löwer viele „Chronisten der letzten Redundanzdrehung“92, also Ab- oder Umschreiber abgestandener Texte.

Offenbar sahen die Potsdamer Prüfer mit der Note noch „ausreichend“ alle Fehler in Rechnung gestellt. Hingegen stellt die Kontrollkommission 2011 fest: Wegen der „Verstöße“ gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis hätten die damaligen Gutachter „Maßnahmen ergreifen müssen“. Aber welche wären denn in Betracht gekommen? Beispielsweise wären Auflagen zur Nachbesserung der Doktorarbeit möglich gewesen. Oder man hätte das Promotionsverfahren angesichts der erheblichen Kunstfehler statt mit „rite“ mit der Note „ungenügend“, „durchgefallen“ (non rite) beenden können.

Aber Potsdam ist eben nicht Heidelberg, also Althusmann nicht Koch-Mehrin. Und wieder anders die Promotionsordnung der Bonner Philosophischen Fakultät: „Hat der Doktorand eine Täuschung begangen und wird dies erst nach Aushändigung der Promotionsurkunde bekannt, so kann die Bewertung der Promotionsleistungen nachträglich geändert oder der Doktorgrad entzogen werden.“93 So war ein Plagiator mit der Herabsetzung seiner Note glatt einverstanden. Der Dekan meinte, „dass die Stärken der Dissertation durch die nachgewiesenen Plagiatsstellen nicht entscheidend gemindert werden.“94

Also Täuschung schon – aber durch Notenabzug heilbar. Der Bonner Rechtsprofessor Löwer bleibt demgegenüber skeptisch: „Die schlechteste Note kann man nicht mehr verschlechtern, dann müsste aberkannt werden, bei der besten gäbe es noch vier Stufen der Verschlechterung. Das leuchtet mir nicht ein.“95 Den Kollegen der Philosophischen Fakultät trotzdem – As you like it?

Überfordertes Ermessen

Verwaltungsbehörden haben, wie vorstehend deutlich wurde, typischerweise einen breiten Spielraum für „Ermessensentscheidungen“. Davon hängt es schon ab, ob sich eine Uni entschließt, Fehlverhaltensvorwürfen überhaupt nachzugehen. Je nachdem wird die Prüfbehörde dazu von außen gedrängt, wie offensichtlich im Falle Schavan, oder von internen Kräften wie im Falle Dickhuth.

Bei Ermessensentscheidungen ist letztlich nicht die Frage, ob sie richtig oder falsch ausfallen, sondern ob sie in einem breiten Bewertungsspielraum „vertretbar“ sind. Streit über Prüfungsentscheidungen lässt sich so abkürzen. Wenn auch die Gerichte die Behördenentscheidung für „vertretbar“ halten, muss jeder damit leben.

Die Ermessensentscheidung erscheint beim gängigen Täuschungsverdacht im akademischen Prüfungsbetrieb allerdings umso fraglicher, weil dabei viel auf den Subjektbezug ankommt, „innere Tatsachen“ im Kopf des Prüflings – die in Wirklichkeit aber vom Kopf des Betrachters abhängen.96

Beim Entzug des Doktorhutes stehen die Fakultäten allerdings stets noch vor einem nichtakademischen Problem: Sie müssen in ihre Ermessensentscheidung die sozialen Nebenfolgen für den Betroffenen in Beruf und Gesellschaft prognostisch einbeziehen. Damit sind sie schnell überfordert und scheitern mit dem Titelentzug dann vor Gericht.97

Bei Politikern jedenfalls wird die akademische Entscheidung unweigerlich zum Spielball in einerm ganz anderen Feld : Der Titelverlust kann wie bei Annette Schavan zum Amtsverlust führen oder wie im Falle des Berliner CDU-Fraktionsvorsitzenden Florian Graf98 die Karriere im Abgeordnetenhaus ganz unberührt lassen. Wie die Würfel im politischen Kräftespiel fallen, vermag kein Unbeteiligter, schon gar kein Hochschulgremium, vorherzusagen.

Letztlich können die Fakultäten für sich zwar immer in Anspruch nehmen: unsere Interessen überwiegen die des ehemaligen Prüflings. Das ist ein Standpunkt, aber keine Abwägung pro und contra. Oder könnten sie wirklich, ohne sich selber zu verleugnen, auch umgekehrt sagen: die Karriere des falschen Doktors hat Vorrang vor der akademischen Jugendsünde?

Auswege aus der Zwickmühle sollen im einen oder anderen Fall etwa über historische Umstände oder die „Lebensleistung“ des Betroffenen führen – wie nachstehend im Falle „Schavan“.

„Gründe“ und Hintergründe

Bei den hochschulinternen Untersuchungen entstehen dicke Akten, die am Ende die komplizierte „Ermessensentscheidung“ begründen sollen. Umso überraschender dann, wenn etwa der seinerzeitige Dekan der Bonner Philosophischen Fakultät die Komplexität im Falle Mathiopoulos nachträglich aus dem juristischen Diskurs in die Realität der Entscheidungsgremien 1991 so „rückübersetzt“99: schlussendlich war alles eine Frage der reinen Opportunität!100 Gute „Gründe“ und entsprechende „Rechtsfolgen“ nach Aktenlage entpuppen sich somit auf einmal als „Mittel“ zum „Zweck“, der Fakultät Ärger zu ersparen.101 Ermessen nach Windrichtung…

Der Plagiatsexperte und Rechtsprofessor Volker Rieble stellt generell klar: „Ein kritikwürdiges Motiv (der Provenienzforscher) ändert nichts am Befund.“ Wer wollte widersprechen? Zur Ablenkung von der Motivfrage fügt Rieble aber noch einen schiefen Vergleich aus seinem angestammten Lehrgebiet, dem Arbeitsrecht, hinzu: „Jeder Arbeitgeber darf bei einem missliebigen Arbeitnehmer nach vorhandenen Kündigungsgründen suchen.“102

Konkret bezieht Rieble sich damit auf den Fall des Habilitanden Arne Heller an der Uni Hamburg: Die Juristenfakultät leitete gegen den freiberuflichen Rechtsanwalt 2011 eine Untersuchung wegen seiner plagiatsverdächtigen Dissertation ein, vierzehn Jahre nach der Promotion. Damit war ein „Rechtsgrund“ oder das „zweckdienliche Mittel“ gefunden, um das Habilitationsverfahren in allerletzter Minute, nach vorbehaltloser Annahme der Qualifikationsschrift, gerade noch vor dem anberaumten Probevortrag zu stoppen.103 Denn die höhere Weihe setzt den Doktorhut voraus. 2012 wurde er entzogen, zu Recht nach gültigem Gerichtsurteil zwei Jahre später. Prompt erklärte die Uni daraufhin per Rücknahmebescheid auch die Habilitationsangelegenheit für erledigt.

Dass die Behörde überhaupt tätig wurde, kam nach einem Bericht des Dekans an den Präsidenten so104: Die Plagiatsvorwürfe gegen die Doktorarbeit seien „in der Tat auch im (Habil.-) Ausschuss zu Beginn des Jahres 2009 diskutiert worden. Damals war der Ausschuss der Auffassung, dem Hinweis in diesem Verfahren nicht weiter nachgehen zu müssen, da die Habilitationsschrift ohnehin nicht angenommen werde. Die Vorwürfe wurden erst jetzt, im Sommersemester 2011, wieder von mehreren Mitgliedern des Ausschusses erhoben“ – als das Habilitationsverfahren ein gutes Ende zu nehmen drohte. Wie viel Opportunität ist vertretbar?

So krass wie in den beiden Beispielen aus Bonn und Hamburg müssen Ermessensentscheidungen nicht unbedingt zustande kommen. Sie verdeutlichen allerdings: Rechtsförmliche Versachlichung oder Verfremdung105 von Konflikten führt zwar zu gültigen „Klärungen“, wobei aber die Frage, was die Entscheidungsträger dabei womöglich im Hinterkopf verfolgen, systematisch unterdrückt wird.

Verantwortung der Doktoreltern

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gehört zu den gesetzlichen Pflichtaufgaben der Professoren. Für die Doktorandenbetreuung können sie sogar besondere „Leistungszulagen“ verdienen.106

Tatsächlich ist die Verantwortung der Doktoreltern heute in Doktorandenverträgen festgeschrieben – dass sie aber wirklich zur Verantwortung gezogen werden, sind krasse Ausnahmen, am ehesten unter Medizinprofessoren, die offenbar leichter als Kollegen anderer Fakultäten Promovenden durchwinken. Den pflichtvergessenen Prüfern will etwa die Uni Münster „freiwillige Leistungen“ jenseits der Mindestausstattung kürzen: „das kann Personal sein, das kann zusätzliches Geld sein, Boni, das können auch zusätzliche Räume sein, Laborflächen“.107

Auffällig: Von spürbaren disziplinarrechtlichen Schritten ist soweit keine Rede. Wieso überhaupt wird dem schludrigen Prüfer nicht die Prüfungserlaubnis entzogen? Der Rektor der Uni Freiburg, Hans-Jochen Schiewer, sagt: „Wer den Pflichten als Betreuer nicht nachkommt, sollte auf Zeit oder dauerhaft das Promotionsrecht verlieren.“108 Sollte, sollte …

Die Schludrigkeit der Prüfer wächst noch bei fachübergreifenden, „interdisziplinären“ Themen etwa im Schnittpunkten von Medizin und Informatik. Dazu meinte der Dekan der medizinischen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Uni in München, Maximilian Reiser, schon mal, es sei „nicht erforderlich, dass die Zusammensetzung der beteiligten Gutachter der fachlichen Thematik der Arbeit zur Gänze entspricht“.109

Andererseits unterstellte der Rechtswissenschaftliche Fachbereich der Uni Bonn besonders weitgehende Betreuungspflichten: der Doktorvater müsse den Promovenden rechtzeitig auf Plagiatsverdacht hinweisen und damit vor dem Scheitern bewahren.110 Wenn das wirklich die Regel wäre oder würde, könnten und müssten sich die deutschen Unis viele Widerrufsverfahren ersparen. Aber vielleicht war das in Bonn auch wieder mal111 nur eine dubiose Ausrede in einer vertrackten Lage: Konkret ging es nämlich um die Frage, ob eine Doktorandin von einem Betreuer abgeschrieben hat oder nicht umgekehrt eher der von ihr. Sie durfte ihren Promotionsantrag zurückziehen.

Ausführlicher befasst sich der Bayreuther Abschlussbericht im Plagiatsfall Guttenberg mit den Betreuungspflichten. Darin ist die „primäre Eigenverantwortung“ der Doktoranden festgeschrieben und höchstens von einer „Mitverantwortung“ der Doktoreltern die Rede. Allenfalls liege eine besondere Aufsichtspflicht beim „Projektleiter“, wenn „naturwissenschaftlich-experimentell angelegte Dissertationen“ im Rahmen eines umfassenderen Projekts entstehen.112 Doch gibt es derartige Großprojekte ja auch in den Kultur-, Ingenieur- und allen anderen Wissenschaften. Aufpassen gehört überall zum Risikomanagement.

Beraterversagen kann verheerend wirken. Das zeigte sich jedermann in der Finanzkrise vor rund zehn Jahren - und führte zu der wissenschaftlichen Frage nach den dogs that didnt´t bark.113 Umso verwunderlicher, dass laut Bayreuther Abschlussbericht Doktoranden namentlich in den Geisteswissenschaften „Betreuungsangebote des Doktorvaters beziehungsweise der Doktormutter auch ablehnen können“. Ist das mehr als eine schlichte Ausrede für deren Verantwortungslosigkeit? Denn nur sprichwörtliche Rabenmütter und –väter lassen den Nachwuchs machen, was er will.

Unterschiedliche Rechtsfolgen

„Die Verleihung eines Titels hebt den dadurch Ausgezeichneten in der allgemeinen Achtung bei weitem nicht in dem Grade, wie ihn die Entziehung des Titels herabsetzt." (Paul Laband 1907).114

Und heute?

Aberkennung oder Titelverzicht

Verfahren zur Aberkennung von akademischen Prüfungen durchzuführen, kann für die Fachbereiche aufwändig werden. Tatsächlich ist das ihnen oft einfach zu lästig.115 Da mag es verlockend erscheinen, wenn der mutmaßlich falsche Doktor seine Urkunde „freiwillig“ zurückgibt und auf die Titelführung verzichtet. „Diesen Trick haben viele versucht“, sagt der Juraprofessor und Plagiatsexperte Klaus F. Gärditz.116 Guttenberg beispielsweise hatte das angeboten.

Damals erklärte der renommierte Wissenschaftsjurist Wolfgang Löwer117: Zum Verzicht „gibt es keine klare Regelung. Nach meiner Einschätzung ist das wohl möglich. Sie können auch einen Führerschein freiwillig wieder abgeben. Wir Juristen sprechen von einer ,günstigen Rechtsstellung`, die er erreicht hat durch die Promotion. Es gibt kein zwingendes Argument, wie Sie jemandem verbieten wollen, auf diese Rechtsstellung, also den Doktorgrad, zu verzichten.“ Doch hinkt der Vergleich mit dem Führerschein in der Regel schon tatbestandsmäßig: Die Fahrerlaubnis wird durchweg ja wegen eines späteren Verkehrsdelikts entzogen und nicht, weil sie durch Prüfungsbetrug erschlichen worden wäre.

Für den Münsteraner Rechtslehrer Hans-Wolfgang Waldeyer118 geht es um eine rechtsethische Frage: „Ist dem Bürger eine entwürdigende Entziehung des Titels zumutbar“, wenn der sich auch ohne ein großes öffentliches Aufsehen aus der Welt schaffen lässt? Das mag vom Zeitpunkt des Rückziehers abhängen. Die Unibehörde muss ein schon eingeleitetes Überprüfungsverfahren von sich aus zum prüfungsrechtlichen Abschluss bringen, sagen etwa die Experten Gärditz und Rieble.119 Einen Verzicht auf den begünstigenden Verwaltungsakt aus heiterem Himmel muss die Uni womöglich hinnehmen.

So unterschiedlich wie die Rechtsmeinungen sind auch Entscheidungen der Hochschulen. Wiederholt hat sich die beispielsweise die TU Berlin auf den Titel-Verzicht belasteter Doktoren eingelassen120, die Uni in Hamburg hingegen nicht.121

Zu mehr Klarheit führt womöglich ein Urteil des Verwaltungsgerichts Frankfurt vom 21. März 2019.122 Eine Klägerin wandte sich gegen die Aberkennung ihrer Habilitation und den Entzug der Bezeichnung „Privatdozent(in)“ durch die Frankfurter Juristenfakultät. Denn auf beide Berechtigungen hatte sie nach Anhörung zu Plagiatsvorwürfen gegen ihre Qualifikationsschrift verzichtet, bevor die Fakultät sie abschließend negativ beschied.

Die Frankfurter Habilitationsordnung schreibt vor: Der Titel Privatdozent wird „auf Antrag“ verliehen und kann durch Verzicht vor dem Dekan erlöschen. Insoweit ist die Klägerin im Recht. Anders im Falle der Habilitation oder Lehrbefähigung: Die wird „zuerkannt“ und kann laut Urteil umgekehrt (per actus contrarius) nur amtlich entzogen werden. Denn mit dem Entzug seien Rechtsfolgen verbunden: So sei nach manchen Prüfungsordnungen ein erneuter Habilitationsversuch ausgeschlossen. Diese Regelung, so die Richter, könne niemand durch einen scheinbar freiwilligen Verzicht umgehen.

Auch wer als Doktorand zum Beispiel in der Würzburger Juristenfakultät gescheitert ist, hat nach der Promotionsordnung keine zweite Chance.123 Dem Entzug des Doktorhutes durch einen Verzicht zuvorkommen zu wollen, erscheint demnach rechtswidrig .

„Rüge“

In jüngster Zeit findet ein Verfahrensabschluss mit einer „Rüge“ mehr und mehr Zuspruch.124 Was heißt das? Das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium, dem mehr Hochschulen unterstehen als jedem anderen Bundesland, erläutert auf Nachfrage: Soweit nicht Beschäftigte der Hochschule disziplinar- oder arbeitsrechtlich betroffen sind, handelt es sich bei einer „Zurechtweisung, Ermahnung oder Rüge nicht um eine in Rechte Dritter eingreifende Sanktion“. Die Rüge sei, wie es etwas holprig heißt, „die wissenschaftsinterne Äußerung einer wissenschaftlichen Missbilligung“, also ohne Außenwirkung. Der Doktorhut und sein „gesellschaftlicher“ Reputationswert bleiben dabei unangetatet. Wennn die Hochschule rüge, sei das „ Ausdruck einer Grundrechtsausübung“, die ihr niemand nehmen könne. Die ganze Sache wird im Namen des Schutzes personenbezogener Daten nicht publik gemacht, wenn nicht die Presse dahinterkommt.125

Die NRW-Klarstellung bezog sich konkret auf medizinische Doktorarbeiten in Düsseldorf – im Falle Schavan, ebenfalls Uni Düsseldorf, plädierte ihr Rechtsvertreter noch in Unkenntnis der ministeriellen Rechtsauskunft vergeblich für eine Rüge.126

Eine akademische Mängel-„Rüge“ wie in NRW ist für die Uni nicht zuletzt deshalb einfacher, weil sie dabei keine außerakademischen Folgen in Erwägung ziehen muss, anders als bei der Titelaberkennung.127

Kratzspuren im Ordnungs- und Strafrecht

Neben dem Titelentzug, dem akademischen Ausschluss aus dem Kreis der Gleichen, droht dem Plagiator oder Fälscher wegen ordnungswidrigen Verhaltens grundsätzlich auch ein Bußgeld wie bei Verstößen im Straßenverkehr. Jedenfalls ist das so in Nordrhein-Westfalen, der dichtesten Hochschulregion in ganz Europa. Hier kann der Hochschulkanzler oder das Prüfungsamt den Übeltäter zu einer Geldbuße bis zu 50 000 Euro verdonnern.128 Ob das je passierte, steht allerdings dahin.

Ferner kann jeder in allen Bundesländern Strafanzeige wegen Wissenschaftsbetrugs stellen. Wer sich wirklich diese Mühe macht, ist offen. Im Gegenteil, bei eigenen journalistischen Recherchen winkten Opfer einfach ab, darunter sogar ein Professor.

Gegebenenfalls prüft der Staatsanwalt, ob eine Verfolgung im öffentlichen Interesse liegt. Dabei spielt die Verjährung eine Rolle. Beim erschlichenen Doktortitel tritt sie typischerweise nach drei Jahren ein.129 „Für ein sonstiges öffentliches Interesse an der Aufklärung des Sachverhalts“, nach Eintritt der Verjährung, „ist wohl die Presse zuständig“, erklärte etwa die Staatsanwaltschaft Detmold.130 Die Titelanmaßung kann mit einer Haftstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldauflage geahndet werden.131 Guttenberg war mit 20 000 Euro einverstanden.132 In der Regel geht es um nicht mehr als drei Monatsgehälter.133 Bis zu dieser Grenze kommt es zu keinem Eintrag ins amtliche Führungszeugnis. Wie die meisten überführten Wissenschaftsbetrüger blieben Mathiopoulos, Dickhuth und Schavan von der Strafjustiz unbehelligt.

Titelschande und Berufsehre

Neben der Strafverfolgung oder auch ohne müssen schwarze Schafe je nachdem mit negativen beruflichen Konsequenzen rechnen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Promotion Einstellungsvoraussetzung war. So mussten zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Münster, Beamte auf Zeit, vorzeitig gehen, nachdem sie ihren Doktor wegen geistigem Diebstahl verspielt hatten.134

Böse Folgen können davon abhängen, ob es sich um dienstliches oder außerdienstliches Fehlverhalten handelt. Ein Offizier wurde wegen Dienstvergehens degradiert, nachdem er an der Bundeswehrhochschule ein Examen, nicht einmal einen Doktorhut, erschlichen hatte.135 Hingegen blieb ein Landrat in Bayern dienstrechtlich unbehelligt, weil sein erschlichener Doktortitel ein „außerdienstliches Fehlverhalten“ war136, mit seinem Amt direkt nichts zu tun hatte. In dem Sinne blieb auch ein Lehrer mit aberkannter Promotion Lebenszeitbeamter.137 Es gibt keine „verfassungsrechtlich begründete allgemeine Vorbildfunktion der Beamtinnen und Beamten“ oder einen „herausgehobenen ethischen Verhaltenskodex“.138

Doch auch bei außerdienstlichem Fehlverhalten können öffentlich Bedienstete sich je nachdem so unter Druck sehen, dass sie ihre Stelle aufgeben. Das tat etwa ein leitender politischer Beamter, der wegen seines aberkannten Doktortitels dem Arbeitgeber untragbar erschien.139 Im ähnlichen Fall quittierte auch eine Fachhochschulprofessorin den Dienst, wiewohl sie einen Doktorhut dafür gar nicht brauchte.140

Schließlich kann auch ein geschickter Umgang mit Disziplinar- und Strafrecht zu einer einvernehmlichen Lösung zwischen dem Dienstherrn und Dienstnehmer führen: So leitete die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg gegen einen Mitarbeiter, der sich eine Habilitation erschleichen wollte, zunächst disziplinarische Ermittlungen ein – dann aber switchte die Hochschule auf eine Betrugsanzeige um, die das Disziplinarverfahren unterbricht. Beim Betrug muss es allerdings um einen Vermögensschaden gehen, der bei Textplagiaten in den Wissenschaften schwer bezifferbar ist. Die Staatsanwaltschaft heftete die Anzeige deshalb als „Allgemeine Rechtssache“ minderer Bedeutung ab. Woraufhin Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Dienstverhältnis im sprichwörtlich „beiderseitigen Einvernehmen“ lösten.141

Freiberufler wie Ärzte oder Rechtsanwälte brauchen eine amtliche Zulassung. Eine Promotion ist dafür nicht nötig. Umgekehrt ist auch der Verlust des Doktortitels kein Grund für ein Berufsverbot. Das setzt vielmehr schwerwiegende berufliche Verfehlungen oder andere Missetaten voraus, die das Vertrauen in den ganzen Berufsstand beeinträchtigen.142

Im Übrigen kann der Arbeitgeber kündigen, wenn der Beschäftigte das Vertrauensverhältnis durch pflichtwidriges Verhalten endgültig zerstört hat. Hochstapelei mit einem Doktortitel reicht dafür schwerlich, wie ein Beispielfall zeigt.143 Dann liegt eine Trennung mit Abfindung nahe. Ansonsten sieht der Arbeitgeber über den akademischen Ausrutscher auch hinweg.144

Später unwürdig?

Die meisten Erwischten haben ihre Abschlüsse endgültig verloren, weil sie die rechtswidrig erschlichen hatten. Wenn der Doktorgrad oder die Habilitation deshalb rückwirkend aberkannt werden, waren sie schon von Anfang an nichtig – und nicht erst, wie Betroffene meinen mögen, seit dem Widerruf.145

Im Unterschied dazu kann der Doktorhut in einer Reihe von Bundesländern146 nach Gesetz auch zurückgenommen werden, wenn er ordnungsgemäß erworben wurde, sich aber der Titelträger durch späteres Fehlverhalten als „unwürdig“ erweist.147 Laut der Promotionsordnung etwa für Sozialwissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Uni München ist sogar schon die Annahme als Doktorand zu versagen, wenn der Bewerber „unwürdig zur Führung des Doktorgrades“ ist.148

Was aber soll das heißen? Was ist die akademische „Würde“, die der Doktor erwerben wie verlieren kann? Das klingt noch ganz nach den besonderen „Würden“ und „Würdenträgern“ älterer, hierarchisch aufgebauter Gesellschaften, ihrer „Heraushebung“.149 Doch findet sich eine besondere Würde oder „Personqualität“ des Doktors heute nirgends (mehr) positiv definiert. Sie ist vielmehr eine Blackbox, deren Bedeutung nur am Gegenteil, Tatbeständen für „Unwürdigkeit“ greifbar wird.

Missbräuchlich diente das Schlagwort in der Nazi-Zeit dazu, rassisch oder politisch Verfolgten nachträglich ihre Hochschulabschlüsse zu entziehen. Die Unis ließen sich das gefallen. Mit der vielbeschworenen Würde des Doktors war es im Grunde vorbei, trotz mancher Rettungsversuche nach 1945. Laut Bundesverfassungsgericht150 gilt der Titelverlust wegen „Unwürdigkeit“ heute überhaupt nur bei „wissenschaftsbezogenen“ Vergehen wie zum Beispiel Fälschungen eines Physikers im späteren Berufsleben. Auch ein gewerblicher „Promotionsberater“, der einen akademischen Betreuer und Prüfer besticht, riskiert seinen ehrlich erworbenen Doktorhut.151 In solchen Fällen kann die Uni mit dem Titelentzug ihrem guten Ruf den Vorrang geben.

Demgegenüber brauchen etwa Steuersünder wie der ehemalige Verteidigungs-Staatssekretär Dr. jur. Ludwig-Holger Pfahls nicht um ihren Doktorhut zu fürchten. Delikte ohne Wissenschaftsbezug konnten nur bis zur großen Strafrechtsreform vor fünfzig Jahren zum Verlust der Doktorwürde als „Nebenstrafe“ führen. Heute aber, angesichts der Differenzierung und Pluralisierung der Lebenswelten, sind die Hochschulen nicht mehr zur amtlichen Bewertung von Fehlverhalten anderswo befugt – auch Sexualstraftäter müssen zur Promotion zugelassen werden.152

Würde und Unwürdigkeit haben im Sinne „ traditioneller gesellschaftlicher Vorstellungen über den Doktorgrad keine gesetzliche Grundlage“ mehr.153 Womöglich aber in den Köpfen der Beteiligten.

Auswege

„Rettungslösungen“

Diese Bezeichnung verwendet die Uni Hamburg für die außergerichtliche Einigung mit dem Habilitanden Heller, der seine plagiatsverdächtige Prüfungsschrift überarbeiten durfte.154 Die Bergische Universität Wuppertal einigte sich in einem förmlichen „Verwaltungsvergleich“ mit einem Dr.-Ing. auf die Nachbesserung seiner plagiierten Dissertation.155

Oder der Doktorhut bleibt erhalten, wenn die Dissertation abzüglich der misslichen Kapitel im Rest immer noch promotionswürdig erscheint156 – wenngleich das manchen Rechtsgelehrten grundsätzlich fragwürdig erscheint.157 Oder „die Einzelheiten des Falles“ lassen den Beschuldigten davonkommen; seine „Persönlichkeitsinteressen“ sprechen angeblich gegen eine öffentliche Begründung.158

Manchmal erscheint eine schlampige Arbeitsweise auch entschuldbar, weil Autoren es angeblich nicht besser gelernt haben.159 Mit dieser Entscheidung macht die Uni Freiburg ihren medizinischen Doktoranden den Weg frei. Sie reiht sich damit (vielleicht unabsichtlich) in die Tradition von Gustave Flauberts Text-Torso „Bouvard und Pécuchet“ (1880) ein, dem amüsanten literarischen Denkmal für alle pseudowissenschaftlichen Kopisten.

Rationales Desinteresse

Mitunter zieht sich die Uni auch aus der Affäre, indem sie das Verfahren „einstellt“, weil sich nicht mehr genau feststellen lasse, wer in einem Team genau von wem abgeschrieben hat.160 Solch gütlicher Ausweg lässt sich schlagwortartig mit „rationalem Desinteresse“ der Prüfbehörde erklären, der der erforderliche Aufwand für eine streitige Klärung zu groß erscheint. Der Experte Volker Rieble spricht von einem „Trend, die Universitäten haben wenig Lust, den Plagiatsvorwürfen nachzugehen, weil das a) Arbeitskraft bindet und b) den Ruf beschädigt.“161

Heiner Barz, Professor für Bildungsforschung an der Uni Düsseldorf, sieht es so: Die einen irgendwie ungeschoren davonkommen zu lassen, andere oder aber auch nicht, „das kann man wohl nur als Glück oder Willkür bezeichnen. Es hat nichts damit zu tun, ob der eine mehr und der andere weniger abgeschrieben hat. Die Maßstäbe an den Hochschulen sind eben sehr unterschiedlich.“ Ganz nach Gutsherrenart. Barz fordert: „Es müsste einheitliche Bewertungskriterien und Verfahren geben.“162

Solange das nicht der Fall ist, erscheinen die Beratungsergebnisse, von außen betrachtet, je nachdem so beliebig wie die Sinnsprüche zum Glückskeks nach dem Essen beim Chinesen.163 Wenn nicht unglücklicherweise wie ein fieser Spruch im Pechkeks.164

Und demnächst: Historisierung, Verjährung?

Den zufällig aufgeflogenen falschen Doktor oder Hochschullehrer durch Titelentzug lebenslänglich zu degradieren, das beeinträchtigt sein Ansehen in der Gesellschaft. „Die universitären Ordnungen heben denn auch regelmäßig auf die absichtliche Täuschung als einzigen Rücknahmegrund ab“, erklärt der langjährige Sprecher des Ombudsgremiuns oder amtlichen Kummerkastens für die Wissenschaft, Wolfgang Löwer; andernfalls wäre die Degradierung „unverhältnismäßig“.165

Schon 2013 haben sich der Allgemeine Fakultätentag und der Deutsche Hochschulverband, die Vertretung der Uni-Professoren und ihres Nachwuchses, generell für Verjährungsfristen bei vergifteten Promotionen ausgesprochen.166 Eine Zehnjahresfrist erscheint plausibel, da Primärdaten von Experimenten oder anderen Erhebungen nicht länger aufbewahrt werden müssen.167 Von einer solchen Regelung hätten gewiss auch Mathiopoulos, Dickhuth, Schavan profitiert. Bisher hat offenbar aber nur die Juristische Fakultät der Uni Münster die Empfehlung umgesetzt: dort wird der Doktorhut nach 15 Jahren nicht mehr zurückgenommen.168

Rechtsprofessor Klaus F. Gärditz plädiert jetzt ganz offen für eine Verbindung von Verjährungsfrist und unbefristeter Feststellung des Fehlverhaltens:169 „Richtigerweise sollte – einen Vorschlag von Wolfgang Löwer aufgreifend –eine Regelung einerseits den Entzug des Doktorgerades einer großzügig zu bemessenden Verjährungsregelung unterwerfen, andererseits aber eine Feststellung wissenschaftlichen Fehlverhaltens unbefristet in pflichtgemäßem Ermessen zulassen“, etwa in einem amtlichen Bescheid. Wie das funktionieren kann, zeigt ein Beispielfall an der Ludwig Maximilians-Uni in München.170

Um Betroffene nach langer Zeit zu verschonen, sind noch zwei Alternativen zur Verjährung im Gespräch. So argumentieren Befürworter und amtliche Untersuchungskommissionen von Fall zu Fall damit, dass früher eine andere Forschungspraxis als heute Usus gewesen sei. Diese entschuldigende Historisierung von Standards zog schon oft in der Medizin.171 Ferner soll die historisch bemerkenswerte „Lebensleistung“ als Wiedergutmachung für die akademische Jugendsünde dienen.172 Der Erziehungswissenschaftlerin Schavan half freilich keine der drei Ausflüchte - womöglich, weil in ihrem Fall darum besonders laut gestritten wurde.

Resozialisierung in Forschung und Lehre

Wer seinen Doktor rechtsgültig verloren hat, bekommt üblicherweise keine zweite Chance.173 Denn beim Promotionsgesuch ist anzugeben, ob das der erste Versuch ist. Beim zweiten Mal wird die Prüfbehörde üblicherweise mehr als stutzig. Zwei seltene Ausnahme: Ein Berufsschullehrer verlor 2005 seinen Tübinger Doktorhut in Theologie.174 Die Sache ging durch die Presse.175 Gleichwohl wurde er 2007 an der Uni Ulm in Informatik promoviert.176 Ein Jurist hatte in Hamburg wegen Plagiats die Doktorprüfung „nicht bestanden“, machte dann aber an der Bergischen Universität in Wuppertal den Dr.-Ing. im Baurecht (2010/15).177 Aus der Umgebung des Hamburger Plagiators Arne Heller178 verlautet, (auch) er werde im Wintersemester 2019/20 eine zweites Promotionsverfahren in Jura an einer anderen Universität abschließen (können).

Und ausgerechnet die Philosophische Fakultät der Uni Düsseldorf bestätigte dem TV-Sternchen Sarah Sophie Koch unnötigerweise, dass sie es mit den nicht beanstandeten Teilen ihrer aberkannten Doktorarbeit anderswo erneut probieren könne179 - unter öffentlichem Protest der im Plagiatsverfahren Schavan maßgeblichen Professoren Rohrbacher und Bleckmann.180

Je nachdem klappt´s mit der zweiten Chance besser im Ausland. Die Berliner Humboldt Universität öffnete einen Türspalt für den dann erfolgreichen Weg nach Österreich, nach Innsbruck: noch im laufenden Berliner Verfahren konnte der Doktorand auf Rat eines Prüfers den ersten Promotionsantrag zurückziehen.181 Ein leitender Arzt am Kantonsspital Luzern ließ sich an der Uni Basel noch einmal zum Dr. med. promovieren, bevor die Aberkennung seines Heidelberger Doktorgrades rechtskräftig wurde.182

Einzelne gefallene Engel finden trotz Verlust des Doktortitels oder der Habilitation im Laufe der Zeit sogar irgendwie wieder in die Hochschullehre zurück, beispielsweise in Fulda und Köln.183 Vorbildliche Resozialisierung?

Margarita Mathiopoulos und der Wankelmut der Hochschulen

Im Wechselschritt von Wissenschaft und Wirtschaft

Nach einem Magisterabschluss und Promotionsstudium im In- und Ausland wurde Mathiopoulos 1986, damals dreißigjährig, mit einer politikwissenschaftlichen Arbeit zum Dr. phil. an der Uni Bonn promoviert.184 Nebenbei war sie schon zehn Jahre als freie Fernseh-Journalistin tätig, vorübergehend auch Pressesprecherin der Botschaft von Zypern in der Bonner Republik.

Mit Doktorhut wurde Mathiopoulos Vize-Direktorin des Aspen Instituts in Berlin, einer amerikanischen Denkfabrik. Gleichzeitig hatte sie an der Freien Universität Lehraufträge für amerikanische Außenpolitik und Internationale Sicherheit. Von ´92 bis ´97 arbeitete sie als Kommunikationschefin bei der Norddeutschen Landesbank in Hannover und wurde in der Zeit auch nebenamtliche Honorarprofessorin für internationale Politik an der Technischen Universität Braunschweig.

Anschließend war Mathiopoulos drei Jahre Chefberaterin beim britischen Waffenkonzern BAE Systems. Sodann machte sie sich mit Partnern als Beraterin für internationale Rüstungsgeschäfte selbständig. Das weltumspannende Unternehmen namens „Aspide“ befasst sich inzwischen schwerpunktmäßig auch mit Fragen der internationalen Energiesicherheit.

Hauptberuflich Unternehmerin, wurde Mathiopoulos 2002 an der Uni Potsdam zugleich Gründungsdirektorin eines Potsdam Center for Transatlantic Security and Military Affairs, das aber bald an der Finanzierung scheiterte, und Honorarprofessorin auf diesem Gebiet. Zum Ende des Wintersemesters 2018/19 verließ sie die Hochschule, um als Gastdozentin an eine Uni und diplomatische Kaderschmiede in Peking zu gehen.

Der internationale unternehmerische Erfolg spricht für sich und sie, dagegen wurde Mathiopoulos´ wissenschaftliches Ansehen hierzulande in langem Hin und Her kaputtgemacht. Selbst die persönliche Webseite gibt es heute nicht mehr.

Doktorarbeit wie im Bilderbuch

Für große Publizität ihrer Doktorarbeit hatte Mathiopoulos zunächst selber gesorgt. Sie präsentierte das Buch im September ´87 gleich vor der Bundespressekonferenz - ausgerechnet am selben Tag, als statt ihrer jemand anderer, Rainer Burchardt, Sprecher des SPD-Parteivorstands wurde. Im Frühjahr hatte der Vorsitzende Willy Brandt eigentlich sie, die Tochter aus einer befreundeten Familie, zur Sprecherin machen wollen. Aber mächtige Genossen waren dagegen gewesen, Brandt trat zurück und Mathiopoulos erlebte den ersten Karriereknick.

Nichtsdestoweniger fand die Dissertation zunächst auch großen Beifall bei hochangesehenen Gelehrten wie Werner Weidenfeld (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) oder Michael Stürmer (im Sender Freies Berlin). Das Werk sei beeindruckend großrahmig und erfrischend schwungvoll geschrieben, einfach anders als üblich.

Im Herbst ´89 aber veröffentlichte ein Andreas Falke, sozusagen als Anwalt des Üblichen, in einer amerikanischen Fachzeitschrift eine Buchbesprechung mit Plagiatsvorwürfen.185

Cover Girl in Fake-Verdacht

Der Rezensent Andreas Falke war derzeit Gastwissenschaftler an der Elite-Universität Harvard. Hauptberuflich arbeitete er an der US-Botschaft in Bonn, wurde später Professor an der Uni Erlangen-Nürnberg. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel brachte Falkes Kritik in die breite Öffentlichkeit mit der Vorhersage: Selten passe die Sentenz des Pop Art-Künstlers Andy Warhol vom „Berühmtsein für 15 Minuten“ so gut wie auf Margarita Mathiopoulos186 – in diesem Falle waren es, genauer genommen, gut zwei Jahre plus vielleicht 15 Minuten. Mit dem Hinweis auf die Frau Doktor als „Beinahe-Vorstandssprecherin der SPD“ erinnerte die Wochenzeitschrift an ihr früheres Cover-Girl mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt.187

Aufregung um Medien-Promis interessiert die breite Öffentlichkeit natürlich immer, ob Trunkenheit am Steuer, Ehescheidung (wie später auch im Falle Mathiopoulos) oder sogar Auseinandersetzungen um Doktorarbeiten.

Startguthaben Bonn

So viel Aufsehen wie Mathiopoulos kann kein x-beliebiger Doktorand der Philosophischen Fakultät erregen. In diesem Falle wird die Ausnahme vielleicht auf dem biographischen Hintergrund verständlicher.

Margarita Mathiopoulos wurde 1956 in der der damaligen Bundeshauptstadt Bonn geboren. Ihre Eltern waren Griechen, die zum Studium nach Deutschland gekommen waren. Beide promovierten in Bonn. Die Mutter lehrte an der dortigen Uni Neugriechisch und wurde 1996 sogar zur Honorarprofessorin erhoben. Der Vater, Basil M., war ab Mitte der fünfziger Jahre Deutschland-Korrespondent griechischer Zeitungen, als solcher auch gerngesehener Gast in Werner Höfers „Frühschoppen“, dem Vorläufer des heutigen ARD-Presseclubs. Angesichts des Obristen-Putsches und der Militärdiktatur im Heimatland 1967 erhielt die Familie politisches Asyl, auf Weisung des damaligen Bundesaußenministers Willy Brandt. Der war mit dem Journalisten schon länger befreundet.188 Später, nach Ende der Diktatur, wurde der frühere Bonner Korrespondent Regierungssprecher und Professor in Athen.

Die Tochter aus prominenter Akademikerfamilie studierte nach dem Abitur an der Bonner Uni im Hauptfach Politik und machte den Magister-Abschluss. Mit einem Promotionsstipendium der amerikanischen Fulbright Foundation und der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung ging sie dann für drei Jahre an die US-Eliteuni Harvard und machte dann mit ihrer amerikanisch-europäischen Vergleichsstudie189 in Bonn den Doktor. Ihr Doktorvater war Karl Dietrich Bracher, der Nestor der bundesrepublikanischen Politologie mit einem besonderen Draht zur geistig-ideologischen Oberleitung von Politik. Sein Schüler Wolfgang Bergsdorf, ein Vertrauter von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und damals hauptberuflich Abteilungsleiter im Bundespresseamt, erstattete das Zweitgutachten.

Im Jahr nach der Promotion etablierte sich Mathiopoulos auch ganz privat: Sie heiratete den damaligen Pressesprecher des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Auch das ein viel versprechender Aufbruch.

Zwei Problemfälle auf einmal

Im Herbst 1990, ein Jahr nach den ersten Plagiatsvorwürfen gegen Mathiopoulos, setzte die Philosophische Fakultät der Uni Bonn gleich zwei Untersuchungskommissionen ein, ausgerechnet am selben Tag, dem 17. Oktober. Denn gleichzeitig mit der Falke-Rezension190 hatte eine Kölner Philosophie-Professorin gegen ihre dortige Kollegin Elisabeth Ströker Plagiatsvorwürfe wegen deren Bonner Dissertation von 1953 erhoben. Die Ströker-Kommission kam im Frühjahr drauf zu der Empfehlung, gegen sie „wegen Titelentzugs nicht einzuschreiten.“191 Einen Monat später teilte der Dekan auch Mathiopoulos mit, die Fakultät sehe „keinen Anlass“ gegen sie „wegen des Vorwurfs der Täuschung einzuschreiten“.192

Im Falle Ströker verkannte die Kommission nicht, dass die Doktorarbeit „unstreitig zu großen Teilen aus nicht gekennzeichneten Entlehnungen“ von anderen Autoren bestand. Dabei handle es sich um eine „ ,Zitierweise', die durchaus nicht die Billigung dieser (aktuellen) Kommission findet“. Die sachkundigen Betreuer und Gutachter seien damit aber voll einverstanden gewesen. Sie seien also nicht getäuscht worden, weshalb der Doktortitel unangetastet bleiben könne.

Im Falle Mathiopoulos gelangte die Fakultät zur Einsicht, die Doktorandin habe zwar „handwerklich mangelhaft, aber doch in gutem Glauben“, mithin wie Ströker nicht in Täuschungsabsicht gehandelt. Beide seien also subjektiv Unschuldslämmer.

Rechtlich betrachtet, waren und sind das sehr windige Entscheidungen. So stellte etwa das Verwaltungsgericht Hannover 2010 klar: Bei der Täuschung und Aberkennung des Doktorgrades komme es nicht allein auf die Sachkenntnisse der Gutachter an, sondern darauf, ob die Professoren aus ganz unterschiedlichen Fächern im Prüfungskollegium der Fakultät verschwiegene Textanleihen erkennen können oder nicht.193 In den Neunzigern war die Sach- und Rechtslage nicht anders.

Die Bonner Philosophische Fakultät ist damals einem Problem ausgewichen, in des Wortes ursprünglicher Bedeutung einem gefährlichen Vorgebirge oder Riff, das man nur „mit Geschick, Urteilskraft und Mut umsegeln“ kann, wie der humanistisch gebildete Literaturprofessor Roland Reuß sagt.194 „Gelöst“ waren die Plagiatsfälle damit aber nicht.

Vertrackte Lage, dubiose Ausflüchte

Der damalige Rechtsberater der Kommissionen Ströker/Mathiopoulos, Wolfgang Löwer, spricht rückblickend vom Bemühen um „einen etwas dubiosen Ausweg aus einer etwas vertrackten Lage“.195 Das habe ihn neuerdings auch dazu gebracht, bei der Frage der Titelaberkennung „über Verjährung nachzudenken“, die er befürwortet. Der damalige Dekan Helmut Keipert erklärt: In beiden Fällen habe Löwer die Fakultät ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, „ dass sie bei Aberkennung des Titels das Risiko nachfolgender Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang und sich daraus möglicherweise sogar ergebenden Regressansprüchen zu bedenken habe, während sie bei Nichtaberkennung vielleicht eine Beeinträchtigung ihres guten Rufs befürchten müsse. Auch in Abwägung dieser Eventualitäten hat sich die Fakultät damals für das Nichtaberkennen entschieden.“196 Also keine Entscheidung über wissenschaftliches Fehlverhalten, sondern aus opportunistischer Folgenabschätzung.

Angesichts der Parallelfälle Ströker/Mathiopoulos hatte auch der damalige Kölner Dekan Werner Eck engen Kontakt mit seinem Bonner Kollegen. „Und da wurde vieles deutlich“, erinnert sich Eck.197 Die Bonner Gelehrten hätten sich wegen Mathiopoulos´ Dissertation nicht mit ihrem Ehemann im Bundespräsidialamt anlegen wollen - der Skandal wäre sonst zu groß geworden, was man nicht wollte. Das Problem war umsegelt - bis sich zwanzig Jahre später der Wind drehte.

Aufstieg an der Leine

Ab 1992 war Mathiopoulos, damals Mitte Dreißig, für fünf Jahre Pressesprecherin der Norddeutschen Landesbank in Hannover. Ihr Ehemann, ein gebürtiger Hannoveraner, saß derzeit über die niedersächsische CDU-Landesliste im Deutschen Bundestag. Mathiopoulos betätigte sich nebenberuflich als Lehrbeauftragte an der Uni in Hannover und der Technischen Universität Braunschweig. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Lehrbeauftrage im Laufe der Zeit mit einer ehrenamtlichen Honorarprofessur belohnt werden. Die TU berief Mathiopoulos dazu schon nach drei Jahren, als erste Frau in ihrer Geschichte. Damals hatte sie schon mehrere Bücher und etliche Aufsätze vorgelegt. Sie beteiligte sich an akademischen Prüfungen und betreute sogar Magisterarbeiten, wie der damalige Dekan Ulrich Menzel betont.

Wegen der Bonner Doktorarbeit verlief die Berufung auf die Professur allerdings sehr holprig. Als die TU den Politikdozenten Gert Krell, selber gerade auf dem Sprung zur Professur, für ein auswärtiges Gutachten gewinnen wollte, winkte der ab. Für ihn waren und sind die Plagiatsvorwürfe nicht ausgeräumt.198 Das Berufungsverfahren blieb in den Gremien stecken. Um da rauszukommen, wurde der damals schon bekannte Politik-Professor Claus Leggewie um ein Gutachten gebeten. Er selber sagt rückblickend, „mir waren die Vorgänge an der Fakultät gänzlich unbekannt“.199 In seinem Gutachten behauptet er, die Dissertation sei „von vor allem außerwissenschaftlicher Seite zu Unrecht und ohne Grundlage angegriffen worden“.200 Was nach der Flacke-Rezension und der 1991er Untersuchung der Uni Bonn einfach nicht stimmt. Mit Mathiopoulos habe die TU einen „großen Fisch“ an der Angel, „sie sollte ihn nicht vorbeiziehen lassen“, so Leggewie. Mit ihr können die TU zum „Kreuzungspunkt von Wissenschaft und Politik“ werden. Das passte der geltungsbedürftigen Hochschule. Heute sagt Leggewie: „Ohne Umschweife: Mein Gutachten war ein Fehler.“201

Zur gleichen Zeit feierte die Uni übrigens ihr 250jähriges Bestehen. Zu den Sponsoren zählte die Landesbank, für deren Außendarstellung Mathiopoulos arbeitete. Auf den hochgelobten Kreuzungspunkt von Wissenschaft und Politik angesprochen, erinnert sich der derzeitige Dekan Menzel heute noch lebhaft an die Ereignisse. Zu den prominenten Jubiläums-Gästen habe etwa Henry Kissinger gezählt, der amerikanische Geschichtsprofessor, Politikberater und Friedensnobelpreisträger. „Allein der Auftritt von Kissinger“, so Menzel, „Honorar, Erster Klasse Flug, Suite in einem Fünf Sterne Hotel, das es in Braunschweig gar nicht gab, wäre aus Eigenmitteln nicht zu finanzieren gewesen.“202 Der Bankchef selber wurde Ehrendoktor. Das alles passte.

Hoffnungsträgerin an der Havel

Nach dem Ausscheiden bei der Landesbank betätigte sich Mathiopoulos als Beraterin in der Rüstungsindustrie. 2001 gründete sie dann zusammen mit dem ehemaligen Bundeswehr- und Nato-General Klaus Neumann und Partnern eine eigene Beratungsfirma für internationale Rüstungsangelegenheiten. Ein Jahr später wurde die Sachkennerin auch zur Direktorin eines geplanten Potsdam Center for Transatlantic Security and Military Affairs an der dortigen Uni berufen. Zugleich wurde sie Honorarprofessorin für „US-Politik und internationale Sicherheitspolitik“. Die nötigen Gutachten konnten sich bequem an Braunschweig anlehnen. Der heimische Militärhistoriker Bernhard Kröner ging – ähnlich wie zuvor die Braunschweiger Kollegen – von der Hoffnung aus, dass sich mit Mathiopoulos das Gewicht der Uni Potsdam „in der poltischen wie auch in der Wissenschaftslandschaft über das Gebiet des Berlin-Brandenburger Raumes hinaus verstärken wird“.203 Der Traum ist geplatzt. Die militärpolitische Denkfabrik kam nicht zustande, weil die vom Verteidigungsminister Scharping zugesagte Grundfinanzierung nach seinem erzwungenen Rücktritt 2002 ausblieb.204 Davon blieb die Honorarprofessur unberührt.

Erbsenzählen fürs Letzte Gericht

Zwanzig Jahre nach der Bonner Verfahrenseinstellung von 1991 tauchte das Problem205 mit der Dissertation erneut auf, diesmal aber als Scheinproblem mit einer rein rechnerischen Lösung: Die Plagiatsdokumentation auf Vroniplag Wiki im Internet erschien überwältigend.

„Die Fakultät wäre froh gewesen, wenn sie den Fall nicht (noch einmal) bekommen hätte“, meint rückblickend Klaus Ferdinand Gärditz, ihr Rechtsvertreter in dieser zweiten Runde.206 Aber jetzt wehte ein anderer Wind. Das war 2011, zu der Zeit und in der Stimmung, als Bundesverteidigungsminister von Guttenberg wegen seiner plagiierten Doktorarbeit medial und politisch guillotiniert wurde.

In der Stunde der Abrechnung waren Rücksichtnahmen auf Umstände wie in der ersten Runde längst verflogen. Die Aberkennung 2012 wurde nach dem Weg durch alle Gerichtsinstanzen über fünf Jahre rechtskräftig. Dass es soweit überhaupt kam, beruhte auf der juristischen Streitfrage, ob die Fakultät bei der ersten Überprüfung 1991 endgültig auf die Titelrücknahme verzichtet hat, wie Mathiopoulos` Anwälte meinen, oder nicht, wie die Uni und am Ende auch die Gerichte meinen. Tatsächlich schien den Professoren schon bei der Erstprüfung 1990 klar, dass eine mangelhafte Zitierweise ein „durchgängiges“ Strickmuster der Dissertation war, ganz unabhängig von den später geführten Einzelnachweisen.207

Die Fakultät hätte es sich neuerdings einfach machen und wie die Gegenanwälte das Votum von 1991 für bindend erklären können. Wer hätte sich dann damit noch juristisch genauer auseinandersetzen wollen? Aber diesmal war die Furcht um den „guten Ruf bei Nichtaberkennung“ offenbar größer.208

Uni kaputt

Laut Prozessakten führte die Philosophische Fakultät das neuerdings behauptete Fehlverhalten der Doktorandin auf eine „Charakterschwäche“ zurück.209 Die Schmähung erinnert an akademische Gepflogenheiten aus den Kindertagen der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert.210 Gewiss ist auch im heutigen Recht die Einstellung oder Gesinnung eines Täters zu berücksichtigen. Sie muss aber „aus der Tat selbst sprechen“, in diesem Falle einem Wissenschaftsplagiat; eine darüber hinausgehende Aussage über den Persönlichkeitscharakter, die „Charakterschwäche“ der Person ist vor Gericht unzulässig.211

Mehr noch: Die Fakultät habe ´91 eine Täuschungsabsicht der Doktorandin „willkürlich“ verneint, meinte der Anwalt im Wiederaufnahmeverfahren. Laut Bundesverfassungsgericht ist eine amtliche Entscheidung willkürlich, wenn sie „unter keinem Aspekt rechtlich vertretbar ist und sich daher der Schluss aufdrängt, dass er auf sachfremden Erwägungen beruht“, womöglich auf nichtwissenschaftlichen Rücksichtnahmen auf Personen oder Situationen.212 Noch kaputter kann sich eine Uni wohl gar nicht reden.

Aber was soll´s. Die Hochschule ging gegen keinen der an der ´91er Entscheidung beteiligten Professoren wegen des Willkürvorwurfs disziplinarrechtlich vor. Und keiner der Gemeinten wehrte sich gegen die Behauptung.

Raus aus dem Professorentalar

Als bekannt wurde, die Uni Bonn wolle Mathiopoulos nun doch den Doktorhut entziehen, reagierten die Hochschulen in Braunschweig und Potsdam prompt. Sollte der Entzug rechtskräftig werden, werde auch die „Aberkennung“ der Honorarprofessur erfolgen, teilte die TU mit.213 Der zuständige Fachbereichsrat im Potsdam beschloss, Mathiopoulos „zu verabschieden und dem Präsidenten zu empfehlen, ihr den Titel der Honorarprofessorin zu entziehen.“

Die Vorentscheidungen waren einfach überstürzt. Braunschweig reagierte bereits auf Presseberichte, als die Bonner Uni-Gremien noch nicht endgültig durch waren, Potsdam drei Wochen danach. Überhaupt konnten die Verantwortlichen spätere Entscheidungsträger gar nicht binden. Aber angesichts der Plagiatsaffäre Guttenberg war angesagt, den Willen zum reinen Tisch zu demonstrieren. Als der Doktortitel rechtskräftig weg war, gaben die Unis ihrer Honorarprofessorin trotzdem eine Gnadenfrist für eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht und sogar noch eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Der erklärte sich im Oktober 2018 aber für unzuständig. Da beantragte Mathiopoulos in Potsdam und Braunschweig, mit Ende des Wintersemesters aus der Honorarprofessur auszuscheiden. Als Grund gab sie die Einladung zu einer zweijährigen Gastprofessur an der China Foreign Affairs University in Peking, der Wiege der chinesischen Diplomatie an. Danach sei sie 65, also im üblichen Ruhestandsalter, erklärt sie auf Nachfrage. Bis dahin will sie aber auf Weltniveau weiterlehren. Spötter können es nicht lassen und meinen böse, „das Mutterland von ,Markenfälschung´ und Produktpiraterie`“ gewähre Mathiopoulos „hochschulpolitisches Asyl“214. Dass sie sich grundlos vertrieben sieht, ist jedenfalls anzunehmen.

Nachwort Gysi

In einer hier vorliegenden Presseerklärung (im Netz nicht greifbar) zieht Mathiopoulos´ Anwalt Gregor Gysi eine bitterböse Endbilanz der ganzen Bonner Geschichte. Er erklärt seine Mandantin zum Opfer von „Diskriminierung und Diffamierung“, von „Neid und Missgunst“ gegenüber Ausländern und Frauen. Gysi hält es „für mehr als zweifelhaft“, dass „ein ähnliches Schicksal auch einem Mann ohne Migrationshintergrund widerfahren wäre“. Tatsächlich haben an der Uni Bonn aber mehr Männer als Frauen, mehr „Bio-Deutsche“ als Zugewanderte oder Migrationshintergrundler wie Mathiopoulos ihren Doktor verloren. Der sehr emotionale Aufruf eines Anwalts braucht aber nicht zu überraschen. Das Bundesverfassungsgericht billigt es zu, „die persönliche Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten in subjektiver Emotionalität in die Welt zu tragen“. Das muss nur zeitnah zur bitteren Erfahrung passieren.215

Drinnen und draußen

Gysis Versuch, die gekrümmte Bildungskarriere von Mathiopoulos als schlimmes Schicksal einer Migrantentochter zu erklären, ist abwegig. Dafür findet sich bei unserer Rekonstruktion jedenfalls kein Hinweis. Gleichwohl ist die Frage nach dem sozialen Umfeld, in das sie mit ihrer persönlichen Geschichte gehört, gar nicht falsch, aber umgekehrt zu beantworten. Mathiopoulos wurde in der Hochschularena eher als Angehörige einer Premium Klasse wahrgenommen – wie gesagt216, im Kreuzungspunkt von Wissenschaft und Politik und dickem Portemonnaie. Das konnte auf Außenstehende wie typische Geisteswissenschaftler eindrucksvoll wirken und ihnen doch fremd bleiben. Nicht allein dem Kollegen Krell217 erschien Mathiopoulos „vor allem klassenbewusst“ im Unterschied zu einem „Normalbürger“. Gemeint sein können damit allenfalls die „feinen Unterschiede“ im Auftreten (Habitus) anscheinend gehobener Kreise gegenüber allen anderen, wovon der französische Soziologe Pierre Bordieu spricht.218 Das Magazin Cicero umschreibt das mit Vokabeln wie „elegant“ oder „glamourös“ und „diesem kühlen Blick in die Ewigkeit“, jedenfalls wenn Mathiopoulos in die Kameras von Promi-Fotografen blickt.219 Wo gehört so jemand dazu?

Mathiopoulos wollte auf dem Parkett der deutschen Uni dazugehören, kam aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Extravaganz dort jedoch nie so ganz an wie die üblichen hauptamtlichen, verbeamteten Kollegen. Zwar geben sich Hochschulen immer gern einen sachlich-unpersönlichen Anstrich. Am wankelmütigen Umgang mit Fragen der Wissenschaft und mit Personen zeigt sich jedoch die innere Gebrechlichkeit der ganzen Einrichtung – genau das hat Mathiopoulos in jahrzehntelangem Streit um ihre akademische Würde klar unter Beweis gestellt.

Hans-Hermann Dickhuth und der medizinische Circus

Akademischer Werdegang

Nach dem Arztexamen und der Promotion an der Freien Universität Berlin studierte Dickhuth Mttte der siebziger Jahre noch Physik an der Uni Freiburg. 1978 wechselte er dann mit dreißig Jahren in die dortige Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin, das Zentrum für deutsche Spitzenathleten. Um Hochschullehrer zu werden, leitete er als Habilitand eine Arbeitsgruppe mit Doktoranden, in der er auch seine spätere Frau kennenlernte. Dickhuth bestand die Habilitationsprüfung 1983. Ende des Jahrzehnts übernahm der Spezialist für Herz-Kreislauf-Fragen als Professor die Leitung der Sportmedizin an der Uni Tübingen. Mit der Jahrtausendwende wurde er Präsident der deutschen Fachgesellschaft, im Jahr drauf dann selber Chef in Freiburg, wo seine Laufbahn ja einmal begonnen hatte.

Die Bilderbuchkarriere endete 2013 mit der Aberkennung der Habilitation wegen unlauterer Zusammenarbeit in der damaligen Arbeitsgruppe. Die Degradierung stieß auch international auf Unverständnis: 2015 machte die European Federation of Sportsmedicine, deren Vizepräsident Dickhuth zuvor gewesen war, den Pensionär zum Ehrenmitglied.220

Schwarzes Schaf unter Unschuldslämmern

Seit rund zehn Jahren werden promovierte und habilitierte Ärzte wegen eventuellen Wissenschaftsbetrugs serienweise unter Verdacht gestellt. Der Freiburger Medienmanager und sportmedizinisch engagierte Sachbuchautor Hermann Scharnagl ist, mit John le Carré zu sprechen221, der Circus-Direktor, um den sich anonyme Hinweisgeber und ihre Enthüllungen drehen. Für Scharnagl war und ist es empörend, dass die Medizinische Fakultät der Uni Freiburg 2011 die fast schon dreißig Jahre alte Lehrbefähigung (Habilitation) des Leiters der Sportmedizin, Dickhuth, entzog. Der stand mit 63 Jahren kurz vor der Pensionierung. Als Habilitand soll er in seiner Arbeitsgruppe nicht richtig zwischen Mein und Dein unterschieden haben. Demgegenüber sucht Scharnagl an ähnlichen Habilitationsverfahren in Freiburg und anderen Universitäten die Degradierung Dickhuths als eine Fehlentscheidung nachzuweisen, die sich über die damals überall gängige Forschungspraxis einfach hinweggesetzt habe. Es liegt inzwischen eine Liste von mehr als einem Dutzend äp+üßBeispielfällen vor, die den Hochschulen angezeigt wurde.222 Die Sache ist ein voller Erfolg: insoweit die betroffenen Fakultäten die Autoren tatsächlich mit der damaligen Forschungspraxis entschuldigen!223

Der Zufallsfund

Die Sportmedizin an der Freiburger Uniklinik war jahrzehntelang die erste Adresse für Profisportler, bis sie unter starken Dopingverdacht geriet. Der Fall des deutschen Tour de France-Siegers Jan Ullrich entsetzte die Öffentlichkeit. Über die Vorkommnisse brütete eine “Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin” von 2007 bis ´16.224 Sie belastete besonders Dickhuths Amtsvorgänger, ihn selber aber ausdrücklich nicht.

Indes fielen der Evaluierungskommission nebenbei, zufällig, breite textliche Übereinstimmungen zwischen Dickhuths Habilitationsschrift von 1983 und mehreren Doktorarbeiten aus der Arbeitsgruppe auf, die er angeleitet hatte. Der letztverantwortliche Doktorvater und Hauptgutachter des Habilitanden hatte die Überschneidungen seinerzeit einfach übersehen225, trotz aller Veröffentlichungen auch die Fachwelt noch jahrzehntelang. Die Entdeckung der Evaluierungskommission wurde Anfang 2011 durch eine Indiskretion schnell in der Presse bekannt.226 Da war mutmaßlich (wieder mal) ein dicker Fisch an der Angel. Die Uni kam damit unter Zugzwang.

Ein fauler Kompromiss

Die Medizinische Fakultät entschied, wegen plagiatsverdächtigen Zusammenspiels mit Doktoranden habe sich der Habilitand Dickhuth für die Funktion eines Hochschullehrers disqualifiziert. Dabei blieb offen, wer von wem angschrieben haben soll.227 Die Entscheidung fiel gegen zahlreiche Nein-Stimmen. Die widersprechen einer ausgereiften „kollegialen Überzeugungsbildung”228, die bei einem Rauswurf aus dem Kreis der Gleichen wünschenswert erscheint.

Dickhuth wehrte sich mit Rechtsanwälten, die ihm nach eigenen Angaben bald einen sechsstelligen Betrag kosteten. Mehr noch: Die Uni drohte mit einem Disziplinarverfahren, das die Pensionsansprüche gefährden mochte. In dieser Situation verständigten sich die Parteien: Dickhuth verzichtete auf die Habilitation, im Gegenzug garantierte ihm die Uni Titel und Ruhestandsbezüge.229 Prof. Dr. bleibt der Vorname.

Die Einigung steckt voller Paradoxien. Ohne Habilitation wäre Dickhuth nie der Medizinprofessor geworden, der er immer noch ist. Disziplinarrechtliche Vorwürfe erst zu erheben und dann ohne Sachgrund fallen zu lassen, ist im Verwaltungsrecht nicht möglich. Die Drohung mit Konsequenzen für den Beamtenstatus und den Brotkorb war also nichts anderes als eine außerrechtliche Gewaltandrohung.230

Wer angesichts von Gewaltandrohung auf Rechtsmittel im Habilitationsstreit verzichtet, lässt sich damit natürlich auf keinen Handel ein, sondern beugt sich allem Anschein nach einer unzulässigen Nötigung. Doch wen stört´s?

Musterbeispiel oder Kopiervorlage?

Dickhuth beharrt darauf, den Doktoranden Textentwürfe seiner Habilitationsschrift als „Vorlage“ für die Dissertation gezeigt zu haben, „als Orientierung und nicht zur wörtlichen Übernahme“.231 Die endgültigen Textfassungen, die die Promovenden dann über den offiziellen Doktorvater, einen inzwischen verstorbenen Professor, bei der Fakultät einreichten, habe er vorher nicht abgesegnet, nicht mal mehr angesehen.

Demgegenüber stellte der Promotionsausschuss der Fakultät im April 2018, sieben Jahre nach Eröffnung eines Untersuchungsverfahrens, fest, dass es „keine Anhaltspunkte für wissenschaftliches Fehlverhalten“ der Doktoranden gebe, also nicht einmal für ein unzulässiges Zusammenpiel mit Dickhuth.232 Nichts gefunden – was vielleicht auch einfach am Findungsprozess lag. Die Verfahren wurden teils „eingestellt“, teils nach Vorprüfung überhaupt „nicht eröffnet.“

Wenn also nicht die Doktoranden von Dickhuth, muss der ja umgekehrt bei den Promovenden abgeschrieben haben – was die Fakultät aber mit ihrem Endurteil vernachlässigter Aufsichtspflicht Dickhuth gerade nicht vorwirft! Oberflächliche Annahmen zu überprüfen, womöglich zu falsifizieren, Widersprüche aufzudecken, ist an sich das Kerngeschäft von Wissenschaft - wurde aber in dieser Plagiatsaffäre offenbar verfehlt.

Netzwerker statt„Einzeltäter”

Indem die Dickhuth-Kommission an „textlichen Übereinstimmungen” kleben blieb und nach den Worten eines Uni-Sprechers zu klären suchte, „wer vielleicht von wem abgeschrieben hat”233, stellte sie eine typisch strafrechtliche Frage nach dem Einzeltäter. Und verkennt damit tieferliegende Erklärungen aus dem Netzwerk, in dem es zu den unausgewiesenen Abschreibereien kam. Das stellte jedenfalls Klaus Starke, Mitglied im Ständigen Untersuchungsausschuss „Verantwortung in der Forschung”, in einem Schreiben an den Rektor fest.234 Die Doktoranden hätten im Rahmen des Habilitationsprojektes an Untersuchungen „händisch” mitgewirkt, also wie technische Assistenten, mitdiskutiert und eigene Texte entworfen, die vom Teamleiter gegengelesen wurden und den wünschenswerten Feinschliff erhielten. Solche Mitarbeit sei (damals) promotionswürdig (gewesen). Nichtsdestoweniger, so Starke, sei der Habilitand der „geistige Urheber” des Ganzen, für das Untersuchungsmaterial wie die Bearbeitung nach bewährter und höchstens im Detail modifizierter Technik. So sind Überlappungen zwischen der Habilitationsschrift und Doktorarbeiten schlüssig zu erklären. Pauschale „Danksagungen” der Doktoranden an den Teamleiter oder auch umgekehrt ersetzten individuelle Zitatnachweise.235

Die Ansprüche an gute wissenschaftliche Praxis haben sich seit Dickhuths Zeiten in der medizinischen Forschung verändert, jedenfalls deklaratorisch. Um die Jahrtausendwende gab die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Denkschrift zur „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis” heraus236,wonach auch bei Teamarbeit die Einzelleistung kennntlich gemacht werden muss. Darauf pocht inzwischen auch der Wissenschaftsrat, das amtliche Beratergremium zur Politikberatung in Deutschland.237 Um höheres wissenschaftliches Niveau zu gewinnen, haben medizinische Fakultäten besondere Promotionsstudiengänge zum Dr. nat.med. oder dem internationalen PhD eingeführt. Demgegenüber entspricht der herkömmliche Dr. med. durchweg dem Diplom anderer Fakultäten.238

An medizinische Doktorarbeiten und ihre Betreuung vor rund dreißig Jahren wissenschaftliche Maßstäbe von heute anzulegen, entspricht nur einer selbstgefälligen Gegenwart, die ihre eigene Fachgeschichte verdrängt.

Urheberschaft oder Autorschaft

Die programmatischen Empfehlungen der DFG und des Wissenschaftsrates für gute wissenschaftliche Praxis sind im konkreten Fall nicht wegweisend genug. So meinte die Dekanin der Freiburger Medizinischen Fakultät, Kerstin Krieglstein, inzwischen so gar Rektorin der Uni Konstanz: Dickhuths Eingriffe in die Textentwürfe der Doktoranden seien in deren „geistiges Eigentum” übergegangen, das der Habilitand hätte zitieren müssen . 239 Die Dekanin sucht damit „textliche Überreinstimmungen” urheberrechtlich zu beurteilen. Dagegen spricht, dass das Urheberrecht ein Schutzrecht für Verfasser ist, in diesem Fall der Doktoranden, die sich damit aber gar nicht gegen Dickhuth gewehrt haben. Auch die Staatsanwaltschaft sah kein öffentliches Interesse, gegen Dickhuth wegen Urheberrechtsverletzung vorzugehen.240 Wären seine Formulierungsshilfen aber ein „wesentlicher Beitrag” zu den Doktorarbeiten gewesen, dann hätten gemäß Hochschulgesetz umgekehrt die Doktoranden ihn zitieren müssen.241 Näher besehen, erscheint die Sache so gar noch komplizierter, wie der Bonner Rechtsprofessor und einschlägig erfahrene Prozessvertreter Klaus F. Gärditz erläutert242: Ein „Plagiat/Fehlverhalten begeht nicht zwingend derjenige, der einen anderweitig zuvor veröffentlichten/eingereichten Text kopiert“, im konkreten Fall für die Dissertation oder Habilitationsschrift. „Entscheidend ist, wer wissenschaftlicher Urheber ist.“ Was vor vielen Jahren in Freiburg, in der Arbeitsgruppe Dickhuth, genau der Fall war und wer wissenschaftlicher Urheber, daran mögen sich Beteiligte irgendwie persönlich erinnern – oder sich und andere täuschen. Woraus zu folgern wäre: In dubio pro reo.

Dickhuths Doppelgänger

Dickhuths Degradierung werde eine ganze Plagiat-Lawine auslösen, prophezeiten besorgte Fachkollegen nach der Aberkennung der Habilitation. Im Zusammenspiel mit „wissenschaftlich erfahrenen Fachleuten und Informanten“ recherchierte Scharnagl bundesweit mehr als ein Dutzend Beispiele von „medizinischen Habilitationsschriften und Dissertationen mit vielen unzitierten Übereinstimmungen“.243 Sie beziehen sich außer auf Freiburg auf die Unis in Göttingen, Heidelberg, Marburg, die Humboldt Universität Berlin, die Technische Universität München und die Medizinische Hochschule Hannover. Überwiegend stammen die Fälle aus der Zeit von den 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende. Fünf sind jünger und hätten sich mithin nach den amtlichen „Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis“ richten müssen.244

Bis auf einen sind alle Habilitierten auf der Liste heute wohlbestallte Medizinprofessoren. Für die meisten Habilitationsschriften bestand keine Publikationspflicht.245 An sie überhaupt heranzukommen, forderte von Scharnagls Informanten geradezu Detektivarbeit. Laut Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, der gesetzlichen Sammelstelle für alle Publikationen, haben allerdings einige Habilitierte wie Dickhuth ihre Qualifikationsschrift auch veröffentlicht. Trotzdem waren die Überschneidungen mit den Doktorarbeiten bislang nicht publik geworden.

Wen kümmern schon Geschichten von (viel) früher, wenn sie renommierte Fachkollegen ins Zwielicht setzen?246 Sie später, zur sprichwörtlich richtigen Zeit, auszupacken und auszunutzen, erinnert am ehesten an Agenten-Krimis von le Carré.247

Heckenschützen im Arztkittel?

„Nicht der Whistleblower, der einen berechtigten Verdacht äußert, schadet der Wissenschaft, sondern der Wissenschaftler, der ein Fehlverhalten begeht“.248 Das sagen die amtlichen Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis. Für amtliche Untersuchungen erscheine es zweckmäßig, wenn der Hinweisgeber unter seinem richtigen Namen auftrete. Der Umgang mit anonymen Anzeigen sei immer eine Abwägungsfrage.

Im Fall von Dickhuths Doppelgängern tritt nur der Mittelsmann Scharnagl mit Klarnamen auf. Seine Tippgeber, Insider aus der bundesweiten Professorenschaft, bleiben lieber namenlos. Dabei wollen sie doch anders als „normale“ Whistleblower kein verschwiegenes Übel an die große Glocke hängen. Ganz im Gegenteil möchten sie mit den Parallelfällen exemplarisch eine weithin herrschende und nicht verwerfliche Forschungspraxis aufweisen. Träten die Hinweisgeber im Professorentalar selber auf offene Bühne, könnten sie natürlich viel mehr Aufsehen für ihr Anliegen gewinnen. Hingegen wird Scharnagl von der Freiburger Hochschulspitze gern als „im Umland lebender Privatmann“ kleingeredet.249

Die Scheu der Whistleblower vor offenem Visier ist noch umso befremdlicher, als sie durchweg Beamte auf Lebenszeit sind und somit keine Existenzangst haben müssen. Auch kann ihnen niemand die angemessene Grundausstattung des Arbeitsplatzes wegnehmen. Dass sie trotzdem den Schutz der Anonymität vorziehen, wirft ein Licht auf quasi mafiöse Verhältnisse in der Hochschulmedizin: mit der Angst vor dem Gesetz des Schweigens, womöglich auch im Sinne des Johannesevangeliums: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (8.7); der gegenseitigen Achtung vor der Berufsehre der Halbgötter in Weiß; dem Schutz der „Familie“, in diesem Falle von Lehrern und Schülern; der Sorge um die persönliche Karriere und günstige kollegiale Gutachten für Mittel und Stellen am eigenen Lehrstuhl. Selber mit der Faust auf den Tisch schlagen, das möchten die Informanten schon - aber die Verhältnisse sind offenbar nicht so.

„Fehlverhalten“ oder Systemfehler?

Persönliches Verhalten ist von den Verhältnissen geprägt, etwa den üblichen Spielregeln in Arbeitsgruppen.250 Bei den fraglich gestellten Habilitationsschriften und Dissertationen fällt schon an den Themen und Titeln die enge Verwandtschaft auf. Wie im Falle Dickhuth behandeln die Doktoranden Teilaspekte aus der breiter angelegten Studie des Teamleiters. Offensiv bekennt sich dazu beispielsweise auch Claus-Dieter Heidecke, vor einigen Jahren Präsident einer deutschen Fachgesellschaft. Er hatte, Scharnagl im Nacken, Selbstanzeige bei der Technischen Universität München gestellt. Rückblickend bezeichnet Heidecke sich als eigentlichen „Ideengeber“ für Doktoranden in den neunziger Jahren, nicht zuletzt auch über Fördermittel für sein übergreifendes Habilitationsprojekt.251

Ein Blick in Dissertationen und Habilitationen anderer Fächer wie etwa der Ingenieurwissenschaften, wo ebenfalls im Team geforscht wird, lehrt: Etablierte Verfahren anzuwenden, kann sogar vorteilhaft sein, um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit anderen Untersuchungen zu erleichtern. Für die etablierten Verfahren gibt es aber Referenzliteratur, die man in Fußnoten angeben und dabei auch eine eigene Weiterentwicklung oder Abwandlung besser herausstellen kann. Dabei wird gerade in den Ingenieurfächern, die zum großen Teil der Auftragsforschung dienen, Hochleistung verlangt. Da ist es die Kunst der Institutsleitung, einzelne Themen wissenschaftlich gleichermaßen trag- wie anschlussfähig zuzuschneiden und untereinander klar genug abzugrenzen. Wenn das nicht gelingt, ist das in erster Linie ein Systemfehler, der dann durch angeblich „persönliches Fehlverhalten“ von Mitarbeitern verdeckt wird.

Verhalten nach ungeschriebenem Gesetz

Scharnagl und seine Informanten hätten sich ihre aufwändige Dokumentation vom Zusammenspiel zwischen Habilitanden und Doktoranden überhaupt ersparen können, wenn etwa der Medizinische Fakultätentag ein historisch klares Nachwort zur früheren Forschungspraxis gesprochen hätte, im Sinne lessons learnt. Dieser Wunsch etwa vom Fachgenossen Heidecke252 bleibt bis heute unerfüllt.

Klarstellungen, durch Scharnagls Anzeigen provoziert, gibt es nur zu Einzelfällen, so von der Technischen Universität München und der Uni Göttingen. Nach Auffassung der Münchener Rechtsabteilung ist die heute fragwürdige Zusammenarbeit im Team Heidecke nicht nachträglich als wissenschaftliches Fehlverhalten zu bewerten.253 Laut hier vorliegendem Göttinger Kommissionsbericht zum mehr als vierzig Jahre zurückliegenden Fall des Habilitanden Jörg Rüdiger Siewert hatte die von ihm geleitete Arbeitsgruppe einen „gemeinsamen Datenpool“ für alle Mitglieder. Jeder, Siewert wie die Doktoranden um ihn, konnte die Daten für sich beanspruchen, „unabhängig davon, wer sie konkret erhoben hatte.“ Hans-Fred Weiser, später Verbandspräsident der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands, erklärt zu den Überschneidungen seiner Doktorarbeit mit Siewerts Habilitationsschrift auf Nachfrage254: Damals habe „ kein Doktorand einer Medizinischen Fakultät in Deutschland das Recht und die Möglichkeit“ gehabt, „von ihm persönlich erarbeitete Daten seinem Betreuer, in meinem Fall Dr. Siewert, vorzuenthalten.“ Wer aber nicht anders handeln konnte255, dem ist auch persönlich nichts vorzuwerfen.

Aus heutiger Sicht, so der Göttinger Kommissionsbericht, könne es wünschenswert erscheinen,. dass „die Arbeitsteilung genauer dargestellt worden wäre“. Das aber sei, heißt es geradezu wortgleich wie aus München, „zur damaligen Zeit“ noch „ nicht üblich“ gewesen und mithin auch „nicht als Fehlverhalten zu beanstanden.“256 Allerdings hat die Freiburger Fakultät daraus im Falle Dickhuth bis heute nichts gelernt.

Krähe und Unglückrabe?

Übrigens soll der vormalige Göttinger Habilitand Siewert, der auch selber seine Doktoranden offensichtlich nicht nach den heute geltenden Standards führte, als Leitender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Freiburg vielbeachteten Einfluss gehabt haben, um Dickhuth mit den Plagiatsvorwürfen zu Fall zu bringen.257 Hat eine Krähe dem Unglücksraben auf den Schnabel gepickt?

Annette Schavan im „ Irrenhaus”

Karriere im Zeitraffer

Die gebürtige Rheinländerin aus dem Raume Neuss studierte an den benachbarten Unis in Bonn und Düsseldorf Erziehungswissenschaften, Philosophie und katholische Theologie258, eine aufs Lehramt angelegte Fächerkombination. Ohne damals schon üblichen Erstabschluss etwa in einem Staatsexamen wurde Schavan 1980 in Düsseldorf direkt zum Dr. phil. promoviert. Das war keine förmliche Berufsqualifikation.

Die Hochschulabsolventin wurde zunächst Referentin beim Cusanuswerk zur Förderung hochbegabter katholischer Studenten. Nach vier Jahren wechselte sie als Abteilungsleiterin für außerschulische Bildung zum Bischof nach Aachen. Nach einem Zwischenspiel als Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union in der CDU kehrte Schavan 1988 als Verwaltungsleiterin zum Cusanuswerk zurück und blieb da bis Mitte der Neunziger.

Schon seit ihrem achtzehnten Lebensjahr auf ehrenamtlichem Karrierekurs in der CDU, war die Politikerin von 1995 bis 2005 für ihre Partei hauptamtliche Kultusministerin in Baden-Württemberg. Anschließend bis 2013, dem erzwungenen Verzicht auf den Doktorgrad wegen Plagiats, waltete sie als Bundesbildungsministerin. Ohne ihren Doktorhut verzichtete sie auch auf eine ehrenamtliche Honorarprofessur, die sie seit 2008 an der Freien Universität Berlin bekleidete, ebenso auf hre Mitgliedschaft im obersten Lenkungsgremium der Uni München, dem Hochschulrat. Hingegen wurde Schavan noch 2014 Ehrendoktor der Uni Lübeck.

Eine amtliche Letztverwendung fand die gefallene Akademikerin trotzdem als deutsche Botschafterin beim Papst in Rom von 2014 bis ´18. Damit machte die Bundesregierung eine Ausnahme von den normalen Laufbahnvorschriften, die ein abgeschlossenes Hochschulstudium nebst Vorbereitungsdienst (Referendariat) voraussetzen.259

Schavan blieb Single und genießt ihren Ruhestand in der Wahlheimat Ulm.260

Ich und die Wissenschaft

Der ehemaligen Bundeswissenschaftsministerin gebührt ein Platz im Guinessbuch der Rekorde: Ihr Doktorgrad von 1980 wurde nach mehr als dreißig Jahren, 2014, rechtskräftig ungültig. Auf ihrer persönlichen Webseite verewigt sie ein Interview, in dem sie nach der Aberkennung und ihrem Rücktritt vom Ministeramt ihre ganze Empörung ausdrückt261: Die Entscheidung der Uni Düsseldorf empfinde sie „als Unrecht.“ Was geschehen sei, „schadet nicht nur mir, sondern auch der Wissenschaft.“ Anders gesagt: Mit mir geht es um mehr als meine Person (L´etat des sciences c´est moi?). Der Täuschungsvorwurf sei „mit einem irren Menschenbild verbunden“ und „schlicht absurd.“262

Mit anderen Worten: Irrsinn oder zumindest Irrationalität sei treibende Dynamik und tragendes Element der Entscheidung gewesen.263 Noch gründlicher können sich Parteien im Rechtsstreit gar nicht missverstehen. Milde nach bestem Ermessen und bekundete Reue sind Stichwörter, dass es besser auskommen kann. Wieso ist es in diesem Fall aber anders gelaufen?

Der Hinweisgeber

Aufgewirbelt wurden die Vorwürfe gegen die Dissertationen auf einem nach Schavan benannten Internet-Blog.264 Der Blogger bleibt pseudonym. Er tritt also nicht als Wissenschaftler auf, sonst würde er sich unter Klarnamen melden. Er ist auch kein Hinweisgeber, der im verständlichen Schutz der Anonymität als Whistleblower schlimme Geheimnisse aus seiner Arbeitsumgebung bekannt macht.265 Das fragliche Buch von Schavan ist ja in Bibliotheken offen zugänglich.

Der private Ermittler gibt an, „aus Spaß an der Detektivarbeit“ gehandelt zu haben und um „Leute mit einem akademischen Betrug nicht durchkommen“ zu lassen.266 Das klingt wie nach einem Rentner, der gern Falschparker aufschreibt. Wer weiß. „Will er im Alleingang eine Ministerin stürzen?“, fragte Der Spiegel sofort und zeigte den Abbiegepfeil von der Wissenschaft in Richtung Politik.267

Auf diesem Wege löste der Hinweisgeber mit seinem Anstoß eine Sachfrage in eine Personalfrage auf, das Verhältnis der Institutionen von Wissenschaft und Politik in das persönliche Verhalten Beteiligter, von denen er selber einer ist. Dank seiner Privatinitiative kam es zu einem Lehrstück vom Umschlag vordergründig wissenschaftlicher „Objektivität“ in politische Interessenvertretung.

„In einem völlig durchschnittlichen Fall“

Der Philosophischen Fakultät sind in der Doktorarbeit viele wörtliche Übernahmen von anderen ohne Nachweise aufgefallen. Aus akademischem Imponiergehabe sei auch Ungelesenes aus zweiter Hand übernommen, aber mit Originalquelle belegt worden.268 Diese Mängel „ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach“, hieß es in einer Presseerklärung des Dekans, „ das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte.“269 Damit sah der Fakultätsrat den „Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat“ erfüllt und sich zur Rücknahme des Doktorhuts befugt - „in einem völlig durchschnittlichen (Plagiats-)Fall“, wie Dekan Bleckmann bemerkt.270 Der Beschluss wurde rechtskräftig. Denn wie andere hat auch Schavan den Rechtsweg nicht ausgeschöpft.

Abbiegung in die Politik

Streng genommen, konnte und musste die Doktorandin Schavan wissen, wie richtig zu zitieren ist, nicht zuletzt aus einem Leitfaden der Düsseldorfer Erziehungswissenschaften.271 Tatsächlich aber hat kein mutmaßlicher Wissenschaftsbetrüger sonst so viele Fürsprecher aus den großen Wissenschaftsorganisationen gefunden wie Schavan. Spitzenvertreter, die sie aus der jahrelangen Ministertätigkeit persönlich gut kannte, machten für sie Stimmung, gerade auch über die sonst gern skeptisch betrachteten Massenmedien für das Laienpublikum.272

Wenn nach Sloterdijk273 die „unerwartete Lektüre“ verstaubter Texte in die „Katastrophe führen“ kann, so führte der wissenschaftliche Diskurs in dieser Plagiatsfrage zur Explosion in einem mit vermeintlichen Autoritätsbeweisen ausgetragenen Deutungsgefecht der „Gelehrten“. Die Auskünfte der üblichen „Fachexperten“ kreisten um die in Plagiatsfällen gängigen Entschuldigungsgründe wie eine angeblich fächer- und zeitspezifische Zitatkultur. Die Spitze in der Entlastungsstrategie bildete eine gemeinsame Erklärung aller staatsnahen Wissenschaftsorganisationen zu „Grundsätzen wissenschaftlicher Qualitätssicherung“.274 Dazu soll ausgerechnet die „Berücksichtigung des Entstehungskontextes“ von Schavans Dissertation zählen: ein Argument, das sich zwanzig Jahre früher ja im Bonner Fall Ströker durchgesetzt hatte.275 Den Witz dabei erfasste der Beobachter Jürgen Kaube so: „Analog zur Bereitschaft, bei Straftätern zu würdigen, ob sie unter schwierigen Lebensverhältnissen aufwuchsen, wäre dann bei Plagiaten zu würdigen, ob sie in Disziplinen mit einem schwierigen Verhältnis zu Originalität entstanden sind.“276

Rechtslehrer Volker Rieble fasste das ganze Drama sozialpsychologisch zusammen: „Solange Frau Schavan Bundeswissenschaftsminister war, ,gehörte sie dazu´, war protokollarisch und im Ehrbezug den Ordinarien gleichgestellt und wurde dementsprechend von den Großmuftis der Wissenschaftsgemeinde gegen Plagiatsvorwürfe verteidigt“277 – und bei der Verabschiedung aus dem Ministeramt von den Hinterbliebenen gehörig betrauert.

Andererseits konnte an der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf der Eindruck einer öffentlichen Drohkulisse, ja von Verfolgung entstehen. Wer den Einflusspersonen nicht gut zuhört, wie kann er oder sie selber bei denen später noch Gehör finden?278 Im Eifer des Gefechts stand der Verfasser des wissenschaftlichen Plagiatsgutachtens, Stefan Rohrbacher, zeitweilig sogar unter Polizeischutz. Wie andere anderswo im Glaubenskrieg um Darwins Evolutionstheorie oder den Schutz bedrohter Tiere.

Milderungsgrund „Lebensleistung“?

Von wegen ein „völlig durchschnittlicher Fall“, wie der Düsseldorfer Dekan Bleckmann zur Angelegenheit Schavan meint. Mit der Aberkennung des Doktortitels „die Legitimation für eine ganze Lebensleistung zu entziehen“, sei fragwürdig, sagt dazu Rechtsprofessor Wolfgang Löwer, zugleich Fachautorität für den Umgang mit Fehlverhalten.279 Legitimation heißt bei ihm so viel wie Anerkennungswürdigkeit.280 Aber Lebensleistung? Im konkreten Fall war das ein Schlagwort im geistigen Barrikadenkampf um Sein oder Nichtsein der Doktorin Schavan. In ihrem Fall hält Löwer die Lebensleistung offenbar für verkannt. Generell verknüpft er damit den Vorschlag einer Verjährung beim Promotionsbetrug, was jedoch irreführend ist. Denn die Verjährungsfrist ist ja für alle gleich, während die Lebensleistung natürlich immer unterschiedlich und in jedem Falle ganz individuell zu bestimmen ist.

Immerhin spricht Löwer klar ein Vorverständnis aus, das in laufenden Widerrufsverfahren sonst lieber hinter vordergründigen Rechtsfragen wie subjektiver „Täuschung“, ob mit „bedingtem Vorsatz“ oder ohne, verdeckt wird. Wer will schon einem Bundespräsidenten, einem Bundestagspräsidenten, Ministern oder anderen Einflusspersonen den Doktorhut abnehmen und damit absehbar deren Karriere knicken? Zumal dann, wenn Hinweisgeber offenbar nicht wissenschaftsgetrieben, sondern sensationslüstern daherkommen.

Neuerdings hat der Richter und Dozent Tobias Stadler über die fragliche Lebensleistung eine dicke Doktorarbeit vorgelegt.281 Es geht dabei eigentlich um Strafrecht, Milderungsgründe beispielsweise für den Steuerbetrüger und verdienten Fußballpräsidenten Ulrich Hoeneß.

Mit einer strafrechtlichen Verurteilung erscheint der Entzug des Doktorgrades insoweit vergleichbar282, als auch das eine Negativsanktion ist, die nicht „unverhältnismäßig“ sein darf283, deshalb auch die wahrscheinlichen Neben- oder Spätfolgen in die Ermessensentscheidung284 einbeziehen muss.

Stadler definiert die im allgemeinen Sprachgebrauch vieldeutige Lebensleistung so:

Es handle sich „begrifflich um ein außerhalb der eigentlichen Tathandlung liegendes Verhalten, das einen besonders auszeichnungswürdigen Charakter aufweist und ganz überwiegend (tatsächlich oder wertungsmäßig) über eine beachtliche Zeitspanne ausgeübt wird.“285

Was hier überdurchschnittliches „Verhalten von besonders auszeichnungswürdigem Charakter“ heißt, wurde gleichbedeutend an früherer Stelle286 mit der „Heraushebung“ des Doktors aus dem sozialen Mittelmaß und einer entsprechend „ehrenvoller Kennzeichnung“ seiner „Persönlichkeit“ umschrieben. Wobei es natürlich immer auf den Einzelfall ankommt.

Nach Stadler kann es keine „Allgemeinabrechnung“ von Fehlverhalten in dem einen Lebensbereich mit Pluspunkten in einem anderen geben, also beispielsweise nicht zwischen einem Diebstahl und „auszeichnungswürdigem“ Verhalten im Kirchenvorstand. Bei einer Vermengung des einen mit dem anderen entstehe leicht der Anschein, die „Lebensleistung“ sei nur ein Tarnwort für einen „Bessergestelltenbonus“.287 Vielmehr muss ein „innerer Zusammenhang“ zwischen der Missetat, dem verletzten Rechtsgut, und einer diesbezüglichen Lebensleistung bestehen288: wie etwa beim Verkehrsdelikt eines jahrzehntelang unauffälligen Autofahrers und ehrenamtlichen Schülerlotsen.

Auf dem Hintergrund kann die Lebensleistung Schavan nicht helfen. Die Düsseldorfer Promotionsordnung unterscheidet „wissenschaftliche Leistungen“ in Form einer „selbständigen wissenschaftlichen Arbeit“ einerseits und andererseits „besondere Verdienste um die Wissenschaft“.289 Das sind zwei ganz unterschiedliche Wege, um sich auszuzeichnen, entweder im Spielfeld oder aber an der Seitenlinie. Schavan hat seinerzeit mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit den Dr. phil. verspielt. Später hat sie sich mit ihrer Lebensleistung als Berufspolitikerin womöglich „um die Wissenschaft“, aber nicht in der Wissenschaft verdient gemacht. Solche Verdienste „um“ werden gesondert mit einer Ehrenpromotion zum Dr. h.c. anerkannt, im Falle Schavan von der Uni Lübeck.290

Wissenschaftliche Fehlleistungen aber mit politischen und regierungsamtlichen Leistungen zu verrechnen, kann nicht gehen: nach Stadler mangels „innerem Zusammenhang“, im Übrigen, um den Anschein vom Einknicken der Wissenschaft vor der Staatsmacht, ihrem Gegenüber, zu vermeiden.

Den Doktorgrad allein aus Rücksicht auf sonstige Verdienste unangetastet zu lassen, wäre letztlich doch wohl eine anachronistische Überschätzung seiner Bedeutung in Gesellschaft und Wirtschaft: als ob die Aberkennung die umfassende Lebensleistung wirklich verderben könnte. In wessen Augen denn?

Nachgedanken von Dekan Bleckmann

Es bleibt fraglich, ob oder wie die eingetretenen Verhärtungen zwischen der Uni und Schavan hätten vermieden werden können. Der federführende Berichterstatter in diesem Fall, Rohrbacher, betont, die Fakultät habe „mehrfach erklärt, die Verfahrensunterlagen umgehend und vollständig offenlegen zu wollen, sobald Frau Schavan ihr Einverständnis erklärt. Guttenberg hat das seinerzeit getan, Schavan hat es verweigert.“292 So kann sich die Fakultät bis heute nicht mit Akten verteidigen.291

Fragen wir trotzdem bei Dekan Bleckmann noch einmal nach: Hätte man die Entscheidung über Schavan nicht mit mehr als einem Berichterstatter auf eine breitere Grundlage stellen, Kritikern womöglich Wind aus den Segeln nehmen können? Bleckmann hält entgegen: Die Nachprüfung erfolgte „in einem vom gesamten Promotionsausschuss kollegial durchgeführten Verfahren.“ Auch sei „mit ausreichenden Fristen vom Fakultätsrat als ganzem geprüft worden. Es handelt sich also um eine doppelte Kollegialprüfung.“

Warum hat sich die Fakultät nicht (auch) auf auswärtige Gutachten gestützt? Sie wäre dann ja nicht so allein im Regen gestanden. Nein, nicht nötig, meint Bleckmann. „Die Fakultät ist in der Lage , Textplagiate zu erkennen. Sonst kann sie als wissenschaftliche Institution einpacken.“

War es nötig, die Prüfung von vornherein auf die Täuschungsabsicht abzustellen statt Tat- und Schuldfrage von einander zu entkoppeln und Emotionen zu stoppen? Auf diesen Gedanken kam im konkreten Fall jedenfalls Kurt Biedenkopf, selber Rechtsprofessor und zeitweilig auch Bochumer Uni-Rektor. Er wirft dem Berichterstatter Rohrbacher vor, sich nicht darauf „beschränkt“ zu haben, „Verstöße gegen die Regeln festzustellen.“ Rohrbacher, selber Nicht-Jurist, habe „sich dazu hinreißen“ lassen, „die Entstehung der Regelverletzungen auch rechtlich zu bewerten: als Ergebnis vorsätzlicher Täuschung und einer leitenden Täuschungsabsicht.“293 Hingegen meint Ex-Dekan Bleckmann: “Wenn man vom Nachweis der Täuschungsabsicht absehen würde, müsste man unterschiedslos unbeabsichtigte Schlampereien und „arglistige“ Täuschungen gleich behandeln und in jedem Fall dann den Titel entziehen.“ Doch keineswegs, Mediziner selbst in Düsseldorf kamen mit einer Rüge davon.294

Bleckmann bemerkt weitergehend: „Dass der Titelentzug natürlich de facto einen Sanktionscharakter hat, ist völlig richtig und auch von der Promotionsordnung und der Gestaltung der Entziehungsverfahren her so gewollt. Es geht um den Schutz des Doktortitels.“ Im eigenen Revier, nur hochschulbezogen295, oder auch darüber hinaus in Gesellschaft und Wirtschaft? Dort sind dafür allerdings Staatsanwälte und Gerichte zuständig.

„Rüge“ verspielt

Schavans Anwalt, ein Münsteraner Rechtsprofessor, plädierte vor Gericht für eine „Rüge“ in einem „minder schweren“ Plagiatsfall.296 Er kam damit aber nicht durch, und zwar wegen einer falschen Begründung abweichend von der regierungsamtlichen NRW-Formel.297

Tatsächlich hatte die Uni Münster schon eigene „minder schwere“ Plagiatsfälle mit einer Rüge erledigt.298 Auf Nachfrage begründete sie diese Rüge-Praxis in Anlehnung an eine polizeirechtliche Deeskalations-Strategie: Statt eine Versammlung ganz aufzulösen, sei es eine „Minus-Maßnahme“, die Situation durch Trennung („Einkesseln“) der Streithähne zu entschärfen. Der Vergleich hinkt. Polizeiliches Konfliktmanagement und Prüfungsentscheidungen sind unterschiedliche Rechtsfelder, die sich so offenbar nicht überbrücken lassen.

Lückenhaftes Ermessen

Bei einer Ermessensentscheidung über Bestand oder Aberkennung des Doktorgrades sind die konkreten Umstände zu berücksichtigen, unter denen sie oder er arbeitete. Im Plagiatsfall Schavan hebt Kurt Biedenkopf einen blinden Fleck der Untersuchungen hervor: Die Fakultät hat den Doktorvater Gerhard Wehle bewusst nicht gehört und nach seiner Sorgfaltspflicht bei der Betreuung gefragt. Nach Biedenkopf hätte sie aber etwa fragen müssen, „ob er bereit sei, die Verantwortung für die mangelhafte Anwendung der Regeln selbst zu übernehmen, da ihre gewissenhafte Überprüfung doch als Teil der Aufgabe des Doktorvaters verstanden werden müsse.“299 Demgegenüber erklärte Wehle in der Presse, Schavans „ Arbeit entsprach absolut dem wissenschaftlichen Standard“ und sei eine „sehr beachtliche Leistung“ gewesen.300 Oder hat sie am Ende vielleicht doch versagt, weil der Doktorvater die Kandidatin bei ihrer ersten akademischen Prüfung nicht nach den Regeln der Kunst anleitete?

Zudem wirft Biedenkopf301 dem Berichterstatter Rohrbacher vor, sich nicht auf die Darstellung von Regelverstößen beschränkt, sondern damit der Doktorandin zugleich eine „leitende Täuschungsabsicht“ unterstellt zu haben. Der Berichterstatter muss seinen Befund nicht eindeutig bewerten, wie Rechtsprofessor Gärditz feststellt, ihm ist das aber auch nicht versagt.302

Im Übrigen ist die Ermessensentscheidung nicht nur an der Entstehungsgeschichte der Doktorarbeit zu orientieren, sie darf sich auch nicht gegenüber den Erwartungen der Umwelt - etwa gegenüber dem „Lärm“ von Schavans Fürsprechern303 - taub stellen, sondern muss in der Auseinandersetzung „vertretbar“ sein. Dass die Uni diesen Anspruch mit dem gerichtlich durchgefochtenen Entzug des Doktorhutes wirklich erfüllt hat, wäre eine sehr kurzsichtige Behauptung.

Sackgasse Hochschulrat

Im Oktober 2013 berief die Münchener Ludwig-Maximilians-Uni (LMU) Schavan als „herausragende Persönlichkeit mit umfassender Expertise und langjähriger Erfahrung im Wissenschaftssystem“ in den Hochschulrat, ihr ehrenamtliches Steuerungsgremium.304 Das hat zwanzig Mitglieder, die je zur Hälfte aus der Uni selbst stammen, zur anderen Hälfte aus Gesellschaft und Wirtschaft kommen. Externe wie Schavan können nicht kandidieren, sondern nur berufen werden, und zwar im Einklang mit der Hochschule vom Bayerischen Staatsminister für Wissenschaft.305 Bei ihrer Berufung stritt Schavan noch vor Gericht um ihren Doktorhut, war deswegen als Bundesministerin jedoch schon zurückgetreten, aber immer noch im Bundestag.

Nach gut einem halben Jahr verließ sie den Hochschulrat.306 Darum hatten die Spitzen aller LMU-Fakultäten ausdrücklich gebeten, nachdem die Aberkennung des Doktorgrades mittlerweile rechtskräftig geworden war. Zuvor hatten schon empörte Lehrende und Lernende gemeint, wegen ihrer akademischen Jugendsünde sei die Ex-Doktorin in einer wissenschaftsbezogenen Führungsposition untragbar.307 Die Hochschulleitung verkannte die Stimmung im Laden und ließ Schavan ins offene Messer ihrer Gegner laufen. Und sie selber ist trotz jahrzehntelanger politischer Erfahrung der verlockenden Berufung realitätsblind erlegen.

Überdies hatten beide Seite ganz übersehen, dass derzeit schon eine Sperrfrist für den Wechsel von Ministern in naheliegende andere Tätigkeitsfelder politisch zur Debatte stand.308 Eine Ex-Ministerin „mit umfassender Expertise und langjähriger Erfahrung im Wissenschaftssystem“ als Hochschulrätin309, das konnte auch den bösen Anschein von Lobbyismus erwecken.

Honorarprofessorin per Fallschirm

Gleichzeitig mit dem rechtskräftigen Verlust des Doktorhuts und dem Abschied von der LMU verzichtete Schavan im April 2014 auch auf die nebenberufliche Honorarprofessur für Katholische Theologie an der Freien Universität Berlin. Die hatte sie fünfeinhalb Jahre im Fachbereich Geschichts-und Kulturwissenschaften wahrgenommen. Als Grund für den Weggang von der FU gab Schavan an, den Botschafterposten der Bundesrepublik beim Vatikan in Rom zu übernehmen.310 Die Uni war mit dem Ausscheiden einverstanden, erklärt ein Sprecher auf Nachfrage. Zur „Frage eines Widerrufs“ der Professur, wie er nach dem Verlust des Doktorhutes etwa Mathiopoulos drohte, „können wir uns nicht äußern, da dies aufgrund der erbetenen Verabschiedung nicht geprüft wurde.“

Bei der Berufung an die Uni war Schavan schon 13 Jahre Bildungsministerin auf Landes- und Bundesebene. In der Zeit war der Umgang mit Spitzenvertretern der Wissenschaften für sie selbstverständlich geworden. Mit dem Professorentitel war sie auch nominell mehr als bloß geistige Untermieterin im Herrenhaus der Wissenschaften.

Schavan wurde auf die Honorarprofessur sozusagen im Fallschirmsprung vom Himmel berufen, ohne wie Mathiopoulos vorher jahrelang Lehrbeauftragte gewesen zu sein. Das bestätigt ein Uni-Sprecher. Die FU rühmte allerdings ihre Verbindung von „geisteswissenschaftlicher Exzellenz mit gesellschaftlicher Präsenz und Wirksamkeit“. Diese schlage sich nieder in „zahlreichen Publikationen“, unter denen die erziehungswissenschaftliche Doktorarbeit bereits „die Grundlage für die Leitlinien ihres theologischen Denkens“ darstelle.311 Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek umfasste derzeit rund dreißig Beiträge hauptsächlich zur politischen Bildung.

Schavan war und ist nicht der einzige aktive Politiker im Schmuck der Honorarprofessur. So zeichnete die Fakultät für Sozialwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum 2008, im selben Jahr wie Schavan, den damaligen Bundestags-Präsidenten Norbert Lammert damit aus. Die Wirtschaftswissenschaftler der Uni Leipzig gaben drei Jahre später Peer Steinbrück, dem damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und späteren Kanzlerkandidaten die Ehre. Im Übrigen lassen sich auch Spitzenkräfte aus so gut wie allen Lebensbereichen zum Honorarprofessor küren: gern Chefs großer Unternehmen oder Entertainer wie Götz Alsmann.312 So wird die Professur zum Steckenpferd, das den Nebenamtlern viel Freude machen kann. Schavan etwa sagt: Das Gespräch mit Studenten „ist mir immer wichtig gewesen, Kontakt zu jungen Leuten zu haben und deren Weg ein bisschen zu begleiten.“313

Ehrendoktor als Rettungsmedaille

Im April 2014, wenige Tage nach Schavans Ausstieg aus dem Hochschulrat der LMU und dem Verzicht auf die Honorarprofessur an der FU, verlieh ihr die Uni Lübeck den schon früher zugesprochenen Ehrendoktor, kurz Dr. h.c. Beim Festakt spielte die Big Band die aufmunternden Hits „Don´t You worry ´bout a thing“ und „I feel good“.314

Für den Ehrendoktor muss niemand eine Prüfung ablegen. Der Rektor stellte in seiner Verleihungsrede klar, dass es dabei „um persönliche Verdienste um die Wissenschaft“ gehe, im Unterschied zu „hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen“, wofür meist renommierte Fachkollegen von anderen Hochschulen Ehrendoktor werden.315 Die Uni Lübeck wollte sich mit dem Dr. h.c. bei Schavan dafür bedanken, dass sie die Hochschule mit zusätzlichen Etatmittel vor der Schließung durch die Landesregierung gerettet hatte.

Einen Ehrendoktor für hervorragende nichtwissenschaftliche Leistungen hat im Übrigen eine bunte Reihe von Promis aus unterschiedlichen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft: darunter Unternehmenschefs, im Fall VW sogar einmal der Welt-Betriebsratsvorsitzende316, Politiker wie Gerhard Schröder oder Angela Merkel, Unterhaltungskünstler wie Loriot, Journalisten wie Marcel Reich-Ranicki, Kirchenvertreter wie Margot Käßmann. Besonders aufsehenerregend war 2013 der Einfall der Philosophischen Fakultät der Uni Rostock, Edward Snowden, dem flüchtigen Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, als „bedeutendem Aufklärer des digitalen Zeitalters" einen Doktorhut ehrenhalber aufzusetzen; was der Uni einen Imagegewinn eingebracht hätte, der Minister aber rechtsaufsichtlich unterband.317

Schavan selber erwähnt den Dr. h.c. in ihrer Vita im Internet nicht. Offenbar kommt es ihr nicht so sehr auf politische Verdienste „um die Wissenschaft“ an, sondern um Anerkennung für „Leistungen in der Wissenschaft“. Wie Mathiopoulos sucht sie die jetzt im aufstrebenden Land der Morgenröte, immer mal wieder als Gastprofessorin der Shanghai International Studies University.318

Marc Jan Eumann und der verbeulte Doktorhut

Aufsteigende Lebenskurve

Der gebürtige Hamburger und Kölner Abiturient studierte an der Uni der Domstadt im Hauptfach Geschichte und wurde 1991 Magister.319 Dann arbeitete das SPD-Mitglied zuerst für den Kölner Oberbürgermeister, anschließend im Referat „Politische Kommunikation und Analysen“ des Landesarbeitsministers von Nordrhein-Westfalen. Ab 1995 saß Eumann für fünfzehn Jahre im Düsseldorfer Landtag und war danach bis 2017 Staatssekretär im Landesministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Medien, seinem Spezialgebiet. Seit 2018 ist er Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation in Rheinland-Pfalz.

Nebenberuflich wurde der Staatssekretär 2011, mit Mitte Vierzig, an der Uni Dortmund mit einer Arbeit über den „Deutschen Presse-Dienst“320 in der frühen Bundesrepublik promoviert. Was wegen eines undurchsichtigen Selbstplagiats von der zwanzig Jahre zurückliegenden Magisterarbeit mit geheimem Einverständnis eines Doktorvaters Aufsehen in Wissenschaft und Politik erregte.321 Die Uni-Rektorin sprach in einer medialen Vorverurteilung von Wissenschaftsbetrug, während die zuständige Fakultät für Kulturwissenschaften den Doktorgrad letztendlich doch bestehen ließ.

Ein verstörender Archivfund

Magisterarbeiten müssen nicht publiziert werden, die Aufbewahrungsfrist bei der Prüfbehörde endet spätestens nach zehn Jahren. An der Uni Köln ist Eumanns Frühwerk von 1991 längst nicht mehr greifbar. Es wäre auch auf Nimmerwiedersehen verschwunden, wenn der Absolvent es nicht aus lauter wissenschaftlichem Ehrgeiz dem Bundesarchiv in Koblenz als „Kopie eines DIN A 4-Ausdrucks mit Klebebindung“ vermacht hätte.322 Dort stieß Arnulf Kutsch, Professor für Kommunikationswissenschaft in Leipzig, bei eigenen Studien zur Nachkriegspresse auf Eumanns Hinterlassenschaft und wies darauf in einer Besprechung der Doktorarbeit hin.323 Diese ist weitgehend ein Selbstplagiat ohne Literaturnachweis des zwanzig Jahre älteren Erstlings. Doktorvater Horst Pöttker gibt an, davon nichts gewusst zu haben.324 Nach der Buchbesprechung wusch er „schockiert“325 seine Hände in Unschuld und wies die Uni-„Kommission zur Sicherstellung guter wissenschaftlicher Praxis selber auf den Fall hin.326 Pöttker fürchtete um den Ruf seiner Uni: „Ich hoffe nicht, dass meine Fakultät jetzt mit Dissertationen überschüttet wird, die sich im Kern mit Diplom- oder Magisterarbeiten decken.“327

Dammbruch zwischen Wissenschaft und Politik

Fachrezensionen fanden schon in den Fällen Guttenberg und Mathiopoulos breites Aufsehen in der politischen Öffentlichkeit. Eumann erging es da nicht anders.328 Doch in den anderen Fällen, ebenso in Sachen Schavan, hielten sich Berufspolitiker während der Klärungsprozesse in den Hochschulen abwartend zurück.

Hingegen kam es bei Eumann schnell zum Dammbruch zwischen den unterschiedlichen Funktionsbereichen Wissenschaft und Politik. Was umso bemerkenswerter erscheint, als seine Sache fast gleichzeitig mit der Plagiatsaffäre der Bundesbildungsministerin lief.329 So verstieg sich ein Sprecher der CDU-Opposition im Landtag sogar zur Vorverurteilung: „Ein Medienstaatssekretär, der bei seiner medienhistorischen Promotion getäuscht hat – das ist eine irrwitzige Vorstellung.“330

Das heißt: „Klar ist: Wenn Herr Eumann seinen Doktortitel nicht rechtmäßig erworben hat, kann er nicht länger Staatssekretär bleiben“, betonte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Lutz Lienenkämper.331

Politische Gegner wiesen zudem auf eine Landesförderung am Lehrstuhl von Eumanns Doktorvater hin, in Höhe von rund 200 000 Euro und „in auffälliger zeitlicher Nähe“ zur Doktorprüfung. Eumann war im Februar 2011 promoviert worden, im Oktober stellte Lehrstuhlinhaber Pöttker den Antrag zur Fortbildung von Lokaljournalisten.332 Damit hatte ausgerechnet ein Journalistik-Professor die manierlichen Schamgrenzen zwischen Wissenschaft und Politik verkannt, die öffentliche Wahrnehmung seines Gesuchs falsch eingeschätzt. Manche sahen in der Bewilligung ein „Dankeschön“ für die Promotion.333

Noch weitergehend plante die Landesregierung derzeit eine eigene Stiftung für Journalismus. In dieser Sache hatten die Befürworter, personalisiert in Eumann, nicht zuletzt meinungsbildende Medienunternehmen gegen sich.334 Wer aus dieser Richtung auf den Doktorhut zielte, machte sich um den Kopf seines Trägers gewiss keine Sorgen.

In dieser Gemengelage war es viel verlangt, die Doktorfrage rein akademisch zu klären, im Rückzug auf den oft gescholtenen Elfenbeinturm.

Selbstplagiat

Bei gestuften Abschlüssen liegt das einfach nahe: die unveröffentlichte Master- oder früher Magisterarbeit zur Dissertation „auszubauen“. Gewinnmaximierung bei Aufwandsminimierung erscheint vernünftig. Aber längst nicht alle Promotions- und Habilitationsordnungen schreiben vor, dass die Zweitverwertung der Prüfbehörde und den späteren Lesern unzweideutig angezeigt werden muss. So heißt es in der Philosophischen Fakultät der Uni Münster nur, dass „die Dissertation“, also das vorliegende Schriftwerk, „noch nicht Gegenstand einer staatlichen oder akademischen Prüfung gewesen ist.“335 Weshalb ein Magister seinen Doktorhut zu Recht behielt.336

In den Leitsätzen der Vereinigung deutscher Staatsrechtslehrer heißt es hingegen klipp und klar: Bei Prüfungsarbeiten ist eine Zweit- oder Mehrfachverwertung nicht ausgeschlossen, wenn sie offengelegt wird und nach der Prüfungsordnung rechtlich zulässig ist.“337

Mancher ist jedoch schon mit weniger zufrieden. So erklärte ein Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf Nachfrage: „Zumindest im Vorwort seiner Dissertation sollte der Autor auf eigene Vorarbeiten klar hinweisen.“338 Tatsächlich sagt Eumann in der „Vorbemerkung“ der Buchveröffentlichung, „das Thema begleitet mich jetzt seit zwei Jahrzehnten“, seit einer „betreuten Arbeit“ im Magisterstudium.

War das deutlich genug? Jedenfalls bekam Eumann mit dieser Vorbemerkung die nötige Druckerlaubnis und damit überhaupt erst die Doktorurkunde.339

Hauptdarsteller und Regie

Wenn Eumann die Hauptrolle im Promotionsdrama spielte, so lag die Regie doch beim Doktorvater Horst Pöttker und dem Zweitgutachter Ulrich Pätzold. Dieser leitete seit Anfang der achtziger Jahre bis 2008 den Studiengang Journalistik an der Uni Dortmund, Pöttker war sein Fachkollege von Mitte der Neunziger bis 2013.

Nach eigenen Angaben hat Pätzold 2009, damals schon Pensionär, den Landtagsabgeordneten, später im Laufe des Promotionsverfahrens Staatssekretär Eumann „ermutigt“, das Thema der Magisterarbeit über den Deutschen Presse-Dienst wiederaufzunehmen.340 Inwieweit die Dissertation sich damit überschnitt, sei ihm aber im Einzelnen nicht bekannt gewesen. Das Frühwerk „war eine Prüfungsarbeit und wird an Dritte nicht weitergereicht.“341 Allerdings hätte Pätzold doch Eumann mal fragen können und der ihn vielleicht ans Bundesarchiv verwiesen.

Der formelle Hauptgutachter Pöttker gibt an, er habe bei seinem Gutachten über die Dissertation von der Vorarbeit überhaupt nichts gewusst. „Ich musste davon ausgehen, dass die Magisterarbeit ein anderes Thema als die Dissertation hatte.“342 Falls das so war, hat der Mitgutacher Pätzold ihm und der Fakultät wider besseres Wissen die Sicht vernebelt. Da wäre er aber nicht der erste gewesen, so etwas kam ein paar Jahre früher auch schon in Erfurt vor.343

Wenn die Dortmunder Doktoreltern aber nichts falsch gemacht haben wollen, gerät das Dekanat der Fakultät ins Visier. Um überhaupt als Doktorand angenommen zu werden, musste Eumann dort seine Magisterurkunde vorlegen. Auf der ist die Examensarbeit vermerkt, mit einem ähnlichen, nicht genau demselben Titel wie für die spätere Dissertation. Niemand wurde stutzig. Niemandem schwante Arges. Denn weiterentwickeln, „ausarbeiten“ ist ja nicht grundsätzlich verboten…

Unklare Frage, missverstandene Antwort

Als der Doktorand Eumann seine Arbeit zur Prüfung einreichte, musste er laut Promotionsordnung auf einem Formblatt angeben , „ ob die Dissertation ganz oder in einer anderen Fassung oder in Teilen einer Hochschule im Zusammenhang mit einer staatlichen oder akademischen Prüfung vorgelegen hat“. Das hat der Kandidat verneint.

War das gelogen, eine Täuschung der Fakultät? Wie das der Doktorvater Pöttker nach der entlarvenden Rezension von Kutsch befürchtete.344 Nein, sagt Eumann.345 Er habe vielmehr zum Ausdruck gebracht, dass die Doktorarbeit, wie er sie jetzt einreiche, in der Vergangenheit weder zu einer anderen Prüfung vorgelegen noch als Steinbruch für eine solche gedient hat. So hatte anscheinend auch schon ein Münsteraner Doktorand die Frage nach der Doppelverwertung verstanden, zu Recht.346

Ein weiteres, schon älteres Beispiel347: Nach erfolglosen Versuchen in Hamburg verneinte ein Doktorand in Kiel „dieselbe oder eine ähnliche Dissertation bereits bei einer anderen Universität" eingereicht zu haben. Die Uni kam mit der Aberkennung vor dem Verwaltungsgericht Schleswig nicht durch. Die Richter monierten eine mögliche „unrichtige Belehrung“ des in dieser Frage arglosen Kandidaten und hielten den Titelentzug überhaupt für „unverhältnismäßig“.

Es kommt offenbar ganz darauf an, wie man den Wortlaut einer Frage interpretiert. „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus“, stellte schon der Jurist und Wortkünstler Franz Kafka in seiner Erzählung „Vor dem Gesetz“ fest.348 Um künftig Missverständnisse zu vermeiden, korrigierte die Dortmunder Fakultät für Kulturwissenschaften ihre Promotionsordnung mit der Vorschrift: „Teile der Dissertation, die bereits Gegenstand einer Abschlussarbeit eines erfolgreich abgeschlossenen staatlichen oder akademischen Prüfungsverfahrens waren, sind als solche zu kennzeichnen.“349 Die klare Formulierung ist Eumann zu verdanken.

Übergriffige Rektorin

Nach dem Untersuchungsergebnis der Kommission für gute wissenschaftliche Praxis und einem Rechtsgutachten des Plagiatsexperten Wolfgang Löwer350 stellte das Rektorat unter Vorsitz der Statistikerin Ursula Gather „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten“ von Eumann fest und betraute den zuständigen Fakultätsrat der Kulturwissenschaften mit der Einleitung eines „Verfahrens zur Aberkennung des Doktorgrads.“351 Der Betroffene werde, war also noch nicht darüber informiert und angehört.

Die Pressemeldung war gleich ein Doppelfehler. Hochschulinterne Überprüfungen möglichen Fehlverhaltens sind nach allgemein anerkannter Regel vertraulich zu behandeln, nicht zuletzt zum Schutz eines Beschuldigten.352 Vor allem aber hatte das Bundesverfassungsgericht längst klargestellt: „die Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen, denen der ernsthafte Versuch nicht abgesprochen werden kann, die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zu beachten, ist allein mit den Mitteln des wissenschaftlichen Diskurses und daher im Meinungsstreit der Wissenschaftler auszutragen.“353 Sich qua Rektorenamt öffentlich über Eumann zu äußern, war eine unstatthafte Vorverurteilung. Daran ändert auch nichts die spätere Ausrede, „dass die Feststellung von wissenschaftlichem Fehlverhalten einerseits und ein Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades andererseits unterschiedlichen Zuständigkeiten innerhalb der Hochschule unterliegen.“354

Schweigen wäre Gold gewesen. Aber durch wen oder was ließ sich die Rektorin bloß aufscheuchen?

„Freispruch“ mit und ohne Begründung

Der Fakultätsrat der Kulturwissenschaften folgte der öffentlichen Vorverurteilung Eumanns durch die Rektorin nicht. Dazu gab die Uni eine dürre Pressemitteilung in zwei Sätzen heraus. Einer bezieht sich auf die Vorgeschichte, der andere auf den Verfahrensabschluss: Der Fakultätsrat der Fakultät Kulturwissenschaften der TU Dortmund hat in seiner Sitzung am Mittwoch, 9. April, beschlossen, dass der Doktorgrad von Dr. Marc Jan Eumann nicht aberkannt wird.“355 Eine „Begründung wurde zunächst nicht bekannt“, meldete die Deutsche Presseagentur verwundert.356

Sie wurde dann „nachgereicht“, wie die in der Region vielbeachtete Funke Mediengruppe meldete, und besagt, „die Aberkennung sei „trotz großer Bedenken bezüglich eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ von Eumann nicht erfolgt, „da eine vorsätzliche Täuschung nicht eindeutig belegt werden konnte“.357 Diese Begründung war nichtamtlich, wie ein Uni-Sprecher heute sagt, und wurde mutmaßlich aus dem Fakultätsrat heraus lanciert, am andersdenkenden Rektorat vorbei. Hatte die Hochschulspitze die Begründung erst einmal ersatzlos gestrichen? Oder haben sich neugierige Journalisten mit dem Nachtrag einen Bären aufbinden lassen? Kaum zu glauben. Cui bono? Jedenfalls kann Eumann mit der Begründung besser leben als ohne…

Doch hat die Begründung eine offene Flanke: Zwar wird „Vorsatz“ verneint - aber eine vorsätzliche Täuschung aus voller Absicht oder auch ein „bedingter Vorsatz“ unter bewusster Inkaufnahme einer möglichen Täuschung der Prüfbehörde?358 Beispielsweise durch Verschleierung einer thematisch eng verwandten Vorqualifikation? Oder worauf sonst beziehen sich die angeblich „großen“, aber nicht ausschlaggebenden „Bedenken“? Aber wer will das wirklich wissen?

Ulrich Pätzold, der geistige Pate des Promotionsvorhabens, gibt der Entscheidung des Fakultätsrats schließlich eine über den Einzelfall hinausweisende Bedeutung. Er sieht darin die „notwendige Rückeroberung der Autonomie der Fachbereiche gegenüber den Hochschulleitungen.“359 Als ob es irgendwie um die Grundfrage des Thomas Hobbes ginge: Quis interpretabitur? Quis iudicabit? / Wer hat die Deutungshoheit, wer fällt das Urteil? „Fürwahr, so edle Denkart muss man loben“360 – wenn Pätzold so nicht eine in Wirklichkeit ziemlich anstößige Geschichte in ein Zeugnis der stets gefährdeten geistigen Freiheit und des heroischen Widerstands umdeuten würde. Klarer Fall von politischem Journalismus, aus berufenem Munde…

Rück- und Ausblick

Die vier vorstehend ausführlicher beleuchteten Fälle wurden von der abschätzig sogenannten „Medienjustiz“ aufgeworfen. Die Hochschulen zeigten sich in ihren Reaktionen den Fragen der Öffentlichkeit nicht gewachsen. Besonders klar ist das im Falle Eumann, für dessen „Freispruch“ die Uni Dortmund es an jeder amtlichen Begründung fehlen ließ.

Andererseits versuchten Stimmführer wichtiger wissenschaftlicher Institutionen, ihre Bundesministerin Schavan über alle „Nachrichten“-Kanäle möglichst platt, aber publikumswirksam von Plagiatsvorwürfen zu entlasten - und damit die allein zuständige Uni Düsseldorf vor aller Welt ins Unrecht zu setzen.

Auch der krumme Freiburger Deal mit Dickhuth, Professorentitel und –pension gegen Verzicht auf die Habilitation, kann Außenstehende schwerlich von der vielbeschworenen akademischen Sachlichkeit überzeugen.

Im Falle Mathiopoulos hatte die Uni Bonn 1991audrücklich einen Imageverlust einem Gerichtsstreit vorgezogen - und dann zwanzig Jahre später in derselben Sache, aber im Schatten der Plagiatsaffäre Guttenberg, genau umgekehrt entschieden. Dabei handelte es sich im ersten Anlauf erklärtermaßen um eine opportunistische Folgenabschätzung, die dann bei der Wiederaufnahme als „willkürlich“ zurückgenommen wurde. Solche Selbstdarstellung der Hochschule zerstört alles nötige Vertrauen in ihre Prüfungsentscheidungen.

Normvertrauen statt „ Einzelfallgerechtigkeit“

Die inneruniversitären Entscheidungsspielräume sind kaum eingeengt durch höchstrichterliche Leitentscheidungen. Denn kaum einer hat den langen Atem, die Lust und das Geld, gegen die eigene Uni durchzuprozessieren wie Mathiopoulos. Selbst Dickhuth und Schavan, keine armen Schlucker, gaben ihre Sache früh auf.

So bleibt es weitgehend im Belieben der Hochschulen, alle Gänge bis zum Titelentzug hochzuschalten oder zurück- und abzuschalten - oder wie eben im Fall Mathiopoulos mal so und umgekehrt auch mal so zu entscheiden. Im Falle Eumann folgte die Rektorin ihrem Jagdfieber, bis die zuständige Fakultät das Spiel abblies. Dickhuth steht da als schwarzes Schaf unter lauter angeblichen Unschuldslämmern. Andere Fakultäten stellen sich einfach dumm und Untersuchungsverfahren trotz erkannten Wissenschaftsbetrugs ein, weil sich angeblich kein einzelner Übeltäter identifizieren lasse.

Die akademische Selbstjustiz führt schwerlich zu einer fallübergreifenden Normstabilisierung und einem wünschenswerten Normvertrauen in der Allgemeinheit. Hingegen öffnen mildernde Gesichtspunkte wie eine angebliche Historizität fachbezogener Zitatkulturen oder die spätere Lebensleistung der Doktoranden Tür und Tor für unerwartbar schonende „Einzelfallentscheidungen“ - und sollen das wohl auch gerade.361 Das ist keine Selbsttherapie der Unis, sondern ihr Krankheitsbild.

Die Ermessensentscheidungen der Untersuchungskommissionen bleiben allemal geheim362, wenn sie nicht wie in unseren vier Hauptbeispielen zumindest teilweise an die Medien durchgestochen werden. Nicht zuletzt im Sinne der Selbstdisziplinierung sollten die Kommissionen ihre Ergebnisse aber mit Begründung veröffentlichen und zur Diskussion stellen. Der Schutz Betroffener spricht überhaupt nicht dagegen. Wie bei Gerichtsurteilen könnten ihre Namen anonymisiert werden.

Störfall-Prüfung ohne Strafaktion

„Textliche Übereinstimmungen und das Fehlen von Zitaten lassen sich recht einfach und eindeutig feststellen“, sagt etwa Rechtsprofessor Ansgar Ohly von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und dort Leiter einer Untersuchungskommission.363 Ein Textplagiat ist jedenfalls ein objektiv nachweisbarer Sachverhalt. Der Befund löst dann bei den Plagiatoren Empörung und Jammer aus, wenn und weil er mit dem Subjektbezug, der Täuschungsabsicht des „Schuldigen“ verbunden wird.364

Mit dem ausschlaggebenden Täuschungsvorwurf verbindet sich eine moralische Deklassierung des Betroffenen. Rechtstatbestände werden so zu Empörungstatbeständen, die erst das Interesse im breiten Publikum und seinen Medien erwecken. Aber was unterscheidet diese Anteilnahme wirklich von den Strickerinnen, die sich in der Französischen Revolution unter der Guillotine an den Hinrichtungen ergötzten?

Die wissenschaftliche Community braucht die Verknüpfung von objektivem und subjektivem Sachverhalt jedenfalls nicht. Allein am Produkt, der Veröffentlichung, nachweisbare Kunstfehler dienen der Qualitätssicherung – ganz egal, was sich der Autor vielleicht dabei gedacht hat.

Warum die Sachfrage, wie was passieren konnte, überhaupt auf die persönlichen Beweggründe konzentrieren? Der Rechtsexperte Volker Rieble stellt einen alternativen Ansatz vor, der ohne Täuschungsvorwurf und entsprechende Strafaktion auskommt365: Das Verwaltungsverfahrensgesetz lässt es auch zu, von subjektiven Beweggründen abzusehen und allein auf objektiv „unrichtige oder unvollständige Angaben“ abzustellen.366 Das erleichtert und verkürzt die amtliche Überprüfung, die nicht mehr und nicht weniger als Etikettenschwindel ausschließen soll.

Riebles Anregung hat trotzdem bislang kaum positive Resonanz gefunden. Im Gegenteil. Bruno Bleckmann etwa, der Düsseldorfer Dekan in Schavans Verfahren, lehnt den Verzicht auf den Täuschungsvorwurf ab. Er befürwortet damit unnötigerweise die akademische Strafaktion und den sozialen Pranger von anno dazumal.367

Prüfbehörde auf dem Prüfstand

Schuldfragen haben universitäre Untersuchungskommissionen hin und wieder selber schon aufgelöst. Selbst wenn das Wissenschaftsplagiat objektiv nachweisbar ist, werden Verfahren eingestellt, weil der Autor zum Beispiel als unzurechnungsfähig gilt.368 Wer die Spielregeln nicht wirklich kennt, kann auch nicht täuschen. Oder der Täuschungsvorwurf geht ins Leere, weil sich kein (angeblich) alleinschuldiger Doktorand identifizieren lässt.369 Oder besondere Umstände entschuldigen den Plagiator.370

You´ll never walk alone. Wenn für objektive Fehler aber niemand persönlich verantwortlich ist, lassen sie sich nur organisations- oder verfahrensbedingt erklären. Zu klären, was da schiefgelaufen ist, dient der Qualitätssicherung in der Prüfbehörde. Damit in Zukunft möglichst nicht mehr passiert, was im konkreten Fall leider passiert ist. Aber das Thema Organisationsverschulden wird in Hochschulprüfungen durch die Frage nach der Täuschungsabsicht bislang stets verdeckt. So wirft die Bayreuther Kommission zur „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ in ihrem inzwischen klassischen Bericht zum Plagiatsfall Guttenberg371 lediglich die Frage nach einer „Mitverantwortung“ der Gutachter und Prüfungsbehörde auf. Sie wurde später in den Fällen Schavan und Eumann erst gar nicht gestellt. Das muss sich notwendig ändern, solange sich der Prüfling ja nicht selber prüft.

Notwendiger Verbraucherschutz

Zum Schutz der „Privatsphäre“ degradierter Doktoren oder Habilitierter werden die Fälle, wenn es nicht gerade um Promis geht, in der Regel nicht publik. Das ist nicht folgerichtig. Denn für die (wissenschaftliche) Öffentlichkeit bestimmte Werke stellen sich folglich der Diskussion.372 Dem Lesepublikum wäre damit gedient, wenn die Prüfbehörden, die Fakultäten, widerrufene Qualifikationsschriften der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) melden müssten und die dann auf eine Rote Liste im Internet kämen.373 Der DNB-Katalog vermerkt die Aberkennung des Doktorgrades, wenn die Uni ihr das mitteilt, erklärt die Rechtsabteilung auf Nachfrage.374 Das passiert in manchen, aber nicht allen Fällen – so nicht bei der Doktorarbeit von Margarita Mathiopoulos oder der Habilitationsschrift von Hans Hermann Dickhuth, wohl aber mit der Dissertation von Annette Schavan. Es ist Zeit, dass sich was ändert.

Illusorische Doktorwürde

Der Doktor oder „Privatdozent“ mit Habilitationsurkunde waren im 19. Jahrhundert moderne Adelsprädikate des Bürgertums – im Unterschied zu den traditionellen Erbtiteln der Feudalgesellschaft wie Freiherr oder Graf. In Idealkonkurrenz damit dienten auch die akademischen Abschlüsse zur sozialen Perücke, zur „ehrenvollen Kennzeichnung der Persönlichkeit“ gegenüber allen anderen.375

Wenn die Aberkennung akademischer Titel trotzdem bis heute, trotz allem sozialen und rechtlichen Wandel im 20. Jahrhundert, manchen als ehrenrühriger Verlust der „Doktorwürde“ erscheint und nicht bloß als Aufhebung einer rechtswidrigen Prüfungsentscheidung, bleibt das im ideologischen jet lag hinter der Zeit zurück.376 Dagegen spricht auch nicht, dass gelegentlich377 prominente Karrieren über Wissenschaftsbetrug einknicken. So etwas kann einem auch bei skandalträchtiger Trunkenheit am Steuer passieren.

Anders als bei den akademischen Berufsqualifikationen wie Bachelor und Master, gilt für den Entzug des Doktorgrades nur deshalb keine Verjährungsfrist378, weil er die Berufswahl in der Regel nicht beeinträchtigen kann. Wenn etwa Mediziner, Juristen, Lehrer oder Unternehmer auch noch promovieren wollen, haben sie Zeit und Lust für ein außerberufliches Bildungserlebnis. Das stellte der Rechtsvertreter der Uni Bonn im Falle Mathiopoulos vor dem Bonner Gericht klar.379

Ein Überschwappen akademischer Entscheidungen in andere Handlungs- und Lebensbereiche ist jedenfalls in der modernen, funktional differenzierten (nicht mehr sozial hierarchisierten) Gesellschaft systemwidrig und störend. So wird der Streit um den Doktorhut schnell zum sachwidrigen Kampfmittel in persönlichen, beruflichen oder politischen Auseinandersetzungen.380

Hingegen wäre der Doktor, der sich heute wirklich als Würdenträger sehen und bezeichnen würde, eine so unzeitgemäße Figur wie damals Don Quijote. Der sah den Unsinn seiner Phantastereien freilich erst auf dem Sterbebett ein.

[...]


1 So der deutsche Titel des Agententhrillers von John le Carré, original: Call fort the dead, 1961

2 https://www.sueddeutsche.de/anette-schavan-ueber-guttenberg-ich-schaeme-mich-nicht-nur-heimlich

3 … im Einverständnis mit „der gebrechlichen Einrichtung der (akademischen) Welt“, um es klassisch zu sagen; https://www.textquellen.de/heinrich-von-kleist/die-marquise-von-o/18/

4 https://www.uni-bayreuth.de/Bericht_der_Kommission_m__Anlagen_10_5_2011_.pdf; dazu Roland Preuß, Tanjev Schultz, Guttenbergs Fall, Gütersloh 2011; http://www.spiegel.de/ forschungsbetrug-daten-trickser-behaelt-professorentitel

5 Gunther Teubner, Peer Zumhausen, https://www.jura.uni-frankfurt.de/42828655/rechtsentfremdungen.pdf, S. 5 . „Anders der Jurist“ im Unterschied zum Laien, lautet die klassische Kurzformel: s. Marie Theres Fögen, Das Lied vom Gesetz, München 2007, S. 88.

6 S. u. Anm. 262

7 Teubner, Zumhausen wie o. Anm. 5 : „von einem gesellschaftlichen Konflikt zu einer Rechtsfrage und von dort zurück zu einem sozialen Ereignis“, mit einem sozialverträglichen Ergebnis. Das kann natürlich auch scheitern, wenn das (stets reformbedürftige) Rechtssystem nicht so instrumentalisiert ist, dass es mehr als nur vor ihm selbst vertretbare Antworten geben kann.

8 Vgl. die Definition des Historikers, Juristen und britischen Richters Jonathan Sumption: „Legitimacy is less than law but is more than opinion. Legitimacy is still the basis of all consent“; http://downloads.bbc.co.uk/radio4/reith2019/Reith_2019_Sumption_lecture_2.pdf, S. 2

9 Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Urteil vom 14.09.2011, Az: VGH 9 S 2667/10: https://openjur.de/u/357400.html, Randnr. 29

10 http://www.forschungsinfo.de/Publikationen/Download/workinhg_paper_12_2012.pdf.Das entspricht der traditionellen (lateinischen) Unterscheidung pro gradu /pro loco.

11 https://www.bverwg.de/310713U6C9.12.0 , Randnr. 21

12 Der BILD-Kolumnist F.J. Wagner, immer am Puls seines Millionenpublikums, empfahl dem Minister: „Scheiß auf den Doktor“ (https://www.bild.de/post-von-wagner-16015226.bild.html)

13 Ulrich Rasche, https://www.wissenschaft-praxis-und-prestige-, S. 508

14 Ebenda. Vor dem 19. Jahrhundert schrieben deshalb landesherrliche Medizinalordnungen einen Promotionszwang vor, woraufhin die Fakultäten die Promotionsansprüche „ auf ein Maß senkten, das jeder Student erfüllen konnte.“ Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Zwang ein übliches Promotions(an)gebot.

15 Vgl. Verf., Wenig Lust auf Promotionen, VDI nachrichten , 9. August 2019, S. 30

16 Parodiert schon in Gustav Freytags Roman „Die verlorene Handschrift“ (1864); dazu jetzt Wolfgang Löwer, Regeln guter wissenschaftlicher Praxis im Spiegel (mehr zufälliger) literaturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Funde, Baden-Baden 2017, S. 11 ff.

17 Rasche wie o. Anm. 13

18 https://www.kmk.org/beschluesse/1977_04_29-Grundsaetze-Veroeffentlichungen-Dissertationen.pdf

19 Kritisch dazu Gerrit Hellmuth Stumpf, Dissertationsdruckzwang, Wissenschaftsrecht 49, 2016, S. 271 , 287

20 So Peter Sloterdijk, http://www.spiegel.de/spiegel/print/ d-82612703.html

21 Zu den folgenden Beispielen s. https://www.lto.de/veroeffentlichung-doktorarbeit-druckzwang

22 https://www.lto.de/doktor-slowakei-plagiat-abkommen-vergleichbarkeit-bewertung-zeugnis/

23 https://www.zeit.de/datenfaelschung-forschungsbetrug-plagiat-naturwissenschaft

24 wie o. Anm.20. Das klingt auch beim Plagiatsexperten Rieble an: „Aber wir produzieren Texte nicht, damit sie gelesen werden, sondern damit sie nicht gelesen werden. Darauf beruht das ganze System“; https://www.tagesspiegel.de/plagiatsexperte-im-interview-warum-plagiate-nicht-auffallen

25 https://www.welt.de/wissenschaft/Mythos-Halbwertszeit-des-Wissens.html

26 wie o. Anm. 20

27 http://www.spiegel.de/prinz-von-preussen-zu-plagiatsaffaere-entschuldigen-kann-man-so-etwas-nicht

28 http://www.spiegel.de/plagiator-mit-doktorwuerde-wie-wird-man-einen-spitzenbeamten-los

29 https://www.sueddeutsche.de/guttenbergs-doktorarbeit-summa-cum-laude-mehr-als-schmeichelhaft

30 https://www.zeit.de/studium/hochschule/2011-09/portraet-weber

31 https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/freispruch-zweiter-klasse/

32 https://www.dfg.de/pdf/gute-wissenschaftliche-praxis/Kodex_gwp.pdf, S. 18

33 S. o. Anm. 23

34 S. etwa https://www.nature.com/ncomms/submit/matters-arising; corrections oder gar retractions sind in naturwissenschaftlichen Journalen heute üblich. Das Office of Research Integrity (https://ori.hhs.gov/ ) in den USA geht dem Verdacht von Forschungsbetrug mit Steuergeldern nach und veröffentlicht Namen der Betrüger.

35 Volker Rieble, Erscheinungsformen des Plagiats, in: Th. Dreyer, A, Ohly (Hgg.), Plagiate, Tübingen 2013, S. 32-50.

36 https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__97.html

37 Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg vom 29.1. 2019, Az.: 7 U 192/16; www.lto.de/Meinungssache

38 Doch wer will sich schon sagen lassen, sich „substanzarm“ empört zu haben? Wenn dabei „wahr“ und „unwahr“ verschwimmen, gewinnt die „subjektive Totalverblendung“ die Oberhand, die der Literaturwissenschaftler Roland Reuß als ein maßgebliches ,Wahrheits´-Kriterium unserer Zeit kritisiert (Ende der Hypnose, Frankfurt a.M. und Basel 2012, S. 10).

39 Mailantwort vom 25.2.2019

40 Wie auch, urheberrechtlich kann sich der Plagiator ja schwerlich durchsetzen. Auch Versuche, die Dokumentation über eine Takedown Order nach US-amerikanischem Digital Millenium Copyright Act (DMCA) zu unterdrücken, seien erfolglos geblieben; Mailantwort vom 31.8.2019

41 Volker Rieble, Das Wissenschaftsplagiat, Frankfurt a.M. 2010, S.107

42 https://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-05/plagiat-professor-beteiligt (korrigiert auf Namenskürzel)

43 https://www.lto.de/plagiat-wissenschaft-lmu-aufklaerung-umgang-entschuldbare-uebereinstimmungen

44 https://www.spiegel.de/ wissenschaftler-als-autoren-der-schwaechere-gibt-meist-nach

45 Sloterdijk wie o. Anm. 20

46 S. o. Anm. 34

47 https://www.uni-hamburg.de/newsletter/archiv/Maeerz-2013-Nr-48/bdquo. Rechtsprofessor Trute war jahrelang Vorsitzender des bundesweiten Beschwerdegremiums für die Wissenschaft („DFG-Ombudsman“).

48 Verwaltungsverfahrensgesetz § 48

49 S. dazu das hier anschließende Stück

50 Mailantwort vom 24.7.2018; https://www.justiz.nrw.de/ovg_nrw/j2015/19_A_254_13_Urteil_20151210.html

51 S. unten Anm. 272

52 S. dazu weitergehend Josef Isensee, Staat und Verfassung, hg. v. Otto Depenheuer, Heidelberg 2018, S. 23, 44.

53 § 34.8

54 https://www.tagesspiegel.de/ wissenschaftliches-fehlverhalten-seltsames-vorgehen-beim-plagiats-check/

55 Ebenda

56 S. u. Am. 206, 227, 270

57 S. u. Anm. 351

58 http://www.general-anzeiger-bonn.de/ hochschulen/Die-Uni-Bonn-geht-gegen-Plagiate-vor

59 Vgl. dazu die umsichtige Beobachtung von Jonathan Sumption: „Experience counts for a great deal in human affairs; more than rationality. Ultimately, the habits, traditions and attitudes of human communities are more powerful than the law“; http://downloads.bbc.co.uk/radio4/reith2019/Reith_2019_Sumption_lecture_5.pdf

60 Dazu das hier anschließende Stück

61 S. etwa u. Anm. 97; auch Helmut F. Spinner, Das ,wissenschaftliche Ethos´ als Sonderethik des Wissens, Tübingen 1985, S. 55 f.

62 https://www.uni-duesseldorf.de/Gutachten.pdf, S. 11

63 Verwaltungsverfahrensgesetz § 10

64 Eine Ausnahme wegen Verfahrensfehler: Verwaltungsgericht Berlin, Urteil v. 23 Februar 2016, 3 K 134.15, https://openjur.de/u/888750.html

65 Referat 31, Handreichung Nr. 15 (Juli 2017), 3.2

66 S. u. Anm. 269

67 wie o. Anm. 47

68 Vgl. u. Anm. 282

69 https://Gaerditz_Wissenschaftsplagiate.pdf, S. 21

70 Gemäß Verwaltungsverfahrensgesetz 48; o. Anm. 43

71 https://www.zeit.de/2011/32/S-Plagiatsverdacht

72 Ebenda

73 S. u. Anm. 269

74 https://tu-dresden.de/tu-dresden/newsportal/news/doktorvater_woeller

75 wie o. Anm. 71

76 Ebenda

77 Ebenda

78 Wolfgang Löwer, zit. o. Anm. 43

79 Mailantwort vom 18.9.2015

80 https://www.tagesspiegel.de/plagiatsvorwuerfe-gegen-familienministerin-wo-es-fuer-franziska-giffey-eng-wird/

81 S. etwa „Zusammenfassung-Gutachten.doc25K“ im Falle Althusmann; https://www.uni-potsdam.de/pressmitt/2011/12/2011-246.pdf

82 So Löwer, Mailantwort vom 11.1.2018; Stefan Rohrbacher spricht von „freischwebender Mildsichtigkeit“, Mailantwort vom 22.3.2018

83 Cicero, Tusculanae disputationes 5, 61-62

84 wie o. Anm. 81

85 https://www.zeit.de/2011/28/Althusmann-Dissertation-Plagiat

86 wie o. Anm. 81

87 VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 13.10.2008 – 9 S 494/08 : https://openjur.de/u/199486.html; s. auch Rieble wie o. Anm. 35, S. 48, der das „Distanzzitat“ mit „vgl.“, „dazu“ oder „weiter“ nicht gelten lässt, weil es „eigene Bearbeitung verspricht, aber nicht einlöst“.

88 S. auch Ohly o. Anm. 43

89 S. u. S. 52. Entsprechend beanspruchen beispielsweise die Bundesministerinnen Annette Schavan und Franziska Giffey, „nach bestem Wissen und Gewissen “gearbeitet zu haben (https://www.welt.de/ Doktorarbeit-nach-bestem-Wissen-und-Gewissen.html; Mailantwort des Bundesfamilienministeriums vom 8.2.2019). Wer in der Schule die Lateinarbeit vermasselt hat, dem nützt freilich auch diese Beteuerung nichts.

90 https://www.spiegel.de/uni-dekan-widerspricht-koch-mehrin; vgl. o. Anm. 50

91 S. o. Anm. 85

91 Ebenda, S .2. o. Anm. 85

92 Ebenda, S .2.

93 § 20.2

94 http://www.general-anzeiger-bonn.de/In-Bonn-Milde-Strafe

95 http://www.general-anzeiger-bonn.de/Bequeme-Wege-bieten-wir-nicht-an. S. auch o. S. 18.

96 Mehr dazu bei Klaus Lüderssen, https://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/wissenschaft-und-praxis-was-dachte-pistorius-als-er-schoss

97 https://www.spiegel.de/plagiate-in-der-doktorarbeit-ruege-statt-titelentzug

98 https://www.spiegel.de/florian-graf-bleibt-trotz-plagiat-cdu-fraktionschef

99 Vgl. o. Anm. 5

100 Vgl. u. Anm. 196

101 Dass Mathiopoulos und ihre Anwälte die 91er Entscheidung anders sehen, versteht sich von selbst.

102 http://www.ordnungderwissenschaft.de/2014-1/03 _rieble_plagiatsverjährung.htm , Anm. 7

103 https://www.zeit.de/vroniplag-uni-hamburg

104 Urteil des Verwaltungsgerichts Hamburg vom 24.6.2016, 2 K 2209/13, Justiz-Portal , Randnummer 22

105 S.o. Anm. 5

106 S. etwa http://www.landesrecht-bw.de/jportal/ HSchulLeistbezV .Das mag an die Gehaltszulagen von „Pseudo-Doktoren“ anno dazumal erinnern (s.o. Anm. 13). kritisch dazu etwa die Bayreuther Kommission für die „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ (wie o. Anm. 4), S. 36; Volker Rieble: „Die Politik sagt uns, produziert mehr Absolventen. Aus der Masse ergeben sich dann Schrotttexte.“ (o. Anm. 24)

107 https://www.deutschlandfunk.de/plagiatsfaelle-doktorvater-der-uni-muenster-wird-bestraft

108 Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.6.2013

109 https://www.faz.net/promotionen-was-ist-ein-dr-biol-hum-denn-wert

110 http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/wissen-und-bildung/hochschulen/Ein-Plagiatsdrama-in-drei-Akten

111 S. u. S. 54 Fall Mathiopoulos

112 wie o. Anm. 4, S. 29 f.

113 https://www.economist.com/the-dog-that-didnt-bark (Beatrice Weder di Mauro)

114 Das Recht am Titel, Deutsche Juristen-Zeitung Bd. 12,1907, Sp. 206. Noch rund hundert Jahre später zutreffend (auch) für Hochschulabschlüsse und –würden, meint Hans-Wolfgang Waldeyer in: Festschrift für Dieter Leuze zum 70. Geburtstag, hg. von Klaus Anderbrügge, Volker Epping, Wolfgang Löwer, Berlin 2003, S. 610

115 https://www.tagesspiegel.de/plagiate-in-der-wissenschaft-universitaeten-klaeren-unwillig-ueber-plagiate-auf/

116 https://www.tagesspiegel.de/plagiatsvorwuerfe-gegen-familienministerin-wo-es-fuer-franziska-giffey-eng-wird/

117 http://www.spiegel.de/promotionsexperte-im-interview-damit-kommt-guttenberg-nicht-davon

118 Frankfurter Rundschau 17.6.2011 (Horstkotte), im Netz nicht mehr greifbar; Verwaltungsverfahrensgesetz 43.2

119 https://www.tagesspiegel.de/umgang-mit-plagiatsfaellen-milde-fuer-falsche-doktoren-an-der-tu-berlin

120 Ebenda

121 https://www.sueddeutsche.de/uni-hamburg-entzieht-doktorgrad-trotz-mangel-an-beweisen

122 4 K 3092/18; https://openjur.de/u/2173298.html

123 § 5.6

124 S. o. Anm. 97

125 So etwa https://www.zeit.de/studium/2014-01/doktortitel-plagiat-uni-muenster, Komm. 41 u. 42

126 S. unten S. 87

127 S.o. Anm. 97

128 Hochschulgesetz § 63.5.2 (Stand 13.3.2019); vgl. Rieble wie o. Anm. 41, S. 10 f.

129 Strafgesetzbuch § 132a , 1.4 in Verbindung mit §78

130 https://www.lto.de/ doktor-slowakei-plagiat-abkommen-vergleichbarkeit-bewertung-zeugnis/, mein Kommentar 5.9.2017

131 wie o. Anm. 129

132 https://www.sueddeutsche.de/ermittlungen-in-plagiatsaffaere-eingestellt-guttenberg-kommt-glimpflich-davon

133 S. o. Anm. 28

134 https://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-05/plagiat-professor beteiligt

135 https://www.hna.de/politik/bundeswehroffizier-wegen-plagiats-degradiert

136 Medieninformation Nr.25 vom 24.1.2014 der Regierung Oberbayern; https://tegernseerstimme.de/kreidl-regierung-prueft-prueft-disziplinarverfahren/

137 https://www.spiegel.de/abgeschrieben-und-erwischt; Näheres u. Anm. 174 und 176.

138 https://www.bundestag.de/resource/blob/wd-3-244-17-pdf-data.pdf

139 o. Anm. 28

140 https://zeit.de/hochschule/2011-05/aberkannte doktortitel, mit meinem Kommentar vom 25. Mai 2011.

141 Rieble wie o. Anm. 41, S.44 ff.; https://www.zeit.de/hochschule/2010-04/plagiate-wissenschaft-uni

142 https://dejure.org/gesetze/BRAO/14.html; https://www.gesetze-im-internet.de/b_o/__3.html, https://www.juraforum.de/ratgeber/arbeitsrecht/wann-wird-einem-arzt-die-approbation-entzogen

143 https://www.spiegel.de/arbeitsrecht-keine-kuendigung-nach-entzug-des-doktortitels

144 https://www.zeit.de/hochschule/2013-10/bahn-promotion-betrug-doktortitel; http://www.absatzwirtschaft/db-marketingchefin-neubauer-gibt-im-spaetsommer-ihren-posten-auf

145 Wolfgang Löwer zum Fall Schavan, http://www.spiegel.de/plagiatsaffaere-von-annette-schavan-doktorarbeit-im-lebenslauf

146 Christian von Coelln, https://www.academics.de/ratgeber/doktortitel-fuehren; ein Beispiel Bayerisches Hochschulgesetz Art. 69

147 Bei Habilitierten ist (mir) das nicht bekannt; so sieht etwa die Freiburger Habil.ordnung für Mediziner den Entzug nur für den Fall vor, dass die Habilitation „mit unlauteren Mitteln erlangt worden ist“.

148 § 3 Abs. 4 Nr.3; ebenso etwa § 5.5 der PromO für Würzburger Juristen.

149 S.o. Anm. 9

150 Beschluss vom 3. September 2014, 1 BvR 3353/13, Randnr. 17

151 https://www.zeit.de/hochschule/2011-10/aberkennung-doktor

152 https://www.bverwg.de/300915U6C45.14.0

152 wie o. Anm. 150

154 wie o. Anm. 104, Randnummern 19 und 22.

155 wie o. Anm. 97

156 https://www.uni-due.de/de/presse/meldung.php?id=8387; www.zeit.de/2014-01/doktortitel-plagiat-uni-muenster/seite-2 (Dresden)

157 Gegen die „geltungserhaltende Reduktion“ etwa Klaus Ferdinand Gärditz wie o. Anm. 69, S. 13.

158 o. Anm. 43

159 https://www.lto.de/promotion-medizin-korrektur-betreuer-vertrauensschutz-wissenschaft/

160 www.tagesspiegel.de/plagiate-in-der-wissenschaft-zu-viel-teamarbeit-im-medizin-labor/

161 https://www.deutschlandfunkkultur.de/plagiate-unis-haben-wenig-lust-den-vorwuerfen-nachzugehen; neuerlich o. Anm. 106

162 https://www.cicero.de/kultur/giffey-franziska-doktortitel-plagiat-vorwurf-berlin

163 Der Vergleich ist angelehnt an eine sprichwörtlich gewordene Formel vom US-Richter Antonin Scalia: https://www.supremecourt.gov/opinions/14pdf/14-556_3204.pdf, Fußnote 22.

164 „Dieses Hobby, das Dir viel Zeit kostete! Es wird in Flammen aufgehen.“

165 Mailantwort vom 6.1.2018; dazu auch o. Anm. 97

166 https://www.hochschulverband.de/resolutionen/Empfehlungen21052013.pdf, S. 9

167 https://www.lto.de/plagiat-akademischer-titel-aberkennung-verjaehrung-rechtsfrieden

168 § 28. Der Landesgesetzgeber überlässt die Frage den Promotionsordnungen; s.o. Anm.50: OVG-Urteil, Randnummer 97

169 wie o. Anm. 69, S. 30; dagegen Rieble o. Anm. 102, unter I.1 /(Fall Heller)

170 Ein bestohlener Erstautor, Prof. Dr. Hasso Spode, meldete 2012/13 eine getürkte Doktorarbeit. Eine Uni- Sprecherin erklärt auf Nachfrage: „Der Plagiatsvorwurf war berechtigt und eine Täuschungshandlung“ gegenüber dem Leser „besteht“, gleichgültig ob beabsichtigt oder nicht. „Es erging ein entsprechender Bescheid“. Die betroffene Doktorin legte Widerspruch ein. Den lehnte der Promotionsausschuss ab. Die Plagiatorin nahm das schließlich klaglos hin und der Bescheid wurde rechtskräftig.

171 S.u. S. 74

172 S. dazu u. S. 82.

173 https://www.sueddeutsche.de/plagiator-guttenberg-zweite-doktorarbeit-geht-das-ueberhaupt

174 Joachim Fels, Beobachterzentrierung, im Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Aberkennung vermerkt.

175 o. Anm. 137

176 Joachim Fels, Konzeption und Evaluation

177 S. o. Anm. 97

178 S.o. Anm. 104.

179 https://www.lto.de/ /sarah-sophie-koch-plagiat-vergleich-uni-duesseldorf-vewaltungsgericht/

180 https://causaschavan.wordpress.com/2016/09/27/unvergleichliche-sarah-sophie/ (unter „Antworten“)

181 https://www.tagesspiegel.de/ betrug-beim-doktor-plagiator-promovier-in-oesterreich/

182 https://www.tagesspiegel.de/plagiate-in-der-medizin-nach-dem-titelverlust-in-die-schweiz/

183 https;//www.zeit.de/studium/hochschule/2011-05/aberkannte-doktortitel; https://www.whu.edu/presse/vorwuerfe-unredlicher-wissenschaftlicher-praxis-gegen-professor-dr-ulrich-lichtenthaler-senat, https://ism.de/dr-ulrich-lichtenthaler-wird-zum-professor-ernannt

184 Amerika: das Experiment des Fortschritts : Ein Vergleich des politischen Denkens in den USA und Europa, veröffentlicht 1987 im Schöningh Verlag

185 German Politics and Society 18 , 1989, S. 93 ff.

186 https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13496867.html

187 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13522998.html

188 https://www.vorwaerts.de/artikel/memoriam-basil-p-mathiopoulos-1928-2013

189 S. o. Anm. 184

190 S.o. Anm. 185

191 http://mmdoku.wikia.com/Stroeker-Kommission

192 Zitate, wenn nicht anders angegeben, aus Original-Unterlagen, die hier in Kopie vorliegen. Vgl. auch https://mmdoku.wikia.org/Chronologie

193 https://www.zeit.de/hochschule/2010-09/gekaufte-doktortitel/seite-2. Mehr zur Gutgläubigkeit o. S. 24.

194 wie o. Anm.38, S. 66

195 Mailantwort vom 30.6.2017

196 Mailantwort vom 27.9.2017

197 Mailantwort vom 5.9.2017

198 http://www.gert-krell.de/langfassungmathiopoulos.pdf

199 Mailantwort vom 31.10.2017

200 Dieses und andere Gutachten waren Mathiopoulos zugespielt worden und liegen hier in Kopie vor; zeitweilig auch auf ihrer inzwischen gelöschten Homepage abrufbar.

201 https://www.rundblick-niedersachsen.de/der-plagiatsfall-mathiopoulos-auch-ohne-doktorhut-eine-honorarprofessorin/

202 Mailantwort vom 30.10.2017

203 wie o. Anm. 200

204 http://www.kampagne-potsdam.de/1/milit/goert.html

205 S. o. S. 54

206 https://www.tagesspiegel.de/margarita-mathiopoulos-kein-menschenrecht-auf-den-doktorhut/

207 wie o. Anm. 192

208 S. o. Anm. 196

209 wie o. Anm. 192

210 Rainer Klok, Liebhaber, Gelehrte, Experten, in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert. Hg. v. Jürgen Fohrmann u. Wilhelm Voßkamp. Stuttgart, Weimar 1994, S. 48 - 114.

211 S. etwa Tobias Stadler, Die Lebensleistung des Täters als Strafzumessungserwägung, Tübingen 2019, S. 213 f. u. 229. Für die unzulässige Spekulation verwendet der Autor das Bild von der „seelischen Entkleidung“ und drückt damit ziemlich genau die Obszönität des Vorwurfs der „Charakterschwäche“ aus. Dass man damit in der sachlichen Durchleuchtung von Wissenschaftsplagiaten nicht weiterkommt, erweist sich schon an der Fülle von Fällen, die die Volker Rieble in seinem gleichnamigen Buch (wie o. Anm. 41) aufdeckt. Viele der fragwürdigen Autoren sind Doktoren und Professoren – und alle Charakterschwächlinge?

212 Beschluss vom 2. Oktober 2017, 1 BvR 1574/17, Randnr. 3

213 https://magazin.tu-braunschweig.de/pi-post/margarita-mathiopoulos-tu-braunschweig-plant-aberkennung-der-honorarprofessur

214 https://archivalia.hypotheses.org/93078

215 https://www.bundesverfassungsgericht.de/bvg16-021.html

216 S. o. Anm. 201

217 Mailantwort vom 1.11.2017

218 Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt 1982

219 https://www.cicero.de/innenpolitik/absturz-plebejische-tiefen/49605

220 https://www.germanjournalsportsmedicine,com/archiv2015/Heft_10/Dossier_2015-10.pdf., S. 10

221 wie o. Anm. 1

222 Kontakt: ams-scharnagl@t-online.de

223 S. u. S. 74

224 S. etwa https://www.uni-freiburg.de/universitaet/einzelgutachten

225 http://www.pr.uni-freiburg.de/pm.2013-11-06.302

226 https://www.faz.net/albert-ludwigs-universitaet-plagiatsaffaere-in-der-freiburger-sportmedizin

227 Sitzung des Habilitationsausschusses vom 14.10,2013, (unveröffentlichter) Protokollbeleg S. 29: „…wird geäußert, dass es für die Feststellung eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens von Herrn Prof. Dickhuth unerheblich sei, wer von wem abgeschrieben habe, da das wissenschaftliche Fehlverhalten … darauf beruhe, als Betreuer der … Dissertationen die Verantwortung gehabt“ zu haben.

228 Gärditz wie. o. Anm. 69, S. 19

229 http://www.spiegel.de/ plagiatsvorwurf-freiburger-medizin-professor-dickhuth-verliert-habilitation

230 Vertiefendes zu Recht und Gewalt bei Fögen o. Anm. 5, S. 99 f.

231 Stellungnahme gegenüber der Dekanin u. dem Promotionsbeauftragten vom 14.5.2017

232 Laut (unveröffentlichtem) Bescheid des Promotionsbeauftragten Prof. Thimme an Betroffene.

233 wie o. Anm. 228

234 vom 10.2.2014 per Hauspost, hier in Kopie vorliegend

235 Das bestätigten laut Protokoll auch weitere Emeriti bei einer Anhörung vor dem Unterausschuss des Habilitationsausschusses am 15.8.2012.

236 https://www.dfg.de/empfehlung_wiss_praxis_1310.pdf

237 https://www.wissenschaftsrat.de/archiv/4609-15.pdf

238 https://www.wissenschaftsrat.de/archiv/1704-11.pdf, bes. S. 29

239 https://www.lto.de/recht/promotion-medizin-korrektur-betreuer-vertrauensschutz-wissenschaft/

240 Anders als etwa im Falle Guttenberg, o. Anm. 132

241 § 40.1.

242 Mailantwort vom 25.1.18

243 wie. o. Anm. 222

244 S.o. Anm. 236

245 S.o. Anm. 19

246 S. dazu Sloterdijk o. Anm. 20 oder Rieble o. Anm. 24 und wie Anm. 41, S. 105

247 S.o. Anm. 1

248 wie o. Anm. 236, S. 37; jetzt abgeschwächt in „Leitlinien“ o. Anm. 32.

249 https://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/freiburger-prorektorin-zu-faellen-von-plagiatsverdacht

250 Oder im Juristendeutsch: Tatumstände, für die Dritte wie etwa Institutsleiter verantwortlich sind, können den Täter tatauslösend beeinflussen und ihn dementsprechend in einem milderen Licht erscheinen lassen; s. Stadler wie o. Anm. 211, S. 446 f.

251 Zitiert nach (m)einem unveröffentlichten Zeitungsartikel. Das gleiche Argument schon vom Zeugen Starke im Dickhuth-Verfahren , o. S. 68

252 S. o. S. 73

253 Mail-Auskunft vom 10.11.2015

254 http://www.goettinger-tageblatt.de/Medizinprofessoren-am-Plagiatspranger

255 Zu dem Topos s. etwa Stadler wie o. Anm. 211, S. 147 f.

256 http://www.goettinger-tageblatt.de/ Plagiatsvorwuerfe-gegen-Medizinprofessoren-haltlos

257 https://www.stuttgarter-zeitung.de/dickhuth-wehrt-sich-gegen-die-aberkennung

258 http://www.annette-schavan.de/pages/Vita/Vita.php

259 https://dejure.org/gesetze/BBG/17.html

260 https://www.swp.de/suedwesten/staedte/ulm/_ulm-ist-eine-inspirierende-stadt

261 http://www.annette-schavan.de/presse/schavaninterview.pdf

262 Das sagt Schavan ausdrücklich als jemand, deren Doktorarbeit von 1980 die „Gewissensbildung“ zum Thema hatte: Person und Gewissen, Frankfurt 1980.

263 Formulierung in Anlehnung an Gunther Teubner, http://www.jura.uni-frankfurt.de/42828857/Generic_42828857.pdf, S. 1

264 https://de.scribd.com/plagiatsdokumentation-schavan

265 Vgl. o. Anm. 114

266 http.//www.spiegel.de/plagiat-verdacht-gegen-schavan-schavanplag-autor-im interview

267 Ebenda

268 Das ist auch anderswo gängig, dazu Andrew Abbott, Varieties of Ignorance, in: The American Sociologist, 41, 2010, 174-89; Jürgen Kaube, https://www.faz.net/ /wissensgesellschaft-die-drei-formen-der-ignoranz

269 http://www.uni-duesseldorf.de/aktuelle-sitzung-des-fakultaetsrats-der-philosophischen-fakultaet-und-presseerklaerung-vom-0502.html. Gut für den Ministerkollegen Althusmann, dass er in Potsdam und nicht in Düsseldorf promoviert wurde: s. o. S. 24.

270 Mailantwort vom 21.1.2019

271 http://www.spiegel.de/fachliteratur-aus-den-siebzigern-staerkt-vorwuerfe-gegen-annette-schavan

272 https://www.sueddeutsche.de/plagiate-in-der-wissenschaft-ein-spektakel-das-einer-aufgeklaerten-gesellschaft-nicht-wuerdig-ist; https://www.sueddeutsche.de/plagiatsvorwuerfe-gegen-doktorarbeit-fuehrende-wissenschaftler-verteidigen-bildungsministerin; s. dazu auch https://www.tagesspiegel.de/abschlussberichtbleckmann.pdf

273 wie .o. Anm. 20

274 https://www.leopoldina.org/presse-1/pressemitteilung/press/2110/

275 S. o. S. 52

276 https://www.faz.net/plagiatsverfahren-schavan-einmischen-statt-denken

277 https://www.stmwk.bayern.de/epaper/2014-1- page41.html, S. 41

278 Die Frage verschärfte sich, als Schavan sich als Kandidatin für den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung ins Spiel brachte, eines parteinahen Bildungs- und Stipendienwerks: https://www.tagesspiegel.de/annette-schavan-will-vorsitz-gerangel-bei-der-konrad-adenauer-stiftung/

279 https://www.tagesspiegel.de/plagiatsvorwurf-gegen-schavan-rechtsprofessor-empfiehlt-verjaehrungsfrist/

280 Vgl. o. Anm. 8

281 wie o. Anm. 211

282 Ebenda S. 16: „Strafe“ könne im täglichen Sprachverständnis vieles bezeichnen. „Im Allgemeinen herrscht dabei insoweit Einigkeit, dass eine Strafe in aller Regel wegen eines vorangegangenen Fehlverhaltens ausgesprochen wird und sich diese für den jeweils Betroffenen in irgendeiner Form nachteilig … auswirken soll.“ Gegen die Analogie Rieble wie o. Anm. 103 unter I 2: „Der Promotionsentzug ist keine Strafe – auch wenn er von Betroffenen wegen der Prangerwirkung so empfunden wird.“ Allerdings nicht nur von denen, sondern etwa auch vom Düsseldorfer Dekan Bleckmann, u. S. 86.

283 o. Anm. 165, s. auch unten Anm. 347; ablehnend zur „ermessensbegrenzenden Unverhältnismäßigkeit“ beim Promotionsentzug Rieble wie o. Anm. 102 unter I 2.

284 S.o. Anm. 97

285 wie o. Anm. 211, S. 379 u. 634

286 o. Anm. 9

287 wie o. Anm. 2 12, S. 282 u. 605 f.

288 Ebenda S. 424, 447 ff.

289 § 17 in Verbindung mit § 8

290 S. u. S. 92

291 Mailantwort vom 21.1.2019

292 Mailantwort vom 4.1.2018

293 https://www.welt.de/Der-wirkliche-Skandal-in-der-Causa-Schavan.html

294 S.o. Anm. 125

295 Kritisch zur beabsichtigten Außenwirkung auf ehemalige Hochschulmitglieder Gerrit Hellmuth Stumpf, Ungeschriebener Parlamentsvorbehalt und akademische Selbstverwaltungsgarantie, Tübingen 2017, S. 779 f.

296 https://www.lto.de/vg-duesseldorf-15-k-2271-13-annette-schavan-plagiat

297 S. o. S. 36

298 https://www.lto.de/universitaet-muenster-promotion-plagiat-ruege-rechtsgrundlage/

299 wie o. Anm. 293

300 https://rp-online.de/deutschland/doktorvater-haelt-arbeit-fuer-beachtlich

301 wie o. Anm. 293

302 S.o. Anm. 62

303 Vgl. Fögen wie o. Anm. 5, S. 112f. ( mit Berufung auf Gunther Teubner).

304 https://www.uni-muenchen.de/aktuelles/news/2014/schavan2.html

305 Bayerisches Hochschulgesetz § 26.3

306 https://www.uni-muenchen.de/aktuelles/news/2014/schavan2.html

307 siehe zum Ganzen Rieble wie o. Anm. 277

308 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/wechsel-politik-wirtschaft

309 wie o. Anm. 304

310 http://www.spiegel.de/honorarprofessur-schavan-fu-berlin-schavan-bitte-um-abschied

311 https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2008/fup_08_321/index.html

312 https://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-10/honorarprofessur-schavan-promis; http://www.spiegel.de/beruehmte-honorarprofessoren-titel-zu-verschenken

313 wie o. Anm. 261

314 https://www.spiegel.de/annette-schavan-ehrendoktor-an-der-universitaet-luebeck. In der dritten Strophe von Don’t worry heißt es: They say your style of life's a drag /And that you must go other places / Just don't you feel too bad /When you get fooled by smiling faces.

315 Promotionsordnung § 2

316 http://www.spiegel.de/akademische-doktorspiele-professor-dr-h-c-volkswagen

317 https://www.lto.de/vg-schwerin-uni-rostock-kein-ehrendoktor-snowden/

318 http://de.shisu.edu.cn/resources/news/content7684

319 https://www.eumann.de/

320 Gedruckt 2011 im Kölner Verlag van Halem

321 S. etwa Reiner Burger, https://www.faz.net/der-fall-eumann-doktor-trotz-grosser-bedenken; Gegenstimme eines Hochschul-Archivars und Bloggers: https://archivalia.hypotheses.org/6596

322 https://www.zeit.de/ hochschule/2013-07/eumann-verdacht-auf-plagiat/seite-2

323 in: Publizistik 57, 2012, S. 470-72

324 S.u. Anm. 242

325 https://www.faz.net/eumann-doktorvater-ist-schockiert

326 https://www.fr.de/wissen/sich-selber-abgeschrieben

327 wie o. Anm. 231

328 Zur Medien- Berichterstattung, die oft einer Vorverteilung gleichkommt, s. generell Stadler wie o. Anm. 211, S. 504 ff.

329 Im Oktober ´12 berichtete Der Spiegel über den Prüfbericht des Düsseldorfer Berichterstatters, im Dezember erschien die Kutsch-Rezension über Eumann. Im Februar ´13 widerrief die Uni Düsseldorf Schavans Doktortitel, fünf Monate später rief das Dortmunder Rektorat dazu auf, Eumann Gleiches anzutun. Im März ´14 unterlag die CDU-Bundesministerin endgültig vor Gericht, drei Wochen später erklärte die Dortmunder Fakultät den Doktorhut des SPD-Landespolitikers für unanfechtbar. Es muss hier dahingestellt bleiben, ob oder wie Medienprofis der Parteien hinter den Kulissendie beide Dramen gegenseitig hochspielten und im Publikum befeuerten.

330 https://www.zeit.de/ /hochschule/2013-07/eumann-verdacht-auf-plagiat

331 https://rp-online.de/nrw/landespolitik/staatssekretaer-eumann-soll-doktortitel-verlieren

332 https://www.medienkorrespondenz.de/eumann-wegen-gefoerdertem-universitaetsprojekt-unternbspdruck.html

333 https://waz.de/forschungsauftrag-als-dankeschoen-für-eumanns-doktorvater

334 https://www.waz.de/heftige-kritik-an-rot-gruenen-plaenen-fuer-journalismus-stiftung

335 § 6.2.5.

336 https://www.wn.de/Muenster/Plagiate-an-der-Uni-Muenster-Politologe-Guerle-darf-Titel-behalten

337 https://www.vdstrl.de/gute-wissenschaftliche-praxis/, Randnr. 22; schärfer der EuropeanCodeofConductforResearchIntegrity, Unterkapitel 3.1, der All European Acadmies: http://www.allea.org/ European‐Code‐of‐Conduct‐for‐Research‐Integrity2017.pdf

338 https://www.zeit.de/2011-04/abschlussarbeiten-doktor. Wobei, spitzfindig verstanden, eine Qualifikationsschrift fürs Staatsexamen keine Arbeit für eine wissenschaftliche Prüfung ist.

339 Die Druckfassung hängt von der Genehmigung des Doktorvaters ab. Wäre er spätestens durch die Vorbemerkung stutzig geworden, hätte er die Aushändigung der Urkunde stoppen und der Fakultätsrat die abgeschlossene Prüfung noch für ungültig erklären können (Promotionsordnung der Kulturwissenschaften § 21). Gegebenenfalls wären das verwaltungsinterne Akte ohne direkte Außenwirkung gewesen– und hätten Eumanns Ruf nicht so geschadet wie die nachher drohende Titelaberkennung.

340 https://www.uli-paetzold.de/beitrag-lesen-11/items/dieses-mal-verrennt-sich-die-meute-marc-jan-eumann-gehoert-nicht-in-die-schusslinie.html

341 wie o. Anm. 327

342 wie o. Anm.234

343 http://www.spiegel.de/universitaet-erfurt-freistil-ringen-um-titel-und-karrieren

344 wie o. Anm. 323

345 https://www.zeit.de/studium/hochschule/2014-03/eumann-doktortitel-dortmund

346 S.o. Anm. 230

347 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13496914.html

348 https://gutenberg.spiegel.de/buch/der-prozess-9771/28; dazu Fögen wie o. Anm. 5, S.85

349 https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/30568/1/23_2013.pdf, § 10

350 Beratend tätig auch schon in den Plagiatsverfahren Mathiopoulos / Ströker , s.o. S. 54

351 Vorliegende „Medieninformation“ vom 19.7.2013, im Internet offenbar nicht mehr greifbar.

352 wie o. Anm. 248

353 Beschluss vom 8. August 2000, 1 BvR 653/97; s. auch https://www.zeit.de/studium/hochschule/2013-06/charite-faelschung-urteil-savaskan

354 http://www.tu-dortmund.de/uni/Medien/Medieninformationen/Medieninfos/13-134_-_Gute_wissenschaftliche_Praxis_November_2013.pdf

355 Vorliegende „Medieninformation“ vom selben Tag, im Internet nicht mehr greifbar.

356 https://www.waz.de/nrw-medienstaatssekretaer-eumann-darf-doktortitel-behalten

357 https://www.derwesten.de/ nur-freispruch-zweiter-klasse-fuer-doktor-eumann; gleichlautend auch http://www.spiegel.de/ doktortitel-eumann-darf-doktorgrad-trotz-fehlverhalten-behalten

358 S.o. Anm. 69

359 wie o. Anm. 345

360 Mit Worten des Dorfrichters Adam in Kleists Zerbrochenem Krug, vierter Auftritt.

361 Wenn ausgerechnet Juristen dafür plädieren, wundert das, weil die Rechtsfindung gerade darauf beruht, „Komplexität“ entscheidungsreif zu reduzieren, während Komplexitätssteigerung“ in der Weltwahrnehmung dank möglichst vieler Gesichtspunkte den „schöngeistigen“ Kulturwissenschaften vorbehalten ist: https://www.hrk.de/02-10-Publikationsdatenbank/Beitr-2015-04_Gumbrecht_Krise_Geisteswissenschaften.pdf.

362 Eine Ausnahme Fall von Guttenberg o. Anm. 4. Demgegenüber gibt es in anderen Promi-Fällen höchstens dürre und beschwichtigende Pressemitteilungen, s. etwa https://www.uni-giessen.de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm213-13 (Frank-Walter Steinmeier) oder https://www.mh-hannover.de/Promotionsüberprüfung-ursula-von-der-Leyen

363 wie o. Anm. 43

364 S.o. Anm. 89

365 wie o. Anm. 35, Seite 33; zur „Bestrafung“ s. Stadler o. Anm. 282.

366 VwVfG 48.2.2; ein Anwendungsfeld ist bislang das komplizierte Subventionsrecht.

367 S.o. S. 86

368 S.o. Anm.160

369 S. o. Anm. 161

370 wie o. Anm. 43

371 wie o. Anm. 4, S. 26

372 Rieble wie o. Anm. 41, S. 110

373 Rieble spricht von der erforderlichen „Produktwarnung“, https://www.faz.net/karriere-eines-plagiats-bundesverfassungsgericht-zitiert-faelschungl

374 Dabei unterscheidet der Katalog leider nicht zwischen Hochschulschriften, die von Anfang an nichtig waren, und dem Titelentzug wegen späterer „Unwürdigkeit“.

375 S.o. Anm. 9

376 S.o. Anm. 11. Es sei denn, man moralisiere den Täuschungsversuch zum „Verbrechen“ wie die Romanfigur Prof. Dr. phil. Felix Werner mit amüsantem Pathos in Gustav Freytags „Verlorener Handschrift“ ; s. dazu Löwer wie o. Anm. 16. Dass bei der akademischen Ermessensentscheidung immer noch die sozialen Folgen für den Betroffenen mitberücksichtigt werden müssen (s.o. Anm.97), ist ein Nachklang aus Tradition.

377 Musterbeispiel Guttenberg o. Anm. 4

378 mit Ausnahme der Münsteraner Juristenfakultät, s. o. Anm. 168

379 wie o. Anm. 193. - Die Unterscheidung reflektiert im Rückspiegel nochmals das akademische „Adelsprädikat“ –auch der Feudaladel definierte sich ja nicht über einen Beruf, sondern die freie Zeit und freies Geld für allerlei Steckenpferde. Demgegenüber registrierte der zeitkritische Philologe und Pädagoge Werner Jaeger schon vor rund hundert Jahren das „Überwiegen der Berufs- und Arbeitsteilung, des fachmännischen Leistungsprinzips“ als „typischen Ausdruck der modernen Kultur“; Humanismus und Jugendbildung, 1921, hier zitiert nach dem Wiederabdruck in den „Quellen zur Unterrichtslehre Bd. 12“, Weinheim 1967, S. 73.

380 Ein symptomatisches Beispiel: SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles erklärte Annette Schavan (CDU) nach dem Titelentzug für untragbar als Ministerin (https://www.welt.de/Frau –Schavan-ist-nicht-laenger-tragbar.html) – im Gegenzug verlangte die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer den Rücktritt von Ministerin Franziska Giffey, wenn auch sie den Doktorhut verliere (https://welt.de/AKKK-kritisiert-Regierung-und -CDU-Muessen-besseer-arbeiten.html). Und dieser Erwartung beugte sich Giffey schon vorsorglich (https://www.faz.net/spd-politikerin-franziska-giffey-stellt-ruecktritt-in-aussicht-16334912.html).

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Zum Scheitern verurteilt. Margarita Mathiopoulos und andere akademische Störfälle
Untertitel
Ein Bericht über Fehlverhalten
Autor
Jahr
2019
Seiten
117
Katalognummer
V503029
ISBN (eBook)
9783346044778
ISBN (Buch)
9783346044785
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftsplagiat, wissenschaftliches Fehlverhalten, Doktortitel
Arbeit zitieren
Dr. Hermann Horstkotte (Autor), 2019, Zum Scheitern verurteilt. Margarita Mathiopoulos und andere akademische Störfälle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/503029

Kommentare

  • Gast vor 25 Tagen

    Zu Fall 3.
    (Protokoll des Habilitationssauschusse der Med. Fakultät) vom 14.10.2013, S.28,29):
    Zitat:„In der Diskussion des Habilitationsausschusses wurde darauf hingewiesen, dass in dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses kein Beleg enthalten sei, der nachweise, wer von wem abgeschrieben habe…..„ und weiter „das es für die Feststellung eines Fehlverhaltens von Prof. D. (Habilitand) unerheblich sei, wer von wem abgeschrieben habe“.
    Ein gleichartiger gelagerter, anderer Fall: (Mitteilung Rektorat Uni Freiburg 25.1.2018):
    Zitat: Nach Prüfung durch die Untersuchungskommission zur Sicherung der Redlichkeit in der Wissenschaft hat sich der Promotionsausschuss der Medizinischen Fakultät mit der Arbeit von Dr. S. (Habilitand Z.) befasst. Nach umfassender Prüfung hat der Promotionsausschuss festgestellt, dass aufgrund umfänglicher Textübereinstimmungen mit einer Habilitationsschrift dem Grunde nach wissenschaftliches Fehlverhalten zu bejahen ist, dass er sich aber außer Stande sieht nachzuweisen, von welcher Seite das Fehlverhalten begangen wurde, weshalb er das Verfahren am 12.12.2016 eingestellt hat.
    Diese Universität ist wirklich unglaublich

Im eBook lesen
Titel: Zum Scheitern verurteilt. Margarita Mathiopoulos und andere akademische Störfälle
ebook
Kostenlos herunterladen! (PDF)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden