Intelligenz und Bildung der Deutschen, so heißt es in dem Bestseller „Generation Doof. Wie blöd sind wir eigentlich?“ von Stefan Bonner und Anne Weiss, befinden sich auf einer Talfahrt – und das bereits seit Jahren. Die „Generation Doof“, wie die Autoren die nachwachsende Generation nennen, die sich durch bestimmte doofe Einstellungen, Interessen und Verhaltensweisen kennzeichnet und aus den heute 15- bis 25-Jähringen besteht, übernimmt langsam aber sicher das Ruder. Dabei ist Bildung nicht dasselbe wie Intelligenz. Individuen können über eine gewisse Grundbildung verfügen, „ohne dass sonderlich viel Licht im Oberstübchen brennt“ (Bonner/Weiss 2008: 53). Umgekehrt können sie auch intelligent sein, „ohne jemals ein Buch aufgeschlagen zu haben“ (ebd.: 53). Die Autoren resümieren: „Was unsere Bildung angeht, hapert es nicht nur an der Hardware, sondern auch an der Software ganz gewaltig. Vor allem Allgemeinwissen ist heute etwas, das man bekanntlich haben sollte – doch gemeinerweise wissen wir praktisch gar nichts“ (ebd.).
Zwar auf eine simple Art und Weise, aber dennoch treffend, machen sie deutlich, dass echtes Wissen nicht nur für den Hauptgewinn in einer Bildungsshow wichtig ist, sondern auch einen praktischen Nutzen hat (vgl. ebd.: 59). Dabei ist die wahllose Aneignung von enzyklopädischem Wissen nicht entscheidend. Heute ist im Umgang mit Wissen nicht der Fundus im eigenen Kopf entscheidend, sondern die Fähigkeit, sich aus dem unbegrenzten Wissensmeer jene Puzzelteile herauszusuchen und zusammenzusetzen, die nicht nur einen unscharfen Bildsalat ergeben, sondern ein stimmiges Gesamtbild (vgl. ebd.: 61).
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 BILDUNG UND SOZIALE SCHICHT
2.1 Bildung
2.2 Soziale Schicht
2.3 Schichtspezifische Bildung
2.3.1 Theoretische und methodische Erklärungen von Bildungsunterschieden
Macht- und kontrolltheoretische Überlegungen
Rational-Choice-Theorie
Modernisierungstheoretische Hypothesen
2.3.2 Vorschulische Bildung
2.3.3 Schulische Bildung
Die Schule: Aufgaben, Ziele, Grenzen
Die Rolle des Elternhauses
Schichtspezifische Schulformen
Angestrebte und tatsächliche Abschlüsse
2.3.4 Hochschulstudium und berufliche Bildung
Hochschulstudium
Berufliche Bildung
2.4 Zusammenfassung
3 INTERGENERATIONALE BILDUNGSMOBILITÄT
3.1 Bildungsexpansion und Bildungsaufstiege
3.1.1 Die Bildungsexpansion in Deutschland
3.1.2 Bildungsaufstiege als Folge der Bildungsexpansion
3.2 Zur Vererbung von Bildungsaufstiegen und Bildungs- bzw. Berufsstatus
3.2.1 Soziale Mobilität in Form von schulischen Bildungsaufstiegen
Fuchs und Sixt zur Bildungsmobilität über drei Generationen
Beckers Reanalyse von Fuchs und Sixt
3.2.2 Soziale Mobilität in Form von beruflichen Bildungsaufstiegen
Girods Untersuchung zur sozialen Mobilität bei Jugendlichen
Beckers Analyse zu intergenerationaler Mobilität im Lebensverlauf
Statusvererbungsprozesse zwischen Müttern und Töchtern
3.3 Zusammenfassung
4 DISKUSSION
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die soziale Selektivität des Bildungssystems in Deutschland, mit besonderem Fokus auf der intergenerationalen Bildungsmobilität. Ziel ist es, die soziostrukturellen Determinanten aufzuzeigen, die maßgeblich beeinflussen, inwiefern Bildungserfolge von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.
- Soziale Selektivität und schichtspezifische Bildungsungleichheit
- Einfluss der Herkunftsfamilie und frühkindlicher Förderung
- Die Rolle der Bildungsexpansion für Bildungsaufstiege
- Intergenerationale Mobilität im schulischen und beruflichen Kontext
- Auswirkungen von Statusvererbungsprozessen über Generationen hinweg
Auszug aus dem Buch
2.3 Schichtspezifische Bildung
Dass die soziale Herkunft einen Einfluss auf den Bildungsweg eines jeden Individuums hat, ist kein neues Phänomen. Wie deutlich sich Menschen durch ihre Bildung voneinander unterscheiden, veranschaulicht Bourdieu. Das Durchlaufen oder Nicht-Durchlaufen des Bildungssystems zieht eine Grenze zwischen den Akteuren. Diese Grenze
wird schließlich im und durch den concours selbst und an dem von ihm vollzogenen rituellen Schritt deutlich, jener wahrhaft magischen Grenze, mit der zwischen dem letzten, der bestanden hat, und dem ersten, der durchgefallen ist, ein Wesensunterschied gesetzt wird und durch das Recht auf das Tragen eines Namens, eines Titels markiert wird. Dieser Einschnitt ist ein wahrhaft magischer Vorgang, und sein Paradigma ist die von Durkheim analysierte Trennung zwischen Heiligem und Profanem. Der Akt der Klassifizierung durch Bildung ist immer, aber in diesem Fall ganz besonders, ein Ordinationsakt, ein Akt der Zuordnung wie der Weihung. Er setzt soziale Rangunterschiede, endgültige Standesverhältnisse. Die Erwählten sind durch die Zugehörigkeit (etwa als Ehemalige einer Grand école) fürs Leben ausgezeichnet, sie sind Mitglieder eines ‚Ordens’ in geradezu mittelalterlichem Sinne und eines Adelstandes, einer scharf abgegrenzten Gesamtheit (zu der man gehört oder nicht gehört) von Personen, die durch einen Wesensunterschied von den gewöhnlichen Sterblichen getrennt und zur Herrschaft legitimiert sind. Insofern ist die von der Schule vollzogene Trennung auch eine Ordination im Sinne einer Konsekration, eine Inthronisierung in eine heilige Kategorie, einen Adel. Unsere Vertrautheit mit diesen scheinbar rein sachlichen Akten, die das Bildungssystem vollzieht, hindert uns daran, all das zu sehen, was sie verbergen. (Bourdieu 1998: 37)
Bourdieu mag etwas drastisch und übertrieben klingen, aber gerade durch seine Übertreibung und den Bezug zu Kirche und Adel wird deutlich, wie veraltet und verhärtet die Bildungsstrukturen sind: Durch das Bildungssystem, welches eigentlich dazu dient, Gleichheit zu schaffen, werden soziale Schließungsprozesse eingeführt und legitimiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Debatte um Bildungsselektivität und setzt den Schwerpunkt auf die intergenerationale Bildungsmobilität.
2 BILDUNG UND SOZIALE SCHICHT: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Bildung und soziale Schicht und analysiert schichtspezifische Bildungswege sowie deren Ursachen.
3 INTERGENERATIONALE BILDUNGSMOBILITÄT: Das Kapitel befasst sich mit den Auswirkungen der Bildungsexpansion und der Frage, inwieweit Bildungsaufstiege über mehrere Generationen nachhaltig sind.
4 DISKUSSION: Die Diskussion fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und reflektiert die Möglichkeiten sowie Grenzen von intergenerationaler Mobilität im Bildungssystem.
Schlüsselwörter
Bildung, Soziale Schicht, Bildungsmobilität, Bildungsexpansion, Herkunftseffekte, soziale Ungleichheit, Statusvererbung, Bildungsaufstieg, Schule, Bildungssoziologie, Humankapital, Bildungsabschluss, Bildungsselektivität, Leistung, Chancengleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die soziale Selektivität des deutschen Bildungswesens und die Frage, inwieweit der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängig ist.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Publikation behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schichtspezifität von Bildungsentscheidungen, der Rolle des Elternhauses, der Bildungsexpansion sowie intergenerationalen Bildungs- und Statusmobilität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Determinanten aufzuzeigen, die die soziale Ungleichheit im Bildungssystem hervorbringen und zu verstehen, wie diese Prozesse die Chancen der nächsten Generation beeinflussen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgreifenden Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Studien, wie etwa Analysen auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) oder der Lebensverlaufsstudie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Der Hauptteil analysiert theoretische Erklärungen für Bildungsunterschiede, die Bedeutung frühkindlicher Förderung, das Bildungssystem als selektive Instanz und die statistischen Zusammenhänge zwischen den Bildungsniveaus verschiedener Generationen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Bildungsmobilität, soziale Selektivität, Statusvererbung, Bildungsexpansion und schichtspezifische Bildungsungleichheit.
Welche Rolle spielt die Bildungsexpansion für die soziale Mobilität?
Die Bildungsexpansion ermöglichte zwar einen breiteren Zugang zu Bildung, führte jedoch gleichzeitig zu einer Abwertung von Bildungszertifikaten, wobei obere Schichten ihre privilegierten Positionen oft weiterhin behaupten konnten.
Wie beeinflusst das Elternhaus die Schullaufbahn eines Kindes?
Das Elternhaus prägt durch soziokulturelle Anregungen, Sprachstile und das Vorhandensein von Bildungsressourcen (z. B. Bücher) die Schulfähigkeit und die Erfolgsaussichten der Kinder maßgeblich.
Sind Bildungsaufstiege statistisch gesehen nachhaltig?
Die Forschung zeigt ambivalente Ergebnisse: Während Aufstiege durchaus möglich sind, hängen die Chancen für die Enkelgeneration oft noch vom ursprünglichen Bildungsniveau der Großeltern ab.
Warum ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Herkunftseffekten wichtig?
Sie ermöglicht es, zwischen der leistungsbezogenen Begabung eines Kindes (primär) und der institutionellen Förderung oder elterlichen Unterstützung (sekundär) zu differenzieren, um die Mechanismen sozialer Benachteiligung präziser zu erfassen.
- Quote paper
- Katharina Hartenstein (Author), 2009, Soziale Schicht und Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140256