Die Rolle des Fairen Handels in der Sozialen Arbeit


Bachelorarbeit, 2012

51 Seiten, Note: 2,8


Leseprobe

Inhalt

.1. Einleitung

.2. Armut
.A. Definition und Forschung
.B. Auswirkungen und Interventionen
.C. Theorien sozialer Ungleichheiten
.D. Armut und Agrarwirtschaft
. E. Entwicklungszusammenarbeit
.F. Zusammenfassung

.3. Der Faire Handel
A. Definition
B. Geschichte
C. Förderung
D. Wirkungen
E. Diskussion
F. Experten-Interview mit der World Fair Trade Organisation (Afrika)
G. Zusammenfassung

.4. Nachhaltige Entwicklung
A. Definition
B. Geschichte
C. Bildung für Nachhaltige Entwicklung
D. Klimawandel und die internationale Sicherheit
E. Corporate Social Responsibility
F. Milleniumentwicklungsziele
G. Aktuelle Debatte
H. Zusammenfassung

.5. Soziale Arbeit
A. Geschichte der Sozialen Arbeit
1. Soziale Arbeit während des Nationalsozialismus
2. Soziale Arbeit nach 1945
3. Soziale Arbeit seit 1965
B. Global Social Work
C. Soziale Arbeit und Menschenrechte
D. Partizipation in der Sozialen Arbeit
E. Sozialraumorientierung als Methode der Sozialen Arbeit
F. BNE in den Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit

.6. Fazit

.Einleitung

Weltweit hungern 1 Milliarden Menschen. Im Jahr 2000 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Millennium-Entwicklungsziele, welche als erstes Ziel die Halbierung der Armut nennt. Heute, im Jahr 2012, sind viele Ziele um einiges näher gerückt. Die Reduktion der Armut ist jedoch hauptsächlich auf Ostasien, besonders China zurückzuführen. In weiteren Zielpunkten gilt die ländliche Bevölkerung nach wie vor als benachteiligter gegenüber der Stadtbevölkerung.

Der Faire Handel, vordergründig als Bildungsbewegung entstanden, hat gerade diese ländliche Bevölkerung in den Entwicklungsländern als Zielgruppe. Produzentenorganisationen werden durch wirtschaftliche Methoden, wie der Mindestlohn und der Fair Trade Prämie, welche nach eigener Entscheidung in Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser und Brunnen investiert werden kann, gefördert. Schwerpunkte sind weiterhin Frauenzusammenschlüsse, Verzicht auf Chemikalien und Aufklärungs- bzw. Bildungsarbeit über Marktzugang und konventioneller Landbau. Niedrige Säuglingssterblichkeit und ein positiver Nutzen für die ganze Gemeinde werden unter anderem als Wirkungen von Studien genannt.

Soziale Arbeit entstand im 17. Jahrhundert in der Nachbarschaftshilfe für arme Bevölkerungsgruppen. Heute findet sich gerade in der Vielzahl an Arbeitsfeldern und Zugangswissenschaften das Spezielle der Sozialen Arbeit. Neben der Einzel- und Gruppenhilfe entstand die Gemeinwesenarbeit als weitere Methode. In aktueller Literatur auch als Raumorientierung benannt. Benachteiligte Stadtteile werden hier auf ihre Stärken und Schwächen analysiert und gefördert. Soziale Arbeit in den Entwicklungsländern hat eine junge Geschichte. Erst in den 40er und 50er Jahren wurde sie durch den Westen importiert. Mit der Zeit wurde festgestellt, dass nicht alle Methoden in eine neue Kultur zu importieren sind. Bevor der Internationale Währungsfond und die Weltbank die Entwicklungsländer in den 80er Jahren zur Liberalisierung drängten, wurde die neu geformte Methode der Soziale Entwicklung schwerpunktmäßig gefördert. Dabei wurden soziale Belange mit wirtschaftlichen Aufschwung verbunden. Die Förderung von Kleinstmanufakturen, die Vergabe von Kleinstkrediten, der Bau von Brunnen, Schulen und Krankenhäusern war ebenso Bestandteil wie Alphabetiserungskurse und HIV Aufklärung. Dabei sind klar die Parallelen zu dem Fairen Handel erkennbar.

In dieser Facharbeit möchte ich diese Parallelen deutlich aufzeigen und klären was für eine Rolle der Faire Handel in der Sozialen Arbeit spielt bzw. wieso er eine Rolle spielen sollte.

Da Soziale Arbeit wie der Faire Handel die Förderung von Menschen in Armut im Visier haben, beginne ich die Facharbeit mit den Ursachen und der Analyse von Armut, bevor ich die Methoden des Fairen Handels zur Förderung von benachteiligten Bevölkerungsgruppen beschreibe. Ein Experteninterview mit der World Fair Trade Organisation Afrika soll vorhandene Fragen aufklären. Da Soziale Arbeit sich immer im Rahmen der Politik bewegt, erläutere ich in Kapitel 3 die gesellschaftliche Antwort auf die weltweite Armutsproblematik, der Ausruf der Nachhaltigen Entwicklung, die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Zum anderen wird hier auch ein Auftrag an die Bildungsinstitutionen gestellt, Menschen durch die Bildung zur Nachhaltigen Entwicklung zu einem anderen Lebensstil zu bewegen.

Der Abschluss wird der Sozialen Arbeit gewidmet, in welchem aufgezeigt wird, dass sich in der Armutsminderung der Ursprung der Sozialen Arbeit wiederfinden lässt, bevor sie zur Profession für Menschenrechte heranwächst. Da der Faire Handel als ein Schwerpunkt in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung zu finden ist, soll durch Recherche in den Vorlesungsverzeichnissen der Ausbildungsstätten der Sozialen Arbeit dargestellt werden, was für ein Gewicht diesem Thema eingeräumt wird. Vor dem Fazit bilden die Kapitel Raumorientierung als Methode der Sozialen Arbeit und Global Social Work den Abschluss.

. Armut

.A Definition und Forschung

Armutsforschung in der Bundesrepublik begann in dem Übergang zu den 70er Jahren und war noch wesentlich von den Kriegsfolgen beeinflusst. Anfang der 80er Jahren wurden dann von Kommunen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände Sozialberichte vorgelegt. Durch die Europäische Union wurde Armutsforschung in einen internationalen Kontext gebracht. Im Jahr 2000 wurde mit der Lissabon-Strategie eine neue Form der Armutsberichterstattung mit festgelegten Indikatoren eingeführt (Huster/ Boeckh/ Mogge-Grotjahn 2008, 2ff).

Das Problem Armut wird in der Forschung in verschiedene Konzepte gegliedert. Die einfachste ist die Armutsquote. Q gleich a durch n. wobei Q: Armutsquote, a: Anzahl der Armen und n: Anzahl der Personen insgesamt darstellen. Armutsrisiko, Zahl der Betroffenen und Dauer der Armutsepisoden werden hier nicht berücksichtigt. Absolute Armut besteht, wenn eine Person über die Grundbedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung, Obdach, Lebensunterhalt, Gesundheitspflege, nur knapp verfügt oder die Grenze unterschreitet und an Mangel leidet (Burri 1998, 8,22). Das Konzept relative Armut als Einkommensarmut zu analysieren, ist weit verbreitet. Eine indirekte u. eindimensionale Erfassung von Armut. Die Weltbank gebraucht seit einigen Jahren einen sehr einfachen Maßstab, sie bezeichnet die Menschen, die weniger als 1 Dollar Kaufkraft verfügen als absolut arm. Da die Messungen in vielen Ländern Leerstellen aufweisen, beruft die tatsächliche Anzahl der Armen auf Schätzungen (Huster u.a. 2008, 47).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Welthaus Bielefeld, 2012/ Worldbank, Global Monitoring Report 2012

Der Lebenslagen-Ansatz geht von einer mehrdimensionalen Armut aus u. nennt folgende Faktoren: Einkommen, Arbeit, Wohnungen, Haushaltsausstattung, sanitäre Einrichtungen, Bildung, Gesundheit, Wohnung, soziale Integration, politische Teilhabe und rechtliche Bedingungen. Faktoren in Studien erfassten: das Äquivalenzeinkommen, Anteil des Erwerbseinkommen am Haushaltseinkommen, Mietbelastung, zeitliche Situation, Wohnungsgröße, Bildung, Gesundheit, psychosoziale Situationen, institutionelles Netzwerk, familiäres Netzwerk, sonstiges Netzwerk, Alltagskompetenzen (Huster u.a. 2008, 47).

Durch die Wechselwirkung von Umwelt und Armut sind die Länder mit schleichenden oder akuten Umweltkrisen (Klimawandel, Überschwemmungen, Hitzewellen etc.) besonders verwundbar (Nuscheler 2002, 144,148). Die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen zu berücksichtigen, wird im Konzept der subjektiven Armut fokussiert. Mit verschiedenen Ansätzen werden Daten durch Bevölkerungsbefragungen bewertet. Entweder durch das Setzen in Beziehung auf das Einkommen oder über eine Fragebogen, welcher nicht nur materielle Konsumgüter, sondern auch Kontakte, Freizeitaktivitäten und Wohnbedingungen erfragt (Burri 1998, 10-14). Die dynamische Armutsforschung fokussiert die Dynamik individueller Armutsverläufe und verwendet Zeit als Dimension in Längsschnittdaten, Methoden der Verlaufsanalyse und die neue Beschaffenheit (meist Einkommensarmut), also die Wirkungsweise der Sozialhilfe. Dabei sollen die vielfältigen Gesichter von Armut hervorgehoben werden, um bessere Interventionsmaßnahmen zu entwickeln (Huster u.a. 2008, 119,122).

Quelle: Huster et. al., 2008, S.592

.B Auswirkungen und Interventionen

Der grundlegende Auftrag der Sozialen Beratung bei Armut ist die Autonomie und soziale Teilhabe von Menschen in schwierigen Situationen zu stärken bzw. wieder herzustellen. Bzw. die persönlichen, sozialen, finanziellen und materiellen Ressourcen zu stärken. Es gilt auch das subjektive Erleben der von Armut Betroffenen zu berücksichtigen. Es wird mit einer Lebensweltorientierung gearbeitet, um die Lebensbewältigung zu stärken und an die individuellen Reaktionen auf Armut anzuknüpfen. Menschen, die längerfristig in Armut leben, werden mit sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Die reduzierte soziale Teilhabe hat Böhnke in vier Kategorien gemessen (Ansen 2006, S. 48-51).

"Um Anomiesymptome, die bei den Betroffenen ein Gefühl von Einsamkeit und der Überforderung mit dem Leben hervorrufen

um Ängste und Sorgen

um soziale Isolation, die auf einen Mangel an sozialer Unterstützung im privaten und öffentlichen Raum hinweisen,

um politisches Desinteresse, das sich in einer pessimistischen Beurteilung eigener Einflussnahme auf politische Entscheidungen mitteilt" (Ansen 2006, S.51)

Die Ausgrenzung führt also zu einer Schwächung des Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl. Die Ausgrenzung macht sich auf unterschiedlichen Ebenen bemerkbar. Die ökonomische Ausgrenzung bedeutet den Verlust der gesellschaftlich anerkannten Rolle als Arbeitnehmer. Die institutionelle Ausgrenzung verringert die Möglichkeit, eigene Interessen zu vertreten. Die soziale Ausgrenzung bringt Isolation und die Reduktion von sozialen Beziehungen mit sich. Mit der kulturellen Ausgrenzung ist die Diskriminierung und Stigmatisierung gemeint. Die reduzierten Möglichkeiten des Austauschs führen dazu, dass grundlegende Voraussetzungen für Kontakte und Rollenhandeln verloren gehen. Die verminderten sozialen Rollen verhindern den Aufbau sozialer Netze und die Erhaltung sozialer Kompetenzen (Ansen 2006, 52).

Arme Menschen sind auch vermehrt mit einer verschlechterten Gesundheit konfrontiert. Depressive Stimmungen, Konzentrationsschwäche und auffällige soziale Verhaltensweisen werden vermehrt bei armen Kindern beobachtet. Auch psychosoziale Auffälligkeiten wie Ängstlichkeit, Hilflosigkeit und geringes Selbstvertrauen konnte beobachtet werden. Chronische Angstgefühle treten vermehrt bei Arbeitslosigkeit oder schlechten Wohnungsbedingung auf. Die dadurch vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen schwächen das Immunsystem. Aber auch psychische und psychosomatische Störungen treten vermehrt auf (Ansen 2006, 70 -79). Auf internationaler Ebene betrachtet, liegt die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern bei 59 Jahren, während sie in den westlichen Ländern bei 79 Jahren liegt (Welthaus Bielefeld, 2012). Nur geringe Chancen der Armut zu entkommen, haben Menschen mit so genannter Bildungsarmut. Bildungsarmut liegt nach Allmendiger dann vor, wenn ein Haupt-, oder ein beruflicher Abschluss nicht beendet wird. Global gesehen werden Analphabeten als absolut Bildungsarm angesehen. Bildungsbenachteiligungen werden auf der sozialen Ebene in den Familien weitergegeben. Bildung befähigt Menschen Leistungspotenziale, Problemlösefähigkeit und Handlungskompetenzen zu entwickeln (Ansen 2006, 71- 73).

Interventionen in der sozialen Beratung dienen der Lösung lebenspraktischen Schwierigkeiten, die in Zusammenhang mit Armut und sozialen Problemen auftreten. Kaufmann unterscheidet vier Interventionsformen. Die rechtliche Intervention dient dazu, eine Verbesserung des rechtlichen Status einer Person herbeizuführen (u. a. die Teilhabe an den gesellschaftlichen Möglichkeiten). In der ökologischen Interventionsform wird zum einen versucht, die Einkommensverhältnisse zu verbessern. Zum anderen soll der Ratsuchende dazu befähigt werden die Mittel so effektiv einzusetzen, dass die Bedürfnisse befriedigt werden können. Die ökologische Interventionsform zielt darauf ab, die soziale, räumliche und sachliche Umwelt zu verbessern, so dass der Ratsuchende seine Teilhabemöglichkeiten nutzen kann. Die Verbesserung von Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit ist unter der pädagogischen Interventionsform gemeint (Ansen 2006, 156-159).

.C Theorien sozialer Ungleichheiten

Dass eine Gesellschaft ungleiche Voraussetzungen in Bezug auf den Marktzugang hervorbringt, wird von John Rawls (1921 -2002) und Amartya Sen anerkannt. Durch öffentliche Interventionen sollen gleiche Startbedingungen hergestellt werden. Diese Gerechtigkeit soll Leistungsbereitschaft und wirtschaftliche Kompetenzen der Beteiligten erhöhen. Amartya Sen geht noch mehr auf die Förderung von Fähigkeiten ein, indem er selbstbestimmtes Handeln als Voraussetzung bestimmt, der Armut zu entkommen. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Schlagwort, welches besonders für die Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern angewendet wurde. (Huster u.a. 2008, S. 63,64). Ungleichheit verstärkt als Wachstumshemmnis wahrzunehmen wird unter anderem von Sismondi (1773 - 1843) bestimmt. Weiterhin seit dadurch der soziale Frieden und damit die Akzeptanz des Wirtschaftssystems gefährdet. Einerseits ein Schüler von Adam Smith, hält er anderseits die Verteilungsfrage für bedeutsam. Adam Smith (1723 - 1790) erkennt zwar die Armutslage der Arbeiter an, jedoch sieht er nur in erhöhtem Wachstum die Möglichkeit dieser Armut zu entkommen. Die Dynamik des Marktes sollte man vertrauen und der Staat sich möglichst zurückziehen. Für John Stuart Mill (1806 -1873) war die stärkere Besteuerung der Reichen eine Strafe. Fehlender Fleiß seien Ursachen der Armen. Jedoch erkannte er die Bildung als Notwendigkeit zum Fortschritt an und forderte die Förderung des Elementarunterrichts vom Staat. Auch Alfred Müller Armack (1901 - 1978) sah die Gerechtigkeitsfrage als Voraussetzung zur Anerkennung des Kapitalismus durch Benachteiligte an. Er forderte daher eine Umverteilung zur Förderung des sozialen Friedens. Milten Friedmann glaubte dagegen nicht daran, dass eine Umverteilung Ungleichheiten beheben würde (Huster u.a. 2008, 57ff).

Samir Amin und Wallerstein sahen in dem Kapitalismus die Ursache für den zunehmenden Kontrast zwischen reichen und armen Ländern. Amin sah in dem Weg zum Sozialismus keinen radikalen Bruch (Amin 1997, 145).

In dem Bemühen, Realismus und Perspektive zu vereinen, ist der Akzent dann eher auf das Streben nach, sozusagen, „radikalen Reformen“ zu setzen, die nicht vollständig und in allen Dimensionen mit den Logiken des Systems brechen, aber deren Bedeutung verändern und so ihre Überwindung aus dem Innern des Systems heraus vorbereiten (Amin 1997, 145)

Zu den Herausforderungen des Marktes sagt er:

Es kommt darauf an, genauer die Ziele und Mittel … zu bestimmen, die es gestatten, Randbedingungen für den Markt zu setzten und ihn einer sozialen Reproduktion dienen zu lassen, welche den sozialen Fortschritt sichert (Amin 1997, 145)

Facettenreich wurden auch Entwicklungstheorien in Bezug auf Entwicklungsländer gestellt. In den 50er und 60er Jahren sah die Modernisierungstheorie eine historisch bedingte Unterentwicklung in diesen Ländern. Mit Hilfe von Technologie und Kapitaltransfer sollte die Entwicklung angekurbelt werden und so der Armut zu entkommen (Huster u.a. 2008, 594). Das Ziel stellte die industrialisierte, moderne Welt dar, zu der sich die Entwicklungsländer entwickeln sollten. Dies stellt auch gleichzeitig die Kritik dar. Da Entwicklung dabei "verwestlicht" wird und den Entwicklungsländern eigene Entwicklungspfade abgesprochen werden (König, Thema 2011, 74, 75). Die Dependenztheorie stellte seit den 60er Jahren die Ausbeutung durch die Kolonisierung und einem ungerechten Wirtschaftssystem in den Vordergrund. In den 80er Jahren wurden die Entwicklungsländer durch die Weltbank und dem Internationalen Währungsfond zur Liberalisierung der Märkte gebracht, was eine Verschärfung der Armut mit sich brachte (Huster u.a. 2008, 594). Freie Wirtschaft, die sich selbst reguliert und die Unternehmen standen als Motor zur Entwicklung (König/Thema 2011, 85). Seit den 90er Jahren werden die Ursachen differenziert betrachtet. Es werden exogene wie auch endogene Ursachen betrachtet, die auch die Bekämpfung der Armut beeinflussen. Krieg und Konflikte, die Ausbreitung von HIV/Aids, Versagen von Wirtschafts- und Sozialpolitik, ungünstige klimatische Umstände und missbrauchte Herrschaftssysteme sind einige Beispiele endogener Ursachen. Die Verordnung der Strukturanpassung, Unterstützung von Diktaturen, die Kolonialgeschichte, die Subvention von europäischen Agrarprodukten sind exogene Ursachen die Länder in die Armut vertieften. (Huster u.a. 2008, 594, 595).

.D Armut und Agrarwirtschaft

Drei von vier Menschen in Entwicklungsländern lebten im Jahr 2002 auf dem Land und waren direkt oder indirekt von der Agrarwirtschaft existenziell abhängig. Inwieweit das jeweilige Land Agrarwirtschaft als Wachstumsquelle und Instrument zur Armutsbekämpfung nutzen kann, lässt sich durch den Anteil am Gesamtwachstum in den letzten 15 Jahren ableiten. Den größten Anteil am BIP, durchschnittlich 32%, weisen die Agrarländer, zum großen Teil zu Sub-Sahara-Afrika gehörend, auf. 70% der Bevölkerung leben auf dem Land, die Quote der ländlichen Armut ist mit 51% am höchsten. In Transformationsländern leben mit 2,2 Millionen die meisten Menschen, 82% der Armen leben hier auf dem Land. Die Agrarwirtschaft stellt mit 7% am BIP nicht mehr die wichtigste Quelle dar (Weltentwicklungsbericht 2008, 5,22).

Nach 1990 zog man es vor, die aus den sozialistischen Planwirtschaften Osteuropas hervorgegangenen Ländern Transformationsländer zu nennen. Begründung: Sie wären gemäß dieser Interpretation streng genommen keine Schwellenländer, weil sie bereits zu kommunistischen Zeiten industrialisiert gewesen wären. Der Begriff Schwellenland soll ein Mindesmaß an wirtschaftlicher Reife signalisieren, ein Land befindet sich sozusagen „an der Schwelle“ zur Modernen (Güida 2007, 25)

Mit durchschnittlich 5% nutzen die Urbanisierten Länder, fast alle Länder Lateinamerikas, Karibik, zahlreiche Länder Europas u. Zentralasiens, die Agrarwirtschaft. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung verfasste eine Strategie mit der Reduzierung der Armut als Ziel. Die vier Eckpunkte führen zum einen die Verbesserung des Marktzugangs und die Schaffung effizienter Wertschöpfungsketten auf. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Kleinbauern und die Erleichterung des Markteintritts wird als zweiter Zielpunkt aufgeführt. Die Verbesserung der Existenzgrundlage in der Subsistenzagrarwirtschaft und in gering qualifizierten Tätigkeiten, sowie die Steigerung der Beschäftigten in der Agrar- und Nichtagrarwirtschaft und die Erweiterung der Fertigkeiten der Erwerbstätigen werden als Zielpunkt beschrieben. (Weltentwicklungsbericht 2008, 5, 22)

.E Entwicklungszusammenarbeit

Die Begründung des Rechts auf Entwicklungshilfe bedient sich am weitesten dem Entschädigungsanspruch für jahrhundertelanger Kolonialismus und Ausbeutung, festgeschrieben 1979 durch die UN-Generalversammlung. Kritiker äußern, dass den Kolonien nicht nur geschadet, sondern auch Vorteile gebracht worden sind. Weiterhin finden sich bei vielen Geberländer keine koloniale Vergangenheit wieder, wie etwa die USA; Canada und Australien. Eigenes Fehlverhalten, wie Korruption und eine nicht effektive Sozial- und Wirtschaftspolitik, spiele bei der Entwicklung eines Landes eine erhebliche Rolle. Überzeugender als die anti-kolonialistische Argumentation scheint der grenzüberschreitende Ansatz zu einer gemeinsamen Verwirklichung des Sozialstaatsprinzips zu sein, welche die Europäische Gemeinschaft bereits 1950 zu einem ihrer Ziele machte (Wulff 1986, 41-50).

Seit dem Jahr 2000 werden in über 60 Entwicklungsländern Poverty Reduction Strategies (PRS) durch den Internationalen Währungsfond und die Weltbank eingesetzt. Diese sind Voraussetzungen für Schuldenerlasse. Anders als bei den Strukturanpassungen in den 80er Jahren, müssen diese Strategien von den Entwicklungsländern selbst in Eigenverantwortung und unter Beteiligung der Zivilbevölkerung erarbeitet werden. Alle 3 bis 5 Jahre sollen die Ergebnisse der Evaluierungen auf die Strategien übertragen werden. Auch eine Ausrichtung auf die MDG Ziele ist vorgesehen. Bis Anfang 2007 konnten 38 dieser Länder einen Fortschrittsbericht vorlegen. Von einer Partizipation der Armen kann jedoch nur in Ausnahmefällen ausgegangen werden. In diesen werden nicht nur Parlamente sondern auch die Bevölkerung außerhalb von Hauptstätten mit einbezogen (Huster u.a. 2008, 598).

Der Ressourcenverbrauch wurde in der Entwicklungszusammenarbeit schon vor dem öffentlich gewordenen Begriff der Nachhaltigkeit unter die Lupe genommen. Die Subsistenzsicherung von armen Haushalten durch viele Kinder, welche im Vergleich zu kinderarmen Familien, einen hohen Ressourcenverbrauch nach sich zog war der Ausgangspunkt, um die Handlungsfähigkeit von armen Haushalten zu verbessern und damit auch die ökologische Dimension (König/Thema 2011, 24ff). Dabei sind die Geburtenziffern rückläufig und das Wachstum der Bevölkerung durch sinkende Sterberaten, durch eine verbesserte Gesundheitsversorgung zu erklären (Nuscheler 1985, 57). Umweltschutz und Nachhaltigkeit spielten bis zu den 70er Jahren in der EZ keine Rolle. 1972 fand in Stockholm die United Nation Conference on the Human Environment statt, welche die Aspekte Umwelt und Entwicklung zusammenbrachte. Neue Kriterien für Projekte wurden erstellt. Sparsamer Ressourcenverbrauch und die Partizipation der Bevölkerung waren Schlagworte. In Bezug zur Klimawandelthematik und den dazu gehörenden Risiken ist es wichtig Armutsbekämpfungsprogramme mit Anpassungsstrategien in Einklang zu bringen. Wassermanagement und Konfliktpräventionsprogramme sind zentrale Bausteine. Dass die Entwicklungspolitik mit der internationalen Handels- und Finanzpolitik, aber auch der Agrar- und Fischereipolitik, abgestimmt werden muss, hat die Europäische Gemeinschaft (EG) 1992 in dem Vertrag von Maastricht ausgesprochen. Dabei besteht die Frage wie mit Zielkonflikten zwischen den einzelnen Politikfeldern umgegangen werden soll. Dies auf multinationaler Ebene zu verwirklichen, ist eine schwierige Abstimmung. Nationale Politik muss also mit internationalen Organisation wie die Welthandelsorganisation (WTO), dem IWF, der OECD oder der NATO abgestimmt werden. 1996 wurde von der WTO-Ministerkonferenz in Singapur das "Integrated Framwork" (IF) initiiert. Die WTO, der IWF, die Weltbank, die UN- Handels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD), das UNDP und das Internationale Handelszentrum sind darin enthalten, um den Entwicklungsländern in ihrer Export Handelspolitik zu beraten (König/Thema 2011, 24ff).

Auf der Ebene der Bundesregierung wurde 2001 das Aktionsprogramm 2015 initiiert, welches die gesamte Gesetzgebung mit den Millennium Entwicklungszielen in Einklang bringen sollte. Laut dem Zwischenbericht von 2004 seien auch "faire Handelschancen" geplant. Rückführung von Zöllen, der Abbau von europäischen Exportsubventionen und eine verbesserte Integration der Entwicklungsländern in den Verhandlungen über Handelsliberalisierungen sind darunter zu verstehen. Seit 2004 ist kein weiterer Bericht veröffentlicht worden (König/Thema 2011, 161-163).

Die EU leistet mit 60 Prozent den größten Anteil der Entwicklungshilfe. Doch gleichzeitig ist hier eine inkohärente Politik vorzufinden. Durch Subventionen werden vergleichbare Produkte von Entwicklungsländern benachteiligt. Gleichzeitig werden Entwicklungsprojekte unterhalten, um gegen diese Subventionen bestehen zu können (König/ Thema 2011, 164).

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Fairen Handels in der Sozialen Arbeit
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
2,8
Autor
Jahr
2012
Seiten
51
Katalognummer
V275322
ISBN (eBook)
9783656678649
ISBN (Buch)
9783656678632
Dateigröße
1016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Fairer Handel, Menschenrechte, Sozialraumarbeit, Methode, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Millennium Entwicklungsziele, Corporate Social Responsibility, Sustainable Development
Arbeit zitieren
Regina Anselm (Autor), 2012, Die Rolle des Fairen Handels in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275322

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