Der Anschlag auf Charlie Hebdo. Interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung

Der Spiegel (Deutschland), Economist (Großbritannien) und Time Magazine (USA) im Vergleich


Bachelorarbeit, 2016

79 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Hinweis

Abbildungsverzeichnis

1. Der Anschlag auf Charlie Hebdo - eine inhaltsanalytische Untersuchung
1.1 Definitionen
1.2 Relevanz, Forschungsfrage und Thesen
1.3 Forschungsstand und theoretischer Hintergrund
1.4 Die Methode: Inhaltsanalyse

2. Eine Kurzbiographie der Magazine
2.1 Das Satiremagazin Charlie Hebdo
2.2 Die internationalen Nachrichtenmagazine

3. Einblick in die Mediensysteme von Deutschland, Großbritannien und den USA
3.1 Die Mediensysteme der Länder
3.2 Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme

4. Die Berichterstattungen im Vergleich
4.1 Formales
4.1.1 Quantität und Darstellungsformen
4.1.2 Titelbilder
4.2 Analyse der Thesen und der Frames nach Entman
4.2.1 Vergeltung der Karikaturen - und mehr?
4.2.2 Analyse des Frames Problemdefinition
4.2.3 Frame Bewertung
4.2.4 Hohe Radikalisierungsrate in Frankreich?
4.2.5 Andere Themen im Frame Ursachenzuschreibung
4.2.6 Die Untersuchung des Frames Handlungsempfehlung
4.2.7 Blick auf die Hintergründe der Ergebnisse - Teil 1
4.3 Emotionale Effekte, Fokussierungen und sprachliche Stilmittel
4.3.1 Fokussierung auf Opfer oder Attentäter?
4.3.2 Sprache: neutral oder wertend?
4.3.3 Szenische Schilderungen und Zitate als sprachliche Mittel
4.3.4 Blick auf die Hintergründe der Ergebnisse - Teil 2

5. Fazit

6. Kritische Betrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Grundschema des pragmatischen Differenz-Ansatzes,

Abb. 2: Titelseiten Der Spiegel, Ausgaben 3/2015 und 4/2015,

Abb. 3: Titelseite des Economist, Ausgabe 2015/01/10,

Abb. 4: Titelbilder Time Magazine, Ausgaben 2015/01/19 und 2015/01/26,

Abb. 5: Bewertungen zum Ereignis Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit,

Abb. 6: Bewertungen zum Thema Satire,

Abb. 7: Gründe für die hohe Radikalisierungsrate in Frankreich,

Abb. 8: Analyse der Dimension Unsicherheitsvermeidung,

Abb. 9: Theoretischer Ärger-Frame im Fall Charlie Hebdo,

Abb. 10: Fokussierungen in der Berichterstattung,

Abb. 11: Anteile wertender Sprachelemente,

Abb. 12: In Gedenken an die Opfer,

Hinweis

Aus Gründen der Lesbarkeit wird in der vorliegenden Bachelorarbeit auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Formen weitgehend verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.

1. Der Anschlag auf Charlie Hebdo - eine inhalts-

analytische Untersuchung

„ Alle Karikaturisten wissen, dass sie mit einem gewissen Risiko leben. Wenn man als Karikaturist anf ä ngt, bestimmte Religionen aus der Kritik herauszunehmen, kann man seinen Beruf aufgeben. “ 1

(Klaus Staeck)

Am Vormittag des 7. Januar 2015 stürmten zwei bewaffnete Attentäter in das Redaktionsgebäude des Satiremagazins Charlie Hebdo in der Rue Nicolas Appert 10 in Paris. Zuerst erschossen sie den Pförtner Frédéric Boisseau, bevor sie die Räume der Redaktion von Charlie Hebdo erreichten und die Zeichner Jean Cabut, Stéphane Charbonnier, Philippe Honoré, Bernard Verlhac und Georges Wolinski, die Psychologin Elsa Cayat, Ökonom Bernard Maris, Redaktionsmitarbeiter Mustapha Ourrad, den Leibwächter Franck Brinsolaro und den Gast Michel Renaud töteten. Medienberichten zufolge riefen die Attentäter nach Verlassen des Gebäudes „Wir haben den Propheten Mohammed gerächt“ und erschossen kurz danach einen Polizisten (vgl. Homepage Charlie Hebdo - History 2016: Internet).

Drei Tage dauerte die Verfolgungsjagd an, bis die zwei Attentäter - identifiziert als die Brüder Chérif und Said Kouachi - am 9. Januar von der Polizei getötet wurden. Am gleichen Tag gab es in einem anderen Stadtviertel von Paris eine Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt Hyper-Casher, die vier weitere Todesopfer forderte. Zuvor erschoss der Täter - benannt als Amedy Coulibaly - eine Polizistin. Coulibaly wurde am gleichen Tag ebenfalls durch die Polizei getötet. Den Ermittlungen zufolge stand die Tat in Verbindung zu Charlie Hebdo.

Beide Anschläge hatten einen islamistischen Hintergrund, so die Berichterstattungen. Die Terrororganisation al-Qaida habe sich zum Attentat auf Charlie Hebdo, Coulibaly zum sogenannten Islamischen Staat bekannt. Die Attentate forderten insgesamt 17 Todesopfer.

Charlie Hebdo selbst schreibt im Tagebucheintrag des 7. Januar 2015:

„ Pulsion de mort, pulsion de vie: Charlie Hebdo vivra. “ 2 (Homepage Charlie Hebdo - Histoire 2016: Internet)

1.1 Definitionen

Die Definition der Begriffe, die in dieser Arbeit zentral sind und häufige Nennungen finden, ist sehr wichtig, um diese im Kontext zu verstehen, aber auch klar voneinander abzugrenzen. Die Definitionen beziehen sich nur auf den Kern der Sache und den Teil, der wichtig für die vorliegende Arbeit ist. Eine vollständige Erklärung kann hier nicht geleistet werden, da das Thema des Islamismus sehr komplex ist und sich durch aktuelle Entwicklungen im ständigen Wandel befindet.

Islam

Der Islam ist eine der fünf großen Weltreligionen und gehört zu den monotheistischen Religionen. Seine Heilige Schrift ist der Koran. Er wird als das direkte Wort Gottes verstanden und ist der wichtigste Glaubensinhalt für Muslime (vgl. Tworuschka 2006: 255).

Islamismus

Der Islamismus ist kein Glaube, er ist eine politische Ideologie und radikale Verengung der islamischen Religion - oder auch „eine religiös verbrämte Form des politischen Extremismus3 “ (BMI 2016: Internet). Der Islamismus richtet sich gegen den demokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Werte, Normen und Regeln. Ziel der Ideologie ist es, die freiheitlich demokratische Grundordnung abzuschaffen und sie durch eine eigene, den Islamisten entsprechende Vorstellung, zu ersetzen - auch mit Gewalt, die von einem Teil der Islamisten praktiziert wird (vgl. ebd.). Die Anhänger des Islamismus missachten alle Grund- und Menschenrechte. Dabei berufen sie sich zwar auf den Koran, doch ist es ihre eigene Deutung des Koran, die sie als unantastbar sehen (Fundamentalismus)4. Jede Abweichung davon bewerten sie als Abkehr vom - ihrer Ansicht nach - richtigen Glauben.

Die Terrororganisationen al-Qaida und „Islamischer Staat“ Al-Qaida ist eine weltweit operierende islamistische „Terrororganisation“ (Duden 2013: 373), die sich unter anderem zu den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 und auf das World Trade Center am 11. September 2001 bekannt hat. Der sogenannte Islamische Staat (IS) ist eine „fundamentalistische Organisation, die das Ziel hat, den Kalifat (Gottesstaat) im Nahen Osten zu errichten“ (lbp 2015: Internet). Der IS gilt als derzeit präsenteste islamistische Terrororganisation, die mit ihren Anschlägen „Ungläubige“ - also alle Menschen, auch Muslime, die nicht nach den Werten und Vorstellungen des IS leben - angreift. Die Organisation hat sich beispielsweise zu den Anschlägen in Paris am 13. November 2015 bekannt. Beide Terrororganisationen haben ihren Ursprung in den 1990er Jahren im Irakkrieg (vgl. ebd.).

Djihad

Der Begriff Djihad (auch Dschihad) bedeutet wörtlich übersetzt „Anstrengung“ oder „Mühe“ und stellt ein wichtiges Konzept im Islam dar (vgl. Tworuschka 2006: 260). Die Interpretation des Djihad, so wie er im Koran geschrieben steht, reicht von der kämpferischen Verteidigung der Muslime bei Bedrohung bis zur heutigen Deutung des „Heiligen Krieges“ der Islamisten. Auch der Duden (2013: 345) zeigt diese zwei Bedeutungen: Djihad wird als „heiliger Krieg der Muslime zur Verteidigung und Verbreitung des Islams“ ebenso wie als „zu den muslimischen Grundpflichten gehörendes Streben, nach dem islamischen Glauben zu leben“ (Duden 2016: Internet) definiert. Toleranz und Respekt gegenüber Andersgläubigen sind ausdrücklich im Koran geschrieben und somit im muslimischen Glauben verankert (vgl. Tworuschka 2006: 260). Die radikale Deutung des Koran dient den Islamisten dazu, ihr Handeln als berechtigt hinzustellen und ihre Ziele zu verfolgen.

1.2 Relevanz, Forschungsfrage und Thesen

Der islamistische Terrorismus ist eine Form der Gewalt, der sich Europa und die ganze Welt in diesen Tagen verstärkt stellen muss. Nach weiteren Anschlägen des IS, wie etwa in Paris auf die zivile Bevölkerung im November 2015 oder in Brüssel im März 2016, ist der Umgang mit dem Terrorismus ein vieldiskutiertes Thema, das derzeit immer mehr an Bedeutung erlangt. Der islamistische Terror ist aktuell - was die Relevanz dieser Arbeit begründet.

Die Forschungsaufgabe widmet sich der Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung über den Anschlag auf Charlie Hebdo in drei international führenden, westlichen Nachrichtenmagazinen. Verglichen werden DER SPIEGEL als deutsches Magazin, der britische ECONOMIST und das TIME MAGAZINE, das in den USA verlegt wird. Demzufolge steht eine interkulturell vergleichende Forschung innerhalb der westlichen Welt im Fokus, wobei alle drei Länder einen Außenblick auf das Land des Geschehens - Frankreich - haben.

Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie unterscheiden sich die Berichterstattungen über den Anschlag auf Charlie Hebdo in den Nachrichtenmagazinen Der Spiegel (Deutschland), Economist (Großbritannien) und Time Magazine (USA) und wie sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten interkulturell zu betrachten und zu begründen?

Der Entschluss, in dieser Arbeit eine komparative Forschung auf internationaler Ebene durchzuführen, hat einen einfachen Grund: es erweitert die Perspektive. Die Darstellung der Berichterstattungen in verschiedenen Ländern kann miteinander verglichen werden und somit zu Erkenntnissen führen, die sonst vielleicht gar nicht sichtbar sein würden. Im Allgemeinen liegt die Motivation für international vergleichende Forschung in genau diesen Erkenntnissen, etwa zur zunehmenden Internationalisierung der Medienmärkte, der Ökonomisierung von Medien und dem allgemeinen Globalisierungstrend (vgl. Schneider 2008: 75).

Zur forschungsleitenden Frage werden zu diesem Zeitpunkt folgende Ergebnisannahmen aufgestellt:

- Es gibt sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in den

Berichterstattungen der drei Magazine.

- Das Ziel des Anschlags war die Vergeltung der Karikaturen - aber nicht

ausschließlich. Das übergeordnete Ziel war der Angriff auf die Meinungsund Pressefreiheit, die Werte Frankreichs und die Demokratie. Diese Sichtweise zeigen alle drei Magazine.

- In allen Nachrichtenmagazinen werden biografische Aussagen über die

Täter getroffen und deren Hintergründe beleuchtet. Sie variieren aber stark in der Detailtiefe und Quantität.

- Die Meinungen zum Thema Satire - einerseits, ob Satire alles darf und

andererseits, ob es seitens Charlie Hebdo eine gute Entscheidung war, Mohammed und den Islam so ausgeprägt zu karikieren - gehen in den Magazinen auseinander.

- Die Gründe, die die Magazine in ihrer Berichterstattung für die hohe

Radikalisierungsrate in Frankreich aufgreifen, stimmen im Wesentlichen überein.

- Unterschiede in Faktoren wie Emotionalität und Fokussierung auf Opfer oder Täter sind zwischen allen drei Magazinen erkennbar, allerdings noch stärker zwischen dem Time Magazine und den beiden europäischen Magazinen.

1.3 Forschungsstand und theoretischer Hintergrund

Die interkulturell vergleichende Forschung findet ihre theoretischen Ansätze in zahlreichen Kommunikationsmodellen und -theorien. Für die in dieser Arbeit gestellte Forschungsfrage, die eine international vergleichende Inhaltsanalyse zur Auswahl der Nachrichten und Wirkung dieser auf die Rezipienten zugrunde legt, wird der Framing-Ansatz in Verbindung mit dem Agenda-Setting gewählt. Das Agenda-Setting beschäftigt sich mit der Vermittlung von Themen, der Framing- Ansatz mit der Wirkung dieser Themen auf die Einstellung und das Verhalten des Publikums und wird deshalb auch als Second-Level-Agenda-Setting bezeichnet. Anders formuliert: Agenda-Setting bewirkt, worüber die Menschen nachdenken, Framing bewirkt, wie die Menschen denken - und zwar anhand von bekannten und verankerten Kenntnissen und Deutungsmustern.

Nach aktuellem Forschungsstand gibt es eine Reihe von Inhaltsanalysen, die sich mit journalistischer Berichterstattung beschäftigen. Ein Beispiel ist die inhaltsanalytische Untersuchung der Berichterstattung deutscher Qualitätszeitungen über die Gaza-Kriege 2008/09 und 2012 von Mareike Witte (2014). Dem Vergleich der Inhalte von nachrichtenjournalistischen Online- und Offlineangeboten widmeten sich Corinna Oschatz, Marcus Maurer und Jörg Haßler (2014) - vor allem bezüglich der Politikberichterstattung. Florian Turna (2011) analysierte die Berichterstattungen zum Koreakrieg im US-amerikanischen Nachrichtenmagazin Time. Es existieren bereits auch zahlreiche Framing-Studien zu Berichterstattungen über nationale und internationale Konflikte, die im Zusammenhang mit islamischen oder islamistischen Gruppierungen stehen. Darunter sind Themen wie Terroranschläge, etwa zum Anschlag vom 11. September 2001, und Untersuchungen zu religiösen und ethnischen Themen wie der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen zu finden (vgl. Jecker 2014: 64 f.).5 Einer Untersuchung zum Framing in Bezug auf die Afghanistanberichterstattung in den Jahren 2001 bis 2008 der Tagesschau widmete sich Julia Lück (2009). Analysen international vergleichender Berichterstattung in Nachrichtenmagazinen zum Anschlag auf Charlie Hebdo sind derzeit nicht bekannt. Lediglich Anna Grieben (2015) berichtete in der taz über internationale Pressestimmen zum Anschlag auf Charlie Hebdo - allerdings in Artikellänge und ausschließlich über Aussagen in Tageszeitungen.

Die Theorien des Framings und Agenda-Settings verlangen zuerst eine eindeutige Abgrenzung der zugrundeliegenden Begriffe, denn der Framing-Ansatz wird in der Forschung als sehr heterogen dargestellt (vgl. Jecker 2014: 387) und die Definitionen sind nicht immer eindeutig. Der Framing-Ansatz wird als Kommunikationstheorie gerne in der politischen Kommunikationsforschung eingesetzt, vor allem im internationalen Vergleich von Berichterstattungen (vgl. Wilke 2008: 247). „Der Ansatz eignet sich zur Beschreibung von strategischen Kommunikatoren und Journalisten, zur Analyse der Medienberichterstattung sowie zur Untersuchung von Medienwirkungen.“ (Matthes 2014: 13) Weiterhin beschreibt Matthes (2014: 10) die Aufgabe des Framing-Ansatzes: „(…) [Er] beschäftigt sich dementsprechend mit der Genese, Veränderung und den Effekten von Frames auf der Ebene der Kommunikatoren, des Medieninhaltes und der Rezipienten“. In den vorhandenen Definitionen werden Frames (deutsch: Rahmen) auch anders bezeichnet, etwa als Deutungsmuster oder „(…) als „Sinnhorizonte“ von Akteuren (…), die gewisse Informationen und Positionen hervorheben und andere ausblenden. Frames finden sich bei strategischen Kommunikatoren, in den Medieninhalten sowie bei den Rezipienten. Damit lassen sich Frames sowohl im kognitiven Apparat des Menschen ausmachen als auch in den kommunizierten Inhalten“ (ebd.). Das bedeutet: die Informationsvermittlung seitens der Massenmedien, aber auch die Informationsaufnahme seitens der Rezipienten fallen in einen Frame. Frames sind also sowohl Ergebnis als auch Voraussetzung der Vermittlung und Aufnahme massenmedialer Nachrichten. Nach Entmann6 besteht ein Frame in der politischen Kommunikationsforschung im Wesentlichen aus vier Elementen: der Problemdefinition, der Ursachenzuschreibung, der moralischen Bewertung und einer Handlungsempfehlung (vgl. Matthes 2014: 11 f.; Jecker 2014: 112). Anhand dieser vier Elemente lassen sich Nachrichten in einen Frame bringen - durch Salienz (Betonung) und Selektion. Die beiden Vorgehensweisen werden auch als Grundpfeiler des Framing-Ansatzes beschrieben (vgl. Matthes 2014: 21). Auch Bertram Scheufele beschäftigte sich in diversen Studien und Veröffentlichungen mit dem Thema Framing und dessen Wirkung auf die Rezipienten (2004). Rinaldo Kühne (2013) untersuchte im Gegensatz zur bisherigen Forschung nicht nur die kognitiven Prozesse im Zusammenhang mit dem Framing-Ansatz, sondern widmete sich zudem dem Thema der emotionalen Framing-Effekte.

Die Agenda-Setting-Hypothese setzt darauf auf, dass Massenmedien durch Themensetzung einen Einfluss auf das Publikum haben - und zwar darauf, ob es Themen als wichtig oder unwichtig einstuft und worüber es sich Gedanken macht (vgl. Matthes 2014: 70). Das bezieht sich nach neuerem Forschungsstand allerdings nicht nur auf die Objekte, also das „Was“, sondern auch auf die Eigenschaften und Charakteristika dieser Objekte, also das „Wie“. Dieses „Wie“ wird als zweite Stufe der Informationsvermittlung angesehen und daher auch als Second-Level-Agenda-Setting bezeichnet, womit sich die Klammer zum Framing- Ansatz schließt, nämlich „wie die Menschen denken“. Die erste empirische Forschung zum Agenda-Setting führten die beiden Kommunikations- wissenschaftler Maxwell McCombs und Donald Shaw durch. In der Chapel-Hill- Studie, die 1972 veröffentlicht wurde, verglichen sie die Wahlkampfthemen der Präsidentschaftswahl in den USA im Jahr 1968, die die Wähler in Chapel Hill als bedeutsam empfanden, mit der Berichterstattung der lokalen Medien (vgl. Eichhorn 2005: 5). Sie bauten ihre Studie auf Thesen auf, die zum damaligen Zeitpunkt bereits im Zusammenhang mit der Beeinflussung durch die Massenmedien existierten, wie beispielweise der Ansatz von Bernhard Cohen, der seine Theorie so ausdrückte: „(…) the press is significantly more than a purveyor of information. It may not be successful much of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling its readers what to think about.7 (Eichhorn 2005: 3)

Die Forschungsfrage in dieser Arbeit wird auf Basis der beiden vorgestellten Kommunikationstheorien, dem Framing und der Agenda-Setting-Hypothese, untersucht - mithilfe der Methode der Inhaltsanalyse.

1.4 Die Methode: Inhaltsanalyse

Die theoriegeleitete, empirische Methode der Inhaltsanalyse ist ein verbreitetes Instrument zur Untersuchung von Texten. Die Definitionen der Inhaltsanalyse sind so vielschichtig wie ihr mögliches Vorgehen, weshalb im Folgenden eine relevante, vielzitierte Definition gewählt wird. Nach Werner Früh ist „[die] Inhaltsanalyse (…) eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen“ (Rössler 2005: 20). Es lassen sich durch diese Forschungsmethode zentrale Muster in den Berichterstattungen identifizieren (vgl. ebd.: 17).

Der Untersuchungszeitraum zur vorliegenden Forschungsfrage umfasst den Monat Januar des Jahres 2015. Das Attentat auf Charlie Hebdo wurde am 7. Januar 2015 verübt, weshalb alle Texte in den drei Magazinen ab diesem Zeitpunkt bis Ende Januar 2015 untersucht werden und damit die Grundgesamtheit bilden. Dabei werden alle journalistischen Darstellungsformen berücksichtigt, so wie sie im Codebuch (Anhang 1) verankert sind. Die zu untersuchenden Texte belaufen sich auf 24 Artikel mit einem Umfang von etwa 55 Seiten in den Spiegel-Ausgaben 3/2015 und 4/2015, in der Europa-Ausgabe 2015/01/19 und den US-Ausgaben 2015/01/26 und 2015/02/02 des Time Magazine und den Economist-Ausgaben 2015/01/10, 2015/01/17 und 2015/01/24. Hier sind die britischen und europäischen Ausgaben für den Untersuchungszeitraum identisch. In den Ausgaben 5/2015 und 6/2015 des Spiegel und der Ausgabe 2015/01/31 des Economist sind keine Texte zum Thema Charlie Hebdo enthalten.

Das Vorgehen der Inhaltsanalyse ist detailliert im Codebuch (Anhang 1) beschrieben. In diesem sind alle wesentlichen Inhalte und Vorgehensweisen zur Bearbeitung der Forschungsfrage sowie das Kategoriensystem, basierend auf den Frame-Elementen nach Entman, beschrieben. Im Codebogen (Anhang 2) sind die formalen und inhaltlichen Kategorien im Detail zu finden.

2. Eine Kurzbiographie der Magazine

Charlie Hebdo - spätestens seit dem 7. Januar 2015 ist der Name weltweit ein Begriff und wird assoziiert mit gnadenloser Satire und einem tödlichen Anschlag. Kannten viele Menschen das Magazin bis dato noch nicht, kauften sie doch die erste Ausgabe nach dem Anschlag: eine Rekordauflage von sieben Millionen Exemplaren weltweit wurde erreicht. Internationale Medien berichteten über den Anschlag auf das französische Satiremagazin - via Radio, Fernsehen, Internet und in Printerzeugnissen. Darunter befanden sich auch die drei international bekannten Nachrichtenmagazine Der Spiegel, der Economist und das Time Magazine. Doch weshalb gelten diese drei Magazine als vertrauenswürdig und zählen zu den meinungsführenden journalistischen Erzeugnissen in der Welt? Im Folgenden werden sowohl Charlie Hebdo als auch die Nachrichtenmagazine in einer Kurzbiographie vorgestellt.

2.1 Das Satiremagazin Charlie Hebdo

„Wir sind eine satirische Zeitschrift und in diesem Sinne bissig und angriffslustig. Wir definieren uns nicht nur als laizistisch, sondern atheistisch (…). Es ist uns sozusagen in der DNA festgeschrieben, Religionen anzugreifen. Sämtliche Religionen natürlich“ (Linsler 2011: Internet), so der Chefredakteur Gérard Biard über Charlie Hebdo im Jahr 2011, kurz nachdem ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume der Zeitschrift verübt wurde. Gegründet im Jahr 1960 unter dem Namen Hara-Kiri wurde die Zeitschrift nach diversen Verboten, Schließungen aufgrund weniger Leser und fehlender finanzieller Mittel sowie einigen Namensänderungen im Jahr 1992 unter dem Namen Charlie Hebdo wiederbelebt und hat fortan Bestand (vgl. Homepage Charlie Hebdo - History 2016: Internet). Die Redakteure erleben zahlreiche Prozesse, in denen sie wegen Beleidigung, Gotteslästerei und ähnlichem angeklagt werden - meistens jedoch erfolglos. Mit einer Auflage von etwa 60.000 Exemplaren erscheint Charlie Hebdo wöchentlich mittwochs in Paris (Spiegel Online 2015: Internet). Hebdo ist im Französischen eine Abkürzung für hebdomadaire, was übersetzt „wöchentlich“ heißt. Woher der Name Charlie kommt, lässt sich nicht eindeutig belegen. Der französischen Tageszeitung Le Monde zufolge gibt es zwei Versionen der Namensgebung: zum einen geht sie auf die Comicfigur Charlie Brown zurück, zum anderen verweist sie mit einem Augenzwinkern auf den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle (vgl. Le Monde 2006: Internet). Politisch ordnet sich das Magazin im linken Spektrum ein, betont aber immer seine wichtigsten Werte: Säkularismus, Laizismus, Atheismus (vgl. Linsler 2011: Internet). In ihrem Selbstverständnis möchten die Redakteure den Lesern einen anderen Blickwinkel auf das Weltgeschehen zeigen, einen tiefgründigen Blick hinter die alltäglichen Nachrichten und etwas zum Nachdenken geben (vgl. Homepage Charlie Hebdo - Charlie is 2016: Internet). Charlie Hebdo war eines der wenigen Magazine, das sich im Jahr 2006 mit der dänischen Zeitschrift Jyllands-Posten solidarisch zeigte und einige der Mohammed-Karikaturen abdruckte.

2.2 Die internationalen Nachrichtenmagazine

„Es gehört zum guten Ton, den SPIEGEL nicht zu lesen und dennoch zu wissen, was drinsteht.“ (Der Spiegel 1961: Internet)8 Der Spiegel, gegründet im Jahr 1946 durch britische Offiziere zusammen mit deutschen Redakteuren, darunter Rudolf Augstein, gilt als Deutschlands bedeutendstes Nachrichtenmagazin. 1947 übernahm Augstein als Herausgeber und Chefredakteur das Magazin und verlegte die erste Ausgabe des Spiegel in Hamburg (vgl. Brockhaus 1998: 581). Seit Januar 2015 erscheint das Magazin wöchentlich samstags, die digitale Ausgabe am Freitagabend davor. Das Magazin wird oft als Leitmedium des deutschen Journalismus bezeichnet, was sicherlich durch sein eigens auferlegtes Konzept begründet ist: „Er ist politisch unabhängig, niemandem - außer sich selbst und seinen Lesern - verpflichtet und steht keiner Partei oder wirtschaftlichen Gruppierung nahe. Das Themenspektrum des SPIEGEL reicht von Politik über Wirtschaft und Wissenschaft, Medizin und Technik, Kultur und Unterhaltung bis zu Medien, Gesellschaft und Sport.“ (Spiegel-Gruppe 2015: Internet) Seit seiner Gründung hebt sich der Spiegel vor allem durch seinen investigativen Journalismus und Kampf für die Pressefreiheit von anderen Nachrichtenmagazinen ab. Die Dokumentationen des Spiegel unterhalten mit etwa 100 Millionen Textdokumenten und fünf Millionen Bildern eines der größten Zeitungsarchive der Welt (vgl. ebd.). Die Auflage beträgt weltweit derzeit etwa 830.000 Exemplare (vgl. Spiegel QC 2015: Internet).

Das britische Nachrichtenmagazin The Economist wurde 1843 von dem Schotten James Wilson gegründet. Sein Antrieb war es, auf die zunehmenden Getreidezölle aufmerksam zu machen und für eine freie Marktwirtschaft zu plädieren. Der Economist wird in London herausgegeben, erscheint wöchentlich freitags und gilt als eines der wichtigsten Nachrichtenmagazine in Großbritannien. Die Berichterstattung ist neben aktuellen Geschehnissen insbesondere auf internationale politische und wirtschaftliche Entwicklungen fokussiert. Der Hauptteil der Leserschaft sitzt in Großbritannien und in den USA (vgl. Encyclopaedia Britannica 2002: 358). Für die Regionen (Großbritannien, Nordamerika, Kontinentaleuropa und Asien-Pazifik) unterscheiden sich die Ausgaben durch variierende regionale Themen und teils unterschiedliche Titelblätter. Eine Besonderheit des Magazins ist, dass die Artikel mit wenigen Ausnahmen ohne Nennung der Autorinnen und Autoren gedruckt werden, um ein einheitliches Meinungsbild der gesamten Economist-Redaktion an die Leserschaft abzugeben (vgl. ebd.). Im politischen Links-Rechts-Spektrum ist der Economist auf der liberalen Seite zu finden - und bleibt damit seiner Gründungsidee treu. Die derzeit weltweit verkaufte Auflage beträgt etwa 1,6 Millionen Exemplare (vgl. Wadhawan 2015: Internet).

Das Time Magazine wurde 1923 in New York als erstes wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin in den USA von Briton Hadden und Henry Luce gegründet. Ihre Idee war es, einen Überblick über das aktuelle Geschehen in der Welt in Kürze zusammenzufassen und dieses so zu erklären, dass die Menschen sich gut informiert fühlen (vgl. Turna 2011: 16). Die Time gilt als eines der bedeutsamsten Magazine, das über das Weltgeschehen, vor allem zu den Themen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft berichtet (vgl. About Time 2015: Internet) und ist publizistisches Vorbild für den Spiegel (vgl. Thomaß 2013: 259). Wie der Economist erscheint auch das Time Magazine in regional angepassten Ausgaben: neben dem amerikanischen Original werden die Time Europe, Time Asia und Time South Pacific gedruckt (vgl. Brockhaus 1999: 111). Von Beginn an zeichnete ein besonderer Schreibstil die Time aus, der sogar seine eigene Bezeichnung erhielt: Timestyle. Dieser ist gekennzeichnet durch Anhäufungen deskriptiver Adjektive und Sätze, die in umgekehrter grammatikalischer Reihenfolge stehen (vgl. Turna 2011: 15). Der Stil ist bis heute präsent, jedoch nicht mehr so stark ausgeprägt. Auch die Time hat bis in die 1980er Jahre keine Verfasserzeile gedruckt. Zwei weitere Besonderheiten des Magazins sind die Titelbilder, die als Sammlerobjekte dienen, und die jährliche Wahl zur „Person of the Year“9. Person des Jahres 2015 wurde Angela Merkel - die Time würdigte damit ihr Handeln in der Flüchtlingskrise. Politisch versucht die Time, sich keiner der beiden großen Parteien10 anzuschließen und sich zwischen linksliberal und konservativ einzuordnen. Die verkaufte Auflage in allen vier Regionen beträgt derzeit etwa 4,04 Millionen Exemplare (vgl. Time Media Kit 2015: Internet).

3. Einblick in die Mediensysteme von Deutschland, Großbritannien und den USA

Um den Vergleich der Berichterstattungen durchzuführen und die Ergebnisse zu analysieren, ist ein Einblick in die Mediensysteme als Basis unverzichtbar. Im Folgenden werden die Mediensysteme der drei Länder kurz dargestellt, mit Fokus auf die Printmedien und die für diese Arbeit relevanten Faktoren zur Untersuchung der Forschungsfrage.

3.1 Die Mediensysteme der Länder

Das Mediensystem Deutschlands ist noch nicht lange so frei, wie wir es heute vielleicht als selbstverständlich erachten und es der derzeitige Platz 12 in der Rangliste der Pressefreiheit (vgl. Reporter ohne Grenzen 2016: Internet) widerspiegelt. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten im Mediensystem Deutschlands Zensuren und Einschränkungen der Pressefreiheit in einem föderalen und autoritären Regime. Im Gebiet der damaligen DDR war das sogar bis 1989 der Fall. Historisch ist Deutschland ein „altes Medienland“ (Blum 2014: 213) - das belegen etwa die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts, erste existierende Flugschriften im 16. Jahrhundert und die Herausgabe der ersten Tageszeitung der Welt im Jahr 1650 in Leipzig (vgl. ebd.). Und heute? Es herrscht ein starker Föderalismus im deutschen Mediensystem, die auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrifft. Dessen dezentrale Organisation mit den regionalen Standorten ist weitgehend einzigartig (vgl. Blum 2014: 214). Der politische Parallelismus, also der Grad, wie stark die Medien mit politischen Parteien verbunden sind, ist weitgehend verschwunden (vgl. ebd.: 220). Die Presse besteht vorwiegend aus einer Nachrichtenpresse (vgl. ebd.), die versucht, alle Seiten eines Themas widerzuspiegeln, möglichst objektiv zu sein, umfassend zu informieren und damit eine soziale Verantwortung wahrzunehmen. Lediglich die Darstellungsform des Kommentars soll zur Äußerung von Meinungen dienen. Doch lässt sich nicht leugnen, dass auch in Deutschland die ökonomischen Interessen der Medienkonzerne - die sich im privaten Besitz befinden - vorhanden sind und wahrscheinlich auch weiter steigen. Zur Regulierung etwaiger Verstöße wie das Verletzen ethischer Regeln gibt es in Deutschland eine eigene Institution - den Deutschen Presserat. Zusätzlich haben einige Medien weitere Organe zur freiwilligen Selbstkontrolle eingerichtet (vgl. ebd.: 221).

Großbritannien folgt Deutschland auf Platz 34 in der Rangliste der Pressefreiheit (vgl. Reporter ohne Grenzen 2016: Internet). Auch hier existiert der politische Parallelismus weitestgehend nicht mehr und es gibt kaum staatliches Eingreifen in Bezug auf die Pressefreiheit. Mit einer Ausnahme: geht es um die nationale Sicherheit, sind die Einschränkungen beträchtlich (vgl. Blum 2014: 256). Das ist auch auf der Homepage der Reporter ohne Grenzen (2016: Internet) zu lesen: „Durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden wurde jedoch bekannt, dass der britische Geheimdienst (…) jahrelang Journalisten ausgespäht hat. Im August 2013 wurden Mitarbeiter der Tageszeitung The Guardian gezwungen, Festplatten mit brisantem Material der Snowden- Enthüllungen zu zerstören“ - ein wesentlicher Grund für Platz 34. Neben zahlreichen Qualitäts-Printmedien wie dem Magazin The Economist oder der Tageszeitung The Times existiert ein ebenso großer Markt für die Boulevardpresse (vgl. Blum 2014: 249). Auch durch das sehr reduzierte staatliche Eingreifen und dem Fehlen eines wirksamen Pressekodex - die Briten setzen auf Selbstregulierung - floriert der Sensationsjournalismus wie in keinem anderen Land (vgl. ebd.: 257). Der Schutz der Privatsphäre von Prominenten etwa wird längst nicht so hochgehalten wie in Deutschland - der „freche Boulevardjournalismus“ (ebd.: 246) ist fester Bestandteil in Großbritannien. Wie in Deutschland spielt die kommerzielle Ausrichtung eines Teils der Medien eine große Rolle, doch auch die britischen Medien haben den Anspruch, umfassend zu informieren und ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen (vgl. ebd.: 258), sich für Werte und Ideen einzusetzen (vgl. Donsbach 2008: 286) und einen Gegenpol zur Politik und Wirtschaft zu bilden (vgl. Hanitzsch 2008: 260).

In den USA sieht die Situation etwas anders aus: das Rollenverständnis der Journalisten weicht von dem der britischen und deutschen Kollegen ab. Im Gegensatz zu etwa der Hälfte aller britischen Journalisten verstehen sich nur circa 20 Prozent der US-amerikanischen als Kontrast zur Politik und Wirtschaft (vgl. ebd.). Etwa der gleiche Anteil US-amerikanischer Journalisten findet es wichtig, sich in ihrem Job für Werte und Ideen einzusetzen (vgl. Donsbach 2008: 286). Zum Vergleich: in Deutschland liegt die Quote bei knapp 70 Prozent (vgl. ebd.). Zu begründen ist der Unterschied mit dem in den USA sehr verbreiteten Nationalstolz und der Loyalität der US-Amerikaner zu ihrem Land - ähnlich wie das der Briten zu ihrem Königshaus. Kritik üben sie trotzdem - aber aus einer grundsätzlich loyalen Haltung und politischem Konsens heraus, in dem sich Journalisten und Politiker gleichermaßen verstehen (vgl. Hanitzsch 2008: 261). Das Ausüben von Kritik basiert oft auf investigativer Recherche, die in den USA sehr verbreitet ist (vgl. Blum 2014: 272). Kein anderes Land hält die Pressefreiheit - zumindest theoretisch - so hoch wie die USA. Bereits bei der Gründung des Landes gab es einen Zusatzartikel zur Verfassung, in dem die Pressefreiheit festgeschrieben und jede Einschränkung verboten wurde (vgl. Thomaß 2013: 258) - ein Beispiel für die Vorbildfunktion des Mediensystems der USA, das sich in vielen Gebieten11 als richtungsweisend für den Rest der Welt erweist (vgl. ebd.). Deshalb wird in der derzeitigen Frage der Globalisierung der Mediensysteme auch oft von Amerikanisierung gesprochen (vgl. Blum 2014: 23). Heute ist es realistisch zu sagen, die Medien in den USA sind so frei wie möglich, der Staat hält sich weitestgehend zurück, doch Platz 49 in der Rangliste der Pressefreiheit (vgl. Reporter ohne Grenzen 2016: Internet) spricht nicht für eine durchgehende Einhaltung des erwähnten Zusatzartikels zur Verfassung. Wie in Großbritannien gilt vor allem die Gefährdung der nationalen Sicherheit als Grund für einen Eingriff des Staates in die Pressefreiheit (vgl. ebd.). Es herrscht, wie in Deutschland, ein starker Föderalismus, die Medien sind allerdings ausschließlich in privater Hand (vgl. Blum 2014: 271). Auch in den USA ist eine Selbstregulierung der Medien vorgesehen, doch gibt es Presseräte in einzelnen Staaten, viele Ombudsstellen, niedergeschriebene Ethikregeln von Verleger- und Journalistenorganisationen - und eine hochschulgebundene Journalismus- ausbildung, in der Themen der Ethik und das journalistische Selbstverständnis einen hohen Stellenwert einnehmen (vgl. Blum 2014: 273; Thomaß 2013: 266). Der Professionalisierungsgrad der amerikanischen Kollegen ist dadurch wahrscheinlich am höchsten im Vergleich der drei Länder. Dass die Loyalität und das gemeinsame Grundverständnis der Journalisten mit Politikern und anderen Machtinhabern sich negativ auf die Berichterstattung auswirken können, zeigt das Beispiel des 11. September 2001: Kritiken zufolge „stimmten die Medien freiwillig in den antiterroristischen Patriotismus der Politiker ein und ließen sich einige Einschränkungen gefallen“ (Blum 2014: 272). Auch im Zusammenhang mit dem Irakkrieg gab es derartige Kritik, die etwa die New York Times im Nachhinein sogar selbst bestätigte. Ob diese Kritik auch an der Berichterstattung zum Anschlag auf Charlie Hebdo berechtigt ist, wird in der Analyse mit untersucht werden.

3.2 Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme

Es existieren zahlreiche Ansätze und Theorien zum Vergleich von Mediensystemen. Bereits 1956 entwickelten drei Amerikaner die „Four theories of the press“12, in der sie die Medien in vier Modelle - autoritär, liberal, sozialverantwortlich und sowjetkommunistisch - einteilten. Sehr bekannt ist auch das Modell von Hallin und Mancini13, die eine Einteilung von 18 westlichen Ländern in drei Mediensysteme vornahmen: das polarisiert-pluralistische Modell, das demokratisch-korporatistische und das liberale Modell. Aufbauend auf Hallin und Mancini wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends der pragmatische Differenz-Ansatz entwickelt, der dahingehend erweitert ist, dass er alle Länder der Welt beinhaltet und letztlich aus neun Dimensionen mit jeweils drei Ausprägungen besteht, aus dem sich sechs Medienmodelle ableiten lassen. In diesem Punkt ist sich die bisher vorliegende Literatur allerdings nicht ganz einig: teilweise werden bis zu elf Ausprägungen dargestellt und sieben Medienmodelle abgeleitet, deren Bezeichnungen nicht immer übereinstimmen. Das mag daran liegen, dass die Kriterien nicht alle ganz trennscharf sind und es auf das Ziel der Autoren ankommt, für welche Darstellungsform sie sich entscheiden. Im Folgenden soll das Grundschema nach Blum (2014) dargestellt werden:

Abb. 1: Grundschema des pragmatischen Differenz-Ansatzes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Blum, Roger: Lautsprecher&Widersprecher, S. 295

Die sich daraus ergebenden Modelle, die für diese Arbeit relevant sind, sind das liberale Modell, zu dem die USA zählt, und das Public-Service-Modell, in dem sich Deutschland und Großbritannien einordnen lassen. Alleine an den Namen lässt sich herauslesen, was bereits in Kapitel 3.1 zu den Mediensystemen geschrieben steht: im US-amerikanischen System ist die Pressefreiheit heilig und die Medien sind so liberal wie möglich, während die beiden anderen eine öffentliche Funktion erfüllen möchten, die Menschen umfassend zu informieren und mit Hintergrundinformationen zu versorgen. Die in der Übersicht aufgeführten Eckdaten in der Linie A beschreiben das Mediensystem der USA und stellen das eine Extrem - also eine hundertprozentige Ausprägung in einer Linie - dar14. Das Public-Service-Modell orientiert sich nahe der liberalen Linie, hat aber auch Ausprägungen in der mittleren Linie, wie die Medienfinanzierung oder die Journalismuskultur. Die theoretische Einordnung der Mediensysteme ist in der Praxis nicht immer eins zu eins wiederzufinden, da aufgrund von aktuellen Situationen Maßnahmen getroffen werden können, die nicht im Konsens zum Mediensystem stehen. Das Modell dient jedoch der grundsätzlichen Einordnung der drei Mediensysteme und wird bei vergleichenden Forschungen gerne als Basis genommen.

4. Die Berichterstattungen im Vergleich

Im folgenden Hauptteil der Arbeit werden die Berichterstattungen der drei Nachrichtenmagazine verglichen und analysiert. Die Basis für den Vergleich bilden die Thesen (Kapitel 1.2) und die Frames nach Entman (Kapitel 1.3). Am Schluss sollen die Thesen geprüft, die Frames vollständig untersucht und die Forschungsfrage beantwortet sein.

Die zugrundeliegende Vorgehensweise für die Analyse der Texte ist detailliert im Codebuch (Anhang 1) beschrieben, genauso wie die inhaltliche Beschreibung des Kategoriensystems aus dem Codebogen (Anhang 2).

[...]


1 Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste in Berlin und selbst Karikaturist, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo im Tagesspiegel (2015: Internet).

2 Französisch für: Die Zeit ist gekommen zu leben oder zu sterben: Charlie Hebdo wird weiterleben.

3 Unter Extremismus sind „alle Auffassungen und Handlungen, die sich gegen die Minimalbedingungen eines demokratischen Verfassungsstaates richten“ (Pfahl-Traughber 2011: Internet) zu verstehen.

4 Unter Fundamentalismus versteht man „in einem engeren Sinne religiöse Bewegungen, die sich auf eine wortwörtliche Auslegung ihrer "Heiligen Schriften" beziehen und eine Modernisierung des eigenen Glaubens rigoros ablehnen“ (Pfahl-Traughber 2011: Internet).

5 Beispiele für Studien: Norris et. al. 2003, Poole 2006, Reese/Lewis 2009, Lee et. al. 2006 und Strömbäck et. al. 2008.

6 Robert Entman gilt als einer der bedeutendsten Forscher im Bereich des Framings und der politischen Kommunikationsforschung (vgl. Matthes 2014: 31).

7 B. Cohen, 1963, Englisch für: Die Presse ist wesentlich mehr als ein Informationslieferant. Es gelingt ihr vielleicht überwiegend nicht, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen, aber sie ist erstaunlich erfolgreich darin, ihren Lesern mitzuteilen worüber sie nachdenken sollen.

8 Rudolf W. Leonhardt, damaliger Feuilleton-Chef der Wochenzeitung DIE ZEIT, über den Spiegel in der Ausgabe 49/1961.

9 Englisch für: Person des Jahres.

10 Die zwei großen Parteien in den USA sind die demokratische und die republikanische Partei.

11 Medieninnovationen wie Radio, Fernsehen, Trennung von Nachricht und Kommentar, Massenpresse, Internet, die erste Zeitschrift oder der investigative Journalismus wurden in den USA begründet (vgl. Blum 2014: 264 f.).

12 Englisch für: Die vier Theorien der Presse.

13 Der Amerikaner Daniel C. Hallin und der Italiener Paolo Mancini entwickelten drei Modelle zum Verhältnis zwischen Medien und Politik (vgl. Blum 2014: 45) und schrieben darüber das Buch Comparing Media Systems (2004).

14 Das andere Extrem ist eine hundertprozentige Ausprägung in der Linie C, wie es etwa in Russland der Fall ist.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Der Anschlag auf Charlie Hebdo. Interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung
Untertitel
Der Spiegel (Deutschland), Economist (Großbritannien) und Time Magazine (USA) im Vergleich
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
79
Katalognummer
V378188
ISBN (eBook)
9783668570313
ISBN (Buch)
9783668570320
Dateigröße
1585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anschlag, charlie, hebdo, interkulturelle, unterschiede, gemeinsamkeiten, berichterstattung, spiegel, deutschland, economist, großbritannien, time, magazine, vergleich
Arbeit zitieren
Katja Scholz (Autor), 2016, Der Anschlag auf Charlie Hebdo. Interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378188

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