Antisemitismus bei Theodor W. Adorno


Hausarbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Aufklärung

3. Elemente des Antisemitismus
3.1 Der Liberalismus als Wegbereiter des Antisemitismus
3.2 Soziale und ökonomische Motive des Antisemitismus
3.3 Der religiöse Ursprung der Judenfeindschaft
3.4 Psychologische Aspekte des Antisemitismus

4. Antisemitismus verhindern und begegnen

5. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Wiesengrund Adorno (1903 – 1969) war ein deutscher Soziologe, Philosoph und Musiktheoretiker und einer der bekanntesten Vertreter des 1923 in Frankfurt am Main gegründeten Instituts für Sozialforschung1 (Horkheimer/Adorno 1993, Einband). Ursprünglich der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung verschrieben, entwickelte sich deren Programm unter der Leitung von Max Horkheimer zu dem, was seit Ende der 1950er Jahre als „Kritische Theorie der Frankfurter Schule“ bekannt sein sollte. Der Fokus lag nun mehr auf einer interdisziplinären Analyse der Gesellschaft (Vgl. Horkheimer 1988, S. 20ff.). Nachdem das IfS im Jahre 1933 vom Freistaat Preußen beschlagnahmt und aufgelöst wurde, verlegte es seinen Sitz an die Columbia University in New York (Wiggershaus 2010, S. 34ff.). Während Horkheimer schon 1934 ins amerikanische Exil umsiedelte, folgte ihm Adorno, nachdem er zuvor am Merton College in Oxford lehrte, als letzter Institutsangehöriger 1938 in die USA (ebd., S. 58).

Dort erarbeiteten Horkheimer und Adorno gemeinsam2 Anfang der 1940er Jahre ihr zentrales Werk und zugleich sicherlich eines der bedeutendsten für die Kritische Theorie: die „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente“. Was sich die Autoren hiermit vornahmen, „war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“, die schließlich in der nationalsozialistischen Massenvernichtung der Juden ihren tragischen Höhepunkt finden sollte (Horkheimer/Adorno 1993, S. 1). Die 1944 erstmals veröffentlichte „Dialektik der Aufklärung“ besteht aus fünf mehr oder weniger miteinander verbundenen, fragmentarischen Kapiteln. Ihr letztes und für die vorliegende Arbeit von primärem Interesse ist das Kapitel „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“, in welchem entlang von sieben Thesen3 – wie Adorno später sagen wird – „Elemente einer Gesamt-Theorie des Antisemitismus“ entwickelt werden sollen (Adorno 1964, S. 96f.). Bei den „Elementen“ handelt sich es sich demnach nicht um eine stringente, abgeschlossene Theorie, sondern lediglich um Bruchstücke, die sowohl für sich selbst als auch miteinander in Verbindung stehen. Ebenso ist zu bemerken, dass besagte Thesen an einen „Zeitkern“ gebunden und somit nicht als absolut zu setzen sind (Vgl. König 2016, S. 10). Für das IfS, gleichwohl für Adorno selbst, war der Antisemitismus als eines der Hauptprobleme der Gegenwart, ja gar – wie in den „Elementen“ eingangs formuliert – als „Schicksalsfrage der Menschheit“ anzusehen (DA, S. 23). Die Auseinandersetzung Adornos und Horkheimers mit dem Phänomen des Antisemitismus führte gar so weit, dass das IfS eine weitreichende Neuausrichtung erfuhr – „von der Theorie der ausgebliebenen Revolution“ hin zur „Theorie der ausgebliebenen Zivilisation“ (Wiggershaus 1986, S. 347).

Etwa zeitgleich und in unmittelbarem Zusammenhang mit den „Elementen des Antisemitismus“ stehend, entstand in Zusammenarbeit mit der University of California in Berkeley und finanziell unterstützt vom American Jewish Commitee in New York eine umfassende empirische Studie, die sich der Erforschung von Vorurteilen, insbesondere des Antisemitismus widmen sollte (Adorno 1982, Vorrede). Die Ergebnisse jener Untersuchungen erschienen erstmals 1949/1950 im von Max Horkheimer und Samuel H. Flowerman herausgegebenen fünfbändigen Werk „Studies in Prejustice“. Als wohl berühmtester Einzelband der Reihe gilt „The Authoritarian Personality“, an welchem Adorno maßgeblich beteiligt war. In diesem gingen die Autoren4 der Frage nach, welche Faktoren begünstigten, dass bestimmte Personen antidemokratische Ideen akzeptierten und andere nicht. Sie folgten bei ihrer Untersuchung primär der Hypothese,

„dass die Anfälligkeit für faschistische Propaganda weniger mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen per se zusammenhänge, sondern dass solche Meinungen als Reaktionen auf psychische Bedürfnisse zu verstehen, Ausdruck einer bestimmten, der autoritätsgebundenen Charakterstruktur seien.“ (ebd., Vorrede)

In der vorliegenden Arbeit soll nun der Versuch unternommen werden ein möglichst umfassendes (wenngleich dem Umfang der Arbeit geschuldet selbstredend nicht vollständiges) Bild von Adornos Theorie des Antisemitismus zu skizzieren. Hierzu soll im ersten Kapitel zunächst kurz auf den in der „Dialektik der Aufklärung“ zentralen und damit auch für Adornos Antisemitismusverständnis grundlegenden Begriff der Aufklärung eingegangen werden. Anschließend gilt es – vornehmlich entlang der „Elemente des Antisemitismus“5 – sowohl die sozialen, ökonomischen, politischen wie auch religiösen Ursprünge und Motive der Judenfeindschaft offenzulegen, um darauffolgend schließlich die psychologische (und von Adorno am ausführlichsten behandelte) Dimension des Antisemitismus in den Fokus zu stellen. Das letzte Kapitel sei wiederum jenen Vorstellungen Adornos gewidmet, wie antisemitische Denkmuster aufgebrochen und ihre Verbreitung unterbunden werden könnte.

2. Zum Begriff der Aufklärung

Für Adorno stellt der Begriff der Aufklärung das maßgebende Element dar, welches den Menschen aus seiner Unmündigkeit und damit die Gesellschaft in einen richtigen, „wahrhaft menschlichen Zustand“ hätte führen müssen (Horkheimer/Adorno 1993, S. 1). Doch angesichts der bis zur industriellen Massenvernichtung getriebenen antisemitischen Barbarei offenbarte sich ein unüberwindlicher Widerspruch. Stellt Aufklärung – hier zu verstehen sowohl als geistesgeschichtlicher Begriff als auch bezeichnend für die bürgerliche Bewegung der Gesellschaft – einerseits die Bedingung für die Befreiung des Menschen aus seinem Naturzusammenhang dar, ermöglicht eben jene Distanzierung des Subjekts vom Objekt zugleich die Unterwerfung des Menschen; er wird selbst zum Objekt von Herrschaft (Vgl. ebd., S. 19).

Die beiden zentralen Thesen der „Dialektik der Aufklärung“, die bereits in der Vorrede formuliert werden, lauten: „Schon der Mythos ist Aufklärung“ und „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“ (ebd., S. 6). Erstere weist darauf hin, dass die Menschheit bereits seit Beginn ihres Bestehens den Versuch unternahm, der ihr innewohnenden Furcht vor der drohenden Natur durch Aufklärung, durch die – an Max Weber angelehnte „Entzauberung der Welt“ – und somit letztlich durch Naturbeherrschung Einhalt zu gebieten (ebd., S. 9). So oblag schon Mythen die zentrale Aufgabe Funktionsweisen und Zusammenhänge zum Zwecke einer gewissen Vorhersehbarkeit und infolgedessen zum Schutz vor der Natur zu erklären.

Die zweite These, welche sich nun auf das Zeitalter der Aufklärung bezieht, unterstellt Aufklärung schließlich, ihr Ziel, den Menschen mit wahrhaftem Wissen, mit objektiver Vernunft6 auszustatten und ihn so zu emanzipieren, verfehlt habe (Vgl. ebd., S. 9). Denn anstatt die Wirklichkeit, die Wahrheit tatsächlich zu durchdringen, beschränkt sich der Mensch darauf von der Natur zu lernen, wie sie anzuwenden ist. Der einst vorherrschende Glaube an Dämonen und Opfergaben weicht nun – im Dienste der Wissenschaft – dem Glauben an Zahlen und Formeln (Vgl. ebd., S. 12). Alles wird berechenbar, verwertbar gemacht und unter abstrakte Kategorien subsumiert. Was anders, unerklärlich, neu ist, wird dabei ohne Rücksicht auf die Unterschiede „gleichgemacht“ (ebd., S. 16). Indem also Erkenntnis sich darauf beschränkt Neues als Vorbestimmtes erscheinen zu lassen und hiermit eigentlich nur das Alte, Bestehende wiederholt, „schlägt Aufklärung in die Mythologie zurück“ (ebd., S. 33f.).

Doch ebenso wie der Mensch durch Wissenschaft und Technik die Natur sich anzupassen und zu unterwerfen versucht, widerfährt Gleiches auch ihm. Je mehr Macht der Mensch dabei über die Natur zu gewinnen vermag, desto mehr entfernt er sich von eben jener und mithin zugleich von sich selbst. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, in welcher sich Herrschaft in Form der Arbeitsteilung manifestiert (Vgl. Horkheimer/Adorno, S. 28), wenige demnach aufgrund ihrer ökonomischen Überlegenheit über viele bestimmen, wird das Individuum „durch die unzähligen Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur“7 zugunsten der Gesellschaft konformiert (ebd., S. 35). Die Individualität jedes Einzelnen, seine Naturhaftigkeit, seine Wünsche und Bedürfnisse werden einzig zum Zwecke der Selbsterhaltung der Herrschaft verleugnet, sein Geist wird versachlicht und als „bloßes Mittel in den Dienst eines Bestehenden“ gestellt (ebd., S. 2). Das Subjekt wird ausgelöscht und dem Kollektiv unterstellt: „Die Weltherrschaft über die Natur wendet sich gegen das denkende Subjekt selbst, nichts wird von ihm übriggelassen […]. Subjekt und Objekt werden beide nichtig.“ (ebd., S. 32). In diesem Sinne, so Adorno, ist Aufklärung „totalitär“ (ebd., S. 43).

Dieser Zustand muss jedoch kein endgültiger sein. Indem Aufklärung sich auf ihre ursprüngliche Forderung „das Denken zu denken“ und somit auf die Etablierung einer objektiven, statt subjektiven Vernunft beruft (Horkheimer/Adorno, S. 31), die Natur – innere wie äußere – als Ursprung anerkennt und schließlich „das Prinzip der blinden Herrschaft“, beispielsweise in Form der Klassengesellschaft aufzugeben wagt, kann eine menschliche, richtige Gesellschaft8 möglich sein (ebd., S. 48).

3. Elemente des Antisemitismus

Im Folgenden soll nun versucht werden, vorwiegend entlang der in der „Dialektik der Aufklärung“ thesenhaft formulierten „Elemente des Antisemitismus“ die für Adorno relevanten Ursprünge, Bedingungen und Funktionen des Antisemitismus sowohl für die Gesellschaft als auch für den Einzelnen aufzuzeigen. Dabei sei bereits vorweggenommen, dass es sich bei Antisemitismus weder um ein isoliertes9 noch um ein monokausales Phänomen handelt. Hingegen sind sowohl politische, ökonomische, religiöse, rassistische, kulturelle als auch psychische Motive – durchaus miteinander verwoben – in ihm auszumachen. Antisemitismus ist darüber hinaus nicht nur in der jüngeren Geschichte zu finden, sondern reicht bereits bis in die Anfangszeit der Rationalität zurück; es handelt sich bei ihm um ein „der Zivilisation innewohnende[s] Leiden“ (DA, S. 25). Um Antisemitismus verstehen zu können, genügt es für Adorno deshalb nicht sich auf eine Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation sowie auf rationalistische und funktionalistische Erklärungsansätze zu beschränken. Es bedarf stattdessen des Entwurfs einer „Urgeschichte des Antisemitismus“, einer genealogischen Erklärung10 (Horkheimer/Adorno, S. 7).

3.1 Der Liberalismus als Wegbereiter des Antisemitismus

Die erste These der „Elemente des Antisemitismus“ führt in die Thematik mit einer Gegenüberstellung der liberalen und der faschistischen Haltung ein. Für die Faschisten stellen die Juden die „Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“ dar, von deren „Ausrottung […] das Glück der Welt abhängen“ soll (DA, S. 23). Stigmatisiert und kollektiviert werden die Juden zum „absolute[n] Objekt“ der Herrschaft bestimmt, „mit dem bloß noch verfahren werden soll“ (ebd.). Für die Liberalen hingegen unterscheiden sich die Juden nicht durch rassische Merkmale, sondern lediglich darin eine andere „religiöse Meinung und Tradition“ zu teilen (ebd.). Indem sie sich assimilierten, könnten sie jene Unterschiede beseitigen und Teil der Gesellschaft werden. Sowohl im Faschismus als auch im Liberalismus findet demnach eine Abgrenzung der Juden als homogene Gruppe statt, wenngleich Motive und Umgang damit unterschiedlich ausfallen.

Beide Haltungen sind gemäß Adorno „wahr und falsch zugleich“ (ebd., S. 23). Die faschistische Doktrin ist wahr, da der Faschismus sie mit der Allgegenwärtigkeit des Antisemitismus und der daraus resultierenden tatsächlichen Verfolgung der Juden wahr machte. Er – als „falsche gesellschaftliche Ordnung“ – produziert den „Vernichtungswillen“ gegen die Juden „aus sich heraus“ (ebd.), ungeachtet dessen, wie die zur Verfolgung freigegebene Gruppe sich tatsächlich verhält. Die liberale Haltung dagegen – individuelle soziale, politische und wirtschaftliche Freiheit und Gleichheit propagierend – ist „wahr als Idee“, in dem Sinne, dass sie das Bild einer wahren Gesellschaft beinhaltet, einer solchen, „in der nicht länger Wut sich reproduziert“ (ebd.). Problematisch ist jener Ansatz jedoch deshalb, da er annimmt, dieses Ideal von einer „Einheit der Menschen“ bereits verwirklicht zu haben (ebd.)11. Damit wird einerseits die Tendenz der gegenwärtigen Gesellschaft zum Faschismus und folglich die Bedeutung und Gefahr des Antisemitismus unterschätzt. Zum anderen wird hierdurch ausgeblendet, das jene Juden, die sich nicht oder nicht gänzlich der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft anpassen und an „ihrer eigenen Ordnung“ festhalten, die Allgemeinheit „kompromittiere[n]“ und aufgrund dessen des Wohlwollens sowie des Schutzes seitens der Herrschenden bedürfen, womit schließlich ihre Stellung als gesellschaftlich Ausgegrenzte manifestiert wird (ebd.).

Darüber hinaus erfolgt die Assimilation der Juden zu einer Zeit, in welcher Natur und demzufolge auch Rasse aufgrund der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft eine wachsende Bedeutung zukommt. Zugehörigkeit zur liberalen, bürgerlichen Gesellschaft ist nun weniger eine Frage der Anpassung, sondern vielmehr eine des Blutes: Die „Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums“, die gewaltsame Sicherstellung der „Harmonie der Gesellschaft“ erfolgt nun über die Definition als „Volksgemeinschaft“, welche zwangläufig einhergeht mit dem Ausschluss derer, die aufgrund ihrer naturgegebenen Andersartigkeit – also unabhängig einer Assimilation – nicht dazugehören (DA, S. 24). Der Antisemitismus und mithin die Verfolgung der Juden sind somit untrennbar mit dem Liberalismus verbunden12: „Sie meinten, der Antisemitismus erst entstelle die Ordnung, die doch in Wahrheit ohne Entstellung der Menschen nicht leben kann.“ (ebd.).

3.2 Soziale und ökonomische Motive des Antisemitismus

Dem Volk brachte der Antisemitismus keinerlei nennenswerten materiellen Nutzen, da sich aus den Enteignungen jüdischer Menschen fast ausschließlich die Führungselite bereichern konnte (Vgl. ebd.). Er scheint demgemäß für das Volk in ökonomischer Hinsicht sinnlos zu sein. Wozu also diente der Antisemitismus den Massen? Für Adorno liegt die Antwort in der „Gleichmacherei“ derer, „die keine Befehlsgewalt haben [die Juden]“; ihnen „soll es ebenso schlecht gehen wie dem Volk“ (ebd.). Es geht den Antisemiten demnach nicht darum genauso gut leben zu wollen, wie jene, denen es besser geht. Nicht materiellen Gewinn und Wohlstand streben sie an. Die Ahnung davon, wirtschaftlich mit dem Antisemitismus nichts gewinnen zu können, steigert gar noch dessen Attraktivität (Vgl. DA, S. 24). Sein „reale[r] Vorteil“ für das Volk war hingegen „halbdurchschaute Ideologie“: Er hilft den Massen, ihrem „Drang nach Vernichtung“ Raum zu geben, er dient ihnen als Ventil für ihre Wut darüber, um ihren gerechten Anteil gebracht worden zu sein: „Der eigentliche Gewinn […] ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv. […] Für das Volk ist er [der Antisemitismus] ein Luxus.“ (ebd.). Die Frustration – der Versagung ökonomischer Bedürfnisse entspringend – wird letztlich zu Aggression, die sich gegen jene richtet, die widerspiegeln, was als „Glück ohne Macht“ und somit als Glück überhaupt verstanden wird (ebd., S. 26).

Offenkundiger liegt indessen der Zweck, den die Herrschenden sich vom Antisemitismus versprechen: „Er wird als Ablenkung, billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel verwandt.“, kommt ihnen demzufolge auf politscher Ebene zu Gute (ebd., S. 24). Der Grund für den „bürgerliche[n] Antisemitismus“ ist dabei ein ökonomischer: „die Verkleidung der Herrschaft in Produktion“ (ebd., S. 26). In einer Gesellschaft, in welcher „das Geschäft die ganze Politik“ ist (ebd.), alles zur Ware wird, Markt und Staat gänzlich ineinander übergehen, wird Herrschaft aus ökonomischer Sicht obsolet. War Herrschaft früher „unmittelbar repressiv“, d.h. Arbeit wurde ausschließlich jenen zugemutet, die gesellschaftlich unten standen, „verwandelt sich im Merkantilismus der absolute Monarch in den größten Manufakturherrn. Produktion wird hoffähig.“ (ebd.). Doch die Arbeit derer, die über die Produktionsmittel verfügen, beruht auf der Produktionsleistung anderer. Der „Fabrikant“ bleibt somit ein „Raffende[r]“13 (ebd.). Dieser Umstand ist indes nicht nur ihm bewusst. Um zu verhindern, von den Ausgebeuteten als Ausbeuter erkannt zu werden und folglich das Fortbestehen seiner Herrschaft sicherzustellen, benötigt er einen „Sündenbock“, dem er „das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse“ aufbürden kann (ebd., S. 27).

Die Juden bieten sich hierfür aus zweierlei Gründen an. Sie stehen einerseits, wie kaum ein anderer, für die Sphäre der Zirkulation, in die sie seit Jahrhunderten eingesperrt waren14. Jene ist es schließlich, die dem Arbeiter im Tauschgeschäft vor Augen führt, was ihm an Lohn vorenthalten wird: „Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben. Jener ist der Gerichtsvollzieher fürs ganze System […].“ (ebd.). Dass der Betrug an den Arbeitern unterdessen nicht erst im Tauschhandel, sondern bereits im Produktionsprozess stattfindet, soll ihnen verschleiert bleiben: „Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein.“ (ebd.). Zweitens waren die Juden – als „Kolonisatoren des Fortschritts“ und deshalb von jenen verhasst, die unter dem kapitalistischen System besonders zu leiden hatten – ökonomisch und politisch macht- und gesellschaftlich schutzlos, stets abhängig von Wohlwollen und Schutz der Herrschenden und des Staates (ebd., S. 28). Die Juden – im fortschreitenden Prozess der Besinnung auf Natur und Rasse nunmehr zum homogenen Kollektiv, zur „Spezies degradiert“ – blieben nicht minder als zuvor der „Gnade ausgeliefert“ und stellen damit das perfekte Opfer dar (ebd.)15. Bei bürgerlichem Antisemitismus geht es hingegen nicht nur darum, einen Schuldigen auszumachen, um die eigene Herrschaft zu bewahren. Für Adorno ist er vielmehr Ausdruck eines „Selbsthass[es], das schlechte Gewissen des Parasiten“, des bürgerlichen Fabrikanten, dem gewahr wird, dass der Vorwurf, den er dem Juden macht, eigentlich ihn selbst trifft (ebd.).

[...]


1 Folgend abgekürzt mit „IfS“

2 Horkheimer und Adorno gaben selbst wiederholt an, die „Dialektik der Aufklärung“ gemeinsam verfasst zu haben, was jedoch mitunter umstritten ist. (Vgl. König 2016, S. 201ff.)

3 In der ursprünglichen Fassung waren es zunächst nur sechs Thesen. Die siebte wurde 1947 nachträglich hinzugefügt. Darüber hinaus ist zu erwähnen, dass die ersten drei Thesen unter der Beteiligung von Leo Löwenthal verfasst wurden. (Vgl. Horkheimer/Adorno 1993, S. 7)

4 Neben Adorno gehörten auch die amerikanischen ForscherInnen Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford zu den Autoren. Späteren Erkenntnissen zufolge ist ebenfalls der Anteil Erich Fromms sowohl an der theoretischen als auch empirischen Arbeit nicht zu unterschätzen. (Vgl. Fahrenberg/Steiner 2004)

5 Wenn folgend aus den „Elemente[n] des Antisemitismus“ zitiert wird, dient hierfür stets der Quellentext in König (2016), S. 23-51 als Grundlage. Der Hinweis ist dann wie folgt gekennzeichnet: „DA, S. X.“

6 Objektive, allgemeine Vernunft steht bei Horkheimer der subjektiven, instrumentellen Vernunft (zum Zweck der Eigennützlichkeit) gegenüber (Vgl. Horkheimer 1947: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft). In der Dialektik der Aufklärung wird der Begriff der Vernunft jedoch weitestgehend synonym für beide Formen verwendet.

7 Vgl. Adornos Begriff der „Kulturindustrie“ (Horkheimer/Adorno, S. 128ff.)

8 Eine solche, emanzipierte Gesellschaft wäre im Sinne Adornos „die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“. (Adorno 1951, S. 66)

9 Antisemitismus ist vielmehr Teil des faschistischen Systems, des „faschistischen Tickets“ (Horkheimer/Adorno, S. 46).

10 Adorno ging es hierbei nicht darum einen bloßen historischen Abriss zu zeichnen, sondern vielmehr darum die zum Teil weit zurückliegenden Herkünfte und Ursprünge des Antisemitismus auf dem „Umweg der Historisierung“ offen zu legen und in Bezug zur Gegenwart zu setzen. (Vgl. König 2016, S. 246f.)

11 In „Minima Moralia“ hält Adorno diesbezüglich fest: „Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. […] Dass alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser [der faschistischen Herrschaft] so passte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, dass man es noch nicht weit genug gebracht hat; dass irgendetwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist.“ (Adorno 1951, S. 66)

12 So heißt es an späterer Stelle der „Elemente“ auch: „Sie [die Antisemiten] waren zuletzt Liberale, die ihre anti-liberale Meinung sagen wollten.“ (DA, S. 46).

13 Adorno greift hier die – unter Antisemiten auch heute noch durchaus gängige – Unterscheidung von „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital auf, nach welcher „schaffendes“ Kapital auf „ehrlicher“, produktiver Arbeit beruht, „raffendes“ hingegen mit der abstrakten Sphäre der Zirkulation, also dem Warentausch und der Finanzwelt gleichgesetzt wird (Vgl. Benz 2001, S. 13ff.)

14 Vgl. Seidel, Ingolf (2004): Die Fixierung der Juden in der Zirkulation. Online unter: http://www.hagalil.com/antisemitismus/kritische-theorie/041.htm

15 Hierin zeigt sich beispielhaft die Dialektik der Aufklärung: So werden die Juden einerseits mit dem wirt-schaftlichen und geistigen Fortschritt (dem Zivilisationsprozess) assoziiert, anderseits büßen sie ihre Individualität im homogenen Kollektiv ein und werden so wieder auf ihre Natur reduziert.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Antisemitismus bei Theodor W. Adorno
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V499873
ISBN (eBook)
9783346030825
ISBN (Buch)
9783346030832
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus Frankfurter Schule Adorno Kritische Theorie Horkheimer, Judenfeindschaft, Nationalsozialismus, Auschwitz
Arbeit zitieren
Katharina Jäger (Autor), 2019, Antisemitismus bei Theodor W. Adorno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/499873

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