Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Wie kann die Prävention von Adipositas in der Schule gelingen?


Fachbuch, 2020

71 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitun

2 Adiposita
2.1 Definition und Klassifikation
2.2 Adipositas im Kindes- und Jugendalter

3 Prävalenz der Adiposita

4 Entstehungs- und Einflussfaktoren der Adiposita
4.1 Genetische Faktoren
4.2 Psychosoziale Faktoren
4.3 Sozioökonomische Faktoren

5 Folgen der Adiposita
5.1 Medizinische Folgen
5.2 Psychosoziale Folgen

6 Gesundheitsförderung und Prävention im Schulkontex
6.1 Gesundheit
6.2 Prävention
6.3 Gesundheitsförderung
6.4 Das Setting Schule

7 Präventionskonzepte im Setting Schul
7.1 TOPP
7.2 URMEL-ICE
7.3 Komm mit in das gesunde Boot – Grundschule
7.4 Kieler Adipositas-Präventionsstudie

8 Fazi

Literaturverzeichni

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Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Jungen 0-18 Jahre)

Abbildung 2: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Mädchen 0-18 Jahre)

Abbildung 3: Adipositas bei Jungen und Mädchen in KiGGS nach Altersgruppen

Abbildung 4: Adipositas bei Mädchen in KiGGS nach Altersgruppen und Sozialstatus

Abbildung 5: Adipositas bei Jungen in KiGGS nach Altersgruppen und Migrationshintergrund

Abbildung 6: Folgeschäden bei Kindern und Jugendlichen

Abbildung 7: Verhältnis von Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention

Abbildung 8: Übersicht über verhältnisbezogene Maßnahmen der schulischen Adipositasprävention

Abbildung 9: Unterscheidung von Interventionen der Primärprävention nach Kontextbezug

Abbildung 10: Wirksame schulbasierte Maßnahmen

Abbildung 11: Universelle Programme zur Primärprävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter

1 Einleitung

Adipositas und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen stellen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern ein immer größer werdendes Problem dar. Waren es bis vor ein paar Jahren hauptsächlich Erwachsene, so sind mittlerweile auch viele Kinder und Jugendliche von Übergewicht und Adipositas betroffen. Seit den letzten Jahrzehnten lässt sich ein stetiger Anstieg der Prävalenz für Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland feststellen, sodass das Thema Adipositas vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit gerät. Seit 1985 ist der Anteil der adipösen und übergewichtigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland um 50 % gestiegen. Kurth und Schaffrath-Rosario (2007) sprechen sogar von einer weltweiten „Übergewichtsepidemie“ (Kurth & Schaffrath-Rosario, 2007, S. 736). In der Wissenschaft ist man sich einig, dass es sich bei der Entstehung der Adipositas um einen multifaktoriellen Zusammenhang handelt. Insbesondere scheinen ein niedriger sozialer Status, Übergewicht oder Adipositas der Eltern und ein Migrationshintergrund Einfluss auf die Prävalenz der Adipositas bei Kindern zu nehmen (vgl. RKI, 2008, S. 45/46). Zudem scheint es so, dass die Kinder in eine „adipogene Umwelt“ hineingeboren werden, durch die das Ernährungs- und Bewegungsverhalten negativ beeinflusst wird. Aus medizinischer Sicht ergeben sich aus der kindlichen und juvenilen Adipositas schwerwiegende Folgen. Als Folgeerkrankungen können unter anderem gesundheitliche Risiken wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus Typ-II und Schädigungen des Skelettsystems bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten (vgl. Wabitsch & Kiess, 2013, S. 374). Um diesen Folgen entgegen zu wirken, scheint eine Prävention im Kindes- und Jugendalter von besonderer Bedeutung zu sein.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Frage, in welcher Art und Weise das Setting Schule zur Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter beitragen kann. Dazu wird im zweiten Kapitel die Begrifflichkeit der Adipositas, die Methoden zur Feststellung und die Besonderheiten im Kindes- und Jugendalter erläutert, um die Grundlagen für das Verständnis für den weiteren Verlauf der Arbeit zu schaffen. Anhand des dritten, vierten und fünften Kapitels, welche sich mit der Prävalenz, den Entstehungs- und Einflussfaktoren und den Folgen der Adipositas beschäftigen, wird deutlich, welche Bedeutung der Adipositasprävention heutzutage zukommt. Von dem Begriff der Gesundheit, Strategien der Gesundheitsförderung und der Prävention im Setting Schule handelt das sechste Kapitel, in welchem unter anderem eine Unterscheidung von Verhältnis- und Verhaltensprävention, eine Übersicht über verhältnisbezogene Maßnahmen im Setting Schule und die Gründe für schulische Primärprävention dargestellt werden. In der Literatur finden sich eine Vielzahl von Präventionskonzepten im Setting Schule, von denen im siebten Kapitel ausgewählte Programme tabellarisch dargestellt werden, umso einen Einblick in die Bandbreite der Interventionen zu geben. Anschließend erfolgt eine Vorstellung von vier Programmen der schulischen Primärprävention und eine Auswertung der Ergebnisse. Schlussendlich erfolgt ein Gesamtüberblick, der die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit hervorhebt.

2 Adipositas

Im Folgenden wird unter 2.1 der Begriff der Adipositas im Allgemeinen thematisiert, woraufhin unter 2.2. die Besonderheiten der Adipositas im Kindes- und Jugendalter vorgestellt werden.

2.1 Definition und Klassifikation

Oftmals werden die Begriffe Adipositas und Übergewicht in der Literatur als Synonyme verwendet. Aus medizinischer Sicht müssen die Begriffe jedoch unterschieden werden. Von Adipositas spricht man, wenn der Körperfettanteil gegenüber der Gesamtkörpermasse erhöht ist. Man spricht hier von einer pathologischen Vermehrung des Fettgewebes. Übergewicht liegt vor, wenn das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße erhöht ist (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 3). In vielen Fällen geht Adipositas mit Übergewicht einher. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber nicht, dass Übergewichtige unbedingt adipös sind. Zur Messung der Adipositas muss das Ausmaß der Fettmasse festgestellt werden. Es gibt eine Vielzahl von Verfahren zur Messung des Körperfettanteils, wie zum Beispiel die Messung der Hautfaltendicke, die Bioelelektrische Impedanzanalyse und Ultraschalluntersuchungen. Des Weiteren gibt es Verfahren, die weitaus kostenintensiver und aufwendiger sind. Hierzu zählen unter anderem DEXA, Densitometrie (das Wiegen unter Wasser) und Magnetresonanztomographie (vgl. ebd., S. 3). Da die exakte Bestimmung der Körperfettmasse ausschließlich anhand von kostspieliger und aufwendiger Verfahren geleistet werden kann, hat sich in der Praxis die Ableitung durch den Body Mass Index (BMI) verbreitet. Hierzu werden lediglich die Parameter Körperhöhe und Körpergewicht benötigt. Die Berechnung erfolgt, indem man das Körpergewicht (kg) durch die quadrierte Größe (m²) dividiert (vgl. Dinges, 2003, S. 16).

BMI = Körpergewicht (kg) / Quadrat der Körpergröße (m²)

Der BMI beschreibt nicht die Verteilung der Fettmasse, sondern ist nur ein indirektes Maß der Fettmasse. So könnten nach dieser Formel Menschen mit hoher Muskelmasse als übergewichtig oder sogar adipös gelten. Daher kann die BMI-Methode nur begrenzt Aussage über das Vorkommen von Adipositas und Übergewicht treffen. Seitdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahre 2000 eine Definition und Klassifikation auf Basis des BMI publiziert hat, findet diese weltweit Anklang. Demnach spricht man bei Erwachsenem mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 kg/m² von Normalgewicht. Ab einem Wert von 25 kg/m² gelten Erwachsene als übergewichtig, ab 30 kg/m² als adipös. Adipositas ist in drei Schweregrade aufgeteilt: Adipositas Grad I (30 bis 34,9 kg/m²), Adipositas Grad II (35 bis 39,9 kg/m²) und Adipositas Grad III (über 40 kg/m²) (vgl. Hauner, 2013, S. 2). Bei der Risikobewertung der Adipositas spielt neben der erhöhten Fettmasse auch die Verteilung eine wichtige Rolle. Die Fettverteilungsmuster bringen unterschiedliche gesundheitliche Risiken mit sich und festigen sich gegen Ende der Pubertät. Sie sind genetisch bestimmt und unterscheiden sich bei Männern und Frauen. Einerseits gibt es die weibliche, gynoide Form, die auch Birnentyp genannt wird. Kennzeichnend hierfür sind Fettdepots an Hüfte, Oberschenkel und Gesäß. Bei der männlichen, androiden Form, die auch Apfeltyp genannt wird, befindet sich das Fettgewebe häufig in der Bauchregion (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 5/6). Diese Form der Fettverteilung weist eine Erhöhung des viszeralen Fettanteils auf. Ferner besteht ein erhöhtes Risiko für metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen (vgl. Hauner, 2013, S. 3). Durch die Messung des Taillenumfanges kann das Fettverteilungsmuster und das viszerale Fettgewebe ermittelt werden. Hierbei wird ein Maßband horizontal mittig zwischen dem oberen Rand des Rippenbogens und Beckenkamm gelegt. Gemessen wird am Ende der Ausatmung. Ab einem Taillenumfang von ≥102 cm bei Männern und ≥ 88 cm bei Frauen spricht man von abdomineller Adipositas (vgl. ebd., S. 3/4).

2.2 Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Die Childhood Group der International Obesity Task Force (IOTF), die European Childhood Obesity Group und auch die AGA (Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter) empfehlen zur Bestimmung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter die BMI-Methode. Da bei Kindern und Jugendlichen die Körperzusammensetzung bedingt durch die Pubertät und das Wachstum stark schwankt, sind alters- und geschlechtsbezogene BMI-Perzentile erforderlich. Alter und Geschlecht müssen somit bei der Berechnung der Adipositas berücksichtigt werden. „Die Perzentile gibt an, wie viel Prozent der gleichaltrigen und gleichgeschlechtlichen Kinder einen niedrigeren oder gleich hohen BMI-Wert aufweisen (P97 bedeutet, dass 97 Prozent niedrigere oder gleich hohe BMI-Werte aufweisen)“ (Warschburger, Petermann & Fromme, 2005, S. 13). In Abhängigkeit von Alter und Geschlecht hat die AGA Referenzwerte, sogenannte Perzentiltabellen entwickelt, mit der das Risiko von Adipositas und Übergewicht eingeschätzt werden kann. Diese sind 2001 nach Frau Dr. Kromeyer-Hauschild veröffentlicht worden (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 4-5). Zur Berechnung der Perzentile wurde die LMS-Methode von Cole (1990) angewendet. Hierbei wurden bereits vorhandene Daten über Körpergröße und Körpergewicht von 17.147 Jungen und 17.275 Mädchen im Alter von null bis 18 Jahren hinzugezogen und auf deren Grundlage Grenzwerte für deutsche Kinder und Jugendliche ermittelt (vgl. ebd., S. 5). Die Daten wurden in verschiedenen Untersuchungen zwischen 1985 und 1999 ermittelt. Ab einem BMI-Wert oberhalb des 90. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils der Referenzpopulation gilt ein Kind demnach als übergewichtig. Bei einem BMI-Wert über dem 97. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentil spricht man von Adipositas und ab einem BMI-Wert von über 99,5 Perzentile von extremer Adipositas (vgl. Warschburger, Petermann & Fromme, 2005, S. 14). Die folgenden Abbildungen 1 und 2 zeigen die, von der AGA empfohlenen, Perzentilkurven zur Klassifikation der Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Jungen 0-18 Jahre)

Quelle: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Jungen 0-18 Jahre) nach Kromeyer-Hauschild, Wabitsch & Kunze (2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Mädchen 0-18 Jahre)

Quelle: Perzentilkurven für den Body Mass Index (Mädchen 0-18 Jahre) nach Kromeyer-Hauschild, Wabitsch & Kunze (2001)

3 Prävalenz der Adipositas

Die Prävalenz der Adipositas im Kindes- und Jugendalter hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Repräsentative Angaben darüber gab es in Deutschland lange Zeit nicht. 2006 konnte das Robert Koch-Institut (RKI) diese Lücke durch die Veröffentlichung der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) schließen. Die epidemiologische Studie wurde von Mai 2003 bis Mai 2006 durchgeführt. Bundesweit wurden die Daten zum Gesundheitszustand von 17.641 Kindern und Jugendlichen im Alter von null bis 17 Jahren, davon 8.985 Jungen und 8.656 Mädchen, erhoben. Die Körpergröße und das Körpergewicht der Studienteilnehmer wurden gemessen und anhand der BMI-Methode wurde die Klassifizierung vorgenommen. Für die Auswertung der vorliegenden Daten wurden die Referenzwerte nach Kromeyer-Hauschild et al. angesetzt (vgl. Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 646/647). Im Rahmen der KiGGS-Studie konnte festgestellt werden, dass 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig und ca. 6,3 % sogar adipös sind. Wenn man diese Prozentzahlen auf absolute Werte für die gesamte Bundesrepublik umrechnet, entspricht das in etwa einer Zahl von 1,9 Millionen Übergewichtigen und ca. 800.0000 adipösen Kindern und Jugendlichen. Nach der Altersklasse kategorisiert, ergeben sich folgende Ergebnisse: 2,9 % der Drei- bis Sechsjährigen, 6,4 % der Sieben- bis Zehnjährigen und 8,5 % der 14- bis 17-Jährigen sind an Adipositas erkrankt. Es ist zu erkennen, dass die Prävalenz der Adipositas mit zunehmenden Alter steigt. Der Anteil adipöser Kinder und Jugendlicher im Alter von 14- bis 17 Jahren hat sich sogar fast verdreifacht. Zudem leiden laut des Robert Koch-Instituts 6,2 % der Drei- bis Sechsjährigen, 9,0 % der Sieben- bis Zehnjährigen und 8,6 % der 14- bis 17-Jährigen an Übergewicht (vgl. Kurth & Schaffrath-Rosario, 2007, S. 737). Bei der Verteilung der Adipositas ist kein deutlicher Unterschied zwischen Jungen und Mädchen erkennbar (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Adipositas bei Jungen und Mädchen in KiGGS nach Altersgruppen

Quelle: Eigene Graphik nach Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 738

Im Vergleich zu Ergebnissen aus den Jahren zwischen 1985 und 1999 ist der Anteil an adipösen und übergewichtigen Kindern und Jugendlichen um 50 % gestiegen (vgl. ebd., S. 737). Die Verbreitung von Adipositas steigt mit zunehmenden Alter. Die steigende Anzahl der Prävalenz im Grundschulalter erklärt das Robert Koch-Institut aufgrund einiger Risikofaktoren. Das könnten unter anderem ein ungünstiges Ernährungsverhalten und eine inaktive Gestaltung der Freizeit sein, da die Kinder in der Regel bis zum Nachmittag in der Schule sind. Oftmals führt eine Kopplung der Verhaltensweisen zu Übergewicht oder auch zu Adipositas (vgl. RKI, 2006, S. 29). Des Weiteren wurden im Rahmen der KiGGS-Studie Angaben der Eltern zu ihren beruflichen Qualifikationen und Haushaltsnettoeinkommen aufgenommen. Aufgrund dessen fand eine Einteilung in eine von drei Statusgruppen statt. So konnte ein Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand und der sozialen Lage hergestellt werden (vgl. Schmidt, 2008, S. 126). Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien weisen ein höheres Risiko für Adipositas und Übergewicht auf als Kinder aus sozial starken Familien (siehe Abbildung 4). In allen Altersklassen ist dieser Zusammenhang bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen. Der Anteil der adipösen Mädchen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus im Alter von 14-17 Jahren ist beispielsweise dreimal so hoch wie der Anteil der Mädchen aus sozial starken Familien (vgl. RKI, 2008, S. 42).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Adipositas bei Mädchen in KiGGS nach Altersgruppen und Sozialstatus

Quelle: Eigene Graphik, nach Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 648

Zudem konnte durch die KiGGS-Studie eine Korrelation zwischen dem Migrationshintergrund und dem Vorkommen der Adipositas hergestellt werden. Es zeigte sich, dass Kinder mit Migrationshintergrund häufiger von Übergewicht und Adipositas betroffen sind als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund. Der Anteil der Mädchen ohne Migrationshintergrund im Alter von sieben bis zehn Jahren liegt bei 4,8 %. Der Anteil der Mädchen im selben Alter aus Familien mit Migrationshintergrund liegt hingegen bei 10 %. Das bedeutet, dass mehr als doppelt so viele Mädchen erkrankt sind. Bei Jungen in derselben Altersstufe liegen die Werte bei 6,1 % zu 11,4 % (siehe Abbildung 5). Auch diese Ergebnisse weisen einen fast doppelt so hohen Anteil an Adipositas leidenden Migranten im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund auf (vgl. Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 649).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Adipositas bei Jungen in KiGGS nach Altersgruppen und Migrationshintergrund

Quelle: Eigene Graphik nach Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 649

Regional lässt die KiGGS-Studie einen Ost-West-Vergleich zu. Es sind allerdings keine signifikanten Unterschiede bei der Verbreitung von Adipositas und Übergewicht bei Jungen und Mädchen zwischen Ost- und Westdeutschland zu konstatieren. Einzig bei der Gruppe der Drei- bis Sechsjährigen ist der Anteil adipöser Kinder in Ostdeutschland leicht erhöht im Gegensatz zum Westen (4,3 % zu 2,6 %). Insgesamt ist dieser Wert aber nicht signifikant, da bei dieser Altersgruppe in Ostdeutschland 10,2 % der Kinder und 8,9 % der Kinder in Westdeutschland an Übergewicht leiden (vgl. Kurth & Schaffrath-Rosario, 2007, S. 738). Diese Aussage wird zusätzlich durch Schuleingangsuntersuchungen aus den Jahren 2005 und 2006 bestätigt. Der höchste Wert für Adipositas liegt in Mecklenburg-Vorpommern. Dieser beträgt 6,0 %, der niedrigste Wert bei 3,8 % in Rheinland-Pfalz. Die Werte der adipösen Kinder liegen in Sachsen bei 3,9 %, in Brandenburg bei 4,1 % und in Baden-Württemberg bei 4,7 %. Folglich kann nicht von einem Ost-West-Unterschied gesprochen werden. Allerdings ist bei den Schulanfängern ein Nord-Süd-Gefälle deutlich wahrzunehmen (vgl. Helmert et al., 2011, S. 51).

Insgesamt kann festgehalten werden, dass 6,3 % der Kinder und Jugendlichen zwischen Drei- und Siebzehnjahren in Deutschland adipös sind. Auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hochgerechnet, entspricht das einer Zahl von 800.000 Betroffenen. Mit zunehmendem Alter nimmt die Verbreitung der Adipositas zu. Sie beträgt bei den Drei- bis Sechsjährigen 2,9 %, steigt über 6,4 % bei den Sieben- bis Zehnjährigen bis auf 8,5 % bei den 14- bis 17-Jährigen an. Geringe Differenzen zeigen sich hinsichtlich der Geschlechter und im Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Vergleich zu der Referenzpopulation aus den Jahren 1985 bis 1999 ist die Anzahl der adipösen Kinder und Jugendlichen um 50 % gestiegen (vgl. Kurth & Schaffrath-Rosario, 2007, S. 737/738). Im Rahmen der KiGGS-Studie konnte zudem ein höheres Risiko für Adipositas bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus und bei Kindern mit Migrationshintergrund erkannt werden (vgl. RKI, 2008, S. 42).

4 Entstehungs- und Einflussfaktoren der Adipositas

Adipositas kann in zwei Typen unterschieden werden, in die primäre und die sekundäre Adipositas. Von primärer Adipositas spricht man, wenn der Adipositas keine andere Grundkrankheit zugrunde liegt. Wenn die Ursache der Adipositas eine andere Primärkrankheit ist, spricht man von sekundärer Adipositas. Dazu gehören unter anderem genetische Syndrome mit konstitutiver Adipositas wie zum Beispiel das Prader-Willi-Syndrom, das Bardet-Biedl-Syndrom, das Börjeson-Forssman-Lehmann-Syndrom und der Pseudohypoparathyreoidismus. Ferner kann Adipositas ein Symptom genetischer Syndrome mit Makrosomie, wie zum Beispiel dem Wiedemann-Beckwith-Syndrom, dem Sotos-Syndrom oder dem Simpson-Golabi-Behmel-Syndrom sein (vgl. Wabitsch, 2015, S. 248-251). Zur Entstehung der Adipositas können verschiedene Einflussfaktoren beitragen. Bei der primären Adipositas spricht man in der Regel von einem multifaktoriellen Leiden, wobei die Ursachen zur Entstehung der Adipositas im Wesentlichen von Umweltfaktoren und der genetischen Prädisposition beeinflusst werden. Liegt ein Risikofaktor vor, bedeutet dies nicht automatisch, dass ein Mensch an Adipositas erkrankt. Es besteht lediglich eine höhere Wahrscheinlichkeit, an dem Leiden zu erkranken. Die deutliche Zunahme der Prävalenz der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen liegen „bei sich ändernden gesellschaftlichen Faktoren und veränderten Lebensbedingungen, die das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung deutlich beeinflusst haben“ (Wabitsch, 2015, S. 248). Adipositas entsteht, wenn ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch vorherrscht. Das Ungleichgewicht der Energie wird durch zusätzliche Faktoren wie genetische, psychosoziale und sozioökonomische Prädispositionen begünstigt (vgl. ebd., S. 250). Im Folgenden werden die Risikofaktoren thematisiert.

4.1 Genetische Faktoren

„Die genetische Prädisposition resultiert aus der Wirkung aller Genvarianten (Allele) eines Individuums auf Energiezufuhr, -aufnahme und -verbrauch“ (Hebebrand, Wermter & Hinney, 2005, S. 28). Die Genvarianten können in unterschiedlichen Maßen auf das Körpergewicht einwirken. Sie nehmen Einfluss auf den Stoffwechsel und das Verhalten. In welchem Ausmaß, unter welchem Umweltbedingungen und wann die Adipositas entsteht, steuern unter anderem Allele, die sich in ihrer Art und Anzahl individuell unterscheiden. Darüber hinaus beeinflussen die genetischen Faktoren den Schweregrad und die Art der Folgeerkrankungen der Adipositas (vgl. ebd., S. 28). Ergebnisse formalgenetischer Studien zeigen, dass genetische Faktoren bei der Entstehung der Adipositas einen Anteil von 50-80 % der Varianz des BMI erklären (vgl. ebd., S. 31). Das Risiko bei Kindern an Adipositas zu erkranken, deren Eltern adipös sind, liegt bei 80 %. Die Wahrscheinlichkeit bei Kindern schlanker Eltern liegt bei nur 20 %. Durch verschiedene Zwillings- und Adoptionsstudien und Familienuntersuchungen können diese Ergebnisse bestätigt werden und auf familiäre Einflüsse zurückgeführt werden (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 19). Stunkhard et al. (1990) konnten durch Zwillingsstudien herausfinden, dass das Körpergewicht eineiiger Zwillinge, unabhängig davon, ob sie gemeinsam oder getrennt aufwuchsen, sich stark ähnelte. Trotz unterschiedlicher Umwelteinflüsse wiesen die eineiigen Zwillinge einen ähnlichen Gewichtsverlauf auf. Somit nahmen die Umweltbedingungen, denen die Kinder ausgesetzt waren, keinen wesentlichen Einfluss auf deren BMI (vgl. Hebebrand, Wermter & Hinney, 2005, S. 29). Auch in Adoptionsstudien konnte bestätigt werden, dass der Einfluss der Umwelt nur einen geringen Anteil ausmacht. Es konnte durch Stunkhard et al. (1986) festgestellt werden, dass der BMI von Adoptivkindern stärker dem BMI der leiblichen Eltern ähnelte, als dem der Adoptiveltern. Das spricht dafür, dass genetischen Faktoren eine bedeutsamere Rolle zukommt als den Umweltfaktoren (vgl. ebd., S. 29). Zu erwähnen ist noch, dass lediglich die Prädisposition zur Adipositas vererbt wird und nicht die Adipositas an sich. Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die durch genetische Faktoren beeinflusst werden, wie zum Beispiel „der Grundumsatz, die Körperzusammensetzung, die Präferenz für bestimmte Nährstoffe, die Appetitregulation (z.B. über den Leptinspiegel), der thermogenetische Effekt der Nahrung, die spontane körperliche Aktivität und die Insulinsensitivität (vgl. WHO Consultation on Obesity, 1998)“ (Warschburger & Petermann, 2008, S. 16). Tatsächlich ist bisher noch nicht geklärt, „über welche Mechanismen sich die genetische Komponente manifestiert“ (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 19). Als wichtige Faktoren scheinen der Energieverbrauch und die Fettzellenanzahl zu sein. Annahmen zufolge können bereits angelegte Fettzellen lediglich in der Größe, nicht aber in der Anzahl verändert werden. Durch entsprechendes Bewegungs- und Ernährungsverhalten können Menschen mit einer genetischen Prädisposition zur Adipositas positiv Einfluss auf ihren Gewichtsverlauf nehmen (vgl. ebd., S. 19/20). Insofern ist es nicht nur die Genetik, die Einfluss auf das Körpergewicht nimmt, sondern auch der individuelle Lebensstil und die persönlichen Verhaltensweisen (Fröschl, Haas & Wirl, 2009, S. 16).

4.2 Psychosoziale Faktoren

Zu den psychologischen und psychosozialen Risikofaktoren gehören das Ernährungsverhalten und die körperliche Aktivität. Diese beiden Faktoren sind von den adipösen Kindern und Jugendlichen beeinflussbar und verhaltensbezogen. (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 21). Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass Adipositas entsteht, wenn ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch vorliegt. Durch die Aufnahme von Nahrung erfolgt die Energiezufuhr. Wenn die Bilanz zwischen Energieaufnahme und Energieabnahme im Gleichgewicht ist, bleibt das Körpergewicht konstant. Wird mehr Energie verbraucht als aufgenommen wird, erfolgt eine Gewichtsabnahme. Wird mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird, ist die Bilanz positiv und es kommt zu einer Gewichtszunahme. Wie bereits erwähnt, findet die Energieaufnahme durch Nahrungsaufnahme statt, die in quantitativer und qualitativer Nahrungsaufnahme unterschieden werden kann. Die quantitative Aufnahme beschreibt die Energie, die eine Person am Tag, gerechnet in Kalorien, zu sich nimmt. Es wird davon ausgegangen, dass adipöse Kinder und Jugendliche mehr Kalorien pro Tag zu sich nehmen als normalgewichtige Kinder und Jugendliche. Mithilfe der Doppelisotopenmethode, mit der auch der gesamte Energieverbrauch einer Person bestimmt werden kann, konnte diese Überlegung belegt werden. 1995 sollten zwölf adipöse Frauen und zwölf normalgewichtige Frauen über einen Zeitraum von zwei Wochen ihr Essverhalten anhand von Ernährungstagebüchern notieren. Damit es nicht zu Falschangaben kommt, wurde durch die Doppelisotopenmethode der Gesamtenergieverbrauch der Frauen ermittelt. Bei den normalgewichtigen Frauen stimmten die Angaben in den Protokollen fast genau mit dem Gesamtenergieverbrauch überein. Bei den Adipösen hingegen zeigte sich, dass diese ihre tägliche Kalorienzufuhr erheblich unterschätzten. Laut eigenen Angaben betrug die Kalorienzufuhr 2.000 kcal/Tag, tatsächlich waren es aber 3.400 kcal/Tag. Von Bedeutung scheint somit eine erhöhte Kalorienzufuhr bei der Entstehung einer Adipositas zu sein (vgl. ebd., S. 14). In dem Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) aus dem Jahre 1984 wurden 1.500 Ernährungsprotokolle von Kindern und Jugendlichen vorgelegt, in denen übergewichtige Kinder und Jugendliche fast immer die niedrigste Kalorienzufuhr vorwiesen. Lediglich bei den zehn- bis dreizehnjährigen Übergewichtigen wurde festgestellt, dass diese die meisten Kalorien zu sich nahmen (vgl. Lindel, 2002, S. 31). Daher scheint es eine Gruppe Adipöser zu geben, die sich im Rahmen der Kalorienzufuhr nicht von normalgewichtigen Personen unterscheidet. Viele der Adipösen haben eine geringere Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme, was in manchen Fällen zum sogenannten Binge Eating Disorder (BED) führen kann. Die Krankheit betrifft etwa 5 % aller adipösen Menschen. Kennzeichnend dafür ist die übermäßige Zufuhr von Nahrung und die Häufung von Essanfällen. Ohne überhaupt hungrig zu sein, werden große Mengen an Lebensmitteln vertilgt, auch weit über das Sättigungsgefühl hinaus. Durch die Krankheit kommt es zu einem schlechteren physischen und psychischen Gesundheitszustand (vgl. Fröschl, Haas & Wirl, 2009, S. 17). Eine wichtige Rolle spielt auch die Zusammensetzung der Nahrung. Die DGE empfiehlt, dass maximal 30 % des gesamten Energiebedarfs durch Fette gedeckt werden sollte. Tatsächlich nehmen die Menschen in Deutschland aber seit den 1960er-Jahren etwa 40 % des Gesamtbedarfs an Energie in Form von Fetten zu sich. Tucker und Kano (1992) fanden heraus, dass übergewichtige Personen im Durchschnitt pro Tag ca. 25 g mehr Nahrungsfette zu sich nehmen als normalgewichtige Personen. Nahrungsfette weisen mit 9 kcal/g eine doppelt so hohe Energiedichte auf als Kohlenhydrate oder Eiweiße (4 kcal/g). Fettreiche Nahrung hat meistens einen geringeren Sättigungswert als kohlenhydrathaltige Speisen und dadurch werden viel mehr Kalorien bis zum Einsetzen des Sättigungsgefühls aufgenommen. Des Weiteren werden Nahrungsfette mit höherer Effizienz in Körperfett umgewandelt als Kohlenhydrate und Eiweiße (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 15). Im Rahmen der KiGGS-Studie fand das Robert-Koch Institut heraus, dass mehr als 80 % der Kinder und Jugendlichen täglich Obst und Gemüse zu sich nehmen. Nur etwa ein Drittel essen mehrmals am Tag Obst und Gemüse und weniger als 3 % verzehren überhaupt die empfohlene Menge von fünf Portionen am Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die tägliche Einnahme von mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse, wobei eine Portion jeweils eine Hand voll bedeutet. Zudem geben 43 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der KiGGS-Studie an, mindestens einmal täglich Weißbrot, Graubrot oder Brötchen zu essen. 34 % der Befragten dagegen essen einmal täglich Vollkornbrot- oder Schwarzbrot. Die empfohlene tägliche Portion nehmen etwa nur ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zu sich (vgl. RKI, 2006, S. 57). Darüber hinaus sind Fastfood-Produkte eine der beliebtesten Speisen der Kinder und Jugendlichen. Zu diesen zählen zum Beispiel Bratwurst und Döner. Sie enthalten in der Regel sehr viel Fett und/oder Zucker. Es nehmen jedoch 81 % der Jungen und 90 % der Mädchen weniger als einmal in der Woche die Schnellkost zu sich (ebd., S. 57). Somit macht Fastfood nicht den Hauptbestandteil der Ernährung von Kindern und Jugendlichen aus. Überdies zeigt die Studie, dass die befragten Kinder und Jugendliche weniger trinken als empfohlen wird. 50 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geben an, täglich Säfte und Mineralwasser zu verzehren. Ungefähr ein Drittel der Befragten sagten, dass sie täglich einmal Cola, Eistee oder Limonade trinken würden (vgl. ebd., S. 58). Diese Getränke weisen einen hohen Zuckergehalt vor, der zu einer hohen Energieaufnahme und zum Ausbleiben des Sättigungsgefühls führt. Im Hinblick auf den Verzehr von Süßigkeiten geben 16 % der männlichen und weiblichen Probanden an, Schokolade mindestens einmal am Tag zu konsumieren. 20 % der Kinder und Jugendlichen hingegen greifen einmal täglich zu anderen Süßigkeiten. Insgesamt belegen die Daten der KiGGS-Studie, dass das Ernährungsverhalten fast aller Kinder und Jugendlichen nicht den Empfehlungen entspricht. Mehr als die Hälfte konsumiert zu wenig Obst, Gemüse, Getreide, Milchprodukte, Fisch und Beilagen. Der Verzehr von gezuckerten Getränken und Süßigkeiten hingegen ist viel zu hoch. Die eben genannten Lebensmittel können zudem die Geschmacksnerven beeinflussen und verändern. So scheinen ungesalzene und ungesüßte Speisen den Geschmack zu verlieren und werden im Umkehrschluss weniger konsumiert (vgl. ebd., S. 59/60).

Das soziale Umfeld scheint bereits im Kindesalter einen erheblichen Einfluss auf das Ernährungsverhalten zu nehmen und somit auch auf die Prädisposition der Adipositas. Pränatal kommt das Kind bereits durch das Fruchtwasser und postnatal durch die Muttermilch mit Geschmacksstoffen in Berührung. In der Regel entwickeln sich die Präferenzen für Nahrungsmittel in den ersten Lebensjahren eines Menschen. In dieser Phase des Lebens sind Kinder vor allem dem Einfluss der Familie ausgesetzt, die Einflüsse von Gleichaltrigen sind eher gering (vgl. Kersting, 2005, S. 62). Eltern können somit einen positiven aber auch negativen Einfluss auf das Ernährungsverhalten ihrer Kinder ausüben. Beispielsweise kann eine Kopplung zwischen negativen emotionalen Zuständen und der Nahrungsaufnahme entstehen, wenn Eltern ihren ängstlichen Kindern Nahrung oder Süßigkeiten geben, um sie zu beruhigen. Eine Folge daraus könnte sein, dass die Kinder nicht nur bei Hunger Nahrung zu sich nehmen, sondern bei jeglichen Gefühlszuständen, die sie mit Essen verknüpfen (vgl. Lehrke & Laessle, 2009, S. 21). Des Weiteren kann sich die Verwendung von Nahrungsmitteln als Belohnung und die Wegnahme dessen als Bestrafung, ungünstig auf die Ernährungsweise der Kinder auswirken. Auch Sätze der Eltern wie: „Iss, damit du gesund bleibst“, „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen“ und „Iss auf, dann scheint morgen die Sonne“ können zu einem Essverhalten der Kinder führen, was nicht durch ein Hunger- oder Sättigungsgefühl, sondern durch äußere Reize bestimmt wird (vgl. Pudel, 1978, S. 125). Eltern fällt somit eine große Vorbildfunktion zu. Psychische Faktoren können ebenso Auswirkungen auf das Essverhalten nehmen. Nahrungsmittel werden genutzt, um Angst, Frust, Stress und Trauer zu verarbeiten und Langeweile zu überstehen (vgl. Reinehr, Dobe & Kersting, 2003, S. 9). Durch die Nahrungszunahme findet ein positiver Effekt auf die Psyche statt. Durch das Erlebnis des positiven Effekts, werden weitere negative Ereignisse immer wieder mit Lebensmitteln ausgeglichen. Man spricht von der sogenannten Copingstrategie, die adipöse Kinder- und Jugendliche zur Bewältigung von negativen Erlebnissen anwenden (Warschburger & Petermann, 2008, S. 18). All diese ungünstigen Ernährungsverhalten können zur Entstehung der Adipositas beitragen. Neben einer zu hohen Energieaufnahme kann auch ein zu geringer Energieverbrauch eine Ursache für die Entstehung der Adipositas sein. Der Energieverbrauch eines Menschen wird bestimmt durch den individuellen Grundumsatz (dieser ist weitestgehend genetisch vorbestimmt), der diätinduzierten Thermogenese und der aktivitätsinduzierten Thermogenese. Der Grundumsatz betrifft etwa 70 % der gesamten Energie und dient unter anderem „zur Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Funktionen (Herzschlag, Atmung, Temperaturregulation auf 37 Grad, Organfunktion, Stoffwechsel etc.) unter Ruhebedingungen“ (Lehrke & Laessle, 2009, S. 17). Alter, Geschlecht, Muskelmasse und genetische Voraussetzungen sind wesentliche Einflussfaktoren des Grundumsatzes. Des Weiteren wird für die diätinduzierte Thermogenese etwa 10-15 % Energie verbraucht. „Es handelt sich um die Energie für die gastrointestinale Verarbeitung, Resorption und den Stoffwechsel der aufgenommenen Nahrung direkt nach dem Essen“ (ebd., S. 17). Die körperliche Aktivität ist durch das Individuum selbst steuerbar und macht etwa 15 % des Energieverbrauchs aus. Je nach Dauer und Intensität der Bewegung variiert der Leistungsumsatz. Sportler können in der Regel ihre Thermogenese so steigern, dass sie ein Vielfaches des Grundumsatzes beträgt (vgl. ebd., S. 17). Obst und Bös (1997) kommen nach der Analyse von 1.000 Bewegungstagebüchern von Grundschülern zu der Erkenntnis, dass Grundschulkinder etwa neun Stunden pro Tag liegen, neun Stunden des Tages sitzend verbringen, fünf Stunden stehen und sich nur etwa eine Stunde bewegen (vgl. Hebebrand & Bös, 2005, S. 51). Weitere Risikofaktoren bei der Entstehung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind das Rauchverhalten der Eltern, die Schlafdauer, das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft, die Abstinenz des Stillens, wenig körperliche Betätigung und hoher Medienkonsum (vgl. RKI, 2008, S. 43). Die elektronischen Medien sind aus dem Alltag kaum wegzudenken. Dazu zählen unter anderem das Fernsehen, die Beschäftigung mit dem Computer und Internet, aber auch die Handynutzung. Im Zuge der KiGGS-Studie konnte herausgefunden werden, dass 65 % der elf- bis siebzehnjährigen Jungen und Mädchen täglich mehr als zwei Stunden den Fernseher, Spielekonsolen und Computer nutzen. 34 % beschäftigen sich mehr als vier Stunden und 15 % mehr als sechs Stunden mit den elektronischen Medien. Auch der Fernsehkonsum spielt für die Kinder und Jugendlichen weiterhin eine große Rolle. Täglich schauen etwa zwei Drittel der Elf- bis Siebzehnjährigen Fernsehen (vgl. RKI, 2014, S. 37). Der Fernsehkonsum ist insofern auch negativ, als dass Kinder und Jugendliche hierdurch Werbung ausgesetzt sind, durch wiederum kalorienreiche Nahrungsmittel beworben werden. Das kann unter gewissen Umständen zu Lebensmittelpräferenzen führen, die für Kinder und Jugendliche schädlich sind (vgl. RKI, 2008, S. 47). Man könnte sagen, dass zwischen der Benutzung der elektronischen Medien und der körperlichen Aktivität eine Art Konkurrenz besteht. Viele Kinder und Jugendliche entscheiden sich zugunsten der Bildschirmmedien und neigen daher zu Bewegungsmangel, welcher Adipositas begünstigt. Natürlich kann das nicht verallgemeinert werden, denn es gibt auch Kinder und Jugendliche, die trotz eines hohen Medienkonsums Sport treiben (vgl. RKI, 2014, S. 37/38).

4.3 Sozioökonomische Faktoren

Gesellschaftliche Veränderungen beziehungsweise verändernde Umweltbedingungen können ebenso zur Prädisposition der Adipositas beitragen. Lobstein (2004) spricht von einer „adipogenen Umwelt“, durch das Ernährungsverhalten und die körperliche Aktivität negativ beeinflusst werden. Aus dieser resultieren eine „fettreiche und energiedichte Ernährung der Kinder bei gleichzeitig zunehmender körperlicher Inaktivität“ (Wabitsch & Kiess, 2013, S. 371). In Deutschland spielt die Lebensmittelknappheit keine Rolle mehr. Die Gesellschaft ist durch einen Nahrungsmittelüberfluss gezeichnet, man spricht auch von einer „Überflussgesellschaft“, in welcher sich Adipositas und Übergewicht entwickeln können. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass die Zugehörigkeit zu einer schwachen Statusgruppe die Entstehung der Adipositas fördert. Im Rahmen der KiGGS-Studie konnte dies belegt werden. Wie bereits in Kapitel 3 dargestellt, ist das Risiko für die Prädisposition der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien dreimal höher als bei Kindern und Jugendlichen mit höherem Sozialstatus (vgl. RKI, 2008, S. 45/46). Dieser Zusammenhang ist bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen. Der Anteil adipöser Mädchen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus im Alter von 14-17 Jahren ist beispielsweise dreimal so hoch wie der Anteil an Mädchen aus sozial starken Familien (vgl. ebd., S. 42). Im Rahmen der KiGGS-Studie wurden die Kinder anhand des Haushaltsnettoeinkommens, der schulischen Bildung der Eltern und der beruflichen Stellung in eine von drei Status­gruppen zugeordnet. Zu jeder dieser Gruppen konnte eine Korrelation zum Auftreten der Adipositas nachgewiesen werden (vgl. ebd., S. 46). Bei Familien mit niedrigem oder mittleren Sozialstatus ist eine Verbindung zwischen dem elterlichen Einkommen, der beruflichen Situation und dem Auftreten der Adipositas zu erkennen. Dass Adipositas öfter in den niedrigeren sozialen Schichten vorkommt als in den höheren Schichten, hat vermutlich mehrere Gründe. Zum einem geht man davon aus, dass sozial schwache Familien weniger Geld zur Verfügung haben als sozial starke Familien. Daher ist das Armutspotential höher und die Wahrscheinlichkeit besteht, dass Eltern aus sozial benachteiligen Gruppen weniger Geld für gesunde Lebensmittel ausgeben. Zudem fehlt oft das Wissen und Interesse an einer gesunden Ernährungsweise. Durch die fehlenden finanziellen Mittel, fehlt meist das Geld für die Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder im Sportverein. Ferner kann die Wohnsituation sich negativ auf das Bewegungsverhalten auswirken, wenn die Familie zum Beispiel in einer Wohnung ohne Garten oder an einer Hauptstraße wohnt. Eine Gegend mit vielen Grünflächen und Spielplätzen hingegen regt vermutlich zu mehr Bewegung an (Warschburger & Petermann, 2008, S. 21). Zum anderen wird in den höheren Schichten das Sport treiben als etwas Positives empfunden und Adipositas und Übergewicht eher verpönt (vgl. RKI, 2003, S. 14). In der KiGGS-Studie wurde auch eine Korrelation zwischen dem Migrationshintergrund und der Entwicklung der Adipositas gefunden. Wie bereits in Kapitel 3 beschrieben, sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund öfter von Adipositas betroffen als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund (Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010, S. 649). Viele der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund leben in Familien mit sozial schwachem Status. Der Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und Adipositas ist vor allem bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ausgeprägt. Bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist der Unterschied zwischen den Statusgruppen deutlich geringer (RKI, 2008, S. 59). Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund sind am häufigsten von Adipositas betroffen. Darunter finden sich vor allem Jungen und Mädchen aus der Türkei, Mädchen aus Mittel- und Südeuropa und Jungen aus Polen. Das Risiko für Übergewicht im Kindes- und Jugendalter nimmt mit zunehmender Aufenthaltsdauer in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu. Das könnte vor allem in den spezifischen Unterschieden hinsichtlich des Körperbildes innerhalb der verschiedenen Kulturen begründet sein (vgl. ebd., S. 120).

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Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Wie kann die Prävention von Adipositas in der Schule gelingen?
Autor
Jahr
2020
Seiten
71
Katalognummer
V513247
ISBN (eBook)
9783960958505
ISBN (Buch)
9783960958512
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsförderung, gesunde Ernährung, Stressbewältigung, Bewegungsverhalten, Lebensweltansatz, genetische Prädisposition
Arbeit zitieren
Mette Müller (Autor), 2020, Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Wie kann die Prävention von Adipositas in der Schule gelingen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513247

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