Die besondere Problemlage von Geschwistern behinderter Kinder - Möglichkeiten sozialarbeiterischer Hilfeleistungen bei der Entwicklung gelingender Bewältigungsstrategien


Diplomarbeit, 2007

66 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1 Behinderung – Was ist das?
2.2 Bewältigung

3. Die Situation der Eltern eines Kindes mit Behinderung
3.1 Schuldgefühle
3.2 Der Krisen-Verarbeitungs-Prozess

4. So funktionieren Geschwisterbeziehungen
4.1 Woher kommt der Begriff „Geschwisterkinder“?

5. Wer sind die – die Geschwister von Kindern mit Behinderungen?
5.1 Familiengröße
5.2 Alter und Entwicklungsstand des Geschwisterkindes
5.3 Geschlecht
5.4 Alter und Geschlecht des behinderten Kindes
5.5 Schichtzugehörigkeit
5.6 Art und Ausmaß der Behinderung
5.7 Diskriminierung in der Öffentlichkeit

6. Die Gefühle der Geschwister
6.1 Schuldgefühle
6.2 Angst
6.3 Trauer
6.4 Belastendes Verantwortungsgefühl

7. Welche Chancen haben Geschwister behinderter Kinder?

8. Möglichkeiten zur Bewältigung (Coping) der besonderen Situation
8.1 Gespräche mit den Eltern
8.1.1 Strategien für Eltern
8.2 Gespräche mit einer Vertrauensperson
8.3 Freizeitaktivitäten und Hobbys
8.4 Internet
8.5 Familienentlastender Dienste
8.5.1 Was bietet der Familienentlastende Dienst?
8.5.2 Wer sind die Leitungskräfte?
8.5.3 Aufgaben der Leitungskräfte
8.5.4 Fähigkeiten und Kenntnisse
8.5.5 Finanzierungsmöglichkeiten
8.5.6 Problematik - Faktoren die die Inanspruchnahme von FED durch Familien beeinflussen
8.6 Geschwisterseminare
8.6.1 Geschwisterseminare von Marlies Winkelheide
8.7 Maltherapie als Hilfsmöglichkeit
8.7.1 Beispiel für eine Maltherapie

9. Plädoyer für die Arbeit mit Geschwistern behinderter Kinder

10. Literaturverzeichnis

11. Internetverzeichnis

1. Einleitung

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes lebten im Jahr 2005 über 8 Millionen Menschen in Deutschland, die eine amtlich anerkannte Behinderung haben. Somit hat im Durchschnitt jeder zehnte Bundesbürger eine Behinderung. In Deutschland gibt es jedoch keine „Meldepflicht“ für Behinderungen und somit lässt sich die tatsächliche Zahl der Menschen mit Behinderungen nur schätzen. Außerdem erfasst die Statistik lediglich die Personen, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen und damit einhergehend den rechtliche Status eines Schwerbehinderten (Grad der Behinderung mindestens 50).

Da Menschen mit einer Behinderung genauso Geschwister haben, wie andere Menschen auch, gibt es ein paar Millionen Geschwister von behinderten Menschen.

Doch trotz der hohen Zahl haben sich viele von ihnen noch nie untereinander getroffen, um ihre Erfahrungen auszutauschen oder über ihre spezielle Situation zu sprechen. Obwohl gerade für sie der ein solcher Austausch untereinander hilfreich wäre, denn andere Geschwister behinderter Kinder kennen die Einschränkungen und Schwierigkeiten, die durch das Aufwachsen mit einem behinderten Geschwister entstehen.

Doch wieso ist das Leben mit einer behinderten Schwester oder einem behinderten Bruder so schwer?

Dass das Leben mit einer Behinderung schwer ist kann sich jeder Mensch vorstellen. Die ständigen Einschränkungen und Stigmatisierungen stellen sich nicht behinderte Menschen als anstrengend vor. Auch das Leben der Eltern eines behinderten Kindes wird von der Gesellschaft als schwer und belastend empfunden. Egal ob die Behinderung von Geburt an oder erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall verursacht wurde. Für die Eltern bedeutete eine Behinderung Abschied nehmen von vielen Träumen und Wünschen, die sie sich für ihr Kind erhofft hatten.

Die Lage der Geschwister behinderter Kinder wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, denn sie „können sich ihrer Unversehrtheit erfreuen, sich scheinbar ungehindert entwickeln, soziale Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen und ihren Weg gehen.“ (Winkelheide, 2003 S. 10)

Wozu also sollte man Bücher für sie schreiben oder Seminare anbieten?

Die Beziehung zwischen Geschwistern dauert ein Leben lang. Scheiden lassen kann man sich von seinem Geschwister nicht. Je nachdem wie sie ihre gemeinsame Zeit verbracht haben, verstehen sich die Geschwister später oder aber auch nicht.

Die Beziehung zwischen behinderten und nicht behinderten Geschwistern ist geprägt von Belastungen, aber auch Bereicherungen. Schon früh lernen Geschwister behinderter Kinder mit Belastungen, Einschränkungen und einer veränderten Beziehung zu ihren Eltern umzugehen.

Denn diese Geschwister müssen vieles lernen und können. Aber sie müssen auch zurückstecken, denn die Eltern haben oft nicht die nötige Zeit und Kraft sich um das nicht behinderte Geschwisterkind zu kümmern. Ihre ganze Kraft und Energie stecken die Eltern in die Pflege und Aufmerksamkeit des behinderten Kindes.

Dadurch vernachlässigen sie die nicht behinderten Geschwister, was zu Entwicklungsschwierigkeiten bei diesen Kindern führen kann. Das Gefühl ständig an zweiter Stelle zu stehen, von den Eltern keine besondere Beachtung zu finden und sich ständig anpassen zu müssen und Rücksicht zu nehmen, kann auf Dauer anstrengend sein. Die ungeteilte Aufmerksamkeit seitens des Vaters oder der Mutter, wäre an dieser Stelle angebracht, um diese Gefühle abzuschwächen. Nicht immer ist dies seitens der Eltern möglich.

Diese Aspekte und die Möglichkeiten der sozialpädagogischen Hilfeleistungen werde ich in der vor Ihnen liegenden Arbeit erläutern. Aus zwei Gründen schreibe ich über Geschwister behinderter Kinder. Zum einen werden Geschwisterkinder, wie sie in der Fachliteratur bezeichnet werden, meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit noch immer kaum wahrgenommen. Ihr Leben mit einem behinderten Bruder oder einer behinderten Schwester wird manchmal falsch interpretiert. Zum anderen hat meine eigene Schwester mich mit auf die Idee gebracht, denn sie ist ein solches Geschwisterkind. Aufgrund einer Erkrankung die durch Zecken übertragen wird, sitze ich im Rollstuhl. Für meine Schwester war dies mitunter nicht immer leicht. Mit den unterschiedlichsten Gefühlen mir gegenüber hatte sie zu kämpfen.

Es könnte dadurch der Eindruck entstehen, dass es dieser Arbeit an Objektivität mangelt. Doch ist es meiner Ansicht nach kaum möglich ein solches Thema absolut objektiv zu betrachten, denn jeder Mensch geht aufgrund eigener subjektiver Erfahrungen anders an verschiedene Themenbereiche heran.

Nach einer Begriffserklärung im zweiten Kapitel, wird die Situation der Eltern eines Kindes mit Behinderung im dritten Kapitel geschildert. Denn auch für Eltern ist die Behinderung eines Kindes eine Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Im anschließenden vierten Kapitel wird die Bindung zwischen Geschwistern erläutert, sowie der Begriff Geschwisterkinder erklärt, bevor im fünften Kapitel die Geschwister von Kindern mit Behinderungen vorgestellt und die Faktoren, die ihrer Entwicklung beeinflussen könnten, dargestellt werden. Im sechsten Kapitel geht es um die Gefühle, mit denen Geschwister behinderter Kinder zu kämpfen haben. Ob und welche Chancen es für diese Kinder gibt, wird im siebten Kapitel beschrieben, bevor im achten Kapitel die Möglichkeiten zur Bewältigung dieser ganz speziellen Situation geschildert werden und welche Hilfsmaßnahmen die soziale Arbeit geben kann.

In der Diplomarbeit wird lediglich die männliche Personenform benutzt, es sind jedoch beide Geschlechter gemeint. Auch wird der Begriff Behinderte Menschen bzw. Kinder nicht durch den neuen Begriff Menschen mit Behinderung ersetzt.

2. Begriffserklärung

Da es in dieser Arbeit um die besondere Problemlage von Geschwistern behinderter Kinder und die Möglichkeiten sozialarbeiterischer Hilfeleistungen bei der Entwicklung gelingender Bewältigungsstrategien geht, muss zu nächst eine Definition des Begriffs Behinderung gefunden werden und eine Erklärung des Wortes Bewältigung erfolgen.

2.1 Behinderung – Was ist das?

Der Begriff Behinderung ist nicht einheitlich definiert, so das es zu unterschiedlichen Definitionsversuchen gekommen ist.

Einen Begriff zu definieren bedeutet zudem immer diesen entgültig festzulegen. Doch gerade das ist bei dem Begriff Behinderung schwierig. Denn den Menschen mit Behinderung gibt es nicht.

Außerdem ist es „keine feststehende Eigenschaft eines Menschen, sondern immer von den Lebensumständen des Einzelnen und seinen sozialen Bezügen abhängig“ (Fornefeld 2000, S. 46).

Mit dem ICIDH[1], einem Klassifikationsschema von Krankheiten und Behinderung, hat die WHO[2] 1980 wesentlich zur Klärung des Behinderungsbegriffes beigetragen.

1999 änderte und erweiterte die WHO dieses Schema im ICIDH-2[3]. In der Neufassung werden nicht mehr die verschiedenen Schädigungen, Störungen und Behinderungen gesehen, sondern im Vordergrund stehen die sozialen Konsequenzen, die sich aus der Schädigung für den Menschen ergeben.

Maßgeblich sind also nicht mehr die Defizite der Person, sondern die persönlichen Fähigkeiten und die soziale Teilhabe.

Neben dieser einheitlichen Begriffsklärung gibt es in Deutschland noch eine sozialrechtliche Definition. Im neunten Sozialgesetzbuch wird Behinderung im § 2 Abs. 1 wie folgt definiert: „Ein Mensch ist behindert, wenn seine körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher seine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“

Wie schon die WHO in ihrer Definition beschreibt, ist die ungenügende Integration von Menschen mit Behinderungen eine soziale Folge von Schädigungen. Dies sieht auch Alfred Sander in seiner Definition so. „Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch mit einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umwelt-System integriert ist“ (Sander in Eberwein 2002, S. 106).

Neben diesen Definitionen gibt es noch eine Vielzahl anderer Definitionen des Behinderungsbegriffes. Ein Grund dafür besteht in dem Bemühen, die Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung schon durch die Definition einzudämmen, denn in spanischsprachigen Ländern werden Menschen mit Behinderung auch heutzutage noch als „minusválidos“ (Minderwertige) bezeichnet.

Allerdings bringt die beste Definition nichts, wenn Menschen mit Behinderungen sozial ausgegrenzt werden, denn erst dann kommt es zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen. Dies hat die Aktion Mensch in ihrem Leitspruch ausgedrückt „Man ist nicht behindert – man wird behindert“

Da es in dieser Arbeit um die Geschwister behinderter Kinder geht, verzichte ich auf die Erläuterung des Unterschiedes zwischen behindert und schwerbehindert. Auch werde ich die verschiedenen Behinderungsarten nicht erklären. Diese Unterscheidungen spielen in der Beziehung zwischen den Geschwistern in der Regel keine Rolle.

2.2 Bewältigung

Der Begriff Bewältigung wird von Lazarus und Folkman definiert als „sich ständig ändernde, kognitive und verhaltensmäßige Bemühung, mit spezifischen internen und externen Anforderungen, die die Ressourcen einer Person beanspruchen oder übersteigen, fertigzuwerden“ (Laux 1996, zitiert nach Heckmann, 2004 S. 74)

Nach dieser Definition ist Bewältigung nicht nur dann gegeben, wenn eine Belastungssituation erfolgreich gemeistert wird, sondern auch dann, wenn man sich mit der Belastungssituation auseinandersetzt.

Die Ursprünge der Bewältigung, im fachlichen auch Coping genannt, liegen in der Stressforschung, die bereits in den 1950er Jahren begann. Das bekannteste Modell in der Stressforschung ist das von Lazarus und Folkman aus dem Jahr 1984. Ihrer Meinung zu Folge „ist nicht jede Situation, die eine Anpassung erforderlich macht, eine Belastung, sondern lediglich diejenige, die mit dem allgemeinen routinemäßigen Verhaltensrepertoire nicht mehr bewältigt werden kann“ (Heckmann, 2004, S.73)

In wie weit dies auch bei Geschwistern von Kindern mit einer Behinderung zutrifft, soll im folgenden näher betrachtet werden. Welche Bewältigungsstrategien haben diese Geschwister bereits und wo kann Soziale Arbeit ihnen helfend unter die Arme greifen, um ihrer Lebenssituation besser bewältigen zu können.

Zunächst soll jedoch die Situation der Eltern betrachtet werden, denn von ihnen hängt es im wesentliche ab, wie die Geschwister mit dem behinderten Bruder oder der behinderten Schwester umgehen.

3. Die Situation der Eltern eines Kindes mit Behinderung

Die Geburt eines behinderten Kindes ist für die meisten Eltern eine außergewöhnliche Situation im Leben. Daher reagieren sie zunächst mit Enttäuschung. Viele Vorstellungen und Wünsche, die sie für ihr Kind hatten, müssen sie aufgeben.

Doch gleichzeitig wollen die Eltern die Diagnose nicht wahr haben. Sie erleben Gefühle wie Trauer und Verlust, Enttäuschung und Verletzung, aber auch Unsicherheit und Angst. Die Tatsache, ein behindertes Kind auf die Welt gebracht zu haben, ist für die Eltern, aber vor allem für die Mutter ein Schock. In einem solchen Zustand kann die Zuwendung zum eigenen Kind beeinträchtig oder sogar ganz unmöglich sein.

„Das Kind jedoch wird nicht von der Diagnose betroffen, sondern von dem danach möglicherweise veränderten Verhalten seiner Eltern“ (Schmidt 1986, S. 15)

Aufgrund der Leugnung der Diagnose durch die Eltern, werden notwendige Therapiemaßnahmen aufgeschoben. Die Eltern versuchen stattdessen durch den Besuch bei anderen Ärzten die Diagnose ungeschehen zu machen, in der Hoffnung der erste Arzt habe sich geirrt.

Diese Verunsicherung ist völlig normal und deshalb sind Eltern behinderter Kind keine besonderen Eltern, sie sind lediglich sensibler für das, was ihnen widerfährt. (vgl. Schmidt 1986, S. 11)

Auch für die Partnerschaft stellt die Geburt eines behinderten Kindes eine enorme Belastung dar. Der Alltag muss wegen der Behinderung noch strikter und für einen längeren Zeitraum als bei einem gesunden Kind, den Bedürfnissen des Kindes angepasste werden.

Entwickeln die Eltern unterschiedliche Bewältigungsstrategien, kann dies im Laufe der Zeit zu schweren Konflikten führen. Und erst im Streit werden oft alle Vorwürfe und bis dahin heruntergeschluckten Gefühle zum Ausdruck gebracht. In wie weit die Behinderung eines Kindes die Scheidungsrate beeinflusst, kann nicht festgestellt werden.

Obwohl die Eltern mit erheblichen Einschränkungen im Alltag, Schuldzuweisungen und unterschiedlichen Bewältigungsmethoden zu kämpfen haben, sollten sie in dieser Phase ihren anderen Kindern das Leben und Aufwachsen mit einem behinderten Bruder oder einer behinderten Schwester erleichtern. (vgl. Achilles 2002, S. 94-95)

In dieser Situation ist es am dringendsten, den Eltern Hilfe und Entlastung zukommen zu lassen, denn nur dann haben sie die nötige Kraft, sich auch um die nicht behinderten Kinder zu kümmern. Denn aufgrund der schwierigen familiären Situation kann es eher kontraproduktiv sein, die Eltern auf die Lage ihres nicht behinderten Kindes hinzuweisen. Den Eltern fehlt dafür die nötige Kraft und die notwendigen Ressourcen, um den nicht behinderten Kindern gerecht zu werden.

Zu den ohnehin schon vorhandenen Schuldgefühlen kommen so weitere hinzu.

Die Hauptverantwortliche für die Betreuung und Versorgung des behinderten Kindes, liegt oftmals allein bei der Mutter. Als Folge für diese ständige Belastung können physische und psychische Überforderung, Erschöpfung, chronische Müdigkeit und womöglich Depressionen auftreten.

3.1 Schuldgefühle

Möglichkeiten der Entlastung gibt es zahlreiche, jedoch muss die Mutter diese auch annehmen wollen. Doch gerade dies ist nicht immer einfach, denn vor allem die vorhandenen Schuldgefühle halten die Mutter oder die Eltern davon ab, Hilfe anzunehmen.

Die Familientherapeutin Susanna Maurers „schätzt, dass etwa 80% der Mütter behinderter Kinder mit Schuldgefühlen, Versagen und Selbstzweifeln kämpfen.“ (Haberthür, S. 89)

Oft sind die belastenden Schuldgefühle diffus, das Gefühl versagt zu haben, weil man als Mutter nicht in der Lage war, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen nagt an den Frauen. Denn die Mütter fühlen sich dafür verantwortlich, in welcher Verfassung ihre Kinder zur Welt kommen. Diese Schuldgefühle lassen sich vielleicht durch die enge, symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Kind im Mutterleib während der Schwangerschaft erklären.

In vielen Menschen ist außerdem immer noch die Vorstellung verankert, dass ein behindertes Kind eine Strafe Gottes sei. Eine solche religiöse Vorstellung kann bereits vorhandene Schuldgefühle noch verstärken.

Aufgrund dieser Schuld- und Versagensgefühle fühlen sich die Mütter verpflichtet, alles alleine schaffen zu müssen, denn ihre Ansprüche an die Betreuung und die Fürsorge des behinderten Kindes sind sehr hoch. Außerdem weiß sie allein, wie mit dem Kind richtig umzugehen ist.

Es gibt weitere Gründe, die das Annehmen von Hilfe schwierig werden lassen. Da ist die Scham über das behinderte Kind und mit ihm nach außen gehen zu müssen. Die Angst vor einer zu großen finanziellen Belastung, denn gute Betreuung kostet Geld. Dazu kommt womöglich fehlendes Wissen, etwa um die Finanzierung einer Betreuung und wo eine solche herzubekommen ist. Des weiteren könnte die Kraft und auch die Zeit fehlen, sich um die Organisation einer Belastung zu kümmern.

Erste Hilfe bei Schulgefühlen, ist sich dieser bewusst zu werden und sie zuzulassen, denn Schuldgefühle sind weder falsch noch schlecht. Damit die Mutter oder die Eltern mit diesen Gefühlen besser umgehen können, ist es wichtig, Hilfe zu suchen. Bei manchen hilft schon der Austausch mit anderen Müttern behinderter Kinder. Sie kennen die Ängste und Sorgen. Wissen um die Schuldgefühle und die Gefühle. Denn Verständnis kann bei der Bewältigung dieser Gefühle hilfreich sein.

Eine psychologische oder seelsorgerische Beratung oder Therapie kann ebenfalls hilfreich sein. Oftmals wird eine solche nach Bekanntgabe der Behinderung des Kindes seitens der Klinik angeboten, um den Eltern bei der Bewältigung der Krise zu helfen.

Durch die Therapie kann die Mutter bzw. können die Eltern sich ihrer eigenen Fähigkeiten, Ressourcen und Stärken wieder bewusst werden. Sie bekommen ein neues Identitätsgefühl und ihr Selbstwertgefühl wird gestärkt. Jetzt sind die Eltern bzw. ist vor allem die Mutter auch in der Lage Hilfe anzunehmen.

Die Schuldgefühle beschränken sich jedoch nicht auf das behinderte Kind, sondern Eltern und speziell die Mutter, haben/hat auch Schuldgefühle dem nicht behinderten Kind gegenüber. Sie fürchten/fürchtet diesem nicht gerecht zu werden, nicht genug Zeit für das nicht behinderte Kind zu haben. Denn oftmals meinen die Eltern „sie müssten gleichviel Zeit für das nicht behinderte Kind aufbringen, wie für das behinderte.“ (Haberthür, S. 91)

Doch nicht der Zeitumfang ist ausschlaggebend, sondern das sich die Eltern überhaupt erst bewusst Zeit für das nicht behinderte Kind nehmen. Für das Kind ist es wichtig, dass es spürt, das auch seine Anliegen, seine Sorgen und Wünsche den Eltern wichtig sind. Und das es für seine erbrachten Leistungen Lob und Anerkennung seitens der Eltern erfährt. (vgl. Haberthür 2005, S. 91-92)

Wie verarbeiten Eltern die Behinderung ihres Kindes? Denn nur wenn Eltern eine solche Krise bewältigen, können sie ihre behinderten Kinder besser unterstützen und gleichzeitig auch ihren nicht behinderten Kindern Hilfestellungen geben, diese Krise zu meistern

3.2 Der Krisen-Verarbeitungs-Prozess

Einer der bekanntesten Krisen-Verarbeitungs-Prozesse ist der über das Sterben von Elisabeth Kübler-Ross aus dem Jahr 1970. Über den Krisenverarbeitungsprozess bei Behinderung gab es lange jedoch kaum Literatur. Lediglich zwei Autoren hatten sich mit der Schicksalsbewältigung bei Behinderten beschäftigt. Vor 1970 folgt der theoretische Ansatz zur Behinderungsbewältigung „schwerpunktmäßig der klassischen psychodiagnostischen Sicht und wird derart beschrieben als situationsunabhängiger Zwei-Phasen-Ablauf von der Nichtannahme als Ausdruck von Schock und Verleugnung bis zur darauffolgenden Annahme als Akzeptanz der Behinderung“ (Schuchardt, S. 81)

„Demgegenüber steht der theoretische Ansatz der Krisenverarbeitung nach 1970 im Zusammenhang einer Entwicklung, die sich am verhaltens- wie interaktionstheoretischen Ansatz orientiert, d.h., sich zunehmend der Beobachtung und Beschreibung sichtbarer und unsichtbarer Reaktionen der Betroffenen auf spezifische Umweltaspekte und damit psycho-sozialen Prozessvorgängen in ihrem situativen und gesellschaftlichen Kontext zuwendet“ (Schuchardt, S. 84)

1962 beschrieb Manfred Hambitzer die Schicksalsbewältigung und Daseinsermöglichung bei Körperbehinderten anhand von 50 Fallstudien Körperbehinderter. 1974 befasste sich Henk Degen mit der „seelsorgerischen Begleitung von Eltern mit einem geistig behinderten Kind“. Anhand von Einzelfällen beschrieb er fünf Phasen: Unsicherheit (Phase 1), Verzweiflung (Phase 2), Leugnung (Phase 3), Defätismus (Phase 4) und Bejahung (Phase 5).

Sporken entwickelte 1975 einen Prozess der neun Phasen beinhaltete, bezog sich jedoch auf Eltern geistig behinderter Kinder. 1. Unwissenheit, 2. Unsicherheit, 3. Implizite Leugnung, 4. Entdeckung der Wahrheit bzw. die Wahrheitsvermittlung, 5. Explizite Leugnung, 6. Auflehnung, 7. Mit dem Schicksal verhandeln, 8. Gram und 9. Bejahung. (vgl. Schuchardt, S. 87-88)

Erika Schuchardt selber entwickelte 1980 nach einer Analyse von Lebenswelten Behinderter und ihrer Bezugspersonen ihren eigenen Krisenverarbeitungsprozess. Dieser baut sich aus 8 Spiralphasen auf und führt im günstigsten Fall zur sozialen Integration des behinderten Menschen. Ihr Spiralmodell ist aus acht Spiralphasen aufgebaut.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine gelungene psychische Verarbeitung des ersten Schocks ist laut Erika Schuchardt eine Vorraussetzung für die Vermeidung von Schuldgefühlen. (vgl. S. 94ff.)

Allerdings durchlaufen Eltern behinderter Kind diese Phasen immer wieder durch, denn sie „zeigen auch periodisch wiederkehrenden Stress und Traurigkeit.“ (Heckmann, S. 24). Dafür gibt es verschiedene Auslöser:

So gibt es weitere kritische Lebensereignisse, wie etwa dann, wenn sich der Gesundheitszustand des Kindes verschlechtert. Weitere Auslöser sind, z.B. der Eintritt in den Kindergarten, die Schule, oder ins Arbeitsleben. Aber auch, wenn das behinderte Kind irgendwann aus der elterlichen Wohnung ausziehen will, müssen sich die Eltern der neuen Situation anpassen.

Allerdings sind Familien behinderter Kind aufgrund der permanenten Pflege und Betreuung des behinderten Kindes mit chronischem Alltagsstress konfrontiert. „So liegt die aufgewendeten Zeiten für die Versorgung der Kinder bis zu 75% höher als in Familien ohne behinderte Kinder“ (Heckmann, S. 25)

Auf die Geschwisterkinder lässt sich das Phasenmodell von Erika Schuchardt nicht anwenden. Für sie gibt es derzeit kein vergleichbares Modell. Doch die Geschwister behinderter Kinder haben einen entscheidenden Vorteil, sie wachsen in die Situation hinein. Von Anfang an lernen sie mit dem behinderten Geschwister umzugehen, während sich die Eltern an die Situation erst einmal gewöhnen müssen und sich damit manchmal schwer tun.

Doch auch die Geschwister bedienen sich während des Verarbeitungsprozesses sogenannter Abwehrmechanismen wie Verleugnung. Dies geschieht oft dann, wenn die Belastung durch das behinderte Kind zu groß wird. Für die Geschwister ist es wichtig, wie die Eltern mit der Krisensituation umgehen, denn so bekommen auch die Geschwister eine gesunde Einstellung zu ihrem behinderten Bruder oder ihrer behinderten Schwester. (vgl. Schulte-Kellinghaus, S. 70)

Jedoch hängt die Verarbeitung von komplexen familiären Interaktionen ab, die Behinderung allein beeinflusst die Entwicklung von Geschwisterkindern keineswegs. „Die Geschwister behinderter Kinder können belastbarer, sozial engagierter, kompetenter und lebenspraktischer werden. Sie können aber auch unter der Behinderung ihres Geschwisters so leiden, dass sie Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe entwickeln, die sie ihr Leben lang begleiten, sie unglücklich und zu Einzelgängern machen.“ (Achilles 2002, S. 90)

„Je nachdem, in welcher Phase der Annahme des behinderten Kindes sich die Eltern befinden, überträgt sich dies auch auf die Geschwister. Auch sie können dann z.B. Aggressionen gegenüber dem behinderten Kind zeigen“ (Schulte-Kellinghaus 1998, S. 70)

Vieles hängt also von der Persönlichkeit der Eltern ab. Gilt in der Familie eine Behinderung beispielsweise als ein Makel, wird sich das Geschwisterkind für die Behinderung des Bruders oder der Schwester schämen. Sehen die Eltern die Behinderung jedoch als eine zu bewältigende Bewährungsprobe, fallen Schamgefühle weg und das Geschwisterkind kann die Behinderung viel eher und besser akzeptieren. Genauso verhält es sich mit der Enttäuschung und den verletzten Gefühlen, die Eltern nach der Bekanntgabe, dass sie ein behindertes Kind haben, entwickeln. Die Eltern geben diese Haltung an ihre Kinder weiter.

4. So funktionieren Geschwisterbeziehungen

Geschwisterbeziehungen sind die längsten Beziehungen im menschlichen Leben, denn sie dauern ein Leben lang. Sie reichen von den ersten Tagen der Kindheit bis ins hohe Alter. Von seinen Geschwistern kann man sich nicht scheiden lassen. Eine solche Beziehung kann positiv, aber auch negativ sein. Geschwister können sich lieben oder hassen. Auch wenn man Jahre lang nicht miteinander gesprochen hat, das unsichtbare Band verbindet die Geschwister weiterhin.

Die Bindung zwischen Geschwistern ist eine „intime wie öffentliche Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern: die Zusammensetzung der Identitäten zweier Menschen“(Bank; Kahn 1989, S. 21)

Während der Kindheit und der Adoleszenz ist die Beziehung zwischen Geschwistern am intensivsten, denn danach gründen die Geschwister eigene Familien und bekommen womöglich eigene Kinder.

Sobald jedoch die eigenen Kinder aus dem Haus sind, lebt die Beziehung zwischen den Geschwistern wieder auf, denn die älter gewordenen Eltern müssen unter Umständen zusammen versorgt werden.

Vor allem dann, wenn die Eltern nicht die nötige Zuwendung aufbringen können und die Geschwister während der Kindheit oder der Adoleszenz sehr viel Zugang und Kontakt untereinander hatten, entstehen so intensive Geschwisterbindungen, dass daraus Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung entstehen.

Außerdem werden solche intensiven Geschwisterbeziehungen dann aktiviert, wenn andere Beziehungen weniger stabil sind. Gibt es eine emotional stabile Beziehung z.B. zu den Eltern, eigenen Kindern oder einem Partner, werden die Geschwisterbeziehungen schwächer und unwichtiger.

Ob eine intensive Geschwisterbeziehung nützlich oder hinderlich ist, hängt von den Familienumständen, den Persönlichkeiten der Kinder und der elterlichen Einstellung und deren Handlungen ab.

Laut Ilse Archilles geht es in Geschwisterbeziehungen hauptsächlich um drei Reibungsbereiche. Da ist die Rivalität um die Zuwendung durch die Eltern, aber auch die Anerkennung durch den Bruder und/oder die Schwester und letztlich geht es um den Erhalt und das Erobern von Machtpositionen in der Geschwisterfolge. (vgl. S18)

Neuste Studien zeigen, dass die Geschwisterfolge eine viel geringere Rolle spielt, als bisher angenommen. Viel entscheidender sind angeborene Charaktermerkmale der Kinder und der Erziehungsstil der Eltern.

Für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder ist die Geschwisterbeziehung untereinander bzw. zueinander viel bedeutender (vgl. Grünzinger, 2005 S. 12)

Zudem hat sich das Bild einer typischen Familie verändert. So werden immer weniger Kinder geboren und die Geburtenrate sank auf 1,34 Kinder pro Frau im Jahr 2003. Aber auch die Familienkonstellation hat sich geändert. Die typische Familie (Vater, Mutter und deren leibliche Kinder) wird zunehmend von anderen Familienformen abgelöst. So gibt es immer mehr alleinerziehende Elternteile, sei es durch Trennung, Scheidung aber auch durch den Tod eines Elternteiles. Andererseits gibt es noch die sogenannten Patchwork Familien, wo ein neuer Partner in das Leben eines alleinerziehenden Elternteiles tritt. Womöglich auch noch mit eigenen Kindern.

Auf die verschiedenen Familienkonstellationen werde ich im Verlauf dieser Arbeit jedoch nicht weiter eingehen.

[...]


[1] International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps

[2] World Health Organization ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen

[3] International Classification of Impairments, Activities and Participation: A Manual of Dimensions and Functioning

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Die besondere Problemlage von Geschwistern behinderter Kinder - Möglichkeiten sozialarbeiterischer Hilfeleistungen bei der Entwicklung gelingender Bewältigungsstrategien
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
66
Katalognummer
V82824
ISBN (eBook)
9783638859493
ISBN (Buch)
9783640681310
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problemlage, Geschwistern, Kinder, Möglichkeiten, Hilfeleistungen, Entwicklung, Bewältigungsstrategien
Arbeit zitieren
Sandra Kerkmann (Autor), 2007, Die besondere Problemlage von Geschwistern behinderter Kinder - Möglichkeiten sozialarbeiterischer Hilfeleistungen bei der Entwicklung gelingender Bewältigungsstrategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/82824

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