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1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit ... 2
2. Die Grundregeln der Adjektivflexion ... 2
3. Zur Problematik der Schwankungen der Adjektivflexion nach Pronominaladjektiven ... 3
4.
Die Erklärungsansätze von Jean-François Marillier und Bernd Wiese ... 4
4. 1 Die Gegenüberstellung von Definitionen und Prinzipien ... 4
4. 1. 1 Adjektivflexion, Pronominaladjektiv und die Flexionsprinzipien (Marillier) ... 4
4. 1. 2 Adjektivflexion, Pronominaladjektiv und die Flexionsprinzipien (Wiese) ... 5
4. 1. 3 Vergleichende Betrachtungen ... 6
4. 2 Ausgangspunkte der Theorie ... 6
4. 2. 1 Annahme von starken und schwachen Morphemen (Marillier) ... 6
4. 2. 2 Der definite Artikel und die starke/schwache Flexion (Wiese) ... 9
4. 2. 3 Vergleichende Betrachtungen ... 12
4. 3 Übertragung der Grundannahmen auf die Problematik der Adjektivschwankungen nach
Pronominaladjektiven ... 12
4. 3. 1 Das Stellungsprinzip (Marillier) ... 12
4. 3. 2 Die semantische Ähnlichkeit zum Prototyp und die Mischflexion (Wiese) ... 13
4. 3. 3 Vergleichende Betrachtungen ... 14
4. 4 Systematisierung der Pronominaladjektive ... 14
4. 4. 1 Klassen- und Parallelprinzip vs. Stellungsprinzip (Marillier) ... 14
4. 4. 2 Flexionsanforderungen und Mischflexion (Wiese) ... 16
4. 4. 3 Vergleichende Betrachtungen ... 20
5. Schlussbetrachtung und Ausblick ... 22
Literaturverzeichnis ... 25
Anhang ... 27
2
1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit
"Surely there is not another language that is so slip-shod and systemless, and so
slippery and elusive to the grasp. One is washed about it, hither and hither, in the
most helpless way; and when at last he thinks he has captured a rule which offers
firm ground to take a rest on amid the general rage and turmoil of the ten parts of
speech, he turns over the page and reads, »let the pupil make a carful note of the
following exceptions«. He runs his eye down and finds that there are more excep-
tions to the rule than instances of it." (Mark Twain 2010: 8)
So polemisch die Aussage Twains auch ist, ganz unrecht hat er damit gewiss nicht. Tatsäch-
lich sind in den zahlreichen Werken zur Grammatik des Deutschen die einzelnen Wortarten
systematisch nach ihren Eigenschaften und den dazugehörigen Reglements angeordnet. In den
meisten Fällen fügen sich an jede Regel mindestens genau so viele Ausnahmen. Zweifelsohne
können die Grammatiken auch häufig die entsprechenden Begründungen für die Sonderfälle
anführen. Doch gibt es auch Ausnahmen von der Regel, die derart problematisch sind, dass
die einschlägigen Werke keine Erklärungen dafür anführen können.
Eines der problematischsten Beispiele sind die Schwankungen der Adjektivflexion nach Pro-
nominaladjektiven.
1
In der fachwissenschaftlichen Debatte über die Ursachen dieses Phäno-
mens kann bis heute keine Einigkeit erreicht werden. Nach wie vor fehlt ein fundierter Erklä-
rungsansatz, welcher die bisher übliche Aufzählung der Ausnahmefälle ablöst. Seit Beginn
dieses Jahrhunderts wendete sich das Blatt und erste Erklärungsversuche wurden veröffent-
licht. Dabei ragen besonders die Arbeiten Bernd Wieses, Said Sahels und Jean-François Ma-
rilliers hervor.
In dieser Arbeit wird sich den Aufsätzen Jean-François Marilliers und Bernd Wieses zuge-
wendet. In einer genaueren Analyse sollen ihre Erklärungsmodelle hinsichtlich möglicher
Überschneidungen oder Widersprüche einander gegenübergestellt werden. Dafür erscheint es
notwendig, die Grundregeln der Adjektivflexion in einer kurzen Abhandlung voranzustellen
(Kap. 2). Auch soll das Phänomen der Adjektivschwankungen nach Pronominaladjektiven
noch einmal kurz aufgegriffen und auf dessen problematischen Umgang in der Fachwissen-
schaft eingegangen werden (Kap. 3). Im Anschluss daran werden die Arbeiten Marilliers und
Wieses einander gegenübergestellt (Kap. 4). Hierfür werden beide Ansätze nach Kategorien
geordnet, mittels derer eine Gegenüberstellung möglich wird. Diese Eintaktung der Ansätze
nach bestimmten Kriterien soll helfen, Widersprüche und Überschneidungen in den Erklä-
rungsansätzen feststellen zu können, die anschließend nochmals zusammengefasst werden.
2. Die Grundregeln der Adjektivflexion
In den neueren Grammatiken werden für die Deklination des Adjektivs
2
im Deutschen drei
Flexionsparadigmen angegeben (vgl. u.a D
UDEN
2005:
368-372,
E
ISENBERG
2006a:
177-184,
H
ELBIG
/B
USCHA
2001:
273-277). Welchem Paradigma das Adjektiv folgt, hängt entscheidend
von seiner ,,syntaktischen Umgebung" (
EISENBERG
2006a:
177) in der Nominalgruppe ab.
1
In der gesamten Arbeit soll auf die Darstellung ausgedehnter Beispiele verzichtet werden, da diese in ein-
schlägigen Werken (siehe
HANSEN
:
1963,
L
UNGERAD
:
1955 und
SAHEL
:
2005) nachverfolgt werden können.
2
In den Ausführungen dieser Arbeit wird von attributiv gebrauchten Adjektivformen ausgegangen.
3
Das Adjektiv wird stark dekliniert, wenn es ohne Artikel vor dem Substantiv steht. Da dessen
Flexionsendungen innerhalb dieses Paradigmas mit denen der Pronomen und Artikelwörter
eine große Ähnlichkeit aufweisen, wird diese Flexion auch pronominale Deklination des Ad-
jektivs genannt. Dabei ist eine besonders große Ähnlichkeit zwischen der starken Flexion des
Adjektivs und der des Demonstrativpronomens dieser (mit Ausnahme des Genitivs Singular
Maskulinum/Neutrum) zu erkennen (vgl.
DUDEN
2005:
368).
Demzufolge können bei einem
stark flektierten Adjektiv die Endungen -er, -en, -em, -e und -es auftreten (vgl.
DUDEN
2005:
368).
Geht dem Adjektiv in einer Nominalgruppe ein bestimmtes Artikelwort voran, dann wird die-
ses schwach flektiert (vgl.
EISENBERG
2006a: 178). In der schwachen (nominalen) Deklination
des Adjektivs gibt es lediglich zwei Flexionsendungen: -e und -(e)n. Die Endungen sind je-
doch nicht gleich auf die morphosyntaktischen Merkmale
Numerus, Genus und Kasus ver-
teilt. So tritt -(e)n ausschließlich im Plural, im Dativ und Genitiv Singular sowie im Akkusativ
Singular des Maskulinums auf. In den verbleibenden Kasus der drei Genera erscheint deshalb
die Endung -e (
DUDEN
2005:
369).
Steht vor dem Adjektiv ein unbestimmtes Artikelwort oder eine vergleichbar deklinierte Ein-
heit, dann wird es gemischt dekliniert (vgl.
EISENBERG
2006a:
178). Als prototypisch für diese
Grundregel gilt die Adjektivflexion nach Artikelwörtern des Typs mein, kein und ein (vgl.
DUDEN
2005: 369). Das Adjektiv kann dann entweder schwach oder stark dekliniert werden.
Im Nominativ Singular Maskulinum sowie im Nominativ/Akkusativ Singular Neutrum treten
suffixlose Endungen dieser Artikelwörter auf, sodass das Adjektiv stets stark flektiert wird
(vgl.
DUDEN
2005:369).
3. Zur Problematik der Schwankungen der Adjektivflexion nach
Pronominaladjektiven
Mit den Grundregeln der Adjektivflexion können jedoch Schwankungen des attributiven Ad-
jektivs nach Wörtern, deren Zuordnung zu den Adjektiven bzw. zu den Artikelwörtern prob-
lematisch ist, nicht erklärt werden (vgl.
DUDEN
2005:
370). Diese werden in der Forschung als
Pronominaladjektive bezeichnet. Zu dieser Gruppe zählt eine kleine Anzahl von indefiniten
Artikelwörtern (bspw. einige, etliche), die innerhalb der Wortgruppenflexion von ihrem syn-
taktischen Verhalten abweichen und zu dem von Adjektiven tendieren. Ein ihnen folgendes
Adjektiv wird nämlich dann parallel flektiert und zeigt aufgrund dessen die starken Flexions-
endungen. Im umgekehrten Fall neigen manche Adjektive (wie z. B. viele) zum syntaktischen
Verhalten von Artikelwörtern in einer Nominalgruppe (vgl.
DUDEN
:
969).
Die Untersuchungen dieses Phänomens reichten in der Forschung bisher nicht über die bloße
Konstatierung der Schwankungen mithilfe von ausführlichen Korpusuntersuchungen hinaus
(vgl.
HANSEN
:
1963,
L
UNGERAD
:
1955). Eben solche Arbeiten ermöglichten zwar die Syste-
matisierung der Schwankungsfälle, allerdings blieben systematische Erklärungsversuche für
dieses Phänomen lange Zeit aus. In neueren Arbeiten zu dieser Problematik wird weitgehend
auf ausführliche Korpusuntersuchungen verzichtet und stattdessen nach Erklärungen gesucht.
Allerdings besteht nach wie vor in vielen Fällen Uneinigkeit hinsichtlich der Schwankungs-
angaben. In den Grammatiken werden die Häufigkeit der Schwankungen und sogar die
Schwankungen an sich oft widersprüchlich dargestellt (vgl. u. a.
DUDEN
,
HANSEN
,
H
EL-
BIG
/B
USCHA
).
4
Innerhalb der Debatte besteht allein Einigkeit über die Abhängigkeit der Flexionsschwankung
des Adjektivs nach Pronominaladjektiven von Numerus und Kasus des jeweiligen Pronomi-
naladjektivs (vgl. S
AHEL
2005: 359).
4. Die Erklärungsansätze von Jean-François Marillier und Bernd
Wiese
3
4. 1 Die Gegenüberstellung von Definitionen und Prinzipien
4. 1. 1 Adjektivflexion, Pronominaladjektiv und die Flexionsprinzipien (Marillier)
Jean-François Marillier versteht die Adjektivflexion als ein ,,Zusammenspiel so genannter
starker und schwacher Morpheme" (M
ARILLIER
2003: 75). Folgt einem deklinierten Determi-
nativ ein Adjektiv, so wird Letzteres schwach flektiert. Ist dies nicht der Fall, dann folgt das
Adjektiv der starken Deklination (vgl. M
ARILLIER
2003: 75). Folglich sind die Grundregeln
der Adjektivdeklination der Ausgangspunkt seiner These.
Zudem legt Marillier dem Deklinationsverhalten der Adjektive in einer Wortgruppe drei Prin-
zipien zugrunde. Zunächst nimmt er als Grundsatz der Adjektivflexion das Klassenprinzip an.
Demzufolge werden ,,Adjektive [...] stark und schwach
[
dekliniert]" (M
ARILLIER
2003:
75).
Unter dem Klassenprinzip ist also der Wechsel zwischen der starken und schwachen Adjek-
tivflexion in Abhängigkeit von der syntaktischen Umgebung des Adjektivs, wobei er nur von
zwei Flexionsklassen des Adjektivs ausgeht, zu verstehen.
Das Klassenprinzip impliziert deshalb die Paralleldeklination, die ebenfalls zum Reglement
der Wortgruppenflexion zählt. Demnach flektieren zwei aufeinanderfolgende Adjektive stets
parallel (M
ARILLIER
2003: 76), d. h., sie können entweder starke oder schwache Flexionsen-
dungen zeigen. Aufgrund der Parallelflexion kann ein Adjektiv sowohl Haupt- als auch Ne-
benmerkmalträger der Nominalphrase sein, auch wenn es in Genus, Kasus und Numerus mit
dem Substantiv übereinstimmen muss (vgl. Duden 2005: 966).
Die Tendenz zur Monoflexion ist das dritte entscheidende Prinzip der Theorie Marilliers. Die-
ses ergänzt das Klassen- und das Parallelismusprinzip, da ein Adjektiv, welches zu Beginn
der Nominalphrase steht, im Genitiv Maskulinum/Neutrum schwach dekliniert wird und eben
nicht stark. Der Grund hierfür ist die Genitivmarkierung des Nomens. Zeigt in einer Nomin-
alphrase das Substantiv das starke Genitivmorphem (s, es, ns, ens), dann kann das Adjektiv
nur schwach dekliniert werden. Der Begriff Monoflexion bedeutet nämlich, dass innerhalb der
Nominalgruppe nur ein Element eine starke Flexionsendung aufweisen kann. Alle anderen
Elemente der Nominalphrase zeigen dann die schwachen Flexionsendungen (vgl. H
ERINGER
2009: 60).
4
3
Im Anhang ist die in diesem Kapitel vorgenommene Gegenüberstellung der Arbeiten in tabellarischer Form
zu finden.
4
Nach Heringer fand diese Regel innerhalb der Fachwissenschaft lange Zeit keine Beachtung, sodass neben
der starken und der schwachen Flexion eine dritte Flexionsklasse angenommen wurde. Dies ist aber nach
Auffassung Heringers obsolet, da es aufgrund der Monoflexion nur zwei Flexionsparadigmen seien. (vgl.
H
ERINGER
2009: 60).
5
Für die begriffliche Bestimmung des Terminus Pronominaladjektiv bezieht sich Marillier auf
die Definition der Dudengrammatik. Er versteht darunter demzufolge ein Adjektiv, welches
die Deklination ,,eines nachfolgenden Adjektivs teils wie ein Adjektiv, teils wie ein Pronomen
beeinflusst (z. B. beide, mehrere, kein)" (M
ARILLIER
2003:
77).
Dies ist jedoch nur dann der
Fall, wenn das Pronominaladjektiv initial ist.
Hinsichtlich der Schwankungsvorkommen vertritt Marillier die Auffassung, dass das Klassen-
bzw. Parallelprinzip und die Tendenz zur Monoflexion das Phänomen der Flexionsschwan-
kungen von Adjektiven nach Pronominaladjektiven nicht erklären können (vgl. M
ARILLIER
2003:
76).
Die ,,Variabilität in der Deklination der Pronominaladjektive [versteht dieser] als
ein[en] entwicklungsgeschichtlich bedingte[n] Konflikt zwischen Stellungsprinzip und Klas-
sen- bzw. Parallelismusprinzip" (M
ARILLIER
2003: 81).
4. 1. 2 Adjektivflexion, Pronominaladjektiv und die Flexionsprinzipien (Wiese)
Bernd Wiese geht auf eine ähnliche Weise vor. Allerdings versteht er unter der Adjektivflexi-
on einen Wechsel zwischen starker und schwacher Deklination der Adjektive (
WIESE
2004:4),
der für ihn ein ,,Phänomen innersprachlicher Variation" (W
IESE
2004: 10) ist.
In den weiteren Ausführungen zur Adjektivflexion wird deutlich, dass Bernd Wiese wie Jean-
François Marillier seinen Erklärungsansatz auf die Flexionsklassen und das Flexionsverhalten
der Adjektive in einer Wortgruppe stützt. Anhand seiner Erläuterungen lässt sich feststellen,
dass er nur vom Klassenprinzip bzw. der Parallelflexion ausgeht, die er jedoch nicht so be-
nennt. Im Gegensatz zu Marillier erläutert Wiese das Klassenprinzip wesentlich detaillierter.
Demzufolge wird ein Adjektiv schwach dekliniert, wenn es in Verbindung mit einem stark
flektierten Artikel steht. Tritt der Artikel in einer unflektierten Form auf bzw. fehlt völlig,
dann wird das Adjektiv in der Nominalgruppe stark flektiert (vgl. W
IESE
2004: 10). Die Aus-
führungen zur Parallelflexion stimmen mit denen Marilliers vollkommen überein und sollen
deshalb an dieser Stelle nicht noch einmal erläutert werden.
Interessant scheint in diesem Zusammenhang das Verständnis Wieses von dem Begriff Pro-
nominaladjektiv. Dieser versteht darunter Lexeme ,,die als Indefinitpronomina bzw. als de-
monstrative oder quantitative Adjektive klassifiziert werden können" (W
IESE
2009: 167).
Diese problematische ,,Grenzposition" (W
IESE
2004: 11) wird an der schwankenden Deklina-
tion der ihnen folgenden Adjektiven ersichtlich. Hierfür sei die Determinativhaftigkeit der
Pronominaladjektive verantwortlich, die nämlich über die Flexion des Adjektivs entscheidet
(vgl. W
IESE
2009: 166).
Im Vergleich zu Marillier weist Wiese nicht nur auf die Schwankungsfälle hin, sondern er
kategorisiert diese exakt nach drei Varianten. Schwankungen können nach unterschiedlichen
Pronominaladjektiven auftreten, auch wenn die Pronominaladjektive in Kasus-, Numerus-
und Genus übereinstimmen. Im umgedrehten Falle kann die Deklination eines Adjektivs auch
dann schwanken, wenn ein und dasselbe Pronominaladjektiv in unterschiedlicher Kasus-,
Numerus- und Genusspezifikation auftritt. Des Weiteren ist dieses Phänomen auch nach
,,identischer kategorieller Spezifikation" (W
IESE
2009: 167) eines Pronominaladjektivs zu
beobachten.
6
4. 1. 3 Vergleichende Betrachtungen
Marillier und Wiese stellen ihren Erklärungsansätzen stets ihr Verständnis von den Flexions-
prinzipien des Adjektivs voran, wobei sich beide auf die Flexionsklassen und die Wortgrup-
penflexion beziehen.
Die Betrachtung dieser Grundlagen zeigt ein überwiegend homogenes Bild hinsichtlich des
Verständnisses von Klassen- bzw- Parallelismuprinzip. Einzig die von Marillier zusätzlich
angenommene Monoflexion und die Definition der Adjektivflexion stellen eine Ausnahme
dar. Wiese legt die Monoflexion seinem Modell nicht zugrunde.
Die wesentlichen Unterschiede bei der Adjektivflexion liegen ausschließlich bei den Termini
Morphem und Flexion. Marillier nimmt bei der Adjektivflexion ein Zusammenspiel starker
und schwacher Morpheme an. Wohingegen Wiese von starker und schwacher Flexion aus-
geht. Morpheme werden in der Literatur als die ,,kleinsten sprachlichen Einheiten, die eine
Bedeutung haben" (H
ERINGER
2009: 27), definiert. Unter Flexion werden ,,synthetische For-
men" (Eisenberg 2006a: 150), die sich aus sprachlichen Einheiten (den Morphemen) zusam-
mensetzen, verstanden. Die Verwendung der beiden Begriffe gibt bereits Aufschluss über die
unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände. Wiese betrachtet die flektierte Form als Gan-
zes, wohingegen Marillier nur die Flexionsmorpheme, also nur einen Teil der Wortform, fo-
kussiert.
4. 2 Ausgangspunkte der Theorie
Ein Wort wird in der Morphologie als sprachliches Zeichen verstanden, das zwei Seiten hat.
Es besteht aus einem Formativ und einer Bedeutung. Dem Formativ entsprechen der Zeichen-
körper und die Zeichengestalt. Mit Bedeutung ist die inhärente Vorstellung sowie das Denotat
des Zeichens gemeint. Jedes Wort hat also eine äußere Gestalt (Formativ), der eine innere
Funktion (Bedeutung) zukommt (vgl. R
ÖMER
/M
ATZKE
2005:14).
4. 2. 1 Annahme von starken und schwachen Morphemen (Marillier)
Als Ansatzpunkt seiner Theorie wählt Marillier die phonetische Struktur der der starken und
schwachen Flexive, d. h., er wendet sich deren Formseite zu.
5
Die Wahl der Flexive als Un-
tersuchungsgegenstand ist jedoch problematisch, da dem Deutschen nur eine beschränkte An-
zahl von diesen zur Verfügung steht, sodass deren Funktion aus ihrer Form allein nicht abge-
leitet werden kann (vgl. G
LÜCK
2010: 202).
Da Marillier den Morphemen die Eigenschaften stark und schwach zuweist, ergibt sich die
Vermutung, dass er diese aufgrund ihrer phonetischen Struktur gewählt hat. Jedes Flexions-
morphem ist aus sogenannten Silben zusammengesetzt, welche die lautliche Struktur reprä-
sentieren. Allerdings haben diese einzelnen Bausteine des Morphems eben keine Bedeutung
(vgl. H
ERINGER
2009: 27). Seine Kategorisierung ist jedoch mit Hilfe von für die Phonetik
geltenden Prinzipien nicht rekonstruierbar.
Werden für die Erläuterung dieser Annahme näm-
lich zwei verschiedene Prinzipien herangezogen, so zeigt sich mit der Bezeichnung Marilliers
keinerlei Übereinstimmung.
5
Die Entscheidung, die Morpheme Flexive zu benennen, ist die ihnen in dieser Arbeit zugrunde gelegte
Definition: ,,Bezeichnung für Morpheme, mit deren Hilfe flektierte Wortformen gebildet werden." (Glück
2010: 202)
7
Einmal kann das Gewicht der Morpheme mittels der Morentheorie untersucht werden. Silben
können nämlich nach der Stärke ihres Gewichtes in Abhängigkeit von den ihnen inhärenten
Vokalen charakterisiert werden. Die den Gewichten zugrundeliegenden Einheiten sind die
Moren. Eine leichte Silbe hat eine Mora und eine starke hat zwei Moren. Die Moren ,,befin-
den sich in der nichtlinearen Darstellung zwischen den Segmenten (in der Linguistik als Sy-
nonym für Sprachlaut verwendet) und den Silben" (H
ALL
2000: 259). Eine Silbe, die auf ei-
nem kurzen Vokal auslautet, wird immer als schwach bezeichnet, wie es bei dem Schwa-Laut
der Fall ist. Folglich zeigen Moren nicht nur das Gewicht, sondern auch die Länge einer Silbe
an (vgl. H
ALL
2000: 260). Da aber der Schwa-Laut in den Ausführungen Marilliers auch zu
den starken Morphemen zählt, trifft die Morentheorie nicht zu. Zudem bestehen die schwa-
chen Morpheme in seinem Ansatz nicht aus kurzen Vokalen, sondern entweder aus dem
Schwa-Laut ohne Konsonant oder der Verbindung von Schwa-Laut und mit dem Konsonant
n.
Eine andere Theorie ist die Sonoritätshierarchie. Die Flexive können nach ihrem Gewicht
hierarchisiert werden. Ein Basismorphem ohne Endung ist gegenüber einem Basismorphem
mit Endung leichter. Enthält ein Affix einen Vokal, so ist dieses leichter als ein Affix mit ei-
nem Konsonanten. Ist der Konsonant komplex, so ist diese Endung schwerer gegenüber einer
Endung, mit einem einfachen Konsonanten (vgl. E
ISENBERG
2006a: 156). Mithilfe der Sonori-
tätshierarchie der Konsonanten kann folgende Anordnung vorgenommen werden: Vokale >
Liquide > Nasale > Obstruenten (vgl. H
ALL
2000: 224). Der Sonoritätswert ist bei den Voka-
len am höchsten und verläuft zu den Obstruenten hin abwärts. Für das Demonstrativpronomen
dies- würde sich folgende Ordnung ergeben: diese < dieser < diesen < diesem< dieses. Dem-
zufolge würden innerhalb des Flexionsparadigmas des Demonstrativpronomens bereits Abstu-
fungen zwischen stark und schwach bestehen, von denen Marillier jedoch auch nicht ausgeht.
Es bleibt schließlich die Vermutung, dass seine Charakterisierung von starken und schwachen
Morphemen sich schlichtweg an dem Vorkommen der Morpheme in der starken oder schwa-
chen Flexionsklasse orientiert und nicht an ihren phonetischen Eigenschaften.
Starke Morpheme zeichnen sich für Marillier durch ihre Kombinierbarkeit mit Determinati-
ven aus. Als prototypischen Vertreter für die starken Morpheme verweist dieser auf die De-
klination des Demonstrativpronomens dies. In dessen Flexionsparadigma führt er die fünf
starken Formen [r], [ n], [m], [s] und [] an.
(1)
Maskulinum Neutrum
Femininum Plural
Nominativ
dies-er dies-es dies-e dies-e
Akkusativ
dies-en dies-es dies-e dies-e
Dativ
dies-em dies-em dies-er dies-en
Genitiv
dies-es dies-es dies-er dies-er
(Quelle: M
ARILLIER
2003: 79)
Da Demonstrativpronomen i. d. R. mehrsilbig sind, wählt er als einsilbigen Prototyp das Arti-
kelwort d-. Bei dessen Deklination wird der unbetonte Vokal [] durch den betonten [e] er-
setzt, sodass die Endungen [er], [e:n], [e:m], [s], [as] und [i:] (vgl.
MARILLIER
2003:
79)
cha-
rakteristisch sind. Aufgrund dieses Vokalaustausches lassen sich im Deklinationsparadigma
des definiten Artikels sechs Morpheme feststellen.
8
(2)
Maskulinum Neutrum
Femininum Plural
Nominativ
d-er d-as d-ie d-ie
Akkusativ
d-en d-as d-ie d-ie
Dativ
d-em d-em d-er d-en
Genitiv
d-es d-es d-er d-er
(Quelle: M
ARILLIER
2003: 79)
Starke Endungen (z. B. -em, -es) werden nämlich wesentlich deutlicher artikuliert als der
Schwa-Laut. Die Prototypen des Demonstrativpronomens und des definiten Artikels müssen
alle syntaktischen Funktionen innerhalb ihrer Nominalphrase allein tragen. An ihren Flexi-
onsmorphemen lassen sich daher im Singular Kasus, Genus und Numerus und im Plural Ka-
sus und Numerus der Nominalphrase deutlich erkennen (vgl. E
ISENBERG
2006a: 170). Aller-
dings gibt es auch bspw. Pronomen, die ein von den Prototypen abweichendes Verhalten zei-
gen. So haben ein, kein, mein und die Possessivpronomen weder im Nominativ Maskulinum
noch im Nominativ/Akkusativ Neutrum eine Flexionsendung. Auch eine kleine Anzahl an
Pronominaladjektiven (all, welch, viel, manch, solch, wenig) kann als undeklinierte Form auf-
treten (vgl.
MARILLIER
2003:
79).
Für die Erläuterungen zu den schwachen Morphemen belässt es Marillier bei deren Benen-
nung. Er kategorisiert den schwachen Schwa-Laut [] allein oder in Kombination mit dem
Nasal n [n] als schwache Morpheme. Bei den Nomina tritt zusätzlich ein weiteres Morphem
hinzu, nämlich der starke Sibilant des Genitivs. Bei der Betrachtung der phonologischen
Struktur fällt aber eine Unklarheit auf. Marillier klassifiziert den Schwa-Laut allein oder in
Kombination mit dem Konsonant n als schwach, ungeachtet dessen, dass beide Morpheme
auch als starke Morpheme vorgestellt werden. Dies deutet nochmals darauf hin, dass er nicht
auf die Schwere der Silben referiert, sondern schlichtweg auf das Vorkommen der Morpheme
im Flexionsparadigma der schwachen und starken Deklination. Allerdings müsste Marillier
auf die gemeinsame Deklination von jen- und dies- aufmerksam geworden sein. Dann würde
er vermutlich bemerken, dass es sich um eine gemischte Flexion handelt.
Die Anzahl der starken Morpheme ist für Marillier der Indikator für deren ,,informative[n]
Wert" (M
ARILLIER
2003: 79), da das Verhältnis der starken zu den schwachen Morphemen
sechzehn zu zwei ist.
6
Deshalb müsste der informative Wert der starken Flexionsmorpheme
wesentlich repräsentativer sein, da sie die Erkennung von Kasus, Numerus und Genus des
Flexivs erleichtern. Der Begriff des informativen Werts bezieht sich nicht etwa auf die Funk-
tion der Kenntlichmachung von syntaktischen Kategorien, sondern auf die Form der Verdeut-
lichung der Artikulation, anhand derer z. B. der Genitiv Singular erkannt wird. Allerdings
sind die schwachen Flexive nicht minder repräsentativ, denn der Schwa-Laut ist nur ,,gering-
fügig redundant" (M
ARILLIER
2003. 80). Das Flexionsparadigma verdeutlicht nämlich, dass
nur der Nominativ Singular im Maskulinum sowie der Nominativ/Akkusativ im Femininum
und Neutrum das schwache Flexiv [] als Endung haben. Da die starken Morpheme -em und
6
Die Zahl sechzehn ergibt sich aufgrund der fünf Formen des Demonstrativpronomens und sechs Formen
des Artikelwortes aus, die sich auf die vier Kasus in den drei Genera im Singular und Plural verteilen (vgl.
M
ARILLIER
2003: 79).
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