Joan-Ivonne Bake „Kindheit im Wandel“
1. Einleitung
Die Ihnen vorliegende Hausarbeit soll einen Überblick über einzelnen Gebiete geben, die mit dem Thema „Kindheit im Wandel“ in Verbindung gebracht werden können. Längst nicht jedes Teilgebiet, jeder Aspekt und jede Einzelheit kann hier behandelt werden, zu groß sind der Umfang und die Informationsflut. Umso mehr wird versucht ein Einblick in die relevantesten Bereiche, Kindheit betreffend, zu geben. Dabei setzten sich insbesondere die Kapitel „Familie im Wandel“ und „Wandel kindlicher Lebenswelten“ unmittelbar mit der nächsten Umgebung eines Kindes im Hinblick auf Veränderungen auseinander. Auf momentan populäre und viel diskutierte Themen geht vor allem das Kapitel „Kindheit in der Medienwelt“ ein. Weiterhin wird der Begriff Kindheit definiert und die Geschichte der Kindheit näher beleuchtet. Besonders möchte ich auf die Abschnitte „Wandel kindlicher Lebenswelten“ und „Wandel des Zeiterlebens“ lenken, in denen mehr oder weniger zwei der maßgeblichsten Veränderungen in punkto Kindheit beschrieben werden. Ein großes Angebot von Literatur hat es gestattet, mir eine vielschichtige Übersicht über das Thema zu verschaffen, obgleich ich auch auf viele ideologisch behaftete Quellen gestoßen bin. Sehr zur Hilfe war mir das Buch mit dem gleichnamigen Titel „Kindheit im Wandel“ von Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann, welches die umfassende Thematik in einen kompakten, gegliederten und aktuellen Rahmen legt. Einführend sei auch noch zu bemerken, dass sich die folgenden Seiten auf die Kindheit im deutschen, in manchen Fällen auch auf den europäischen und nordamerikanischen Raum beziehen. Wobei auch, hier Ausnahmen die Regel bestätigen mögen.
2. Der Begriff Kindheit
„Kindheit“ sei - so besagt eine verbreitete und in der pädagogischen Literatur weitgehend anerkannte Behauptung - eine „Entdeckung“ oder „Erfindung“ der beginnenden Neuzeit. Damit ist wohl nicht gemeint, dass es vorher keine Kinder gab, und auch nicht, dass Kindheit als ein Glied in der Lebensgestalt, als ein Abschnitt in der biologischen und psychologischen Entwicklung eines Menschen oder als eine Altersgruppierung innerhalb menschlicher Kulturen und Gesellschaften erst in der Neuzeit entstanden sei. Vielleicht haben wir erst seit dieser Zeit begonnen,
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wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über diese Tatsachen zu sammeln; aber die selbst ist so alt wie die menschliche Gattung. Die Behauptung macht Sinn, wenn man sie auf eine bestimmte verallgemeinerte Vorstellung über die Lebensweise von Kindern in einer Gesellschaft und die gesellschaftliche Organisation dieser Lebensweise bezieht. Das ist eine Vorstellung, die nicht so sehr in den Köpfen von Kindern, sondern in denen der Erwachsenen im Hinblick auf ihren Umgang mit Kindern und im Rückblick auf ihr eigenes früheres Kindsein entsteht. Und es ist eine Vorstellung, die sich auf die tatsächliche Lebensweise der Kinder auswirkt, die ihre Lebenswirklichkeit tief greifend beeinflusst. Solche Vorstellungen oder Ideen von Kindheit gibt es natürlich in jeder Gesellschaft und Kultur. Der Sinn jener Behauptung liegt aber darin, dass wir, wenn wir von „Kindheit“, „childhood“ oder „enfance“ sprechen, diesen Ausdruck auf eine spezifische Ausprägung dieser Vorstellung anwenden, die sich in westlichen Gesellschaften zu Beginn der Neuzeit herausgebildet hat und die sich von allen früheren Vorstellungen - und möglicherweise auch von künftigen - wesentlich unterscheidet.
Diese Vorstellung ist bestimmt durch einen wachsenden Abstand zwischen Kindern und Erwachsenen, durch die verstärkte Absonderung einer eigenen Kinderwelt von der der Erwachsenen und durch eine zeitliche Ausdehnung dieser Absonderung über die sprachliche Unmündigkeit und den beginnenden Zahnwechsel (sieben Jahre) hinaus bis zur Pubertät (14 Jahre) und noch weiter: Abschaffung der Kinderarbeit, Formierung der bürgerlichen Kleinfamilie, Pädagogisierung der Erziehung, Verbreitung und Verlängerung der Schulpflicht, Einrichtung von Kindergärten, Entstehung einer Kinderkultur. Deutlicher werden in der Bildenden Kunst und in der pädagogischen Literatur die Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen wahrgenommen und in stärkerem Maße werden Eigenart und Eigenleben von Kindern in der Erziehung und im Umgang mit ihnen berücksichtigt. Jacques Rousseau (1712-1778) gilt als ein Denker, der dieser Vorstellung zuerst und mit besonderem Nachdruck in seinem Erziehungsroman „Emile“ Ausdruck verliehen hat “Menschheit hat ihren Platz in der Ordnung der Dinge, die Kindheit hat ihren in der Ordnung des menschlichen Lebens.“ 1 Ariés und de Mause sind einer ähnlichen,
1 Rousseau, „Emile“ 1917, S.68.
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wenn nicht sogar gleichen Auffassung, dass «Kindheit« als Begriff für den Abstand zwischen Erwachsenen und Kindern, sich erst ab dem 16.Jahrhundert geprägt hat.
3. Geschichte der Kindheit
3.1. Kindheit im Mittelalter
Im Mittelalter war die Lebenssphäre bzw. der Lebensraum der Kinder von der der Erwachsenen weder räumlich noch kulturell getrennt. Man könnte von einem sogenannten „Großen Haus“ sprechen, in dem Kinder wie Erwachsene zusammen lebten, arbeiteten und spielten. Sie trugen sogar die gleichen Kleider. Kinder lernten durch Nachahmung und Gewöhnung und eigneten sich so notwendige Kenntnisse und Fertigkeiten an. Ein Kind erhielt keine besondere pädagogische Betreuung. Bis heute sind aus dieser Zeit keine speziellen Institutionen der Bildung und Erziehung wie Kindergärten oder Schulen bekannt. Demnach erhielten die Kinder des Mittelalters keinerlei gezielt systematische und nach heute geltenden Gesichtspunkten pädagogisch wertvolle Erziehung. Kinder galten als kleine Erwachsene, die mit etwa sieben Jahren ihren festen Platz neben den Erwachsenen einnahmen. Sie wurden auch wie solche behandelt, ohne etwa auf ihre kindspezifischen Probleme einzugehen. Folgt man den Erkenntnissen von de Mause, so erging es den Kindern im Mittelalter eher schlecht. Fehlende Hygiene und falsche Ernährung zogen eine hohe Sterblichkeit der Kinder nach sich. Er spricht von „nützlosen“ Essern, die man verhungern ließ oder gar aussetzte. Nicht selten wurden sie gequält und geschlagen. Ariés bringt eine eher konträre Dokumentation über die Mittelalterliche „Kindheit“. Er spricht von einem ungezwungenen Aufwachsen im „Großen Haus“ und einer ganzheitlichen Lebenswelt in der die Kinder in alle Prozesse integriert werden und nicht etwa wie in der Moderne sich ausgegrenzt in pädagogischen Anstalten wieder finden.
3.2. Renaissance - die Entdeckung der Kindheit
Wie bereits oben erwähnt, spricht man von einer „Entdeckung“ der Kindheit. Diese Entdeckung war ein Ergebnis der im 14. bis 16. Jahrhundert vorherrschenden Anschauungen und sozialen Umstände. Das Kind rückte mehr und mehr in den
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Vordergrund. Hervorgerufen durch ein neugewecktes Interesse an der Erziehung und dem Bewusstsein pädagogischer Verantwortlichkeit der Kirchenmänner, Pädagogen und Moralisten, galt nun die Kindheit als eine Notwendigkeit zur Formung und Reifung des Menschen. Dieser Reifeprozess bedurfte einer besonderen Behandlung und Unterstützung. Orte dieser „Sonderbehandlung“ wurden die bürgerliche Kleinfamilie sowie die Schule. Die Familie entwickelte sich zunehmend weg vom „Großen Haus“, in dem alle Produktionsabläufe stattfanden zu einer Art modernen (Kern) - Familie, die nun auch eine neue Aufgabe übernehmen musste. Sie war nicht mehr nur eine Institution zur Erhaltung des Namens und Standes, sondern auch zunehmend eine
Ariés hält den Aufschwung der Schule gleichzeitig für eine Art Herausdrängen der Kinder aus ihrer ganzheitlichen Lebenswelt, die sie während des Mittelalters durch die frühe Integration in das „Große Haus“ hatten. Auch die Herstellung von eigens für Kinder angefertigte Kleidung und Herstellung von Kinderspielzeug führten nach seiner Meinung zu einer Ausgrenzung. De Mause sieht solche Entwicklungen eher als eine Evolution an, besonders in der Eltern-Kind-Beziehung. Nur durch die Erlangung einer „emotionalen Reife“ der Eltern, die bis zu dieser Zeit für eine kindgerechte Empathie und Unterstützung gefehlt habe, können Kinder heute wohlbehütet und geliebt aufwachsen.
4. Wandel der Familie
4.1. Familienformen
Was bedeutet das Wort Familie eigentlich? Bisher gibt es keine allgemeine Definition dafür und doch nutzen wir es beinahe täglich. Folgt man der Soziologin Nave - Herz, so ist unter Familie folgendes zu verstehen. Familie ist eine Verbindung, in der Eltern
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Joan-Ivonne Bake, 2003, Kindheit im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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Zu: Neil Postman - "Das Verschwinden der Kindheit"
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