Gibt es echten Altruismus?

Eine Diskussion des empirischen Forschungsstandes vor dem Hintergrund des Rational Choice-Paradigmas


Magisterarbeit, 2013

92 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien und deren Implikationen für die Altruismus-Frage
2.1 Die Rational Choice-Theorie
2.2 Die Spieltheorie und deren Bedeutung für die Altruismusforschung
2.2.1 Gefangenendilemma
2.2.2 Diktatorspiel
2.2.3 Ultimatumspiel
2.3 Altruistisches Verhalten
2.4 Implikationen

3 Empirische Evidenz
3.1 Kurzübersicht über Ergebnisse der Altruismusforschung
3.2 Spieltheoretische Erkenntnisse am Beispiel ausgewählter Studien

4 Diskussion: Homo Oeconomicus versus Homo Altruisticus
4.1 Kritische Würdigung der empirischen Literatur
4.2 Beurteilung der Vorhersagekraft der Rational Choice-Theorie

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Das Grundmodell der soziologischen Erklärung

Abbildung 2: Auszahlungsmatrix des Gefangenendilemmas

Abbildung 3: Abgabenverteilung im Diktator- und Ultimatumspiel

Tabelle 1: Übersicht über wichtige Studien aus experimenteller Spieltheorie

1 Einleitung

Die Definition eines typischen Menschen gemäß der Rational Choice-Theorie besagt, dass er sich in jeder Entscheidungssituation strikt rational verhält. In ihrer harten Vari- ante bedeutet diese Rationalität, dass ein Akteur ausschließlich seinen eigenen Nutzen maximieren will und dabei stets die Interessen anderer Akteure unberücksichtigt lässt. Gemäß der ökonomischen Standardtheorie entspricht diese Vorstellung folglich dem Bild des Homo Oeconomicus, der unter einer Kosten-Nutzen-Analyse immer die Hand- lungsalternative wählt, die ihm den höchsten materiellen Nutzen und die geringsten Kosten bringt.

Die Rational Choice-Theorie hat in den letzten Jahrzehnten zunehmend an interdiszipli- närer Relevanz gewonnen und kommt nicht nur in der Soziologie und Ökonomie, son- dern auch in der Sozialpsychologie und in den Politikwissenschaften häufig zum Einsatz. Sie hat den Vorteil, dass sie als Handlungstheorie mit sehr wenigen Annahmen zurechtkommt und somit leicht überprüfbar ist. Der Anspruch der Rational Choice- Theorie an ihre eigene Vorhersagekraft ist jedoch alles andere als gering. So betrachten Rational Choice-Theoretiker ihre Annahmen über den rationalen Akteur als ausreichend genug, um jegliches Entscheidungsverhalten korrekt prognostizieren zu können. Dabei sollen alle kollektiven Phänomene in der Gesellschaft auf Basis individueller, rationaler Handlungsentscheidungen erklärt werden können.

Um die Annahmen und Hypothesen über den strikt-rationalen Akteur zu überprüfen, eignen sich Dilemma-Spiele, die in der Spieltheorie zum Einsatz kommen. Forscher nutzen dabei verschiedene Experimente, um zu testen, ob das Entscheidungsverhalten gemäß der Homo Oeconomicus-Fiktion mit dem tatsächlich beobachteten Verhalten der Akteure übereinstimmt. Dabei werden zunächst Lösungskonzepte über strategisches Verhalten gemäß rationaler Gleichgewichtsstrategien aufgestellt.

Im Laufe der Zeit konnten durch Experimente der experimentellen Spieltheorie immer mehr Anomalien bezüglich menschlicher Entscheidungen festgestellt werden. Die An- nahmen über einen egoistischen Akteur gemäß der Rational Choice-Theorie wurden durch die Ergebnisse einer Vielzahl von Experimenten zunehmend kritisch hinterfragt. Eine der beobachteten Anomalien beschreibt Altruismus, also ein Verhalten, das als komplettes Gegenteil des Verhaltens des Homo Oeconomicus verstanden werden kann. In zahlreichen Experimenten der Spieltheorie, wie z.B. dem Diktator- und Ultimatum- spiel, wurden bzw. werden altruistische Entscheidungen beobachtet, die augenschein- lich belegen, dass Akteure auch durch selbstlose Motive beeinflusst werden und somit an einer Nutzenerhöhung der Mitspieler interessiert sind. Über lange Zeit haben sich diese Ergebnisse, die gegen die standardtheoretische Prognose sprechen, als robust er- wiesen (vgl. Pointner (2012), Diekmann (2010), Ockenfels (1999)). Viele Forscher sa- hen sich durch die Ergebnisse in ihrer Vermutung über die Falsifikation des Homo Oeconomicus und somit der Rational Choice-Theorie bestätigt (vgl. Henrich et al., 2004). Die Ergebnisse führten zu einer Verbreitung der „behavioral game theory“, die sich zum Ziel setzte, neue Modelle über das menschliche Entscheidungsverhalten auf- zustellen. Die Annahmen über den Homo Oeconomicus schienen verstärkt durch eine Vorstellung über einen selbstloseren Menschen, sozusagen einen Homo Altruisticus, ersetzt zu werden.

Gleichzeitig gibt es allerdings immer wieder Zweifler, die sich kritisch gegenüber den Ergebnissen der experimentellen Spieltheorie äußern und an den Annahmen über einen rationalen, egoistischen Akteur festhalten. Als einer der Wegweiser ist der Ökonom John A. List zu nennen, der gleichsam wie andere Verfechter der Rational Choice- Theorie argumentiert, dass es sich bei dem beobachteten Altruismus nur um ein Arte- fakt der Experimente selbst handelt. Kritiker der Spiele prognostizieren Verzerrungen im Entscheidungsverhalten, die an der Spielstruktur selbst liegen und beschreiben den beobachteten Altruismus als unecht und nicht auf die reale Welt übertragbar. Eine erste intuitive Annäherung an die zentrale Argumentation der Kritiker lässt sich durch kurze Alltagsüberlegungen darstellen: So würden Zweifler hinter Handlungen wie bspw. Trinkgeldgeben, Spenden an Hilfsorganisationen und Straßenbettler oder andere Hilfe- leistungen im Alltag keinen echten Altruismus sehen. Positives Abgabeverhalten in La- borspielen der Spieltheorie und alltägliche Hilfeleistungen sind demnach nur zu beobachten, weil sich die Akteure nicht schlecht bzw. schuldig fühlen und zudem ihr Bild als „Gutmensch“ aufrecht erhalten wollen.

Diese Arbeit setzt sich folglich zum Ziel, diese beiden konfligierenden Standpunkte zu analysieren und zu hinterfragen, ob es sich bei dem in vielen Experimenten der Spieltheorie beobachteten Altruismus um echten oder unechten Altruismus handelt.

Sollte sich die Vermutung aus (hauptsächlich) frühen Experimenten der Spieltheorie bestätigen, dass die Ergebnisse robust sind, dann ist ferner zu hinterfragen, ob die Rati- onal Choice-Theorie verworfen werden muss und es ggf. bessere, realistischere Hand- lungstheorien gibt, die im Gegensatz zur Rational Choice-Theorie, Altruismus als Motivationsfaktor nicht ausschließen. Das Ziel der Arbeit ist es folglich, wertvolle Kenntnisse zur Beantwortung der Altruismus-Frage und zentrale Aussagen über die Vorhersagekraft und Gültigkeit der Rational Choice-Theorie zu liefern.

Zunächst ist es daher notwendig, sich im folgenden Kapitel (Kapitel 2) mit den theoreti- schen Hintergründen zu beschäftigen. Dabei wird zu Beginn detailliert auf die Annah- men über menschliches Verhalten gemäß der (harten) Rational Choice-Variante eingegangen. Ferner muss die Spieltheorie skizziert werden, die mögliche Lösungskon- zepte in strategischen Entscheidungssituationen prognostiziert und somit die Annahmen über den rationalen Akteur überprüfen kann. Dabei wird auf die speziellen Strukturen von Experimenten eingegangen, die in diversen Studien zum Einsatz kommen. Es han- delt sich hierbei um das Gefangenendilemma, das Diktatorspiel und das Ultimatum- spiel. Diese Spiele unterscheiden sich speziell hinsichtlich ihrer Rationalitätslösung und müssen zum Zwecke der Altruismusforschung näher erläutert werden. Letztlich ist es von zentraler Bedeutung dieser Arbeit, dass echter Altruismus als mögliches Konzept detailliert beschrieben und von anderen Motiven abgegrenzt wird. Hierbei ist es uner- lässlich, dass der Unterschied zu dem „warm-glow“-Effekt, also unechtem Altruismus, hinreichend erläutert wird. Das dritte Kapitel widmet sich dann den empirischen Ergeb- nissen aus einer Auswahl an Experimenten der Spieltheorie. Es wird gezeigt, dass es sowohl Studien gibt, die Altruismus als motivierenden Faktor beobachten, als auch Stu- dien, die menschliches Entscheidungsverhalten durch hauptsächlich egoistische Eigen- nutzenmaximierung motiviert sehen. Das vierte Kapitel muss sich daher der kritischen Würdigung der empirischen Daten widmen, wobei sich letztlich für oder gegen eine Falsifikation der Annahmen über den Homo Oeconomicus ausgesprochen werden muss. Insgesamt kann dabei konstatiert werden, dass das Entscheidungsverhalten speziell in Laborexperimenten durch einige Einflussfaktoren zu stark verzerrt wurde, so dass es sich bei dem beobachteten Altruismus nicht um echten, sondern vielmehr um unreinen Altruismus im Sinne des „warm-glowings“ handelt. Das letzte Kapitel fünf dient ab- schließend dazu, die zentralen Ergebnisse noch einmal zusammenzufassen. Weiterhin soll zusammenfassend gezeigt werden, dass das menschliche Entscheidungsverhalten trotz Befürwortung der Rational Choice-Theorie nicht ausschließlich egoistisch motiviert scheint. Auch wenn Feldexperimente und modifizierte Laborspiele gezeigt haben, dass der beobachte Altruismus nicht echt ist, werden Menschen (teilweise) durch gemischte Motive beeinflusst.

2 Theoretische Hintergründe und deren Implikationen für die Altruismus-Frage

Der rationale Homo Oeconomicus wird per Definition kein altruistisches Verhalten an den Tag legen, ist er doch gemäß den Annahmen ein egoistisches Wesen. So ist es er- staunlich, dass man in diversen Alltagssituationen (zumindest scheinbar) sehr wohl nicht-egoistische Handlungen erkennen kann. Man denke dabei zum Bespiel an das Spendeverhalten bei Katastrophen. Zunächst ist eine Belohnung für den Spendenden nicht erkennbar, auch eine Bestrafung für Nichtspenden als Begründung für das Spen- deverhalten ist auszuschließen. Kann man solches Verhalten also gleichsetzen mit Alt- ruismus? Sollte dies der Fall sein, würde das dem Kernmodell der Rational Choice- Theorie widersprechen und deren Vorhersagekraft deutlich schmälern. Das Ziel der Theorie ist schließlich, jedes menschliche Verhalten erklären bzw. prognostizieren zu können. In Alltagsituationen in der „realen Welt“ spielen jedoch so viele Faktoren eine Rolle, die man weder kontrollieren noch fassen kann, sodass zur Beantwortung der Alt- ruismus- Frage in der Forschung häufig auf Laborexperimente der Spieltheorie zurück- gegriffen wird. Mit der Absicht der vollen Kontrolle über die Spielbedingungen ist es das Ziel, Altruismus als ausschließliche Motivation zu erforschen (vgl. Levitt / Dubner 2009, S. 159ff.).

Für die Frage, ob es echten Altruismus gibt oder nicht und welche Auswirkungen dies auf den Rational Choice-Ansatz hat, ist es daher zunächst notwendig, grundlegende Be- griffe und theoretische Hintergründe zu skizzieren. Hierbei wird im weiteren Verlauf zunächst auf die wesentlichen Annahmen der Rational Choice-Theorie eingegangen. Anschließend werden zentrale Bestandteile und Begrifflichkeiten aus der Spieltheorie skizziert, die als Modell zum Testen von Altruismus fungiert. Schließlich muss der Be- griff des Altruismus an sich definiert und auf zusammengehörige Verhaltensmotive wie Fairness und Reziprozität eingegangen werden. In einem abschließenden Abschnitt sol- len die Auswirkungen der theoretischen Annahmen und Modelle auf die Vorhersage von menschlichem Verhalten noch einmal kurz und anschaulich zusammengefasst wer- den.

2.1 Die Rational Choice-Theorie

Die Rational Choice-Theorie (im Folgenden mit RC-Theorie abgekürzt) oder auch The- orie des rationalen Handelns, steht für eine Handlungstheorie, die nicht nur in der So- ziologie, sondern auch interdisziplinär wie z.B. in der Ökonomie, der Sozialpsychologie und in den Politikwissenschaften eine große Rolle spielt. Mit einem kontinuierlichen Aufstieg seit den 70er Jahren hat die RC-Theorie immer mehr an Bedeutung gewonnen und wird sowohl zur Beantwortung von Grundlagenfragen als auch bei anwendungsori- entierten Problemstellungen als Modell eingesetzt (vgl. Diekmann / Voss 2004, S. 13).

Das grundlegende Ziel der RC-Theorie besteht darin, aus Annahmen über individuelles Handeln kollektive Effekte zu erklären, immer eingebettet in einen sozialen Kontext (Diekmann / Voss 2004, S. 14). Dabei bedient sich der individualistische Erklärungsan- satz der RC-Theorie des Konzeptes des methodologischen Individualismus (Diekmann / Voss 2004, S. 21). Der Ausgangspunkt zur Erklärung und Voraussage von kollektiven Regelmäßigkeiten, und somit Mittel zum Zweck, ist demnach der individuelle Akteur. Dieser Akteur ist wie erwähnt in einen sozialen Kontext eingebettet, weshalb bei der Erklärung kollektiver Effekte immer drei Arten von Beziehungen integriert sein müs- sen: Die Kontexthypothese übt einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wahlalternati- ven des Akteurs aus und zwar in dem Maße, dass gesellschaftliche Merkmale die Ziele und Ressourcen einer Person beeinflussen. Die Kontexthypothese entspricht somit den Randbedingungen des zweiten Parts, der Entscheidungstheorie, die angibt, wie sich ein Akteur verhalten bzw. entscheiden wird. Der dritte Part, die Aggregationsregel (Trans- formationsregel) entspricht einer Formel für den Kollektiveffekt und kann einfach eine Summe, ein Anteilswert oder eine Rate sein (Diekmann / Voss 2004, S. 21). Die drei Bausteine Kontexthypothese, Entscheidungstheorie und Aggregationsregel stellen das Explanans dar und begründen den Kollektiveffekt (Explanandum). Esser hat die ersten drei Schritte des Explanans als „Logik der Situation“, „Logik der Selektion“ und „Logik der Aggregation“ bezeichnet und speziell bezogen auf die RC-Theorie die „Logik der Situation“ weiter ausgearbeitet (Esser 1999, S. 91ff. u. Esser 1996, S.1ff. u. vgl. Diek- mann / Voss 2004, S. 21). Dieser beschriebene Makro-Mikro-Makro-Zusammenhang einer soziologischen Erklärung wird in untenstehender Abbildung noch einmal deutlich. In dem sogenannten Badewannen-Modell steht (a) für die „Logik der Situation“, (b) für die „Logik der Selektion“ und (c) für die „Logik der Aggregation“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Grundmodell der soziologischen Erklärung (Quelle: Esser 1999, S. 98)

Das generelle Kernmodell der RC-Theorie hat die folgenden Grundbausteine: Akteure, Ressourcen bzw. Restriktionen, Präferenzen bzw. Ziele und eine Entscheidungsregel. Die dabei geltenden Kernannahmen werden im Folgenden skizziert.

Als Ausgangspunkt sind die Akteure zu sehen. Es handelt sich meistens um natürliche Personen, aber es kann sich gelegentlich auch um Institutionen, Staaten oder Organisa- tionen handeln. Diese Akteure sind mit grundlegenden Ressourcen ausgestattet bzw. handeln unter Restriktionen. Mit diesen Ressourcen versuchen sie ihre eigenen Hand- lungsziele möglichst gut zu erreichen. Es wird ferner angenommen, dass ein Akteur immer eine Wahlalternative besitzt. Das Prinzip der RC-Theorie besagt somit, dass „Akteure in Entscheidungssituationen unter Restriktion versuchen, ihre Präferenzen möglichst gut zu realisieren“ (Diekmann / Voss 2004, S. 14ff).

Als Ressource bzw. Restriktion können z.B. Einkommen, Marktpreise, Zeit, Technolo- gien, bestimmte Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten oder auch gesetzliche Regelungen ge- sehen werden.

Am Beispiel der Variable Zeit wird die mögliche Doppelfunktion einer Variable als Ressource und gleichzeitig Restriktion deutlich. Ein Akteur kann die ihm am Tag zur Verfügung stehende Zeit als Ressource nutzen, um ein bestimmtes Ziele zu erreichen. Gleichzeitig beschränkt er damit aber auch seinen Handlungsspielraum, da die schon abgelaufene Zeit als Restriktion wirkt (vgl. Diekmann / Voss 2004, S. 15).

Am Beispiel der Variable Einkommen kann eine weitere Doppelfunktion gezeigt werden, da das Einkommen als Ressource (z.B. zur Verfügung stehendes Einkommen für Freizeitaktivitäten) je nach Erklärungszweck in einem anderen Forschungsmodell auch als Handlungsziel (z.B. Verbesserung der Einkommenssituation) zum Einsatz kommen kann (Diekmann / Voss 2004, S. 16). Streben nach materiellen Gütern, eine Erhöhung des sozialen Status und der Wunsch nach sozialer Anerkennung sind weitere Bespiele für Präferenzen bzw. Handlungsziele eines Akteurs.

Der dritte Baustein von RC-Modellen ist die Entscheidungsregel, die besagt wie sich der Akteur bei gegebenen Ressourcen und strikten Präferenzen voraussichtlich verhalten wird. Hierbei kommen meistens Maximierungsprinzipien wie bspw. in der „SEUTheorie“ und in der „Prospect-Theorie“ oder auch andere Entscheidungsregeln wie „Maximin“ zum Einsatz (vgl. Diekmann / Voss 2004, S. 16).

Bei der basalen „harten“ Variante der RC-Theorie wird den Akteur gemäß der ökono- mischen Standardtheorie das egoistische Menschenbild des Homo Oeconomicus unter- stellt. Werden diese fiktiven Annahmen in ein RC-Modell eingebaut, dann kommt die Entscheidungsregel der (Eigen-)Nutzenmaximierung mit dem Schwerpunkt auf der Er- höhung von materiellem Nutzen, verbunden mit einer Kosten-Nutzen-Kalkulation zum Einsatz (Diekmann / Voss 2004, S. 17 u. Kolm 1995, S. 256). Unter dieser klassischen Fiktion wird dem Akteur eine Rationalität unterstellt, in der er unter vollkommener In- formiertheit seine Ressourcen bei festen Präferenzen zur Nutzenmaximierung einsetzt.

Esser skizziert den Homo Oeconomicus als einen Akteur, der „seinen individuellen Nutzen auf der Grundlage vollkommener Information und stabiler und geordneter Präferenzen im Rahmen gegebener Restriktionen“ maximiert (Esser 1999, S. 236). Eine weitere treffende Formulierung findet sich bei Arzheimer und Schmitt: Der Homo Oeconomicus handelt nach deren Ansicht „stets nach bestem Wissen, aber nie nach bestem Gewissen“ (Arzheimer / Schmitt 2005, S. 249), was den egoistischen Charakter dieses modellhaften Menschenbilds gut verdeutlicht.

Der Vorteil der harten Variante liegt in der Sparsamkeit der Annahmen, der leichten Messung der Variablen und der leichten Falsifizierbarkeit der Modelle. Allerdings hal- ten Diekmann und Voss (2004) auch fest, dass die harten Modelle oft nur bei der Vor- hersage von marginalen und nicht bei der Prognose von absoluten Niveaus von Variablen erfolgreich sind. Empirische Untersuchungen haben oft ein von der Fiktion des Homo Oeconomicus abweichendes Verhalten gezeigt, weshalb „weichere“ Varian- ten der RC-Modelle konstruiert werden, um die tatsächlichen Beobachtungen besser vorhersagen zu können. Diese beinhalten Komponenten wie z.B. soziale Normen und Gesetze, soziale Missbilligung, interne Kosten und Belohnungen und auch bspw. altru- istische Motive (Diekmann / Voss 2004, S. 20). Die weicheren Varianten werden dadurch zwar realistischer, „aber gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Theorie durch die Hinzufügung immer weiterer Nutzenkomponenten gegenüber empirischer Kritik immunisiert wird“ (Diekmann / Voss 2004, S. 20).

Daher wird in dieser Arbeit auf das einfachere, harte Modell mit den Annahmen eines rationalen, nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus zurückgegriffen. Für die Kon- struktion von RC-Modellen ist es ohnehin nicht von Bedeutung, ob die Annahmen rea- listisch sind, da man für jede Theorie schlichtweg Annahmen braucht und den Akteuren unterstellt, dass sie ein bestimmtes Verhaltensmuster gemäß der postulierten Entschei- dungsregel aufzeigen (vgl. Schnabel 2005, S. 279 u. Arzheimer / Schmitt 2005, S. 249).

Es leuchtet jedoch ein, dass es nicht nur ein Entscheidungsprinzip oder nur eine be- stimmte Anzahl und nur eine Art der Messung der Präferenzen und Ressourcen geben kann. Weshalb es auch nicht die eine RC-Theorie gibt, sondern mehrere unterschiedli- che Varianten. Die Grundbausteine bieten jedoch eine gute Basis, um sich entsprechend der jeweiligen empirischen Fragestellung ein relevantes RC-Modell zu schaffen. Dabei sind sparsame Modelle, die mit wenigen Annahmen eine hohe Erklärungskraft haben, zu bevorzugen (Diekmann / Voss 2004, S. 15f.).

Was alle RC-Modelle gemein haben, ist die Arbeitshypothese, dass eine Handlungs- bzw. Verhaltensänderung wenn möglich nur mit einer Veränderung der dem Akteur zu- gänglichen Ressourcen bzw. Restriktionen und nicht mit einer Veränderung bezüglich seiner Präferenzen erklärt werden soll. Eine Abweichung von dieser Heuristik ist laut Diekmann und Voss nur in den (seltenen) Fällen annehmbar, wenn es dafür wirklich überzeugende empirische Anhaltspunkte gibt (Diekmann / Voss 2004, S. 16).

Die Gründe dafür haben zum einen einen praktischen Ursprung, da Restriktionen ein- fach leichter beeinflussbar und prognostizierbar sind. Zum anderen wird zum Zwecke des Erklärungsgehalts darauf verzichtet, da Erklärungen durch Präferenzänderungen häufig tautologische Scheinerklärungen sind und jede Verhaltensänderung sozusagen im Nachhinein durch eine Nutzenänderung der Aktivität ‚erklärt’ werden kann (Diek- mann / Voss 2004, S. 16).

Beschäftigt man sich mit der RC-Theorie, ist es weiterhin unerlässlich sich auch mit dem Begriff der Rationalität zu befassen. Diekmann und Voss definieren Rationalität „als Handeln in Übereinstimmung mit den Annahmen (Axiomen) einer Entscheidungs- theorie“ (Diekmann / Voss 2004, S. 13). Hier bezieht sich Rationalität also auf die Auswahl der Handlungsalternativen. Als eine Mindestanforderung an rationale Ent- scheidungen sehen die Autoren die Transitivität der Präferenzen. Jeder Akteur besitzt demnach eine Nutzenfunktion, die seine Präferenzen widerspiegelt. Diese kann in eine ordinale Rangfolge gebracht werden. Rationalität unterstellt nun, dass jeder Akteur sich so verhält, dass er, gegeben der Transitivität, die Alternative wählt, die ihm gemäß der unterstellten Entscheidungstheorie den höchsten Nutzen bringt (Diekmann / Voss 2004, S. 17).

Da es mehrere Entscheidungstheorien und dementsprechend auch mehrere Rationalitätsbestimmungen gibt, macht es nach Diekmann nur Sinn, wenn die Rationalität einer Handlung immer unter der Annahme einer spezifischen Rationalitätstheorie analysiert wird (Diekmann 2010, S. 82). Ferner konstatiert Diekmann, dass man zum Zwecke von deskriptiven Aussagen auf das Adjektiv „rational“ verzichten kann, da es keine Information hinzufügt (Diekmann 2010, S. 82).

Im Grunde ist der Begriff für die RC-Theorien nicht wichtig, da auch „irrationales“ Handeln durch eine (subjektive) Rationalität zu Stande kommt. Somit kann auch ein Akteur, der sich entgegen der Annahme des Homo Oeconomicus auch an nichtmateriellen Werten orientiert, als „rational“ handelnd angesehen werden. Für die weiteren Ausführungen in dieser Arbeit sei an dieser Stelle somit erwähnt, dass altruistische Handlungen eines nicht-egoistisches Akteurs ebenfalls (subjektiv) rational sind, insofern er sich gemäß seiner Entscheidungsheuristik verhält.

2.2 Die Spieltheorie und deren Bedeutung für die Altruismusforschung

Zur Prüfung von Kausalhypothesen und zur Beantwortung der Frage, ob es echten Alt- ruismus gibt und sich Personen entgegen der Annahme der (harten) RC-Theorie auch nicht-egoistisch verhalten, wird in der Forschung oft auf Spielsituationen gemäß der Spieltheorie zurückgegriffen. Der Grund liegt darin, dass es sich bei den in der Spieltheorie angewandten Experimenten häufig um Laborexperimente handelt. Diese können vom Forscher ohne großen Aufwand zum jeweiligen Zweck der Analyse kon- struiert und auch kontrolliert werden. Das Verhalten der Teilnehmer lässt sich leicht messen und beobachten.

Gerade in den letzten zwei Jahrzenten erlebte die Spieltheorie einen regelrechten inter- disziplinären Boom, da immer mehr Anomalien zu beobachten waren, die weiteren For- schungsbedarf weckten. Die Testpersonen werden immer wieder sozialen Dilemmata ausgesetzt und müssen Entscheidungen treffen. Hier sind neben dem Altruismus auch verwandte Themen wie Fairness, Reziprozität, Normen und Sanktionen und das Prob- lem sozialer Ordnung zu nennen. Verhaltensannahmen über den rational nutzenmaxi- mierenden Akteur schienen sich nicht immer mit der Realität zu decken und waren zu restriktiv (vgl. Diekmann 2010, S. 200f.).

Der typische Aufbau der Experimente sieht so aus, dass die Testpersonen Entscheidun- gen bezüglich einer Geldmenge treffen müssen. Der monetäre Charakter der Spiele kommt somit dem Testen des Menschenbilds eines Homo Oeconomicus zu Gute, da dieser sich, gemäß der Fiktion, ja (ausschließlich) an monetären Nutzenzuwächsen ori- entiert. Die Testpersonen sind in den meisten Fällen Studenten, die im Labor an Com- utern sitzen und von Forschern bestimmte konstruierte Experimente zu sehen bekommen, bei denen es darum geht, Handlungsentscheidungen zu treffen. Je nach Ausgang der Experimente werden die Studenten erfolgsabhängig mit den Geldbeträgen entlohnt (vgl. Diekmann 2010, S. 201).

Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt, spielt die Aggregationsregel bei der Erklärung kollektiver Phänomene eine Rolle. Meist ist diese Bedeutung eher untergeordnet, da es sich, wie erwähnt, oftmals lediglich um die Summe voneinander unabhängiger Hand- lungen der Akteure handelt. Im Falle von den Laborexperimenten der Spieltheorie ver- hält es sich mit der Aggregation jedoch nicht so einfach, da es sich um strategische Interdependenzen dreht. In diesen Situationen hängt die Entscheidung eines Akteurs immer auch von dem Verhalten des anderen Akteurs ab. Das Ergebnis, bzw. das kollek- tive Phänomen, hat folglich strategischen Ursprung. Da in der Regel auch abseits des Labors sehr viele soziale Interaktionen strategischer Natur sind, bieten sich Experimente auf spieltheoretischer Basis an, um Vorhersagen in strategischen Situationen treffen zu können. Zudem gibt die Spieltheorie Lösungen bzw. Verhaltensprognosen für rationales Verhalten an, wie sich ein Spieler verhalten müsste, um rational seinen Nutzen zu ma- ximieren (Diekmann / Voss 2004, S. 22).

Die Spieltheorie stellt somit ein Spezialgebiet der Entscheidungstheorie dar, bei dem Entscheidungen in strategischen Situationen getroffen werden müssen. Zudem handelt es sich um unsichere Entscheidungen, da ein Spieler nicht mit Sicherheit weiß, welches Ergebnis er durch seine individuelle Entscheidung erwirkt, da das Ergebnis darüber hinaus noch von der Entscheidung seiner Mitspieler abhängig ist. Die Lösungskonzepte der Spieltheorie basieren auf der Annahme, dass der Spieler nun unter gewissen Annahmen (hier z.B. die Rationalität der Spieler) seinen „Spielzug“ strategisch kalkuliert und das Verhalten des Mitspielers antizipiert (Diekmann 2010, S. 71).

Insgesamt kann man die zu erfüllenden Bedingungen von individuell-rationalem Han- deln in strategischen Entscheidungssituationen auf drei Punkte erweitern. Als erstes Ra- tionalitätskriterium muss (wie im vorigen Abschnitt erwähnt) eine ordinale Präferenzordnung der Nutzenwerte vorliegen. Zum anderen sieht die klassische Spieltheorie vor, dass der rationale Akteur die Nash-Gleichgewichtsstrategie wählen wird, die zudem noch teilspielperfekt ist1 (Diekmann 2010, S. 78).

Es wird somit angenommen, dass die Spieler jeweils diese Gleichgewichtsstrategie wählen werden, da bei gegebener Strategie der anderen Spieler für jeden einzelnen Ak- teur keine Erhöhung des eigenen Nutzens erzielt werden kann, wenn er von der Nash- Strategie abweicht. Diekmann und Voss konstatieren also, dass in diesem Gleichge- wicht kein Mitspieler einen Anreiz hat, einseitig von der gewählten Strategie abzuwei- chen (Diekmann / Voss 2004, S. 23). Als anschauliches Beispiel ist hierfür das Fahren auf der rechten Seite im Straßenverkehr zu sehen. Jeder Akteur kann nur verlieren, wenn er abweicht und sich entschließt auf der linken Seite zu fahren. Aus der prognosti- zierten Individualstrategie des Nash-Gleichgewichts wird demnach ein prognostizierter Kollektiveffekt, der sich aus den Kombinationen aller individuellen Gleichgewichtsstra- tegien ergibt. Es wird somit ersichtlich, dass die Spieltheorie „damit eine elegante Lö- sung für die ‚Logik der Selektion’ und die ‚Logik der Aggregation’ liefert, bei der die individuelle Entscheidungsregel zugleich Aggregationsregel ist“ (Diekmann / Voss 2004, S. 23). Aus der individuellen strategischen Entscheidung des Rechtsfahrens wird eine kollektive Rechtsfahr- Entscheidung erzeugt.

In den folgenden Abschnitten sollen nun die einzelnen Spielvarianten vorgestellt werden, die in der Spieltheorie häufig zum Einsatz kommen, wenn es um die Erforschung von altruistischem Verhalten geht. Außerdem werden anhand der Beispiele weitere zentrale Begriffe aus der Spieltheorie kurz erläutert.

2.2.1 Gefangenendilemma

Das Gefangenendilemma als „Paradepferd zur Illustration der Diskrepanz zwischen in- dividueller und kollektiver Rationalität“ (Diekmann 2010, S. 31) ist ein beliebtes Bei- spiel zur Veranschaulichung eines Grundproblems aller Gesellschaften. Es kommt häufig zum Einsatz, wenn es um monetäre Entscheidungssituationen oder um materiel- len Einsatz geht. Charakteristisch für das Gefangenendilemma ist, dass die von der Spieltheorie vorausgesagte Lösung der Nash-Gleichgewichtsstrategien nur auf individu- eller Ebene betrachtet eine rationale Strategie ist. Aus kollektiver Sicht, hätte die Wahl einer anderen irrationalen Strategie, hier der Kooperation, ein höheres Ergebnis für beide Spielteilnehmer erzielt (vgl. Diekmann 2010, S. 31ff.).

Die folgende Abbildung dient zur Veranschaulichung dieses Problems und der generellen Lösungswege der Spieltheorie anhand der beispielhaften Situation von zwei Gefangenen, die sich in einer Art Kronzeugenregelung befinden. Gesteht ein Gefangener die Tat, wird er freigelassen und der andere Mittäter muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Schweigen beide, müssen die Gefangenen lediglich aufgrund eines leichteren Verbrechens für ein Jahr hinter Gittern. Gestehen hingegen beide, müssen sie für fünf Jahre ins Gefängnis (Diekmann 2010, S. 35). Transformiert man die Kosten der möglichen Urteile in Nutzenwerte, erhält man folgende Matrix:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Auszahlungsmatrix des Gefangenendilemmas (Quelle: vgl. Diekmann 2010, S. 28ff.)

Spieltheoretiker prognostizieren als Lösung der Situation, dass beide Gefangenen geste- hen werden. Dafür spricht aus spieltheoretischer Sicht, dass es sich um eine dominie- rende Gleichgewichtsstrategie handelt. Dominierend daher, weil für jeden Spieler die Strategie „gestehen“ höhere Nutzenwerte liefert, gleichgültig wie sich der Mittäter ent- scheidet. Zudem handelt es sich bei dem Schnittpunkt beider dominierender Strategien um eine Nash-Gleichgewicht, da keiner der Gefangenen einen Anreiz hat, sich bei ge- gebener Nutzenstruktur einseitig für einen Wechsel von der defektiven Strategie „geste- hen“ hin zur kooperativen Strategie „schweigen“ zu entscheiden. Zudem greift auch die Entscheidung nach dem „Maximin“-Prinzip, da „Gestehen“ im „worst case“-Denken immer noch einen höheren Nutzenwert bedingt als „Schweigen“ es tun würde. Insge- samt sieht man also, dass sich nach der Entscheidungstheorie zwei strikt rationale Spie- ler für „Gestehen“ entscheiden werden, obgleich die Kooperation untereinander in Form von „Schweigen“ für beide Gefangenen einen besseren Ausgang bewirken würde. Die spieltheoretisch rationale Wahl zwischen Kooperation und Defektion kann somit die Existenz von irrationalen Zuständen und nicht optimalen kollektiven Ergebnissen in Gesellschaften erklären (Diekmann 2010, S. 31ff). Es handelt sich hierbei um ein Effi- zienzproblem, das durch die Wahl der defektiven Strategie zustande kommt. Diese inef- fiziente Nash-Gleichgewichtsstrategie liefert kein soziales Pareto-Optimum, da sich beide Gefangenen auf Kosten des anderen Täters verbessern können. Beidseitige Ko- operation liefert hingegen ein Pareto-Optimum (Diekmann 2010, S. 34). In diesem Zu- sammenhang sei an dieser Stelle auf soziale Normen und Sanktionen sowie auf institutionelle Regeln verwiesen, die im Falle von ineffizienten Nash-Gleichgewichten diese Spiele in soziale Optima transformieren können (vgl. Diekmann 2010, S. 34). All- gemein gesprochen handelt es sich im Falle solcher Ineffizienzen um soziale Dilemma- ta, die Diekmann dann sieht „wenn individuell-rationales Handeln schlechtere Ergebnisse hervorbringt als die theoretische Möglichkeit eines einklagbaren Vertrags unter rational handelnden Akteuren“ (Diekmann 2010, S. 105).

Des Weiteren sei an dieser Stelle vorab kurz erwähnt, dass Experimente in der Spielthe- orie teilweise sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern (Kapitel 3). Ein Großteil der Ver- suchsteilnehmer kooperiert z.B. im Gefangenendilemma und verhält sich auch in anderen Spielstrukturen nicht gemäß der rationalen Homo Oeconomicus- Fiktion (vgl. Diekmann 2010, S. 33).

2.2.2 Diktatorspiel

Das Diktatorspiel gilt in der experimentellen Altruismusforschung als sehr geeignetes und sehr oft angewandtes Spiel. Streng genommen handelt es sich bei dem Diktatorspiel allerdings nicht um ein Spiel im eigentlichen Sinne, da es keinen strategischen Charak- ter aufweist. Die Versuchsperson, die die Rolle des Diktators innehat, erhält einen Be- trag, den sie zwischen sich selbst und dem „Mitspieler“ aufteilen soll. Es handelt sich somit um „eine einfache Entscheidungssituation, bei der das Ergebnis nur vom Verhalten eines Akteurs abhängt und strategisches Verhalten nicht involviert ist“ (Diekmann 2010, S. 204). Die spieltheoretische Prognose gemäß der Fiktion eines rationalen Spielers lautet, dass der Diktator (Proposer) alles für sich behält und seinem anonymen Mitspieler (Responder) „nichts oder nur wenig mehr als einen Nullbetrag zuweist“ (Franzen / Pointer 2008, S. 3). Die Trivialität der Prognose kennzeichnet auch Ockenfels: „Unter der Annahme, daß der Diktator mehr Geld weniger Geld vorzieht, sollte er den ganzen Kuchen für sich selbst behalten“ (Ockenfels 1999, S. 5).

Die sequentielle Variante des Diktatorspiels hat ferner eine besondere Abänderung in der „Spielstruktur“. In einer ersten Runde bleibt der Versuchsaufbau zunächst gleich und der erste Spieler verteilt die Summe auf sich und seinen Mitspieler. In der zweiten Runde werden die Rollen getauscht und der zweite Spieler wird zum Diktator (Diek- mann 2010, S. 211). Anhand einer Rückwärtsinduktion, bei der zuerst auf den letzten Spielzug in einem sequentiellen Spiel geschaut wird und von da aus rückwärts zum ers- ten Spielzug die jeweils rationale Gleichgewichtsstrategie ermittelt wird, wird das hier geltende teilspielperfekte Nash-Gleichgewicht deutlich: In der zweiten Runde behält Spieler 2 alles für sich, in der ersten Runde verhält es sich genau umgekehrt (Franzen / Pointer 2008, S. 3). Das Kriterium der Teilspielperfektheit setzt voraus, dass eine Nash- Gleichgewichtsstrategie in jedem Teilspiel eines sequentiellen oder wiederholten Spiels ebenfalls die Eigenschaft eines Nash-Gleichgewichts besitzt. Das bedeutet, dass eventu- elle Drohungen eines Mitspielers, die nicht glaubwürdig oder realisierbar sind, zu einem nicht teilspielperfekten Gleichgewicht führen (Diekmann 2010, S. 50f.).

2.2.3 Ultimatumspiel

Auch das Ultimatumspiel dient in der experimentellen Spieltheorie häufig dazu, um z.B. Fairness, Kooperation und Altruismus zu testen. Es handelt sich um ein sehr einfaches Spiel, dass wie das Gefangenendilemma und das beschriebene Diktatorspiel zeigt, dass die realen Akteure nicht immer so handeln wie es die Fiktion des rationalen Homo Oeconomicus voraussagt (vgl. Diekmann 2010, S. 53).

Das Ultimatumspiel ist eine Erweiterung des Diktatorspiels, bei der ein Vetorecht des 16 zweiten Mitspielers zum Einsatz kommt. Es handelt sich also um keine simultane Ent- scheidung, sondern um eine versetzte Form der Entscheidung. Lehnt der zweite Spieler nämlich die vom ersten Spieler vorgeschlagene Aufteilung des Betrags ab, dann erhal- ten beiden Spieler nichts. Vorstellbar ist folgende Situation: Ein Diktator hat einen Geldbetrag zur Verfügung und plant einen bestimmten (geringen) Teil an den Mitspieler abzugeben. Hat sich der Mitspieler allerdings für ein Akzeptanzminimum entschieden und liegt der gebotene Betrag darunter, dann wird er also ablehnen und beide Spieler würden nichts bekommen.

Allerdings ist dieses Szenario gemäß der Unterstellung eines rationalen Spielers nicht sehr realistisch, denn gemäß der Fiktion würde der Mitspieler seine Drohung nicht wahrmachen und jeden noch so kleinen Betrag akzeptieren, gemäß dem Motto „besser als nichts“. Sind Drohungen des Responders als nicht glaubwürdig anzusehen, handelt es sich um eine nicht teilspielperfekte Strategie des Mitspielers. Der Diktator wird unter Antizipation eines rationalen Gegenübers also den kleinstmöglichen Betrag anbieten und dieser wird ihn akzeptieren. Es wird gemäß der Theorie auch hier wieder ange- nommen, dass „alle Spieler mehr Geld weniger Geld vorziehen (Ockenfels 1999, S. 5). Auch wenn es sich beim Ultimatumspiel bei jeder Aufteilung der Summe um Pareto- optimale Nash-Gleichgewichte handelt, ist folglich nur die letztgenannte Strategiekom- bination (kleinstmöglicher Betrag) auch ein teilspielperfektes Gleichgewicht (Diekmann 2010, S. 53).

2.3 Altruistisches Verhalten

Der Begriff Altruismus wurde als erstes von Auguste Comte (1875) eingeführt und kann ganz allgemein als Gegensatz zum Egoisten verstanden werden, der gemäß der ökonomischen Standardtheorie ausschließlich seinen eigenen Nutzen maximieren will. Zentral für diese Arbeit ist zunächst die Unterscheidung zwischen reinem und unreinem Altruismus. Bei reinem, echtem Altruismus handelt ein Akteur begründet durch eine Motivation, die darauf basiert, uneingeschränkt selbstlos und im Interesse einer anderen Person zu handeln, ohne dabei Belohnung für sein Verhalten zu erwarten (Bardsley / Sugden 2006, S. 749). Gary Becker charakterisiert genuin altruistisches Verhalten in diesem Zusammenhang als „a desire to improve the general well-being of recipients“ (Becker 1974, S. 1083). Die Motivation eines Akteurs liegt also eindeutig darin begrün- det, dass der eigene Nutzen nicht nur von der eigenen Auszahlung erhöht wird, sondern auch positiv von der Auszahlung des Mitspielers abhängt (Ockenfels 1999, S. 16). Die Erhöhung des eigenen Nutzens aus dem altruistischen Akt und der Erhöhung des Nut- zens des Empfängers heraus beschreibt auch Schokkaert: „ ... the utility of other human beings, and more specifically of the recipient(s), enterst he utility function oft he donor“ (Schokkaert 2006, S. 134). Eine weitere zentrale Eigenschaft von altruistischem Verhal- ten, die den Blick weg von den Motiven und hin zu den Konsequenzen der Handlung wendet, beschreiben Fehr und Fischbacher (2003). Altruismus wird danach als Kosten verursachende Handlungen, die anderen Personen ökonomische Vorteile verschaffen, definiert (Fehr / Fischbacher 2003, S. 785), wobei die ökonomischen Vorteile nicht zwingend materiell sein müssen. Auch Liebe und Tutic (2010) fokussieren den Kosten- aspekt und definieren Altruismus als einen kostenaufwendigen Akt, der den Nutzen ei- ner Person erhöht, ohne selbst davon zu profitieren (Liebe / Tutic 2010, S. 356).

Im Gegensatz dazu steht der unreine Altruismus, der nicht primär mit dem Wohlergehen des Mitspielers zusammenhängt und unter dem Begriff „warm-glow-effect“ bekannt ist. Hierbei zieht der „altruistische“ Akteur primär seinen Nutzen aus der eigenen Handlung und dem Akt des Gebens selbst, indem er Befriedigung darin findet, gut dazustehen und moralisch richtig gehandelt zu haben (Bardsley / Sugden 2006, S. 749). Zudem ist der Ausgang, also die Konsequenz für den Mitspieler, für die Motivation des Akteurs egal (Bardsley / Sugden 2006, S. 750). Wer also jemandem hilft, nur um sein Selbstbild ei- nes guten Menschen aufrecht zu erhalten oder auch um Schuldgefühle abzubauen, han- delt nicht genuin altruistisch. Bekannt sind hierbei die Studien von Andreoni im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern und Spenden. Auch hier wird strikt zwischen reinen altruistischen Handlungen (pure altruism) und unreinen altruistischen Handlun- gen (impure altruism) unterschieden. Ein Akteur ist durch einen „warm-glow-effect“ motiviert, wenn er „from having done ‚their bit’ “ Anerkennung erhält und dadurch seinen eigenen Nutzen erhöht. Der Forscher hält fest, dass „people get some private goods benefit from their gift per se“ (Andreoni 1989, S. 1448f.).

Dass es oftmals nicht leicht ist zu entscheiden, ob es sich um reinen oder unreinen Alt- 18 ruismus handelt, wird leicht ersichtlich, wenn man sich Situationen aus dem Alltag vor Augen führt. So fallen z.B. Spenden an einen Straßenbettler und die Entscheidung für einen Organspendeausweis ggf. eher unter den Punkt, dass sich eine Person nicht schuldig oder schlecht fühlen will und nicht unter rein altruistische Gesichtspunkte (vgl. Levitt / Dubner 2009, S. 183).

Die Erforschung von altruistischem Verhalten geht in der Literatur zudem häufig einher mit der Erforschung von Motivationsgründen wie Fairness und Reziprozität. Daher wird in dieser Arbeit - angelehnt an die Definition von Ockenfels - ein weites Verständnis von Altruismus bezüglich der Motivationsgründe zu Grunde gelegt.2 „Altruismus wird [...] als ‚Interdependenz der Präferenzen’ verstanden - hierzu zählen auch Fairneß und Reziprozität“ (Ockenfels 1999, S. 1). Altruistisches Verhalten kann unter diesem Ver- ständnis dann beobachtet werden, wenn sich ein Akteur entgegen der rationalen spiel- theoretischen Lösung verhält. Sein Verhalten in den jeweiligen Spielmodellen entspricht dann nicht der eigennützigen teilspielperfekten Gleichgewichtsstrategie, wie im vorigen Abschnitt postuliert. Ockenfels kategorisiert zudem die einzelnen Spielsitua- tionen passenderweise in Fairness-Spiele und in Dilemma-Spiele.

Bei Fairness-Spielen wie dem Diktator- und dem Ultimatumspiel, bei denen es wie be- reits erwähnt um die Verteilung eines Betrags geht, wird im Sinne von altruistischem Verhalten, von „fairem“ Verhalten gesprochen (Ockenfels 1999, S. 4). Fairness kann im Sinne der Spieltheorie allgemein definiert werden als Präferenz für eine Gleichvertei- lung der Beträge (Franzen / Pointner 2008, S. 5). Entgegen der rationalen Strategie dem Mitspieler einen Betrag von Null, bzw. den kleinst möglichen Betrag, auszuzahlen, stellt die Abgabe jeglicher Summe eine tendenziell faire, altruistische Handlung dar (Franzen / Pointner 2008, S. 5). Dabei wird die normative und moralische Komponente von altruistischem Verhalten sichtbar, da Akteure häufig bereit, sind unfaires Verhalten auch unter Erbringung eigener Kosten zu sanktionieren (Fehr / Fischbacher 2003, S. 785).

In Dilemma-Spielen wie in dem einmaligen oder endlich wiederholten Gefangenendi- lemma aber auch im sequentiellen Diktatorspiel, kann im Sinne von Altruismus von „reziprokem“ Verhalten gesprochen werden (Ockenfels 1999, S. 4). Wer sich reziprok verhält, handelt allgemein gesprochen, ganz nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“. Unter dieser Vorstellung reagieren die Spieler jeweils auf den Spielzug des Mitspielers, unabhängig von der eigenen Nutzenmaximierung. Dabei werden positive, kooperative Verhaltensmuster ebenfalls mit Kooperation „belohnt“ und negative, defektive Verhal- tensmuster mit einem ähnlichen Verhalten „bestraft“ (Schokkaert 2006, S. 132), was auch mit „starker Reziprozität“ (strong reciprocity) bezeichnet wird (Fehr / Fischbacher 2003, S. 785ff.). Das Belohnen wird in diesem Zusammenhang auch als positive (altru- istische) Reziprozität („altruistic rewarding“) und Bestrafung als negative Reziprozität („altruistic punishment“) bezeichnet (Diekmann 2010, S. 210f. und Fehr / Fischbacher 2003, S. 785ff.). In dem Bestrafen liegt eine weitere zentrale Eigenschaft reziproken Verhaltens begründet, nämlich der uneigennützigen Aufwendung von eigenen Kosten. Fehr und Gächter beschreiben den altruistischen Charakter von reziprokem Handeln treffend wie folgt. „People repay gifts and take revenge even in interactions with com- plete strangers and even if it is costly for them and yields neither present nor future ma- terial rewards“ (Fehr / Gächter 2000, S. 159). Auch Diekmann zählt Reziprozität zu altruistischem Verhalten, wenn es sich um ein einmaliges oder endlich wiederholtes Spiel handelt und hebt die normative Bedeutung von altruistischer Reziprozität für die Stabilität von Normen und Sanktionen hervor (Diekmann 2010, S. 203). Der normative Ursprung von Reziprozität wird auch in der Arbeit von Gouldner, als „shadow of indeb- tedness“ bezeichnet, hervorgehoben. Es handelt sich nach seiner Definition um eine intrinsische Motivation und Verpflichtung, mit der positive Leistungen erwidert werden (Gouldner 1960, S. 171f.). Generell kann positive altruistische Reziprozität z.B. im se- quentiellen Diktatorspiel getestet werden, indem durch den Rollentausch in der zweiten Runde die Höhe der Abgabe des zweiten Diktators, mit der (hohen positiven) Abgabe des Diktators in der ersten Runde verglichen wird. Selbstschädigende negative Rezipro- zität wird hingegen häufig im Ultimatumspiel getestet, indem nach einer sehr geringen Vorleistung des Proposers auf die ggf. negative, sanktionierende Reaktion des Respon- ders geschaut wird (vgl. Diekmann 2010, S. 211ff.). Erwidert der Mitspieler aus dem ersten Beispiel in der zweiten Runden die hohe Vorleistung und nimmt der Responder aus dem zweiten Beispiel die Kosten der Bestrafung auf sich, handelt es sich in beiden Fällen um „starke Reziprozität“ und altruistisches Verhalten, wenn es sich um endliche Spiele ohne Schatten der Zukunft handelt (Diekmann 2010, S. 211ff. u. Fehr / Fischba- cher 2003, S. 785). Bei einmaligen Spielen müssen Spieler keine Fortführung des Spiels bzw. ein nochmaliges Aufeinandertreffen mit dem Spielpartner „fürchten“, weshalb sie dem Wert zukünftiger Auszahlungen einen geringen Stellenwert (Schatten der Zukunft) zuschreiben und ihre Entscheidungen nur anhand der jetzigen Situation zu treffen haben (Diekmann 2010, S. 149ff.).

Im Zusammenhang mit Reziprozität und altruistischem Verhalten wird auch der Begriff der Kooperation häufig benutzt. Hierbei ist jedoch noch zu erwähnen, dass kooperatives Verhalten nicht zwingend auch altruistisches Verhalten darstellt. Man denke dabei an die unendlich wiederholte Spielstruktur des Gefangenendilemmas, da in diesem Fall die Iteration des Spiels bewirkt, dass bei genügend großem Wert der Zukunft Kooperation im Eigeninteresse zur Nash- Gleichgewichtsstrategie wird und vermeintlich altruistisch- kooperatives Verhalten einen reziprok-egoistischen Ursprung hat (vgl. Diekmann 2010, S. 203 u. Franzen / Pointer 2008, S. 6).3

Zudem widerspricht diese Art von Reziprozität dem Kosten-Kriterium von Altruismus, da kooperatives Verhalten in diesem Fall dem Akteur keinerlei Kosten verursacht (Diekmann 2010, S. 203). In dieser Arbeit wird von Reziprozität also nur im Sinne von altruistischer Reziprozität in einmaligen oder endlichen Spielen gesprochen und nicht von eigeninteressierter, die durch spieltheoretische Modelle erklärbar ist.

Zusammengefasst ist es für diese Arbeit also zunächst wichtig zwischen reinem und un- reinem Altruismus zu unterscheiden. Der unreine Altruismus im Sinne des „warm- glow-effects“ wird hier nicht als altruistische Handlungen angesehen. Echte altruisti- sche Handlungen, die wie in diesem Abschnitt ausgeführt aus Motiven wie reinem Alt- ruismus, Fairness und Reziprozität entstehen, kennzeichnen die hier benutzte Altruismus-Definition.

[...]


1 Auf das Kriterium der Teilspielperfektheit wird im folgenden Abschnitt näher eingegangen.

2 Der Zusammenhang der Themengebiete um altruistische Motivationen findet sich in einigen anderen Arbeiten wie z.B. in Diekmanns Ausführungen (Diekmann 2010, S. 203ff.)

3 Bekannt wurde diese Art von freundlich-kooperativer Strategie unter dem Namen „Tit for tat“. Näheres dazu in den Ausführungen von Axelrod (1984) in „Die Evolution der Kooperation“.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Gibt es echten Altruismus?
Untertitel
Eine Diskussion des empirischen Forschungsstandes vor dem Hintergrund des Rational Choice-Paradigmas
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
92
Katalognummer
V281396
ISBN (eBook)
9783656748519
ISBN (Buch)
9783656748328
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rational choice, Altruismus, Spieltheorie, Experimentelle Spieltheorie, Diktatorspiel, Ultimatumspiel, Homo oeconomicus, Rationales Handeln
Arbeit zitieren
Patrick Fatho (Autor), 2013, Gibt es echten Altruismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281396

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