Bildhauerei in der griechischen Antike

Werkzeuge und Arbeitsverfahren der archaischen und der klassischen Bildhauerei


Seminararbeit, 2008

21 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Einführung - Quellen zur antiken Arbeitsweise
1.1 Die schriftlichen Quellen
1.2 Bildliche Darstellungen
1.3 Unvollendete Werke

2 Unvollendete Werke der griechische Bildhauerei - Die archäologischen Funde
2.1 Archaische Periode
2.2 Klassische Periode

3 Die Werkzeuge des antiken Bildhauers und ihre Spuren
3.1 Die Problematik der Spurenuntersuchung
3.2 Die Bestimmung der Werkzeuge und deren Spuren

4 Die Arbeitsverfahren
4.1 Die archaische Periode
4.2 Die klassische Periode
4.3 Die Arbeit mit einem Modell

5 Die Kopietechniken in der griechischen und hellenistischen Bildhauerei
5.1 Das Lotverfahren
5.2 Der Kopierrahmen, der Kopierkäfig und die Messskala
5.3 Das Zirkelkopieren oder das Punktierverfahren

6 Zusammenfassung

Bibliografie

Einleitung

Diese Hausarbeit handelt von den Arbeitsverfahren und Werkzeugen der antiken Bildhauerei. Sie ist in fünf Hauptteile gegliedert, die jeweils ein Thema behandeln. Sie beginnt mit einer Einführung, in der eine detaillierte Erläuterung zu den Forschungsquellen der antiken Bildhauerei und deren Problematik bei der Recherche dargestellt sind. In dem zweiten Teil werden die wichtigsten unvollendeten Werke der griechischen Archaik und Klassik benannt, die in der Hausarbeit näher untersucht werden. Weiter werden die Hauptmerkmale der Bildhauerei in diesen Epochen erwähnt, sowie die Gründe für die stilistischen Änderungen, die zum Übergang von der einen zur anderen Epoche geführt haben. Der dritte Teil ist den Werkzeugen und deren Spuren auf dem Stein gewidmet. Ebenso werden die Schwierigkeiten und die Meinungsunterschiede der Forscher bei der Interpretation der Spuren dargebracht. Der vierte Teil handelt von den Arbeitsverfahren in der archaischen und der klassischen Periode. Anschließend wird das Arbeitsverfahren mit einem Modell nach Blümel wiedergegeben. Hier ist es wichtig zu betonen, dass auch die Rekonstruierung der Arbeitsverfahren auf gleiche Schwierigkeiten wie die Interpretation der Arbeitsspuren stößt. Beide müssen, trotz des hohen Wahrscheinlichkeitsgrades, in Rahmen einer These bleiben. Im fünften Kapitel werden die verschiedenen Kopierverfahren beschrieben, die sich seit der klassischen Periode, vor allem aber in der hellenistischen Kaiserzeit entwickelt haben. Ihre Rekonstruktion beruht auf dem Vergleich mit den modernen Kopierverfahren. Die in der Hausarbeit vorgestellten Beispiele werden in den Abbildungen im Anhang veranschaulicht. Das Ziel dieser Hausarbeit ist in erster Linie, die Kenntnisse der heutigen Forschung über die antike Bildhauerei, d.h. über die Werkzeuge, deren Anwendung und die Arbeitsweise des antiken Bildhauers, zusammenzufassen. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung der Forschung mit diesem Thema, sowie die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Spuren. Diese bleiben umstritten, weil sie den individuellen Schlussfolgerungen des Betrachters unterliegen. Eigene Interpretationen wurden zumeist aufgrund des Mangels an praktischen Fachkenntnissen weggelassen.

1 Einführung - Quellen zur antiken Arbeitsweise

Es gibt drei Arten von Quellen, die der kunsthistorischen und der archäologischen Forschung zur Verfügung stehen: Die schriftlichen Quellen, die bildlichen Darstellungen und die unvollendeten Werke der Bildhauerei.

1.1 Die schriftlichen Quellen

Die schriftlichen Quellen sind in zwei Gruppen unterteilt: Die Inschriften, wie z.B. Weihe-, Bau-, Ehren- oder Grabinschriften und die von den antiken Schriftstellern verfassten literarischen Werke. Die Weihinschriften der Bildhauerei, die in der archaischen Zeit auf den Statuen selbst, später jedoch auf der Basis angebracht worden sind, geben Auskunft über die Art der Darstellung, das Entstehungsdatum, den Namen des Auftraggebers und des Bildhauers. Über die Arbeitsweise geben die Inschriften jedoch keinerlei Hinweise.

Im Gegensatz zu den meistens kurzen und wenig informativen Inschriften, können die literarischen Textquellen dafür sehr aufschlussreich sein. Eine der bedeutendsten antiken Textquellen ist die naturwissenschaftliche Enzyklopädie des römischen Gelehrten C. Plinius Secundus des Älteren aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. In seinem Werk berichtet er über den Ursprung und die Entwicklung der zu seiner Zeit bekannten Naturwissenschaften, darunter auch die Kunst der Malerei und der Bildhauerei.1 Trotz der relativ detaillierten Beschreibungen der künstlerischen Arbeitsverfahren darf sein Werk nicht ohne Zweifel in wissenschaftlichen Untersuchungen verwendet werden. Der Grund dafür liegt an den mangelhaften Beweismöglichkeiten und an der Tatsache, dass Plinius selbst kein Bildhauer war. Ebenso problematisch für die wissenschaftliche Kompetenz sind die literarischen Überlieferungsmittel, wie mündliche Überlieferungen von Zeitzeugen oder Wiedergabe volkstümlicher Legenden, wie beispielsweise die Entstehungsgeschichten der Malerei und Bildhauerei.

1.2 Bildliche Darstellungen

Eine bildliche Darstellung der Bildhauerarbeit findet man oft auf antiken Tongefäßen (Vasenmalerei) oder Reliefs. Solche Abbildungen können wichtige Information über die Instrumente und die Umgebung, manchmal sogar Hinweise über mehrere Arbeitsstufen wiedergeben. Man kann jedoch die Arbeitsweise und die Technik des antiken Bildhauers, die für die kunsthistorische Untersuchung von großer Bedeutung sind, nicht von den bildlichen Darstellungen ablesen. Deren Interpretation kann deshalb nicht wissenschaftlich belegt werden.

1.3 Unvollendete Werke

Die aufschlussreichsten Gegenstände der Bildhauerei sind zweifellos die unvollendeten Werke. Die hinterlassenen, unbearbeiteten Spuren an der antiken Bildhauerei vermitteln dem Untersucher in Verbindung mit seinem Wissen über die Arbeitsverfahren der modernen Bildhauerei die feinsten Details über die angewendeten Instrumente, den Arbeitsprozess und die Arbeitsweise des antiken Bildhauers. Es kommt vor, dass sie dadurch sogar Informationen über den Meister selbst und sein Wesen preisgeben. In den nächsten Kapiteln werden diese Arbeitsspuren anhand einiger Beispiele unvollendeter antiker griechischer Werke ausführlich untersucht.

2 Unvollendete Werke der griechische Bildhauerei - Die archäologischen Funde

2.1 Archaische Periode

Zu den am meisten erwähnten, unvollendeten Werken der Archaik gehören die Kolossalstatue eines griechischen Gottes, möglicherweise Dionysos,2 von der Insel Naxos, eine Kolossalstatue eines Widderträgers aus Thasos, eine Jünglingsfigur vom Pentelikon und ein männlicher Torso aus Naxos. In einem sehr fortgeschrittenen Arbeitsstadium befindet sich der archaische Jünglingskopf (Sphingenkopf), der sich heute in der Münchner Glyptothek befindet. Die Datierung aller oben genannten Skulpturen geht auf das 6. Jahrhundert vor Christus zurück,3 was sich teilweise von ihrer archaischen Schrittstellung, die aufrechte und etwas starre Körperhaltung und den Spuren bestimmter Werkzeuge ablesen lässt.

Sie sind jedoch unvollendet geblieben und jedes Werk ist nur bis zu einem bestimmten Stadium bearbeitet worden ist. Während die Kolossalstatue eines griechischen Gottes aus Naxos noch im Felsen liegen geblieben ist, aus dem sie allmählich herausgemeißelt werden musste, stehen die Jünglingsfigur aus Pentelikon und der Torso aus Naxos frei. Im vergleich jedoch mit der Jünglingsfigur aus Pentelikon, die noch recht blockhaft wirkt und deren Glieder nur leicht aus dem Steinblock hervortreten, befindet sich der Torso aus Naxos einen Schritt weiter - er weist eine weitere Arbeitsstufe der Modellierung auf.

Der Widderträger aus Naxos befindet sich wiederum in einer weitaus fortgeschritteneren Arbeitstufe. Er steht frei und seine Gliedmaßen sind von dem Steinblock und auch von einander abgetrennt. Manche Körperteile sind durch Konturlinien deutlich ausgeprägt. Diese Kolossalstatue könnte leicht als vollendet betrachtet werden. Dennoch sprechen zwei Stellen gegen eine solche Annahme: Einerseits weist die noch völlig glatte Oberfläche des Gesichts, auf dem nur die Nase als eine hervortretende Beule zu erkennen ist, auf den unvollendeten Zustand des Werkes hin. Andererseits steht das stark verzierte, in Strähnen geteilte und durch ein Band zusammengehaltene Haar in großem Kontrast zu der ansonsten sehr schlichten Oberfläche des Körpers. Der Münchner Sphingenkopf ist in dieser Gruppe am weitesten entwickelt. Er ist auch deshalb interessant, weil er mehr Spuren von unterschiedlichen Werkzeugen aufweist und somit den Arbeitsprozess besser verfolgen lässt.

Die Gründe für den unfertigen Zustand dieser Werke können recht unterschiedlicher Natur sein. In vielen Fällen verhindern jedoch externe Umstände, wie Krieg und Naturkatastrophen das Beenden des Auftrags, aber auch fehlerhaftes Material (wie es höchstwahrscheinlich in dem Fall des Widderträgers aus Thasos4 ist), die nicht immer der freiwilligen Entscheidung des Bildhauers unterliegen.

Die Meister aller oben beschrieben Werke sind der Forschung bis heute unbekannt geblieben. Dies sei vor allem auf die Anonymität des Künstlers in der archaischen Epoche zurückzuführen.

2.2 Klassische Periode

Aus der frühklassischen Periode können als Beispiel die Giebelfiguren vom Zeustempel in Olympia genannt werden, deren Rückseiten unvollendet geblieben sind. Der Grund dafür mag daran liegen, dass ihre Rückseiten vor dem Auge des Zuschauers verborgen geblieben sind, da sie zur Tempelwand gewandt waren. Jedoch sind gerade diese unvollendeten Stellen von großer Bedeutung für die Forschung, denn sie enthalten Spuren und Schichten verschiedener Instrumente und Arbeitsphasen.

Die Tatsache, dass der zeitgenössische Bildhauer sich nicht gezwungen sah, ein Werk zu vollenden, sei es aufgrund Zeit- oder Kostenersparnis oder aufgrund anderer, nicht von externen Umständen beeinflusster Überlegungen, deutet auf eine grundlegende Wandlung der künstlerischen Normen und Ideale der Zeit. Die neue Weltbetrachtung breitet sich auf die Arbeitsweise aus und beeinflusst die stilistische Entwicklung, die an den Skulpturen selbst deutlich zu erkennen ist.

Die Skulpturen der klassischen Periode sind nicht mehr so steif wie die Kuroi der archaischen Periode. Sie sind plastischer gestaltet, wirken lebendiger und dynamischer. Sie sind nicht länger abstrakte Formen des männlichen Körpers oder der weiblichen Gestalt, denn der Künstler der klassischen Periode interessiert sich für den korrekten Aufbau des menschlichen Körpers als solcher und seine Natur. Deshalb haben seine Werke mehr an Individualität, auch wenn sie zunächst allein dazu dienen, die Vollkommenheit des menschlichen Körpers zu repräsentieren und aus diesem Grund den zeitgenössischen, allgemein gültigen Schönheitsproportionen entsprechen müssen. Es ist die Epoche der „Erfindung der Kunst“, in der Kunstwerke, vor allem in der Bildhauerei, für ihre Ästhetik geschätzt und geschaffen werden. Von nun an spielen auch der Name des Bildhauers und sein Stand in der Gesellschaft eine wichtige Rolle.

Eine andere Form zu geben, bedeutet in der Regel, auch eine neue Arbeitsweise anzuwenden. Gewiss werden auch die Werkinstrumente anderes angewendet oder sogar modifiziert. Das komplexere Denken des Bildhauers der klassischen Periode führt zu einer komplexeren Arbeitsweise und einem anderen Arbeitsablauf. Dies zeigen auch die oben erwähnten Giebelfiguren, die im vierten Kapitel ausführlicher untersucht werden. Doch um den Arbeitsablauf oder die angewendete Methode untersuchen zu können, muss man die Werkzeuge und ihre Spuren kennen. Diese werden in dem nächsten Kapitel vorgestellt.

3 Die Werkzeuge des antiken Bildhauers und ihre Spuren

3.1 Die Problematik der Spurenuntersuchung

Die Hauptwerkzeuge des archaischen Bildhauers waren, nach Angaben der Forschung,5 das Spitzeisen und das Zahneisen. Diese Schlussfolgerung entstand nach Untersuchung unvollendeter Bildhauereiwerke. Wie oben bereits erwähnt, ist dies die aufschlussreichste Methode in der Kunstforschung. Dennoch hat sie eine kaum zu überwindende Schwierigkeit an sich, die eine zweifellose Feststellung verhindert. Eine Zeitspanne von tausenden von Jahren und ungünstige Naturbedingungen, sowie historische Ereignisse erlauben nicht immer ein klares und eindeutiges Bild der Werkzeugspuren.

[...]


1 C. Plinius Secundus d.Ä., Naturkunde (Naturalis historiae); Buch XXXV: Farben - Malerei - Plastik. Roderich König [Hrsg.], München 1978.

2 Nach Carl Blümel, Griechische Bildhauer an der Arbeit. Berlin 1943.

3 Blümel, Verzeichnis der Abbildungen, S. 90

4 Blümel weist auf die großen Risse in der linken Kopfhälfte und an der Brust hin, die bis zu dem Kopf des Widders reichen. Blümel, S. 15.

5 Carl Blümel, Griechische Bildhauer an der Arbeit. de Gruyter, Berlin 1943 sowie Dietrich Boschung und Michael Pfaner, Antike Bildhauertechnik. Von Untersuchungen an Beispielen in der M ü nchner Glyptothek. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst. Bd. XXXIX, München 1988.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Bildhauerei in der griechischen Antike
Untertitel
Werkzeuge und Arbeitsverfahren der archaischen und der klassischen Bildhauerei
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Non finito in der Bildhauerei
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V146632
ISBN (eBook)
9783640582419
ISBN (Buch)
9783640582341
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildhauerei, griechische Antike, Kunstgeschichte, Archaik, Klassik, Kunst, Skulptur, Plastik
Arbeit zitieren
Irina Jabotinsky (Autor), 2008, Bildhauerei in der griechischen Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146632

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