Ethnomethodologie. Die Herstellung sozialer Wirklichkeit


Akademische Arbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Ethnomethodologie?
2.1. Grundlegende Annahmen
2.2. Das ethnomethodologische Erkenntnisinteresse

3. Terminologie der Ethnomethodologie
3.1. Soziale Wirklichkeit und Alltagswelt, -wirklichkeit, -wissen und -denken

4. Methoden alltäglichen Handelns

5. Krisenexperimente

6. Schlussbetrachtung und heutiger Stellenwert ethnomethodologischer Theorie

Literatur

1. Einleitung

Die Ethnomethodologie befasst sich mit einem sehr komplexen und diffusen Gegenstand, der für gewöhnlich nicht mal als solcher wahrgenommen wird, da er uns so selbstverständlich und vertraut erscheint, dass eine bewusste Evaluation gar nicht als notwendig erscheint. Die Rede ist von der Alltagswelt. Tägliche Situationen, wie das Anstehen an der Kasse oder an einem Bankautomaten, der Besuche einer Party oder das gesellige Beisammensein in der Mittagspause im Büro. Diese und unzählige andere tägliche Situationen bestehen aus komplexen Rahmenbedingungen, die sich unserem bewussten Wahrnehmen entziehen und denen wir auch bewusst keine Aufmerksamkeit widmen. Die Ethnomethodologie jedoch tut gerade dies, sie betrachtet diese Selbstverständlichkeiten aus einer wissenschaftlich distanzierten Position und deckt die alltäglichen Prozesse und unausgesprochenen Regeln der Alltagswelt auf. „Ethnomethodologie enthüllt das soziale Leben als eine Reihe […] beeindruckender Leistungen der Wirklichkeitskonstruktion“ (Weiss 1993, S. 120).

In dieser Arbeit soll die Ethnomethodologie als Forschungsrichtung genauer betrachtet und vorgestellt werden. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk den grundlegenden Annahmen und dem Erkenntnisinteresse gelten. Ferner werden die Begriffe Alltagswirklichkeit, Alltagswelt, Alltagswissen und -denken als Bauteile sozialer Wirklichkeit beleuchtet, und im weiteren Verlauf soll auf die Methoden der Wirklichkeitskonstruktion geschaut werden. Daran anschließend werde ich auf Garfinkels Krisenexperimente eingehen, um abschließend ein zusammenfassendes Resümee zu ziehen und auf den heutigen Stellenwert der Ethnomethodologie kurz eingehen. Beginnen will ich mit einer kurzen Begriffsdefinition.

2. Was ist Ethnomethodologie?

„Der Begriff Ethnomethodologie ist ein Kunstwort, das sein Schöpfer Harold Garfinkel, in Anlehnung an die soziologisch ausgerichtete Ethnowissenschaft […] erfunden hat“ (Abels 2009:87). Der Präfix „ethno“ bezieht sich auf die Ethnographie, welche sich mit dem Alltagshandeln in Stämmen und Völkern beschäftigt und die betrachtet, wie diese Völker ihren Alltag aushandeln und strukturieren. Die Ethnomethodologie hat ein ähnliches Interesse, nur dass sie nicht auf fremde Völker schaut, sondern die eigene Kultur betrachtet. Sie richtet ihr Interesse „auf „formal structures of practical actions“ […] im Alltag als der typischen Welt unseres Handelns. Es ist der kulturelle Ethnos, den wir als gemeinsame, sinnhafte Welt erfahren und dessen Ordnung wir uns wechselseitig durch unser Handeln anzeigen“ (ebd.).

Der zweite Baustein „methodologie“ bezieht sich im Gegenzug auf die Methodik, nach der dieses wechselseitige Handeln aufgebaut ist. Garfinkel sagte dazu selbst:

„Ich verwende den Begriff Ethomenthodologie, um auf verschiedene Vorgehensweisen, Methoden, Ergebnisse, Risiken und Irrwitzigkeiten zu verweisen, mit denen das Studium der rationalen Eigenschaften praktischer Handlungen als kontingente, fortlaufende Hervorbringung der organisierten kunstvollen Praktiken des Alltags festgelegt und durchgeführt werden kann“ (Garfinkel zitiert nach Weingarten 1976: S. 11).

Abels (2009: S.87) sieht in der Ethnomethodologie eine „Theorie des Handelns“, weil sie nach den praktischen Handlungen sucht, durch welche die Mitglieder einer Gesellschaft ihre alltäglichen Geschicke produzieren und managen. Gleichzeitig aber versteht Abels die Ethnomethodologie auch als eine „Theorie des Verstehens, weil sie nach dem WIE fragt; „wie Menschen ihre soziale Welt wahrnehmen“ und wie sie sie sinnhaft aufbauen?

Demnach will die Ethnomethodologie das Wissen und die Methoden aufzeigen, anhand derer die Gesellschaftsmitglieder die Anzahl an Alltagshandlungen bewerkstelligen (vgl. Weiss 1993: S.111). Nachfolgend sollen nun die grundlegenden Annahmen aufgezeigt werden, die diese Theorie beinhaltet.

2.1. Grundlegende Annahmen

Ein grundlegende Annahme Garfinkels ist, dass die Existenzangst des Menschen die Voraussetzung dafür ist, dass das Individuum sich im Alltag einen Sinn konstruiert. Für ihn ist diese „Unbegründetheit der menschlichen Existenz“ was auch die Gesellschaft charakterisiert (vgl. Weiss 1993: S. 110). Der konstruierte Sinn wird fortwährend fortgesetzt und überliefert. Dieser Sinn ist die Wirklichkeit und sie ist für die Menschen selbstverständlich, für Garfinkel hingegen ist sie ein Produkt das fortlaufend entworfen und hergestellt wird.

„Die soziale Welt ist konstruiert, und sie wird als gegeben angesehen, nicht weil sie das ist, sondern weil sie als etwas Mysteriöses erscheint und mit sozialen Interpretationen überdeckt und verschleiert werden muß. Das Prinzip des Alltagshandelns ist es deshalb, Interpretationen und Konventionen möglichst unbefragt zu lassen, um nicht ihre Willkürlichkeit, d.h. Unbegründbarkeit dahinter zu enthüllen“ (a. a. O.: S. 111).

Mit anderen Worten, es ist die Unantastbarkeit der Wirklichkeit, die ihr ihre Stabilität gibt. Hinterfragt man diese Unantastbarkeit wird die Willkür offenbart, welche die menschliche Existenz bedroht und daher Angst macht. Mit dieser Ansicht orientiert sich Garfinkel an der Behauptung Alfred Schütz´s, welche sagt, dass bestimmte Sachverhalte für den Menschen unerklärlich erscheinen und daher mit unterschiedlichen Auslegungen überdeckt und verhüllt werden müssen (vgl. Weiss 1993: S. 111).

Eine weitere Annahme bezieht sich auf die Ereignisse und Tatbestände gesellschaftlicher Wirklichkeit. Sie, die Wirklichkeit, umfasst eben alle diese Ereignisse und Tatbestände, die die Handlungen aller Gesellschaftsmitglieder bestimmen. Um eine Veränderung dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit zu erreichen, müssen Probleme vorhanden sein, die in der unmittelbaren Lebensbewältigung auftreten. Eine Voraussetzung hierfür ist die alltägliche Interaktion, die diese Ereignisse immer wieder aufs Neue herstellt (vgl. Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1981: S. 11).

Diese herstellende Interaktion basiert auf dem sogenannten Alltagswissen. Dies ist ein bestimmter Bestand an Wissen, welchen „sich die Gesellschaftsmitglieder gegenseitig als selbstverständlichen und sicheren Wissensbestand unterstellen müssen, um überhaupt agieren zu können“ (a. a. O.: S. 20).

Darüber hinaus geht die Ethnomethodologie davon aus, dass die „Menschen nicht allein Objekte in einer naturalen Welt sind, […], sondern zugleich auch Produzenten, Schöpfer einer eigenen, […] kulturellen Welt [sind]“ (a. a. O.: S. 271).

Demnach ist es die alltägliche Interaktion zwischen den Gesellschaftsmitgliedern, was im Zentrum dieser Theorie steht. Nachfolgend sollen nun das eigentliche Erkenntnisinteresse der Ethnomethodologie dargestellt werden.

2.2. Das ethnomethodologische Erkenntnisinteresse

„Die Welt in der wir leben, ist eine Welt geteilt in Gemeinsamkeiten mit anderen“ (Abels 2009: S. 90). Diese Gemeinsamkeiten verinnerlichen wir durch Sozialisationsprozesse, hier lernen wir das wie-man-denkt-und-handelt und daraus formt sich eine Wissensvorrat – eine gemeinsame allgemeine Weltsicht, die einen Kulturkreis prägen. Jedoch besteht dieses Wissen bis auf Widerruf. Nur solange ein Konsens besteht, besteht auch die Weltsicht. Bräche dieser Konsens auseinander gäbe es keinen gemeinsamen Wissensvorrat mehr auf den man sich verlassen könnte. Anders gesagt, ein Großteil der Interaktionen zwischen Mitgliedern einer Gesellschaft besteht aus routinierten Handlungen. Der Alltag besteht in der Regel aus sich wiederholenden Situationen, die nicht immer wieder aufs Neue bewusst analysiert und evaluiert werden müssen. Hier kommt der Wissensvorrat zum tragen - ein Handlungsrepertoire für den Umgang miteinander. Garfinkel betrachtet eben dieses Handlungsrepertoire und die Methoden, mit deren Hilfe die handelnden Personen ihren Alltag erschaffen und somit der sie umgebenden Welt Bedeutung zuweisen.

„Uns beschäftigt, wie die Gesellschaft zusammengefügt wird; das Wie-es-gemacht-wird; das Wie-es-zu-machen-ist; die soziale Struktur der Alltagshandlungen. Ich möchte sagen, wir machen Untersuchungen darüber, wie Menschen als Teilhaber alltäglicher Arrangements die Merkmale dieser Arrangements verwenden, um für die Mitglieder die erkennbar organisierten Eigenschaften dieser Arrangements geschehen zu lassen“ (Garfinkel 1967: S. 11, zitiert nach Weiss 1993: S. 111).

Wie aber bereits erwähnt sind diese Arrangements der Alltagswelt jedoch fragil und entziehen sich der direkten Kontrolle ihrer Schöpfer. Nur „[…] solange nicht widersprochen wird, darf jeder unterstellen, dass die gemeinsame Sprache eine gemeinsame Weltsicht und ein gemeinsames, selbstverständliches Wissen repräsentiert“ (Abel 2009: S. 90). Garfinkel stellt diese Fragilität der Alltagswelt in seinen Krisenexperimenten (hierzu später mehr) zur Schau. Das allgemeine Erkenntnisinteresse Garfinkels und somit auch der Ethnomethodologie richtet sich auf die Methoden, die zur Erschaffung und Zerstörung der sozialen Wirklichkeit beitragen (vgl. Weingarten 1976: S. 13). Aus diesem Erkenntnisinteresse resultiert auch die Aufgabe der Ethnomethodologie, nämlich festzustellen „wie die Mitglieder der Gesellschaft die Aufgabe lösen, die Welt, in der sie leben, zu sehen, zu beschreiben und zu erklären“ (Weingarten 1976: S. 14).

„Die „Methoden“, um Sinn aus den Erfahrungen zu machen und die Rationalität des Alltags zu erzeugen, sind das Objekt der „empirischen“ Untersuchungen Garfinkels. […] Seine empirischen Untersuchungen sollen die formalen Strukturen, d.h. das Konstruktionsgerüst von Alltagshandlungen ans Licht bringen“ (Weiss 1993: S. 111).

3. Terminologie der Ethnomethodologie

3.1. Soziale Wirklichkeit und Alltagswelt, -wirklichkeit, -wissen und -denken

Nachfolgend sollen die immer wiederkehrenden Begriffe wie Alltagswelt, Alltagswirklichkeit und soziale Wirklichkeit näher betrachtet und erläutert werden; daran anschließend werden die von den Menschen im Alltag benutzen Methoden betrachtet, die soziales Handeln ermöglichen.

Die Begriffe Alltagswelt, Alltagswirklichkeit, Alltagswissen und Alltagsdenken konstituieren die soziale Wirklichkeit. Sie entsteht durch ständige gegenseitig aufeinander bezogene Handlungen. Damit ist die soziale Wirklichkeit der handelnden Personen nichts festes, sondern in einem ununterbrochenen Zustand des Entstehens, wobei soziale Ordnungen entstehen, andauern und vergehen. Dieser alltäglichen Handlungen verfolgen den Zweck „die Geordnetheit, Rationalität und Darstellbarkeit des Alltagslebens herzustellen, bzw. erkennbar zu machen“ (Weingarten 1976: S.13). Auf diese Weise wird soziale Ordnung hergestellt. Patzelt (1987: S. 101-106) formuliert hierzu sechs Aussagen, die dieses Konzept beschreiben:

1. „Soziale Wirklichkeit ist eine Hervorbringung sinnhaft aufeinander bezogener Handlungen“. Diese Aussage bezieht sich auf das eben gesagt.
2. „Personen sind Wirklichkeitskonstrukteure“. Das heißt, Personen kreieren Situationen und Regeln und damit auch soziale Wirklichkeit. „Eine stillschweigende alltagsweltliche Annahme ist, dass es in der Gesellschaft Regeln des Zusammenlebens gibt, die allen bekannt sind, und aus dieser Annahme folgt die selbstverständliche Erwartung, dass sich jeder auch daran hält“ (Abels 2009: S. 98).
3. Die Wirklichkeitskonstruktion hat eine ethnieunspezifische, formalpragmatische Struktur“. Es gibt nicht die eine sich wiederholende Struktur. Unterschiedliche Kulturen weisen eigene Prägungen und Merkmale auf, die sich dann in der jeweiligen sozialen Wirklichkeit wiederspiegeln.
4. „Eine ideologische Wirklichkeitskonstruktion ist möglich. Personen können sich Illusionen über […] die tatsächliche Beschaffenheit der >außen< bestehenden Wirklichkeit hingeben. Ihre wirklichkeitskonstruktiv genutzten Ethnotheorien enthalten dann falsche Annahmen und Aussagen“.
5. „Beschaffenheit und Existenz sozialer Wirklichkeit sind unabhängig von je einzelnen Wirklichkeitskonstrukteuren“. Einmal geschaffene soziale Strukturen werden Teil des Alltaglebens und sind dann nicht mehr auf einzelne Personen angewiesen.
6. „Hervorgebrachte soziale Wirklichkeit wird im Alltagsdenken verdinglicht und als von eigenen Leistungen unabhängig wahrgenommen“. Die Menschen nehmen das Hervorgebrachte als etwas äußeres, von ihnen selbst losgelöstes, Gebilde wahr.

Die Alltagswelt unterscheidet sich von der sozialen Wirklichkeit in dem, dass sie für die Person ihre äußere Umwelt darstellt. Sie ist das soziale Feld in dem Alltagswirklichkeit erlebt und erfahren wird. Sie wird von der Person als losgelöst empfunden, da sie bereits vor der Geburt vorhanden war und historisch belegt ist. In der Gegenwart ist man jedoch ein aktiver Teil dieser Historie und man interpretiert, gestaltet und prägt sie mit. Diese wird dann von folgenden Generationen als Alltagswelt erlebt und weitergelebt. Des Weiteren wird die Alltagswelt als „intersubjektive Welt erlebt“. Hier kann man „routinemäßig davon ausgehen, daß sie von niemandem in ihrer Faktizität in Frage gestellt wird und daß sie fraglos als Rahmen für gemeinsame Sinndeutungen und Handlungen verfügbar ist“ (Patzelt 1987: S. 44). Diese Überzeugung ist die Normalitätserwartung, welche als Reziprozität bezeichnet wird. Sie bildet die Grundlage des Alltagslebens einer Gesellschaft, einer Ethnie. Der Begriff der Ethnie bezieht sich aber nicht exklusiv auf eine Gesellschaft. Eine Ethnie wird in der Ethnomethodologie als „eine beliebig große Gruppe von Menschen [bezeichnet], die eine spezifische soziale Wirklichkeit gemeinsam hervorbringen, aufrecht erhalten und handlungsleitend benutzen“ (Patzelt 1987: S. 59). Die Normalitätserwartung einer Ethnie beinhaltet eine Reihe von Hintergrunderwartungen, welche erst die Errichtung und Darstellung sozialer Strukturen ermöglichen. Garfinkel formuliert folgende Hintergrunderwartungen (Patzelt 1987: S. 57):

1. Jeder erwartet, dass die Bestimmung einer konkreten Situation von den persönlichen Überzeugungen der einzelnen Teilnehmer unabhängig ist. Situationsmerkmale sollen von allen Beteiligten als naturgegeben angesehen werden.
2. Jeder erwartet „einen unbezweifelbaren Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Erscheinung eines Wirklichkeitsmerkmals und dessen tatsächlicher Beschaffenheit.“
3. Jeder erwartet, dass die gegeben Situationsmerkmale sein Handeln beeinflussen und vice versa, dass er mit seinem Handeln die Situationsmerkmale beeinflussen kann.
4. Es wird erwartet, dass „die Bedeutung der Situationsmerkmale durch einen standardisierten Prozeß der Benennung und Reifikation erzeugt werden und sich anhand der gesellschaftlich üblichen Sprache ausdrücken lassen“. Darüber hinaus schließt die Erwartung mit ein, dass andere Gesellschaftsmitglieder genauso denken und sich diesen Bedeutungsstandards nicht widersetzen.
5. Es wird eine Wiederholbarkeit der Bedeutung von Situationsumstände erwartet. Inhaltlichen Ausprägungen und deren Bedeutung wird Historizität und Kontinuität in der Alltagswelt unterstellt.
6. Diese fünf genannten Hintergrunderwartungen münden in der Erwartung, dass sich die wahrgenommenen Wirklichkeitsmerkmale inhaltlich in weiterer Benutzung nicht verändern.
7. Es besteht ein vierfacher Bezugsrahmen für die Interpretation eines jeden Situationsmerkmals: a) Gesellschaftsmitglieder sollen über ethnienspezifische Wissensbestände verfügen, die als Durchführungsmittel ablaufender Interaktionen dienen. b) Man unterstellt den andern eine gewisse Kompetenz mit diesen Wissensbeständen sachgemäß umzugehen. c) Es wird erwartet, dass jeder die bekannten Interpretationsverfahren anwendet. d) Jede Handlung wird anhand der vorhandenen Regeln interpretiert.

Normalität ist also etwas was wir uns aneignen, praktizieren und weitergeben. Es gibt aber nicht die eine Normalität. Sie kann je nach Ethnie variieren. Der Normalitäts- und den Hintergrunderwartungen liegt das sogenannte Alltagswissen zugrunde. Es umfasst alle, der Realisierung des Alltags dienenden, Fertigkeiten einer Person und ihr gesamtes Wissen. Dieses Wissen ist massiv von den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben gemacht hat, geprägt. Matthes und Schütze (1981: S. 22) schreiben dazu: Alltagswissen setzt sich weniger „aus reflektierten Wissensbeständen [zusammen] als aus verschiedenen Schichten unbewussten und unreflektierten Routinewissens“, es erfolge lediglich in kritischen Situationen eine bewusste Reflexion. Diese unreflektierte Routinewissen bzw. Alltagswissen muss und wird von den Mitgliedern einer Gesellschaft als sicherer Wissensbestand verstanden, um kompetent Handeln und Interagieren zu können. Durch Sprache wird es kontinuierlich aufbereitet und innerhalb einer Gesellschaft oder Ethnie weitergegeben und bildet somit eine Basis für die Soziale Wirklichkeit.

„Während der Begriff des Alltagswissens den statischen Aspekt der Durchführungsmitte alltäglicher Konzertierung von Sinndeutungen und Handlungen bezeichnet, lenkt das Konzept des Alltagsdenkens die Aufmerksamkeit auf ihren dynamischen Aspekt“ (Patzelt 1987: S. 48). Das Alltagsdenken ist die Fähigkeit mit dem Alltagswissen und mit den entstehenden Strukturen sozialer Wirklichkeit umzugehen. Mit ihren bewussten Handlungen wirken die agierenden Personen mit auf die gegebene Alltagswelt ein, um bestimmte Ziele zu erreichen und somit eine Verbindung mit der sozialen Welt herzustellen. Das Konzept des Alltagsdenkens in der Ethnomethodologie geht auf die wissenschaftlichen Betrachtungen von Schütz zurück, dass Menschen, die sich in der Alltagswelt bewegen, keine Zweifel an der Richtigkeit ihrer Überzeugungen und Feststellungen haben. Der Mensch stellt „mögliche Zweifel an der Richtigkeit seiner Auffassungen und Feststellungen hinsichtlich der Alltagswelt, in der er handelt, hintan. Er greift durch konkrete Handlungen in die Alltagswelt ein, um erwünschte Ergebnisse zu erzielen, und ist sich dessen bewusst. Durch dieses Handeln ist er mit seiner natürlichen und sozialen Außenwelt verbunden. […] Von diesen Sachverhalten geht jeder alltägliche Handelnde mit solcher Selbstverständlichkeit aus, daß sie ihm als routinemäßig benutzte Grundlage seines alltagspraktischen Denkens kaum je bewußt werden“ (a. a. O.: S. 49).

Welches “Handwerkszeug“ der Mensch dafür benutzt soll nun nachfolgend betrachtet werden.

4. Methoden alltäglichen Handelns

Eine Schlüsselrolle spielt hier Alfred Schütz. Er hat durch sein wissenschaftliches Arbeiten der Soziologie im Allgemeinen und der Ethnomethodologie im speziellen, die Praxis des Alltagswissens und die sozialen Strukturen der Alltagshandlungen als ein eigenes legitimes Untersuchungsfeld zugänglich gemacht (vgl. Weingarten 1976: S. 134). Seine Arbeiten „stellen die empirische Rechtfertigung für eine Forschungsstrategie dar, die ethnomethodologische Untersuchungen von anderen unterscheidet“, da sie „ganz und gar die soziologischen Untersuchungs- und Denkmethoden der Gesellschaftsmitglieder selbst sind“ (Ebd.).

Methoden alltäglichen Handelns sind im Grunde Praktiken, die Mitglieder einer Ethnie benutzen, um sich selbst und anderen die reale Wirklichkeit verständlich zu machen. Sie geben einen Überblick über die Verfahrensweisen, die alle Mitglieder einer Ethnie anwenden, um alltägliche Handlungen zu realisieren. Diese Methoden werden nur innerhalb einer klaren Handlungsverkettung und des gemeinsamen Wissens dieser Ethnie eingesetzt, sie werden auch Ethnomethoden genannt. Dazu gehören unter anderem: Die dokumentarische Methode; die Indexikalität, die Vagheit der Sprache, konstitutive und freiwillige Regeln sowie Methoden der Normalisierung.

Die dokumentarische Methode bzw. die dokumentarische Methode der Interpretationen baut darauf auf, dass wir immer unterstellen, dass „das gesellschaftliche Wissen auch von allen anderen Mitgliedern der Gesellschaft in der gleichen Weise benutzt wird“ (Garfinkel 1962 zitiert nach Abels 2009: S. 94). Bei dieser Methode werden auf Grundlage des Alltagswissens „Entscheidungen über den Sinn einer Situation, Fakten und strukturelle Zusammenhänge [getroffen]“ (Ebd.). Alles was wahrgenommen wird, dient als ein „Beleg für“, ein „Hinweis auf“ oder ein „Ausdruck von“ bestimmten zugrunde liegenden Mustern oder Schemata (vgl. a. a. O.: S. 95).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ethnomethodologie. Die Herstellung sozialer Wirklichkeit
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Soziale Strukturen I und II
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V535315
ISBN (eBook)
9783346122384
ISBN (Buch)
9783346122391
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Ethnomethodologie, Soziologische Theorie, Garfinkel, soziale Wirklichkeit, Herstellung sozialer Wirklichkeit, Konstruktivismus, Alltagswissen, Alltagswelt
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Ethnomethodologie. Die Herstellung sozialer Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535315

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